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[Nr. 1.)
Literariſche Beſprechungen.
Thuomas Morus. Hiſtoriſche Tragödie von Oscar von Redwitz.— Mainz, Franz Kirchheim, 1856.
Oscar von Redwitz hat durch ſeinen„Amaranth“ bei den deutſchen Damen ein in unſerer Literaturgeſchichte
mag es Geſinnung und äſthetiſches Gewiſſen geweſen ſein, meine Collegen, die deutſchen Feuilletoniſten, ſind ihm dafür wacker zu Leibe gegangen und haben ſeine goldenen Lorbeerkränze nach Möglichkeit zu zerfetzen verſucht. Hat man doch ſelbſt die Encyklopädien durchſtöbert, um Stich⸗ worte gegen ihn zu finden, und citirte ſo aus dem„Klei⸗ neren Brockhaus'ſchen Converſationslexikon“ den Artikel „Amaranth“, welcher folgenden deutungsvollen Sinn er⸗ gab:„Meiſt kahle Kräuter, mit abwechſelnd herablaufen⸗ den Blättern und ſehr kleinen Blüthen. Der gemeine Ama⸗ ranth(Fuchsſchwanz) gilt, weil er eintrocknet, ohne welk zu werden, als Symbol der Unſterblichkeit!“— Wir für unſer Theil haben die poetiſchen Reize jenes Redwitz'ſchen Gedichtes nicht verkennen mögen und, als er ſein Trauer⸗
fabelhaftes Glück gemacht. Mag es der Neid deshalb,
den wenigen empfindſamen und gleichgeſinnten Gemüthern, die auch hierin eine hohe poetiſche Offenbarung fanden, die enthuſiaſtiſche Freude über dieſe Offenbarung im min⸗ deſten zu verkürzen. Anders iſt es mit der vorliegenden neuen Tragödie des Dichters. Der Mangel an Beifall, den er mit der vorigen gefunden, ſcheint ihn verſtimmt zu machen; in ſeiner Iſolirtheit wird der liebeſpendende Pro⸗ phet ein deſperater Fanatiker, der die Welt und den lie⸗ ben Gott ſelbſt herausfordert. Als ein Zeichen von Be⸗ ſcheidenheit will der Dichter es angeſehen wiſſen, wenn er von dieſer Arbeit ſagt:„Gefällt mein Lied nur Gott, — was brauch' ich weiter!“— Nur Gott! Gar nicht viel verlangt!— Und es kann ihm nicht fehlen, denn er weiß ja von ſich ſelbſt:„Und wer ein Sänger iſt von Gottes Gnaden, was wollen Menſchen Dem am Singen ſchaden!“— Neben dem gütigen Herrgott kann dennoch der beſcheidene Dichter nicht umhin, nicht nur an ſein früheres Publicum zu denken, das wir ihm ſo gerne gönn⸗ ten,— nein, an uns ſelbſt, an die Männer will er ſich diesmal doch auch wenden! Er ſagt ferner in der Wid- mung(ſ. das Album der vorigen Nummer): Ob ich auch jetzt der Jungfrau'n Lob gewinne? Den Jugendſang ſang ich nach Frauenart! Jetzt ſingt der Mann ein Lied nach Mannesſinne Und zu den Männern lenk' ich meine Fahrt!
Sei'n Sie uns willkommen, zum erſten Male will⸗ kommen in unſerem Kreiſe! Laſſen Sie uns Ihnen„klug und ernſt lauſchen,“ wenn Sie uns mit Ihrem„Helden⸗ ſang umrauſchen,“— aber geſtatten Sie uns auch als⸗ dann,„klug und ernſt“ zu urtheilen, kritiſch wie ein Mann mit einem Manne über Ihre„neue Weiſe,“ nach der Ihr„ganzes Leben lechzt,“ zu rechten!
