Novellen⸗Zeitung.
[II. Jahrg.
ALBIIM.
Oscar von Redwitz.
Widmung
zu
Chomas Morus, hiſtoriſche CTragödie.
Da kommt der Spielmann wieder hergezogen
Mit neuen Saiten und mit friſchem Muth.
War auch das Glück ihm jüngſt nicht gar gewogen, Und ſteckten ſie ihm Diſteln auf den Hut,
Und riſſen meiſternd ſie ihm weg den Bogen—
Was thut's?— Mir liegt einmal das Lied im Blut! Mein ganzes Leben lechzt' nach neuer Weiſe,
Und heiße Sehnſucht trieb mich auf die Reiſe.
Als ob der Eichenbaum nach Sturm und Regen Nicht noch ſo freudig rauſchen ſollt' und blühn!
Laßt nur ein Schwert recht hämmern und recht fegen, Wie wird es dreifach klingen dann und ſprühn! Wollt einen Adler an die Kette legen,
Wie wird ſein Fittig ſich zur Sonne mühn!—
Und wer ein Sänger iſt von Gottes Gnaden,
Was wollen Menſchen Dem am Singen ſchaden!
Und aus dem Bann der Träume zog mich's mächtig Hinaus auf der Geſchichte rieſig Feld,
Da ward's auf meinem Zug allmählich nächtig,
Es brauſt' vor mir ein Meer, von Sturm geſchwellt; Doch mitten in den Wogen hehr und prächtig
Da leuchtete wie Mondenlicht ein Held;
Der ſteuert' mit dem Kreuze durch die Wogen—
Die ganze Seele fühlt' ich angezogen.
Da legt' mein Spiel ich ſtaunend ans Geſtade
Und horcht' durchſchauert manch' geheime Stund’; Mein Auge hing an dieſem Mann der Gnade
Und ſah ihm bis zum tiefſten Herzensgrund,
Daß oft es ſchwamm in heißem Thränenbade,
Ward mir ſein Leiden und ſein Lieben kund.
Tief in mein Herz hab' ich ſein Bild geſchrieben— Wär'ich ſein Sohn, ich könnt' ihn mehr nicht lieben.
Und ſo beſang ich ihn.— Nicht blinder Eifer, Nur Liebe hat des Liedes Gluth geſchürt;
So wie er ſelber frei von Gall und Geifer,— Ein Saitenſpiel von lauter Lieb' gerührt,— Den, in dem Kampfe reif und immer reifer,
Sein Herr zum goldnen Martyrſtuhl geführt. Um ſolches Haupt des Liedes Lorbeer ſchlingen— Das heißt nur vom Triumph der Liebe ſingen!
Was wollt' ich Andres?— Mögt ihr aber meinen, Die Nacht der Bosheit ſei ſo finſter nicht,
Und's könn' kein ird'ſcher Stern ſo leuchtend ſcheinen, Wie dieſer ſtrahlt in makelloſem Licht—
So geht, eh' ihr mich werft mit euern Steinen,
Und fordert die Geſchichte vor Gericht!
Ich hab' ſie treu durchforſcht und lang' betrachtet Und dann mein Bild beleuchtet und umnachtet.
Nicht lacht mehr draus das Auge ſel'ger Minne; Nicht duften drinnen Blumen licht und zart,— Ob ich auch jetzt der Jungfraun Lob gewinne?— Den Jugendſang ſang ich nach Frauenart.
Jetzt ſingt der Mann ein Lied nach Mannesſinne Und zu den Männern lenk' ich meine Fahrt,
Doch wer von Frauen klug und ernſt mag lauſchen Auch dieſe will mein Heldenſang umrauſchen.
Fürwahr, es iſt ein Held, den ich beſungen!
Welch ſchnöder Mund verkümmert ihm den Preis?
Dies Schwert des Glaubens, von der Lieb'geſchwungen— Glaub' Jeder treu wie er und lieb' ſo heiß!—
Deß Haupt vom Kranz der Völker längſt umſchlungen, Mißdeut' ihm Keiner meines Liedes Reis!
In dieſen ſeichten und zerriſſ'nen Tagen—
Wer kann dem ganzen Mann ſein Herz verſagen?
Und mir auch ſoll er ſtets vor'm Geiſte ſtehen,
Den ich ſo lang' beſchauet Zug für Zug,
Ich ſah die Freunde mäkelnd von ihm gehen,
Sah, wie der Feinde tück'ſcher Hohn ihn ſchlug;
und ſollt' mir beſſer nicht als ihm geſchehen,
So trägt's der Sänger, wie ſein Held es trug.
Den aber ſah ich immer ſtark und heiter;
Gefällt mein Lied nur Gott— was brauch' ich weiter!
Gott. Dank! Ich ſing' am alten, freien Heerde, Und auf der Kirche Fels thront mein Athen.
Ich ſchweif' nach Luſt mit meinem Flügelpferde, Nur darf es nicht den Weg der Lüge gehn.
Nicht buhl' ich um die eitle Gunſt der Erde;
Der König alles Lichts iſt mein Mäcen!
und ſeinem Schutz nur ich dies Lied befehle— Mir blüht der ſchönſte Kranz im Grund der Seele.
Thomas Morus. Hiſtoriſche Tragödie von Oscar v. Redwitz.
Mainz, Verlag von Frauz Kirchheim. 1856.


