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Jahrg.
Tag, ith
Eleonole land vel⸗ daß Ihlt
Collegen⸗ enn meine
Dritte folge.
Literariſche Beſprechungen.
Aus der Mappe eines Kosmopoliten. Erzäh⸗ lungen, Novellen, Genrebilder und Humoresken von Ema⸗ nuel Raulf.— Leipzig, Ch. E. Kollmann, 1857.
Es liegen uns hier neun Erzählungen, Charakterbilder,
Humoresken, Notturno's u. ſ. w. vom Verfaſſer der Ge⸗
dichtſammlung„Granit und Marmor“ vor. Wenn der
Dichter in dieſer ſchon als eine originale, von den aner-
kannten Normen menſchlichen Denkens und Empfindens abweichende Natur ſich documentirt hatte, ſo tritt dieſe für uns incommenſurable Genialität in den vorliegenden proſaiſchen Arbeiten noch um Vieles eclatanter hervor. Von der poetiſchen Diction glauben Viele, ſie ſei dazu da, um das zu ſagen, was das Gegentheil von dem ſei, was man im Allgemeinen als verſtändig bezeichnet; von der Darſtellung in Proſa wiſſen wir nicht, daß eine ſolche An⸗ ſicht bereits zu allgemeiner Geltung gekommen ſei, und ſo wird Hrn. E. Raulf durch dieſe Veröffentlichungen denn das ganz beſondere Verdienſt zu Theil werden, hier für die Proſa die Freiheit und Kühnheit der Motivirung angewandt zu haben, die man bisher nur in Verſen für möglich hielt.
Wir ſind überzeugt, daß er ſich das Prädicat eines„Kos-
mopoliten“ auf dem Titel ſchon deshalb aneignete, um darauf vorzubereiten, wie ſeine Anſichten mit den unſrigen
ſehr oft nicht werden übereinſtimmen können, da wir von 1/ 7
ihm, der in der„Welt“ im Ganzen und Allgemeinen zu Hauſe iſt, nicht verlangen dürfen, daß er in unſerer heuti⸗ gen ſpeciellen Bildung und Lebensart ſich heimiſch finde. Es iſt nicht die unſrige, es iſt eine andre,— ſagen wir:
eine ideale Welt, in die er uns verſetzt, eine Welt, die mit
dem in der wirklichen Welt Natürlichen, Nothwendigen und Venünftigen durchaus nichts gemein hat. Was für eine freiphantaſtiſche Erfindung iſt gleich in
der erſten Erzählung die Garniſon des„ungariſchen Grenz⸗ ſtädtchens“ mit den Grenadier⸗ und Huſarenofficieren voll
ſouverainer, hochtragiſcher Leidenſchaften à la Lord Byron! Sollten die ſehr ehrenwerthen Herren Officiere in ſolch einem Hinterwäldler⸗Neſte wirklich bei der„Lernäiſchen Schlange“ fluchen? Zum Officier⸗Examen gehört dort dergleichen mythologiſche Kenntniß jedenfalls nicht, und
privatim elaſſiſche Antiquitäten zu ſtudiren, ſoll wenigſtens nicht allgemeine Leidenſchaft der jungen Helden ſein!
Welch ein fabelhaftes Weſen aber, fabelhafter noch als die Lernäiſche Schlange, iſt dieſe Primadonna im„ungari⸗ ſchen Gꝛnnzſtädtchen!“ Ich für mein Theil glaube unge— fähr mir Vrſtellen zu können, wie auf einer ſolchen Bühne in Wahrheit Romeo und Julia geſungen und geſpielt wer⸗
den, und hier— wie iſt es möglich, daß dieſe Göttin dorthin an das Ende der civiliſirten Welt ſich verirren
konnte? Sie ſieht die Huſaren vorbeireiten, ſie wirft dem Officier, der mit ſeinem Gaul coquettirt, eine Roſe zu— aber wie? Der Dichter ſchildert es:„Sie warf die Roſe
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jedoch mit ſo viel Anſtand, ja ſogar mit einer gewiſſen vor⸗ nehmen Zurückhaltung, als wolle ſie dadurch deutlich zu erkennen geben, ſie ſei in dieſem Augenblicke die Reprä⸗ ſentantin ihres ganzen Geſchlechts, das in unſeren Tagen nicht mehr Gelegenheit habe, echter Männlichkeit in den Schranken der Oeffentlichkeit den Zoll der Bewunderung zu ſpenden, wie einſt die Damen auf hohem Balcone dem tapferſten Ritter des Tourniers!“— Eine große Künſt⸗ lerin, die das Alles in einem Augenblicke zu erkennen gab! Und was geſchah darauf?—„Der Volksmenge gefiel dies unerwartete Intermezzo; ſelbſt die ehrbarſten Bürgers⸗ frauen nickten beifällig und riefen einander zu: das hat ſie gut gemacht. Der Officier aber, um nicht zurückzu⸗ bleiben hinter der allgemeinen Billigung, nahm die ehren⸗ volle Anerkennung nicht bloß auf gewöhnliche Weiſe hin; er löſte die Dornen raſch aus den Mähnen des Roſſes und ſteckte die Blume ſo geſchickt in das reiche Schnurwerk ſeiner Palatinal⸗Uniform, daß ſie wie der roſenrothe Or⸗ den der Liebe an ſeiner Bruſt erglänzte. Hierauf ſalutirte er, der Schönen die feurigſten Blicke zuwerfend, mit der blanken Säbelklinge ſo tief, als gälte es, der volksſouve⸗ rainen Majeſtät der Frauenſchönheit unbegrenzte Ehrfurcht zu bezeigen!“— Dies ſteht auf der dritten Seite des Buches; auf der vierten fordert den Huſar ſein Neben⸗
buhler, der Grenadier, mit„fieberhaft zuckender Bewegung der rechten Hand“ bereits auf Piſtolen, auf der fünften ſtürmt er„wie durch die Breſche einer belagerten Feſtung“ zu der„falſchen Schlange,“ auf der ſechſten rauft er ſich „wie wahnſinnig“ die Haare— und auch am Ende der Erzählung hat ein ähnlicher Paroxysmus ſämmtlicher han⸗ delnden Figuren ſein Ende noch nicht erreicht.
Wir wiſſen nicht zu beurtheilen, ob der Herr Verfaſſer es mit ſolcher Darſtellung wirklich ernſt gemeint hat, oder ob er nicht vielmehr ein Schalk iſt, dem es nur darauf ankam, hier, ähnlich wie Hauff durch ſeinen„Mann im
Monde,“ eine gewiſſe überſpannte Romantitk zu perſifliren. Aus einigen Erzählungen wenigſtens, die irgend eine hiſto⸗ riſche Grundlage haben, namentlich die„Zwei Angedenken aus den Meeresfluthen,“ ſpricht nicht nur eine ganz ver⸗ nünftige Anſicht von Menſchen und Dingen, ſondern auch eine Gewandtheit in der novelliſtiſchen Form, die dem Ver⸗ faſſer zu aller Ehre gereicht. Bei wieder anderen da⸗ gegeniſt uns des Verfaſſers Intention völlig unklar. Es mag ein Vorurtheil von uns ſein, in Allem geſunden Ver⸗ ſtand finden zu wollen,— jedenfalls aber iſt in dem Not— turno„Licht und Dunkel“ ſelbiger nicht zu finden. Der⸗ gleichen iſt entweder ungeheuer tief und geſcheut oder ungeheuer——,— bei unſerem perſönlichen Intereſſe für den ſtrebſamen Verfaſſer wagen wir darüber nicht die Entſcheidung zu geben.
R. Giſeke.