Thomas Morus, eigentlich Moore, war bekanntlich der berühmte Kanzler König Heinrich's VIII. von England. b Ein Gegner der Reformation, widerſetzte er ſich der Ehe⸗ ſcheidung des Königs von ſeiner Gattin Katharina von V Aragonien, die der Letztere beabſichtigte, um ſich mit der
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ſchönen und intriganten Anna Boleyn zu vermählen. Als
der Papſt die Genehmigung dazu verweigerte, ſagte Hein⸗
rich ſich vom römiſchen Stuhle los und erklärte die eng⸗ liſche Kirche, deren Suprematie er ſich aneignete, für un⸗ Dabei war ihm die Mitwirkung ſeines beim Volke beliebten Kanzlers im höchſten Grade wichtig, ver⸗ gebens aber ſuchte er durch Bitten, Drohungen, Befehle die Zuſtimmung deſſelben zu erwirken, der unbeugſam am Intereſſe des Papſtes feſthielt. Morus legte 1532 ſein Amt nieder und zog ſich in Armuth mit ſeiner Familie nach dem Landſitze Chelſea zurück. Aber der König ließ ihn hier nicht ohne Verfolgung und verlangte von ihm zwei Jahre darauf die Beſchwörung des neuen Succeſſions⸗ ſtatutes, das die erſte Ehe des Königs annullirte und die Erbfolge den Nachkommen der Boleyn zuſicherte. Morus weigerte ſich, den erſten Punkt anzuerkennen. Der König ließ ihn in den Tower werfen, und 13 Monate widerſtand er hier den verſchiedenſten Verſuchen, ſeine Feſtigkeit zu brechen. Um ihn vollig zu verderben, ließ Heinrich ihm den Supremateid vorlegen, durch den er ſeine, des Königs, Oberhoheit über die anglikaniſche Kirche anerkennen ſollte. Der treue Papiſt, auf ſein Gewiſſen ſich berufend, wider⸗ ſetzte ſich dem. Selbſt die Bitten ſeiner in Elend ſchmach—
Sinnesänderung zu bewegen. Er wurde zum Galgen ver⸗ urtheilt und dann— zur Enthauptung begnadigt, welche Gnade er 1535 auf der Plateform des Tower an ſich voll⸗ ziehen ließ.— Dies zum Verſtändniß für unſere Leſerinnen, denen die Geſchichtstabellen über der Lectüre des Amaranth und der Sigelinde vielleicht entfallen ſind.
Der Held der neuen Tragödie iſt alſo geſchichtlich der Märtyrer des Katholicismus oder mehr noch des Papſt⸗ thums, gegenüber dem royaliſtiſchen Abſolutismus und den reformatoriſchen Unabhängigkeitsbeſtrebungen. Oscar von Redwitz hat ſich ſtets offen als einen ſpeciellen Partei⸗ gänger der katholiſchen Fraction gerirt; für ein dieſer dienendes Tendenzgedicht konnte er keinen geeigneteren Stoff finden. Deshalb wird er ſich die meiſten von den Vorwürfen, die eine poetiſche Epiſtel des„Deutſchen Muſeum“ von einem„Wiener Dichter“(in dem übrigens ziemlich handgreiflich der Verfaſſer von Heine's Höllen⸗ fahrt zu erkennen iſt) ihm macht, als Vorzüge anrechnen, und ſo weit dieſelben beabſichtigt ſind, mögen ſie immer
als Mittel zu dem Zwecke gelten, den dieſes Tendenzgedicht
zu erreichen ſich eben vorgeſetzt hat. Es iſt natürlich, daß in einem ſolchen die edlen Charaktere ſämmtlich Papiſten, die ſcheußlichen ſämmtlich Anhänger der kirchlichen Eman⸗ cipation ſind; es iſt ferner natürlich, daß die Tugend jener edlen Charaktere nicht ſowohl in einer rein menſchlichen Geſinnung, als vielmehr in einem ganz ſpeciellen confeſſio⸗ nellen Autoritätsglauben beſteht, der ſich mit den über⸗ lieferten Floskeln nach Möglichkeit breit zu machen ſucht; es iſt ferner natürlich, daß die conventionellen kirchlichen Ceremonien die gehörige Berückſichtigung und Verherr⸗ lichung gefunden, daß die Helden und Heldinnen ſo oft nur thunlich mit einer Oſtentation ſo groß wie möglich auf dem Theater niederknien, daß in der Scenerie dazu ſelbſt die nöthigen Vorbereitungen getroffen ſind, daß faſt kein Cou⸗ liſſenwechſel eintritt ohne neu vorgeſchriebene Kapellen, Crucifixe, Betpulte in verſchiedenen Formen u, ſ. w. Das


