Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
670
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um Gretchen glücklich zu machen; und ſie weiß, daß Gret⸗ chens Herz eine Fülle von Gütegund edlen Geſinnungen umſchlisßt, die für den Bruder, den ſie ſo innig liebt, eine unerſchöpfliche Quelle der reinſten Wonne bieten. Aber ſie theilt Dir ihre Anſichten nicht mit, ſie will Dir auch über Gretchens Liebe keine Gewißheit geben, ſondern über⸗ läßt es Dir, ſie zu gewinnen.

Ja, ſie neckt Dich ſogar mit lachendem Munde, bis ſich die Hoffnung in Verzweiflung wandelt und Du furchtſam bei dem Gedanken erbleichſt, Dein Unwerth könne Dich zu ewigem Entſagen verdammen.

Es iſt ſchönes, ſommerliches Wetter und Du biſt mit Gretchen und Nelly über die heimiſchen Hügel gewandert. Nelly verläßt Euch unter irgend einem Vorwande und blickt ſich noch einmal mit komiſchem Lächeln nach Euch um, als ſie forteilt.

Du ſitzeſt mit Gretchen an einem grünen Abhange, den die Veilchen mit violetten Sternchen überſäet haben. Ihr habt von den Kindheitstagen geſprochen und ein Wort hat die Kette vergangener Knabengefühle an die neue Hoffnung geknüpft, die Dein Herz mit Bangen und Sehn⸗ ſucht füllt.

Gedanken und goldene Träume drängen ſich Dir in ſolcher Fülle entgegen, daß Du verſtummen mußt, weil jedes Wort zu ſchwach für die Sprache der tief erregten Bruſt iſt. Aber Du nimmſt den halben Sixpence aus Deiner Brieftaſche, nach langem Suchen haſt Du ihn endlich wiedergefunden, und legſt ihn ſchweigend, aber mit einem Blick, der die Kraft und Wärme eines männlichen Herzens in ſich trägt, in Gretchens halboffene Hand.

Tief erröthend blickt ſie zu Dir auf zögert einen Augenblick und zieht langſam eine kleine goldene Kapſel an einem blauen Bande hervor. Sie berührt eine Feder, und neben Deiner Reliquie liegt eine andere, die

Novellen⸗Zeitung.

beiden getrennten Hälften ſind wieder vereint. Die Hoff⸗ nung ſtrahlt mit warmer Sonnengluth auf Dich herab. Und dies haſt Du getragen, ſüßes Gretchen? Immer, Clarence! Margaret! Clarence!

Und Du ſchlingſt Deinen Arm unbehindert um die liebliche Geſtalt, die ſich Dir hinneigt, und drückſt ſie mit der beſeligenden Ueberzeugung an Dein glückliches Herz, daß Dein reichſter, edelſter Traum, der Traum der wahren, uneigennützigen Liebe, in Erfüllung gegangen iſt.

Nun kommen glückliche Tage!

Wie golden ſtrahlt die Sonne! ſo warm und doch nicht drückend, wie kühl fächelt die Luft Dich an und doch nicht kalt! Die Vögel zwitſchern ſo lieblich; welch neue Sän⸗ ger bergen ſich im Waldesdunkel? es ſind nur die alten Rothkehlchen und Droſſeln; aber eine neue Melodie voll Jubel und Wonne ſtrömt aus den kleinen Kehlen.

Die Wolken hängen in ſtrahlenden Gebilden vom Him⸗ mel herab, als wollten ſie die Größe und Liebe des Allva⸗ ters preiſen; nie zuvor waren ſie ſo herrlich geſtaltet. Nie waren die Wieſen ſo grün, die Blumen ſo üppig, nie ſolch friſches Leben in Blättern, Gras und Kräutern. Faſt iſt's, als ob die Wonne Deines Herzens der Natur einen Impuls gab, daß Alles, was da lebet auf Erden, in den Lobgeſang Deines Herzens einſtimme.

Auch die Geſichter um Dich her ſind verwandelt; alle Menſchen ſehen vergnügt und freundlich aus; die Kinder ſind ohne Ausnahme reizende Kinder, ſelbſt die Säuglinge, die Dir bisher gar wenig Intereſſe abgewinnen konnten, ſehen lieblich und zart aus.

