Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
549
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Der Bilderhändler geſtattet Dir, in dieſem pracht⸗ vollen Landhauſe zu wohnen? fragte verwundert der Greis. Ich kann darin nach Belieben ſchalten und walten. Ein reizendes Landhaus in Hendon! murmelte Weber.

Dieſer prachtvolle Garten, der elegante Hof Erneſtine,

Du wohnſt wie eine reiche Lady! Als ich ankam, wagte

ich kaum mit meinen beſtäubten Stiefeln die Schwelle zu überſchreiten. Und in dieſe behagliche Lage haſt Du Dich durch Deine Arbeit gebracht?

Man ſucht meine Bilder und bezahlt ſie gut. Das Skizzenbuch meines armen Vaters hat mein Glück begründet.

Wer hätte das wohl gedacht, als wir dieſe Bilder auf unſern Vergnügungsreiſen flüchtig auf das Papier warfen! In Deutſchland gab kein Menſch einen Groſchen dafür, und hier wiegt man ſie mit Golde auf.

Und ich erachte es für recht und billig, daß Sie von dieſem Gelde einen Theil erhalten.

Erneſtine öffnete einen eleganten Secretair und holte eine gefüllte Börſe hervor.

Nehmen Sie! bat ſie mit einem anmuthigen Lächeln.

Der Maler ſah die holde Geberin erſtaunt an.

Dieſe Börſe enthält das Honorar für eine Copie Ihrer Baſtei. Zögern Sie nicht Sie empfangen kein Al⸗ moſen, ſondern Ihr wohlerworbenes Eigenthum.

Als Weber immer noch wie eine Statue ſtehen blieb, ließ Erneſtine die Börſe in die Taſche ſeines Makintoſh gleiten. Bei dieſer Gelegenheit berührten ihre Finger ein Stück trockenes Brod, das in dieſer Taſche ſtak.

Weber, Weber, rief ſie gerührt, indem ſie ſich an ſeine Bruſt warf,ich bin glücklich, daß es mir vergönnt iſt, eine heilige Pflicht zu erfüllen! Sie werden von nun an keine Sorgen mehr haben, Sie ſollen als Künſtler leben und arbeiten!

O mein Kind, wenn das möglich wäre! rief der Greis, nachdem er Erneſtine's weiße Stirn geküßt hatte. Ich habe die Engländer nicht gern es iſt dies ein Ge⸗

Dritte folge.

ſchmack wie jeder andere aber wenn es wahr iſt, daß ſie die Künſte ſchätzen und die Künſtler achten

Verlaſſen Sie ſich nur darauf, es iſt wahr! Liefere ich Ihnen nicht den deutlichſten Beweis?

Nun gut, ſo nehme ich die Börſe als ein Honorar

an! Es iſt das erſte wieder ſeit langer, langer Zeit! fügte eer ſeufzend hinzu.Gott lohne Dir, mein liebes Kind, was Du durch dieſe Vermittelung an mir thuſt! In dieſem Augenblicke erſchien Sara und lud zum Mittagseſſen ein. Die Augen des alten Künſtlers glänzten, 5 er die Einladung vernahm er hatte ja ſeit ſeiner Ankunft in London ſehr kümmerlich gelebt, und nach dem Reichthume des Landhauſes zu urtheilen, durfte er einen wohlbeſetzten Tiſch erwarten. Er ſträubte ſich zwar, der Form wegen, ein wenig und ſchützte ſeine beſtäubte Kleidung vor; aber gern ließ er ſich von der muntern Erneſtine in den Speiſeſaal ziehen. In einer fröhlichen Weinlaune Sara hatte das Beſte ihres Kellers gebracht ſtand Weber von dem Tiſche auf.

Das war ein Mahl, der Kunſt und der Künſtler würdig! rief er aus.Gott erhalte England den guten Geſchmack, dann wird die edle Kunſt wieder zu Ehren kommen! Und nun, da ich geſtärkt bin, werde ich frohen Muthes den Rückweg nach der Hauptſtadt antreten.

Jetzt ſchon?

Ich will dem Herrn Crosby in ſeinem Laden noch einen Beſuch abſtatten nachdem ich mich anſtändig coſtümirt habe! fügte er leiſe hinzu.Morgen oder über⸗ morgen, mein liebes Kind, ſiehſt Du mich in einer andern Geſtalt wieder. Dann kann ich mich mit Ehren neben Dir zeigen.

