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Noveſſen⸗Zeitung.
ALBUIM.
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——— [II. Jahrg.
I Louiſe von Plönnies.
Der ſterbende Schiffer.
Aus der Hütte engen Wänden Tragt mich in den Kahn hinaus! Auf dem Meere will ich enden, Nicht im dumpfen Erdenhaus. Meine bange Fieberhitze Kühl' der friſche Hauch der See, Und die weiße Woge ſpritze Mir ins Angeſicht den Schnee!
Oftmals mit der Fluth gerungen Hab' ich in dem Segelkahn,
Hab' mit lautem Thon geſungen In den brauſenden Orkan. Oftmals blieb ich drinnen liegen In der hellen Mondennacht.
Ließ mich von den Wogen wiegen, Sah empor zur Sternenpracht.
Solche Nacht iſt unvergeßlich! Schöner als am hellſten Tag Glatter Meerfluth unermeßlich Grüner Spiegel vor mir lag.
Oft dann wünſcht' ich mir die Ruhe In der freien Wogen Gruft,
Nicht in enger Kirchhofstruhe Eingeſenkt in Moderduft.
Nicht vom Trauerzug geleitet Und der Glocken dumpfem Schall, Nein, den Himmel ausgebreitet Ueber blauem Wogenſchwall. Nicht von Bretern eingeſchloſſen Und gedeckt mit Erde ſchwer— Nein, von Hügeln licht umfloſſen, Wie ſie ſpielend wölbt das Meer.
Meine Stunde hat geſchlagen! Kahn, ſpann deine Segel aus! Sollſt als offner Sarg mich tragen In mein herrlich Grab hinaus. Löſt die Seele ſich vom Leibe, Dann vom Ufer löſt den Kahn, Daß er mit dem Todten treibe In den Weltenocean!
Frauenſiebe. Frauenliebe iſt die Quell' im Thale, Die, ob,Eis ſie noch umſchließt, Bei dem erſten warmen Sonnenſtrahle Wieder reicher wallend ſich ergießt. Frauenlieb' iſt gleich dem Roſenſtrauche; Ob ihm Nord und Sturm die Blüthen raubt, Bei dem erſten warmen Frühlingshauche Hebt, aufs neu erblühend, er das Haupt. Frauenlieb' iſt gleich dem Abendſterne; Scheint vergebens er auch tauſendmal, Ruhig harrt er in der blauen Ferne, Bis ein liebend Aug' erkannt den Strahl. Frauenliebe iſt die Philomele, Die verwundet auch im Käfig ſingt, Frauenliebe iſt die Frauenſeele, Die unſterblich über's Grab ſich ſchwingt.
Heſſiſches Dichterbuch. Herausgegeben von Dr. J. Marbach.
Die Schöpſung des Menſchen. (Aus der Sappho des Weſtens.) 1
Gott aus Theilen mannigfalt 1 Schuf die menſchliche Geſtalt, Schuf der Knochen Bau aus Stein, Stark zu ſtarkem Werk zu ſein. Dann ſchuf er das Fleiſch aus Erden, Darum Staub zu Staub muß werden. Aus dem Meer nahm er ſein Blut, Darum ſchwillt's in Ebb' und Fluth, Aus dem Meer voll Morgengluth, Darum ſtrömt ſo roth das Blut. Aus den Wolken die Gedanken, D'rum ſie hin und wieder ſchwanken. Aus dem Aether hoch und rein Haucht er ihm den Odem ein, Darum iſt dem Menſchen auch Freiheitsluft der Lebenshauch. Aus der farb'gen Blum' empfing Farbenglanz des Auges Ring. Doch ſein Lichtſtrahl ward gewonnen Aus der Gluth der ew'gen Sonnen, D'rum vermag ein Blick zu geben Heiterkeit und Glück und Leben. Endlich aus dem Thaue klar Ward die Thräne wunderbar. Und ſo ſchließt ein Menſchenkind Erd' und Himmel, Moor und Wind, Felſenſtein und Sonnenſchein, Thau und Aether in ſich ein. Wundre drum dich, Liebſter, nicht, Kämpfen in mir Erd' und Licht. Fliegt mein Aug' empor zur Sonnen, Seines Lichts und Lebens Bronnen, Zieht der Leib herab zur Erden, Die er war und einſt muß werden. 3 Wundre dich nicht, wenn Gedanken 1 Wechſelnd hin und wieder ſchwanken, Weil Gedanken Wolken ſind, Hin und her gejagt vom Wind. 1 Staunet nicht, daß unergründlich Menſchenherz und leicht entzündlich, Weil das Blut vom Meere ſtammt, Darin Gluth der Sonne flammt. Wundert euch nicht, wenn es grollt Und dem Sturm ſein Opfer zollt, Wenn vom Aug' die Thräne fließt, Weil die Blume Thau vergießt. Friede kann aus Kampf erſt werden, Kehrt der Leib zurück zur Erden, Wird der Knochen wieder Stein, Auge wieder Sonnenſchein, Fühlt der Hauch im Aether frei, Daß er Odem Gottes ſei, Zieh'n Gedanken feſſellos Auf und ab im Himmelsſchoos, Wallt das eingeengte Blut Wieder frei in Ebb' und Fluth Schrankenlos für alle Zeit In dem Meer der Ewigkeit.
Friedberg. C. Scriba's Buchhandlung. 1857.


