Noveſlen⸗Zeitung.
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ALBIIM.
Julius Rodenberg.
Im garten der Cuilerien.
◻(Am 19. Mai unter den Kaſtanien.)
Hier blüht der Frühling aus Erz und Stein.... Wohlauf, ſchöner Frühling, willkommen, willkommen! Ich grüße dich, himmliſcher Sonnenſchein,
Weil du ſo warm und ſo golden entglommen.
Ich grüße dich auch, du würzige Luft,
Die du mir den Buſen bewegſt, den vollen; Und dich, du reicher, erquickender Duft, Der du aus tauſend Blumen gequollen.
Wohl ſtehen die Häuſer hier hoch und kahl, Doch üppig grünen die Bäume dazwiſchen; Fontainen ſteigen mit leuchtendem Strahl, Die ſchmachtende Erde im Fall zu erfriſchen.
Hier rauſchen die Wälder vor jedem Thor,
Auf Markt und Gaſſen ein Blühen und Sprießen.... Hier kann man den Frühling im herrlichſten Flor, Hier kann man den Tag und die Jahre genießen.
Und fröhlich umdrängt ſie der luſtige Hauf.... Die Räder ſie rollen, die Roſſe ſie ſpringen, Anmuthig verſchleierte Mädchen darauf,
Und drüber die Vögel, die fliegen und ſingen
Und ſchöne Frauen, im Auge die Nacht,
Und im Herzen den Tag, den wonnigen, ſüßen— Sie fühlen ſo ſchön, und ſie lächeln ſo ſacht, Und ſie ſchweben vorüber auf zierlichen Füßen.
Das Herz, das ſonſt verträumte den Mai, Hier fühlt es ihn wach und in ſeliger Regung; Denn Alles athmet ſo offen und frei,
Und Alles iſt Luſt und Alles Bewegung.
Ich ſelber, ich werd es hier nimmer ſatt, Zu lachen, zu lieben, zu küſſen, zu leben— Paris, du liebliche Frühlingsſtadt.... Das wird einen ſeltſamen Frübling geben!
Auf den Boulevards.
Siehe den Mond!— Wie ſchimmert er mat Durch den wolkigen Himmel! 2 Aber durch die leuchtende Stadt
Drängt das bunte Gewimmel.
Alle, Alle jagen nach Luſt.... Freudigen Herzens die Einen,
Und die Andern, das Weh in der Bruſt, Und das verhaltene Weinen.
Tragt nur Eure Schönheit zur Schau,
Mögt Ihr vom Schaume nur nippen....„ Trinkt nur, trinkt ihn, den giftigen Thau
Mit den ſchmachtenden Lippen.
Fühlt Ihr heute das Weh auch nicht— Einſt wird kommen die Stunde,
Wo am Herzen Euch blutend aufbricht Die verborgene Wunde.
Aber wer denkt an den kommenden Tag Hier auf den nächtigen Wegen?
Luſtig mit hüpfendem Herzensſchlag. Geht es dem Taumel entgegen.
Auf den Wangen das trügende Roth, Falſchen Reiz in den Mienen.... Taumel und Luſt— das iſt das Gebot, Dem ſie folgen und dienen.
Ich nur weiche den Augen aus,
Die mich verwirren und blenden.... Einen verwelkten Blumenſtrauß
Trag iich ſtill in den Händen.
Einſt wohl blüht' er ſo friſch und voll— Und da hilft nun kein Klagen,
Denn es kommt, was da kommen ſoll, Und man muß es ertragen.
Was ich beweine— ach, früh und ſpat— Nannt' ich doch einſt mein eigen.... Jubelt Ihr nur— die Stunde naht, Und dann werdet Ihr ſchweigen!
Mitternacht.
Aus tiefſter Bruſt ſehnt ſich mein Herz nach dir, O, meine Heimath,— die zu dieſer Stu de Schon ſchlafen gingſt und deiner Sterne Zier Sanft wiederſtrahlſt in deiner Waſſer Grunde.
Durch deine Wälder rauſcht die Mitternatht, Von Dorf zu Dorf geht dumpf des Hornes Rufen; Das Licht des Mondes gleitet bleich und ſacht Thalnieder von der Berge Prſenſtufen.
Ob es den Platz noch kennt, wo es dereinſt
Im Erlengrün die Glücklichen umfangen?
O Mond, der du ſo voll durchs Fenſter ſcheinſt— Seitdem iſt manche dunkle Nacht vergangen
Und mancher wilde Tag.— Ach Gott, wie weit Verlor ich mich in unglückſel'gem Ringen.... Dumpf ſinnt mein Hirn... nur oft um dieſe Zeit Beginnt in mir ein weicher Ton zu klingen:
„Kehr' um, kehr um! Und ging die Liebe gleich Verloren mit der Jugend heißen Jahren—
In deiner Heimath, deines Herzens Reichtn. Haſt du viel Heil'ges noch dir zu bewahſen
7,
— Pariſer Bilderbuch. Von Julius Rodenberg. Braunſchweig. Verlag von Friedrich Viéeweg und Sohn. 1856.
[II. Jahrg.
N.