(Schluß folgt.)

Mannigfaltiges.

Philipp II. war außerordentlich ſtolz Perſonen ſeine s Reiches, und als Herzog ins Zimmer trat, rief ihm der König entgegen verdiente das Beil! Gegen untergeordnete

gegen die angeſehenſten Alba einſt unangemeldet :Eure Kühnheit

Leute gefiel ihm. Ein Hauptmann Namens Don Rodrigo de Rio begegnete einſt dem Könige im Park; da derſelbe in einfacher Kleidung war, ſo hielt er ihn für einen Herrn vom Hofe. Er ließ ſich mit ihm in ein Geſpräch ein und ſagte, er ſei eben im Begriff zum Könige zu gehen, um ihn um eine Belohnung für ſeine langen Dienſte und ſeine vielen Wunden und Narben zu bitten. Der König fragte, was er aber ſagen werde, wenn ihn der König nicht belohne, wie er es erwarte? a dios qui rese mi mula en culo. er werde ihm Zutritt zum Könige verſchaffen, wenn er ſichere Zeugniſſe beibringe, und dem Portier einſtweilen ſeinen Namen ſagen, damit er am andern Tage in das Schloß gelaſſen werde.

Am andern Vormittage erſchien der Hauptmann vor dem

Könige und dem Rath. Philipp fragte ihn:Nun, Hauptmann, denkt Ihr noch daran, was Ihr geſtern ſagtet, das der König Cuerm Maulthier thun ſolle, wenn er Euch Eure Bitte ab⸗ ſchlüge? Der Hauptmann war nicht im Mindeſten erſchrocken und antwortete ohne Zögern:Gewiß, Ew. Majeſtät! Mein Maul⸗ thier ſteht vor dem Hofthor bereit, wenn es nöthig ſein ſollte. Dem Könige gefiel dieſe Kühnheit; er befahl ihm 400 Kronen zu zahlen und eine jährliche Penſion von 4000 Realen. c.

Menſchen erlaubte es aber des Königs Stolz nicht ſtolz zu ſein, ja Derbheit ſolcher

Der Hauptmann antwortete:Volo Der König lachte und ſagte,

ten.

als Curioſität aufbewahrte.

Mr. Selden, ein berühmter Witzbold zur Zeit der Puritaner⸗ herrſchaft in England, ſagte,daß er die Verſammlung der Geiſt⸗ lichen beſuche, wie die Perſer die Kämpfe der wilden Eſel. Wenn das Parlament ihn mit ſeinem neuen Geſetz gelangweilt habe, dann erheiterten ihn dieſe geiſtlichen Kameraden mit ihrem wahn⸗ ſinnigen Evangelium. Neulich ſeien ſie zwiſchen Jeruſalem und Jericho feſtgefahren; ſie hätten nicht über die Entfernung zwiſchen deiden Städten einig werden können. Einer ſchrie zwanzig, der Andere zehn Meilen. Es wurden endlich ſieben Meilen feſtgeſetzt, weil Fiſche aus Jericho auf den Markt nach Jeruſalem gebracht worden wären. Ir habe ſich des Lachens nicht erwehren können und die geiſtlichen Herren in neue Confuſion durch die Bemerkung verſetzt, daß die Fiſche vielleicht eingeſalzen oder geräuchert gewe⸗ ſen ſein möchten. 6.

Romulus und Remus wurden der Sage nach durch eine Wölfin geſäugt; Telephus, der Sohn des Hercules, durch eine Hirſchkuh; Peleus, der Sohn Neptuns, durch eine Stute und Aegiſthus durch eine Ziege. c.

Jakob Bobart, Profeſſor der Botanik zu rirte eine todte Ratte ſo künſtlich, daß ſie ganz und gar ausſah⸗ wie man die Drachen gewöhnlich abzubilden pflegt. Die Täu⸗ ſchung war ſo vollkommen, daß die Gelehrten nach ſorgfältiger Unterſuchung das ſeltſame Ding für einen jungen Drachen erklär⸗ Der Doctor löſte dann alle Zweifel; allein man fand das

ß man es viele Jahre lang im Muſeum c.

Kunſtwerk ſo hübſch, daß

[II. Jahrg.

Oxford, präpa⸗

R.