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„Conſtantin Ulrichs, Paſcha der Geiſtreichigkeit von drei Roßſchweifen, mußte Jean Reps das Verdienſt einräumen, daß er, wie dies bei den größten Talenten nie zu ver— ſchmähen iſt, ihm in ſeinen Erfolgen nachgeholfen hatte. Johann Repſe hatte ihm überall die Wege bereitet, nannte ſich ſeines Meiſters Johannes, ſtreute ihm Palmen und Baumzweige auf den Weg, rief ihm Hoſianna und trank dafür natürlich faſt jeden Morgen bei Conſtantin den Kaffee, plünderte ſeine Eßvorräthe, ſeine Cigarren, bemächtigte ſich auch wohl ſeines Schreibſecretärſchlüſſels und veran⸗ laßte Conſtantin oft zu der Bemerkung, er wolle dieſe offenbaren Diebeseinbrüche bei ihm ertragen, ſo lange ſie nicht hinter ſeinem Rücken geſchähen. Wenn Conſtantin irgendwo öffentlich zu eſſen pflegte, fehlte gewiß ſein Freund nicht und nur die Abende behielt ſich Jean Reps für ſich und widmete ſie ſeinen altſtudentiſchen Neigungen, die ge⸗ wöhnlich bei ſeinem ungeheuren Biergenuß mit einem Rück⸗ fall in eine Form von Genialität endeten, die Conſtantin Ulrichs nicht leiden mochte und nie gelitten hatte. Man konnte von beiden Freunden ſagen, ſie hatten, wie der Dichter ſingt, ihre Sache auf Nichts geſtellt, allein das Nichts Conſtantins war ein Nichts, in dem die Negation des Weltalls noch den Salon übrig ließ, bei Jean Reps aber nur noch die Realität der Kneipe.“
So viel von Conſtantin. Ihm, dem Nihiliſten, iſt Eberhard Ott gegenübergeſtellt als der poſitive Charakter, der beſcheidne, ehrenwerthe Mann, der zu lieben und das, was er liebt, mit Energie zu ergreifen und feſtzuhalten im Stande iſt. Auf dem Gebiete der Politik ſowohl als der Herzensneigungen treten Beide ſich entgegen. Nachdem die liberale Bewegung, an der ſich Beide betheiligt haben, in der Revolution ihren Ausgang gefunden, treffen ſie in einem politiſchen Proceſſe aufeinander,— Conſtantin als Staatsanwalt, der Haß und Strafe, Eberhard als Ver⸗ theidiger, der Verſöhnung und Milde für den Irrthum predigt. Der Letztere, wie er hier Sieger iſt, iſt es auch in der Liebe zu Hertha, die Conſtantin verlaſſen hat, um anderweitig ein äußerlich glänzenderes Schickſal zu finden. Folgendes iſt der Abſchluß, den er in der Novelle findet:
„Er hatte außer einer guten Anſtellung auch das Herz ſeiner Schwägerin gewonnen.“
„Aurelie von Landſchütz, eine Dame, die zehn Jahre älter war als er, vergaß den Baron von Gleichen um Conſtantin Ulrichs.“
„Conſtantin, reich geworden, konnte jetzt ſeiner endlich gewonnenen Ueberzeugung, daß von allen, allen Thatſachen, mit denen ſich das alberne neunzehnte Jahrhundert quält, nur der Begriff des Comforts der wahrhaft neue und be⸗ fruchtende Gedanke iſt, ganz nach Wohlgefallen leben.“
„Er hielt ſich Wagen und Pferde, er ſtreckte ſich auf Divans und Ottomanen, er trieb Blumenzucht in ſeinen Zimmern und lebte wie ein angebetetes Idol in ſeiner ganzen Herrlichkeit.“
„Nicht nur Aurelie lag ihm zu Füßen und küßte, vor aller Welt ſogar, ſeine ſchönen Hände; Alles, was zu Aureliens hochgeſtellter Verwandtſchaft gehörte, vergötterte den intereſſanten Mann ihrer ſpäten Wahl.“
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig.— Verlag
Novelſſen⸗Zeitung.
zwingen ſollte.
