Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
551
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Nr. 35.]

Soll ich ganz offen ſein?

Ich bitte Sie darum, Miß Sara!

Sara neigte den Kopf an Erneſtine's Ohr und flüſterte in einem geheimnißvollen Tone:

Wäre ich ſo jung und ſchön, wie Sie ſind, ſo würde ich, ohne mich lange zu beſinnen, Ihre Rivalin.

Meine Rivalin? fragte die Malerin erſchreckt.Miß Sara!

Ja, Miß Sara, mein liebes Kind, hat gute Augen. Und nun geſtehen Sie, daß ich recht geſehen habe.

Erneſtine umſchlang Sara's Hals mit beiden Armen und küßte haſtig ihren Mund.

Nicht wahr, fragte ſie dann verſchämt,Sir Henry iſt ein guter Menſch?

Ich halte ihn dafür. ein armer Mann wird?

Sir Crosby ſchrieb mir, daß ich wahrſcheinlich meinen Proceß gewänne! rief Erneſtine eifrig.

Sie müſſen Alles bedenken: nehmen wir an, Sie ge⸗ winnen ihn nicht.

In der ſichern Vorausſetzung, ein großes Vermögen zu erlangen, hatte Erneſtine ſich bereits die glücklichſte Zukunft ausgemalt. Dieſer Einwand Sara's zertrümmerte ihre ſchönſten Hoffnungen. Konnte es ihr nicht wie dem Vater ergehen, der die Million ſeines Bruders bereits in den Händen zu haben geglaubt hatte? Beſtürzt ſah ſie ihre Wohlthäterin an. Aber die Liebe gibt die Hoffnung nicht ſogleich auf.

Dann, rief Erneſtine mit leuchtenden Augen,kaufe ich Henry mit der Summe, die ich beſitze, das kleine Land⸗ gut zurück und arbeite noch eifriger, als bisher. Bedenken Sie nur, ich bekomme ja mehr als hundert Guineen für ein Bild. Außerdem auch kann mir Henry helfen, denn er zeichnet ſehr hübſch. Und hier auf dem Lande kann man ſich einrichten, man lebt viel billiger, als in der Stadt.

Aber was geſchieht, wenn er

Dritte 3

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Gutes Kind! ſagte Sara gerührt.Möge all' Ihr Hoffen in Erfüllung gehen!

Und nun, flüſterte lächelnd Erneſtine,habe ich kein Geheimniß mehr vor Ihnen. Henry iſt mir jetzt noch einmal ſo lieb, da er Ihren Beifall hat. Nicht wahr, Miß, Sie verrathen weder Sir Crosby noch unſerm Nachbar dieſe Unterredung?

Sara nickte mit dem Kopfe. Erneſtine umarmte ſie noch einmal, wobei ſie an ihrem Ohre flüſterte:

Laden Sie den Nachbar dieſen Abend zum Thee ein!

Dann flog ſie wie ein Sylph dem Pavillon zu, um zu arbeiten. Die gute Miß ging in ihr Zimmer, ſetzte ſich an ihren Secretair und ſchrieb folgende Zeilen:

Sir Henry,

Ich habe meine Wette gewonnen, denn Erneſtine liebt Sie mit der ganzen Fülle ihres jugendlichen, keuſchen Herzens. So eben hat ſie mir in der reizendſten Verwirrung ein Geſtändniß abgelegt, das Sie entzückt haben würde, wenn Sie es gehört hätten. Beehren Sie uns dieſen Abend zum Thee, und Sie erhalten nähere Nachrichten von

Ihrer ergebenen Dienerin Sara Crosby.

Sara ſiegelte das Billet, ſchrieb die Adreſſe und rief eine Magd.

An Sir Henry Newton, unſern Nachbar!

