formen und ſuchte Fräulein Adelaide nach dem Marquis zu fragen.
„Ich weiß nichts von ihm, ich habe ihn ſeit drei Tagen nicht geſehen, laſſen Sie uns an ihn nicht denken,“ erwi⸗ derte die Fremde mit einem hellen, ſüßen Klange der Stimme, der alle Herzen, die ihren äußeren Reizen wider⸗ ſtanden hatten, durch dieſe ſeeliſche Innerlichkeit gefangen nehmen mußte.
Aber ehe die Anderen ihr Ohr reicher mit dieſen Tönen geſättigt hatten, die bei ihrem erſten Anſchlagen eine uner⸗ ſchöpfliche Sehnſucht danach erweckten, ihnen immer und immerfort zu lauſchen,— da öffnete ſich wieder die Flügel⸗ thüre und der Ausrufer mit dem großen ſilberbeſchlagenen Stabe meldete der Verſammlung:„Son Altesse Electorale le prince Maximilien de—-——“
Und Prinz Max trat ein. Demoiſelle v. Montpenſier wurde bleich bei ſeinem Anblick; daran erkannte man, daß dieſer leiſe von einem ſüdlich dunklen Tone durchhauchte Teint ein echter war. Prinzeß Amelie erröthete, und daran ſah, wer es nicht wußte, wie lebhaft und aufrichtig ihr Herz den Schickſalsentſcheidungen dieſer Tage entgegen⸗ pochte.
Marximilian trat ſicher, cavaliermäßig und ehrfurchts⸗ voll vor, verbeugte ſich und hielt die formelle Anrede: „Auch Euer Neffe“— ſo nannte er ſich heute gern aus Klugheit—„konnte dieſen Tag nicht vorübergehen laſſen, Oheim Erlaucht, ohne——“
Bei dieſem Worte erblickte er Adelaide und ſtockte: „O Gott— ſie ſelbſt— Velſen hatte alſo Recht!“
Amelie erröthete wieder in freudiger Täuſchung; ſie dachte:„Er ſtottert bei meinem Anblick!“
Adelaide ſchlug tief die Lider über die dunkel ſtrahlen⸗ den Augen und ſah nur heimlich durch den Schleier der langen ſeidenen Wimpern den ſtotternden Prinzen ängſt⸗ lich an.
„Was ſoll ich ihm denn ſagen? Sprich Du für mich, ma soeur!“ ſo flüſterte der Reichsgraf zu Minette, und dieſe, ſich räuspernd und mit ihren altmodiſchen Reifen⸗ röcken ſich in den Vordergrund drängend, war eben im Begriff, die Bewillkommnung zu übernehmen, als die auf der Galerie verſammelten Muſikanten plötzlich einen neuen Tuſch paukten und trompeteten, und, ohne angemeldet zu ſein, ohne die Thüren geöffnet zu haben, der wunderbare Marquis in ſeinem einfachen ſchwarzen Sammetcoſtüme, mit den natürlichen lang herabrollenden Locken und dem großen ernſten Prophetenbarte plötzlich unter den gepuder⸗ ten und bezopften Perrücken ſtand.
Der Marquis war heute bleicher, ernſter und düſterer als bisher; er war ganz und gar Märtyrer. Er beeilte
ſich, die Erklärung ſeines Ausſehens zu geben. Pathetiſch, wie er es noch nicht geweſen war, trat er vor den Reichs⸗
grafen und ſprach, indem ſeine überwachten Augen wie
auf einem Chriſtuskopfe von Carlo Dolce ſich gen Him⸗
mel richteten, mit hohler Grabesſtimme:„Wenn ich von Deinen Dienern, hoher Gebieter, der letzte bin, der hier
erſcheint,— der erſte war ich, der heut' an Dich gedacht.