Weber nahm Hut und Stock, küßte Miß Sara die Hand und Erneſtinen die Stirn dann verließ er das Landhaus. Kaum hatte er das letzte Haus des Dorfes hinter ſich, als er unter einen Baum trat und die ſchwere Börſe unterſuchte; ſie enthielt lauter Goldſtücke.

auf dem Schlachtfelde begraben liegt. Indeß hatten die Furchen

des Alters nicht immer ſeine Stirn entſtellt und einſt trug er

Kleider, denen es nicht an Eleganz fehlte. Erfährt man aber das Alter dieſes Menſchen, ſo wird man ſich nur darüber wundern,

daß er aus dem Schiffbruch ein Auge und ein Bein retten konnte.

Es war unter der Regierung des allerchriſtlichſten Königs

Karl IX. im Jahre der Gnade 1572.

Eine unerbittliche Reaction zeigte ſich auf mehreren Punkten

Frankreichs. Lavaur hatte mehr als irgend eine andere Stadt von dem königlichen Fanatismus zu dulden. Die Ketzer bildeten hier die Mehrzahl, und die alten religiöſen Streitigkeiten, deren Schauplatz die Albigenſerthäler geweſen waren, zündeten ſich, ſchlecht gelöſcht, mit neuer Wuth an. Beide Parteien bewaffneten ſich, forderten ſich gegenſeitig heraus und lieferten ſich endlich einen erbarmungsloſen Kampf, der das Haupt der Hugenotten, Meſſire Jacob Marc von Mailly, in die Hände der Katholiken lieferte. Augenblicklich wurde ein Kriegsgericht zuſammenberufen, um über das Loos des Gefangenen zu eniſcheiden; es fällte einſtimmig das Urtheil des Todes, aber man mußte eine langſame grauſame Strafe erſinnen, um den Verurtheilten die Niedermetzelung von 50 Brüdern büßen zu laſſen, welche die Ketzer früher über die Klinge ſpringen ließen. Meſſire von Mailly wurde in den Thurm von St. Alain, unter der Obhut von zwei Schildwachen, eingeſperrt. Man ſchenkte ihm das Leben unter der Bedingung, daß er Tag und Nacht im der Glocke des Thurmes die Stunden ſchlagen ſollte. Bei der erſten Verſäumniß dieſer Pflicht hatten die Schildwachen Befehl, ihn an der Spiitze des einen der beiden Thürme aufzu⸗ hängen. In ſeinem Grab allein gelaſſen, beſchloß Jacob Mare, geſchickt in der Mechanik, die er aus beſonderer Neigung zu einer *

Zeit gepflegt hatte, wo dieſe Kunſt noch bei ihren erſten Verſuchen ſtand, ſeine Kenntniß zur Wiedererlangung ſeiner Freiheit zu benutzen. Zu dieſem Zwecke verſchaffte er ſich die zu ſeinem Plane nöthigen Werkzeuge und vermittelſt eines ſinnreichen Mechanismus verfertigte er einen hölzernen Automaten binnen der kurzen Zeit von 48 Stunden. Als ſein Werk beendigt war, erwartete er die Nacht, um ſeine Flucht zu beſchützen. Gegen elf Uhr Abends, von der lebhafteſten Unruhe getrieben, näherte er den Automaten, den ſein Erfindungsgeiſt beſeelte, der Glocke und gab ihm die Streitaxt in die Hand. Bald darauf erſchütterten elf Schläge, regelmäßig und ſtark gegeben, die Luft. Jacob Marc war gerettet. Iſt es möglich, die Freude zu ſchildern, welche die Schläge ſeines Herzens verdoppeltg? Sie gleicht der des Verurtheilten, der ſchon den verhängnißvollen Strang um den Hals fühlt und vernimmt, daß die königliche Gnade ihn dem Leben, ſeiner Familie, der Frei⸗ heit zurückgibt. Im Geiſte erreichte er das Lager ſeiner Brüder, flog er zu neuen Kämpfen. Als dieſer erſte Anfall ſeines Glücks⸗ taumels vorüber war, beſchloß er, die Mitternacht abzuwarten, um ſeine Befreiung zu bewirken, und voller Rührung betrachtete eer ſein Werk. Zwanzigmal ſchloß er das Kind ſeines Geiſtes in ſeine Arme; dann wollte er ihm eine glänzende Kleidung hinter⸗ laſſen und ſchmückte es mit ſeinem reichen Gewande. Endlich durch Aufregung und Anſtrengung erſchöpft, ſetzte er ſich auf die Quadern nieder und wartete. Bei dem erſten Schlage der Mitter⸗ nachtsſtunde, während die Schildwachen, voll einer Sicherheit, welche durch die Klänge des Erzes vermehrt wurde, ſich der Schläfrigkeit überließen, durch Dunkelheit und Einſamkeit er⸗ weckt, ſtieg Jacob Mare raſch die Stufen der Thurmtreppe hinab, ſprang zu einer Oeffnung, die ſich zehn Fuß über dem Boden