Die Magd beeilte ſich, den erhaltenen Auftrag auszu⸗ richten. Nach kurzer Zeit kam ſie mit einem Briefchen zu⸗ rück, das ſie ihrer Herrin, die in dem Zimmer gewartet hatte, übergab. Als Sara allein war, erbrach ſie lächelnd das Siegel. Henry antwortete:

Meine liebe Miß Sara, Ihre Zeilen haben mir ein Glück bereitet, deſſen ich durch meine aufrichtigen Geſinnungen würdig zu ſein glaube. Daß Erneſtine mich jetzt lieben gelernt, den armen Henry,

ſeinen Augen nur eine regelloſe Anhäufung verſchiedener Farben⸗ Der glänzende Marmor der mediceiſchen Venus würde ſeinen Augen ſo formlos erſcheinen, wie dem geſunden Auge ein roh zuſammengebackener Schneemann. Er rennt an einen Freund an, ohne ihn zu erkennen, und in den Geſichtszügen ſeiner Verwandten hat er niemals die Traurigkeit geleſen, die nach Troſt verlangt, noch die Freude erblickt, die ſeine Gegenwart erregt. Ein Weit⸗ ſichtiger iſt nicht weniger zu beklagen. Plinius erzählt von hohlgeſchliffenen Smaragden, durch welche man, wie er ſagt, beſſer als mit bloßem Auge ſieht; eines ſolchen bediente ſich z. B. Nero beim Anſehen der Gladiatoren⸗ kämpfe. Es kann dies nichts anderes geweſen ſein als eine Brille;

nur ſcheinen die Alten dieſem Steine eine Eigenſchaft beigemeſſen

zu'haben, die er nur ſeiner Geſtalt verdankte und die ein gewöhn⸗ liches Glas von gleicher Krümmung in demſelben Grade beſeſſen hätte. Den Alten iſt alſo dieſe Erfindung unter keinen Umſtänden zuzuſchreiben. Einige italieniſche Schriftſteller ſetzen die Erfin⸗ dung der Brillengläſer in das Jähr 1280 und nennen einen Florentiner Bankier, Salvino degli Armati, als den Erfinder. Erwieſen iſt, daß man im Jahre 1305 die Brillengläſer kannte; auch ſcheint ausgemacht, daß ſie in Italien erfunden wurden.

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Der Hülferuf Hato-

Der alte Ruf des Andenkens an de narnmu ichen Helden:

Ach Rollo! Zu Hülfe, mein Fürſt! ſteht noch in voller Kraft auf den Inſeln Jerſey und Guernſey, dieſen glänzenden Ueberbleibſeln des Herzogthums, welches Johann ohne Land verlor.

(Wenn in dieſem Lande ein Menſch den Hülferuf Haros aus⸗ ſtößt, muß jede gerichtliche Verfolgung wie jeder perſönliche An⸗

griff gegen ihn augenblicklich aufhören und die Zeugen, die er anruft, um in ſeiner äußerſten Noth gehört zu werden, haben die

Pflicht, ihn kniend zu vernehmen. Die Strafe iſt ſtreng gegen

den, der dieſem Rufe nicht Folge leiſtet, wie für den, der die gottesläſterliche Unbeſonnenheit beging, ihn ungerecht auszuſtoßen; ſie beſteht in nichts Geringerem als in Deportation.

Eine merkwürdige Thatſache, die mit der Geſchichte des Hülfe⸗ rufs Haro's in Verbindung ſteht, iſt das Ereigniß, welches ſich bei dem Leichenbegängniſſe Wilhelms des Eroberers zutrug. Als der Sohn Roberts des Prächtigen bei der Einäſcherung von Mantes einen ſo traurigen Tod gefunden hatte, indem er ſich den Knopf ſeines Sattels in den Leib ſtieß, führte man ihn in ziemlich aärmlichem Aufzuge von Mantes nach Rouen. Bei ihm war Niemand als zwei Prieſter, Gontard, Abt von Jumièges, und Gilbert, Biſchof von Liſieux, ein Knecht und deſſen Hund. Der König war noch nicht todt, als der Knecht ihn ſchon verließ, um ſeinen Hund, der ſich verlaufen hatte, aufzuſuchen. Als Thier und Menſch zurückkehrten, hatte Wilhelm die Seele ausgehaucht, und der Abt Gontard, der allein bei ihm geblieben war, weil der Biſchof ſich gleich den Uebrigen aus dem Staube gemacht hatte, ſagte mit bittrem Vorwurf zu dem Knechte:Weshalb haſt Du den König verlaſſen?

Ei, entgegnete der Diener,war er denn nicht todt

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aufzuſuchen, bei mir bleiben und mir Beiſtand leiſten können Er roch ſchon übel, entgegnete der Knecht,ich glau

Nein. Und hätteſt Du nicht überdies, ſtatt Deinen Hund