Unausgeſetzt habe ich für Dich gewirkt, Ungeheures iſt mir endlich gelungen,— zur Mitternacht mit dem erſten Augenblicke dieſes Tages hat die Stimme meines früheren Genoſſen, des ſeligen Weiſen Althetas, aus jener Welt
mir Rede geſtanden.“
Der Marquis machte eine Pauſe. Dieſe Worte und die Weiſe, wie er ſie ſprach, waren bei der Macht, die er über alle Gemüther ſich ſchon erworben hatte, geeignet ge⸗ nug, allgemeines Staunen unter den Verſammelten zu ver⸗ breiten. Nachdem er an dieſem Eindruck ſich geweidet hatte, fuhr er, wie völlig erſchöpft, ſich über die müden Augen und das leidende Antlitz und ſagte dann faſt ton⸗ los, in ſich ſelbſt zuſammenſchauernd:„Ihr werdet Kunde erhalten vom Schickſal des Prinzen Gottfried,— freilich traurige Kunde. Die Stimme des ſeligen Weiſen hat mir
ling in allen Ständen„gehänſelt.“— Die Depoſition der Beane, welche urſprünglich von den Pedellen beſorgt zu ſein ſcheint und für deren Beibehaltung ſich noch 1545 Greifswalder Statuten (bei Raumer Bd. 4. S. 45) ausſprechen, hatte ihren Namen von der Hauptpoſſe, welche mit dem Bean vorgenommen wurde; man zog ihm nämlich eine Ochſenhaut über den Kopf und ſägte dann die noch am Kopftheil der Ochſenhaut befindlichen Hörner ganz oder theilweiſe ab; bis zu dieſer Ceremonie ward der Bean nur als ein animal nesciens vitam studiosorum, als ein pecus campi betrachtet, cui, ut rite praeparetur, cornua deponen da essent. Mit dieſem bloßen Ablegen der Hörner war das pecus campi aber noch lange nicht zum Studenten reif, es mußte noch geſchoren, gehobelt und gewaſchen, mit Kamm, Bohrer, Säge, Hammer, Zange und andern Inſtrumenten behandelt werden, auch brach man ihm den Baͤdchanten⸗Zahn(nach einigen Nachrichten einen vorher in den Mund genommenen Schweinszahn) aus.— Als dieſe
Vexationen nun ganz den ältern Studenten,„Schoriſten“, in die
Hände kamen, wurden ſie auf die gröbſte Weiſe mißbraucht, und mit dieſen Mißhandlungen ward dann der würdige Anfang zu den ein ganzes Jahr dauernden Quälereien gemacht, welche der junge Student, Pennal, von den ältern zu leiden hatte.
Vor der Depoſition wurden die Pennäle noch als Schüler
betrachtet und hießen Bacchanten oder Beane, nachher bezeichnete ſie die Studentenſprache, außer mit dem gewöhnlichen Pennal,
vorzüglich mit Neoviſti, Quaſimodogeniti, Rapſchnäbel, Mutter⸗ kälber, Innocentes, Half⸗Papen, Schieber, Raupen, Oelberger, Spulwürmer, Feixe oder Feuxe.
Aus letzterer Benennung iſt erſt in ſpäteren Zeiten durch Corruption der Name Fuchs entſtanden, und wir wollen hier
Gelegenheit nehmen darauf aufmerkſam zu machen, daß die gewöhnliche Annahme, nach welcher die Bezeichnung„Fuchs“ mit dem vierbeinigen Reineke zuſammenhängen ſoll, von deſſen Liſt und Verſchlagenheit der junge Student etwas an ſich habe, ganz falſch iſt. Nie hat Fuchs in unſerer alten Sprache Feux oder Feix gelautet, althochdeutſch heißt Fuchs: voha, vohe, auch vuhs, mittelhochdeutſch ebenfalls vuhs, fuhs, plattdeutſch oder nieder⸗ ſächſiſch voss, und Fuchs, ſo wie wir es jetzt ſchreiben und ſprechen, findet ſich ſchon in den älteſten, hochdeutſchen Drucken. Selbſt Schöttgen, welcher 1747 über den Pennalismus ſchrieb und alle Ausdrücke anführt, womit die Pennäle bezeichnet wurden, weiß noch nichts von Fuchs, wohl aber von Feix, und ſucht daſſelbe mit folgenden Worten zu erklären:„Ich halte davor, daß es einen feigen Menſchen bedeute. Es iſt bekannt, daß junge Studenten, wenn ſie zum erſten Mal auf die Univerſität kommen, mehrentheils feige und ſchüchtern ſind.“— Aber auch dieſer Er⸗ klärungsverſuch läßt ſich ſprachlich nicht rechtfertigen, denn das Wort„feig“, hatte wohl ſchon zu Schöttgens Zeit die Bedeutung, die es noch heute hat, nicht aber in unſerer mittelaltrigen, in die alten Zeiten der Univerſitäten hineinragenden Sprache. Unſere frühere Sprache verband einen ganz andern Begriff mit dem Worte, im Alt- und Mittelhochdeutſchen heißt nämlich ein „Feiger“ ein zum Tode beſtimmter, ein ſchwer Verwundeter, auch einer, über dem ein düſteres, Verderben drohendes Geſchick ſchwebt. Daher finden wir auch veigen für tödten und das Adjectiv veige und vaig in der Bedeutung von verflucht. 4 3 War der Bean oder Bacchant durch die Depoſition ein Feix oder Pennal geworden, ſo war er der ältern Studenten, welche ſich Schoriſten, Abſolute und Agenten nannten, ſchmählichſter
—
[II. Jahrg.
R. 49]
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