Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
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anſchauung?Bei allen meinen Handlungen laſſe ich mich nicht vom Verſtand leiten; ich thue, was mir mein Gewiſſen gebietet, und kümmere mich nicht um die Zukunft; ich thue, was Gott befiehlt, und das iſt das Beſte, was man thun kann! Das wäre eine ſehr bequeme und gemüthvolle Löſung aller Lebensconflicte, wenn man nur

man, um von ſeinem Geviſſen richtig geleitet zu werden, nicht der höchſten Verſtandesbildung bedürfte. ſich nicht um die Zukunft bekümmern, wer nennt das nicht im privaten wie im öffentlichen Leben zum allerwenigſten Kurzſichtigkeit? Der dieſem alten Sarmatenthum feindliche Louis Straminski ſchildert deſſen Lebensweiſe mit den Worten: Mich, der ich in Frankreich groß geworden, mich hat die Rückkehr in das Vaterland ſchwer gedemüthigt: ſchmuzigen kleinen Städte, die Juden darinnen, böſen Geiſtern ähnlich, die Mönche mit ihrem Aberglauben, die großen Herren, der Ausſchweifung und dem Nichtsthun er⸗ geben, von der einen Seite geizig, von der andern ver⸗ ſchwenderiſch über die Maßen, und dieſer Adel, aufrühre⸗ riſch, unwiſſend und immer betrunken! Nachdem wir aber ſo eben die Vorausſetzung ſeiner Geſinnung kennen lernten, was kann es da für einen tröſtlichen Eindruck auf uns machen, wenn Michael zu dem letzten Paſſus des Bru⸗ ders hinzufügt:Aber ehrbar, Gott und dem Lande er⸗ geben! Mit vollem Rechte erwidert Louis darauf: Was folgt aus dieſer Ehrbarkeit und Ergebenheit ohne geſunde politiſche Vorſtellungen! Ich habe die Nation in zwei Parteien zerklüftet gefunden und keinen Augenblick geſchwankt, mich mit der Partei zu vereinigen, welche von erleuchteten Männern geführt iſt und die allein im Stande ſein wird, das Land aus der Unordnung zu reißen. O, wäre nicht Euer Eigenſinn, unſer Staat hätte vielleicht ſchon ſeine Stellung wieder gewonnen, die ihm in der europäiſchen Politik zukommt und die er in früherer Zeit inne gehabt. Leider iſt durch Eure Unachtſamkeit das vernichtet, was zu Eurem Wohle beſtimmt war!

So ſind die beiden Richtungen einander gegenüberge⸗ ſtellt, die von beiden Brüdern vertreten ſind. In die

durchaus nicht ausſchließlich Vorzüge gehäuft: wie die Lebensanſchauungen ſeines Bruders auf Pietät, ſo baſiren die ſeinen auf Frivolität. Wenngleich er ein Bewußtſein von dem Weſen und der Nothwendigkeit des Staats⸗ zweckes hat, wie konnte dieſes Bewußtſein ihn völlig und innig ergreifen, da er dieſen Staatszweck nur unter der

law Auguſt vollführt geſehen hatte? Als er die altſarma⸗

Und

dieſe

ſtets ſo leicht wüßte, was eben Gott befiehlt, und wenn

Roveſlen-Zeitung.

Und auf welche Baſis beruft ſich zuletzt ſolche Lebens-

(II. Jahrg.

tiſche Gegenpartei überwunden und mit ihr ſeinen Bruder beſiegt und gefangen ſieht, da eilt er zu dem Könige, dem er ſein Alles opferte, und fleht um Gnade für den unglück⸗ lichen und verirrten Michael; aber da muß er erkennen, dieſer König nicht für ſeine Unterthanen, nicht für ſeine Nationalität, ſondern nur um ſein Selbſt willen herrſcht, und, abgewieſen mit ſeinem Begnadigungsgeſuche, ruft er aus:Undankbaxrer Egoiſt, alſo das iſt der Lohn für alle meine Aufopferung, das iſt die Freundſchaft, welche Du mir ſo oft verſprochen? Das ſind die Folgen des Wahl⸗

königthums; hätten wir an deſſen Stelle einen erblichen

Monarchen mit dem Recht ſeines Stammes und Gottes Gnaden, meine Bitte wäre erhört; ſo aber iſt dies ein Beamter, meines Gleichen, welcher die Krone nur als höchſte Auszeichnung trägt und deshalb eiferſüchtig und kleinlich darauf Acht gibt, dieſe Auszeichnung ſeine Unter⸗ thanen fühlen zu laſſen. Ich ſchäme mich, einer ſolchen Art des Königthums gedient zu haben. Aber triumphire

nicht, du ſollſt meinen Bruder nicht ſo leicht auf das Ge⸗

Wagſchale Louis', des Königlichgeſinnten, ſind übrigens

Willkührherrſchaft eines Louis XV. und eines Stanis⸗

rüſt führen, ich werde alles verſuchen, ich werde ihn retten oder mit ihm untergehen.

So gehen die beiden Brüder, der Bewahrer der alten Nationalität und der Diener des Königs, einer an dem anderen unter!

Als Reſultat des Buches ſteht die Lehre vor uns: Dieſes Polen mußte untergehen, weil es Volkseigenthüm⸗ lichkeit und Volkswohl mit Fürſtenmacht und Fürſtenregi⸗ ment nicht zum gemeinſamen, Alles umfaſſenden Staats⸗ zweck zu vereinigen wußte.

Der Herausgeber ſagt in der Einleitung:Dem deutſchen Leſerkreiſe nahe ich mit der feſten Zuverſicht, daß bei unparteiiſcher Kenntnißnahme auch die Zeit der Ver⸗ öffentlichung nicht unerwogen bleiben wird, weil gerade heute ein Blick in die inneren Zuſtände eines Staatslebens, welches in ſeinem Untergange alle diejenigen Phaſen durch⸗ laufen, deren Erforſchung und Würdigung zu den Be⸗ ſtrebungen des modernen Fortſchrittes gehören, von höch⸗ ſtem Intereſſe ſein dürfte. Dieſer Satz iſt etwas dunkel. Nach dem, wie wir das Buch verſtanden, können wir kaum denken, daß er im Sinne, ſondern daß er zur Warnung der Partei ausgelegt werden müſſe, von der wir oben ſagten, daß ſie das Buch zur Lieblingslecture wählte!

Der deutſche Herausgeber iſt Aſſeſſor Jerzewski, Hülfs⸗ arbeiter im preußiſchen Miniſterium für polniſche Ange⸗ legenheiten. Er hat das Buch nach einem Roman des Grafen Rzewuzki gearbeitet und geſteht ſelbſt ein, daß er diejenigeMilderung oder Kräftigung der Farbentöne angewendet, dieunter anderen Verhältniſſen unbedingt nothwendig erſcheinen. Unter welchen Verhältniſſen und in welchem Sinne iſt wohl das Original geſchrieben?

R. Giſeke.

Histoire générale

1 starker Band.

Bei Meline, Cans& Comp. in Brüssel erschien in neuer Auflage:

de la Civilisation en Purope par G. Guizot.

180. Preis 20 Ngr.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. Druck von Gieſecke à Deorient in Leipzig⸗

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