Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
787
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dart.

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Das Portrait.

Eine Erzählung von Otto von Wilcke. (Schluß.)

Von düſterm Gram umnachtet hatte Graf 3. in trotzi⸗

ger Abgeſchiedenheit die letzten Jahrzehnte hindurch auf

ſeinem uralten Stammſitze Krasnor gehauſt. Wie er die Menſchen mied, ſo war ſeine unheimliche Nähe von ihnen gemieden worden und nur der nunmehr völlig ergreiſte Iwan ſein treuer Begleiter geblieben. Mit bewunderungs⸗ rvürdiger Geduld beobachtete dieſer jeden leiſen Strahl, den die Erinnerung in das erſtarrte Gemüth ſeines Ge⸗ wieters ſandte und zu einer weicheren Stimmung erwärmte, welche er durch hingeworfene Worte oder tiefer eingehende Geſpräche feſtzuhalten bemüht war. Aber ſolchen ſeltenen Augenblicken folgten ſtets die tobendſten Ausbrüche des

Ingrimms, welche um ſo heftiger wurden, wenn er, die Gefahr, den Zorn des Grafen auf ſich zu lenken nicht

ſcheuend, verſucht hatte auf die Grauſamkeit hinzudeuten, welche dieſer an dem Vermächtniß Olga's, an ſeinem Sohne, beging.

Den großen Ereigniſſen der Zeit hatte der Graf an⸗ ſcheinend keine Theilnahme gewidmet, aber die Kunde da⸗ von war dennoch in ſeine Einſamkeit gedrungen und er ſand ſich von dem Gange der welterſchütternden Begeben⸗

beiten genau unterrichtet. Die franzöſiſche Nation, welcher

en immer mit entſchiedener Vorliebe zugethan geweſen, hatte durch die verübten Gräuel der Revolution ſeine Sympa⸗ thien vermehrt, nicht weil er ihren Freiheitsdrang mit

ionen theilte, aber weil der Schrecken, den dieſer zu ſeiner

Waffe machte, mit der Erbitterung in ſeiner Bruſt über⸗

einſtimmte. Als jedoch ſein Vaterland in die Kämpfe ver⸗

wickelt wurde, zu welchen Napoleon die Völker zuſammen⸗ führte, überwog ſein Patriotismus bald alle anderen

Gefühle; in glühenden Haß entbrannte er gegen den ge

' erſchien. nben ihn ſeine frühere Thätigkeit wieder, alts ſeinem Grabe richtete er ſich auf, und geſpenſtig un⸗

mchtigem Erfolge, gleich

naltigen Uſurpator und die kühnſten Rachepläne entſtanden tir ſeinem Haupte. Der erſte Feſttag, der nach vielen Jah⸗ en in ſein ödes Daſein hereindämmerte, war der 23. Juni

1812, als die franzöſiſche Armee an den Ufern des Niemen Die Lage Rußlands, ſein empörtes Innere wie ein Geiſt

ſchtbar war auch ſein geheimnißvolles Treiben, aber von als ſtänden ihm übernatürliche Kräfte zu Gebote. In unglaublich kurzer Zeit hatte er niüt ſeinen Nachbarn und Standesgenoſſen Verbindungen

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angeknüpft, durch welche die Fäden immer weiter geſponnen wurden; ſeine Aufforderungen und Rathſchläge fanden Gehör, ſeine Anordnungen willigen Gehorſam, als er von Allen zum gemeinſchaftlichen Haupte einer Verſchwörung gegen den Erbfeind erkoren worden war. Es galt eine Erhebung ſämmtlicher Einwohner im Rücken des feind⸗ lichen Heeres zu organiſiren, und nichts war dem Plane förderlicher, als Barelay's ſchrittweifes Zurückweichen, um den Eroberer immer tiefer in das Land zu locken. Aber eben ſo nöthig war es, vor dem Sprengen der Mine einen Zuſammenſtoß abzuwarten, gleichviel wer dabei ſiegte, denn nach einer Schlacht iſt auch der Sieger oft in einer kriti⸗ ſchen Lage und gegen den unerwarteten Angreifer wenig gerüſtet. Wenige Tage noch und das Werk war dem Ge⸗ lingen nahe, da entdeckte ein verlorener Brief dem Gegner die ihm gelegte Schlinge, und ſein Untergang wurde zwar nicht abgewendet, aber verſchoben und mit dem höchſten Opfer erkauft.

Ohne Ahnung der ihm drohenden Gefahr befand ſich Graf Z. auf ſeinem Schloſſe Krasnor in ſeinem geheimſten Cabinet, zu dem nur Iwan Zutritt hatte, und prüfte die ihm vorliegenden Berichte, welche er täglich über die Be⸗ wegungen der Heere erhielt, um danach das eigene Handeln ermeſſen zu können. Es wollte Abend werden und die lodernde Flamme im Kamine erleuchtete das Gemach heller, als die wenigen Strahlen der Sonne es vermochten, welche durch das einzige gothiſche Fenſter hereinfielen. Oftmals eerhob er ſich von ſeinem Sitze und warf die Papiere, die er eben geleſen, in das Feuer, ihnen nachblickend bis ſie vollſtändig verzehrt waren. Hoch aufgerichtet ſtand er da, ſo daß die Flamme, welche den untern Theil ſeiner gebiete⸗ riſchen Geſtalt beſchien, ſein Haupt im Schatten gehüllt ließ, wenn nicht die Lohe eines neuen Stückes Papier eine augenblickliche Helle hervorbrachte, welche auch auf ſein Antlitz flüchtige Streiflichter warf. Sein noch dichtes, aber völlig ergrautes Haar, das er geſcheitelt trug, fiel in langen Locken über den Nacken herab und ließ dadurch die hohe, breite Stirn gänzlich frei, unter welcher ein Paar dunkle, Zornesblicke ſprühende Augen hervorleuchteten. Seine ſchmale, kühn gebogene, unten ſtark nach aufwärts gezogene Naſe, ſo wie die übrigens edel geformten Züge verliehen dem Geſicht den Ausdruck der Hoheit, aber ab⸗ ſchreckend war der in ſteter Wuth verzogene Mund, deſſen Lippen ſich nie für ein gewährendes Wort zu öffnen ſchie⸗ nen. Ein weißer, bis zur Bruſt herabreichender Bart und

die ruſſiſche Nationalkleidung, welche er in der letzteren

Zeit nicht mehr ablegte, vollendeten das Seltſame dieſer abenteuerlichen, faſt mythiſchen Erſcheinung, die, wenn auch unheimlich, doch immerhin bedeutend war.

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