„Conſtantin ging einen Pfad durchs Leben über ſchwel⸗ lende Teppiche. Wo er ſich anlehnte, fand er den Rücken weich gepolſtert. Was er nur athmete, war Arom. Verzärtelt zu werden, war dabei nicht ſeine Abſicht. Er wehrte ſich oft mit Gewalt die Ueberfülle ſeines Glückes ab. Alles was er ſprach war„geiſtreich,“ was er unternahm„taktvoll.““
„Die Stellung eines öffentlichen Anklägers behielt er als eine Art von Privatunterhaltung.“
„Dabei wuchs freilich die Bizarrerie ſeines Gemüthes. Verdrießlich wurde er oft bis zum Exceß, oft wälzte er ſich auf all' ſeinen Polſtern und ſtieß ungeduldig mit den Füßen gegen Kiſſen, Menſchen, Welt. Es ergriff ihn dann halb fauſtiſche, halb mephiſtopheliſche Stimmung. Er konnte ſeiner Amtswirkſamkeit allen jenen ſcharfſinnigen Nachdruck geben, den man an ſeinen Anklagen und Beweisführungen bewunderte; aber dies Nichts der Welt, in ſtillen Stunden, in ſchlafloſen Augenblicken quälte es ihn doch. Dann hätte er Alles verwünſchen, Alles zerreißen mögen. Schal, un⸗ erſprießlich erſchien ihm und haſſenswürdig das Daſein, wie ſonſt. Der Morgen brachte ihm glücklicherweiſe auf ſilbernen Schalen dann wieder des Lebens goldene Früchte, den geliebten Mokka, ſeine braunen Regalien und Upmans, er lächelte und war wie immer und immer„liebenswürdig.“ Man bewunderte ſeine Grazie, ſeine feine Ironie. Er konnte zuweilen ſogar ausgelaſſen ſein, beſonders wenn ſeine Gedanken auf die Filzfabrik vor den Thoren kamen. War er auch zu verdrießlich geſtimmt, zu mürriſch und übellaunig, ſo brauchte man nur von„Vater Repſe“ zu ſprechen und behaglich ſchaukelte er ſich in ſeiner blumigen Orchideen⸗Exiſtenz“ u. ſ. w.
Dieſe Stellen zur Charakteriſtik Conſtantins citiren wir, nicht nur um eine Probe von des Verfaſſers graciöſem, anmuthig bedeutungsvollem Stile auch in unſerm Buche zu geben, ſondern auch deshalb, weil dieſe Figur des Nihiliſten zu gewiſſen perſönlichen Klatſchereien Anlaß ge⸗ worden iſt, wie ſie leider auch in literariſchen Kreiſen Manchen als erſt die wahre Würze des Lebens zu gelten ſcheinen. Hat man doch Gutzkow den Vorwurf gemacht, er habe damit literariſche Gegner portraitiren wollen, die ſich durch die Zügelloſigkeit ihrer Angriffe gegen ihn man⸗ nigfach ausgezeichnet haben! Aber nach unſrer Meinung erſcheint die Bedeutung jener Gegner viel zu anerkannt, als daß man ſie in dieſen geckenhaften und nichtigen Perſönlichkeiten wieder finden könnte. Sollte Gutzkow bei ſeiner Schilderung indeß wirklich an eine beſtimmte Richtung des öffentlichen Lebens gedacht haben, ſo hat er jedenfalls nur die Richtung zur Anſchauung gebracht, und eine ſolche zu charakteriſiren iſt jedes Schriftſtellers Recht und Pflicht. Im Uebrigen aber hat man gegen Gutzkow
ſo rückſichtsloſe, ſonſt von der guten Lebensart verpönte
Waffen debraugi⸗ ja, man hat es ſo wenig verſchmäht,
ſchlechte Bücher anzupreiſen, weil ſie Gutzkow's Perſönlich⸗
keit verzerrt zu zeichnen verſuchten, daß wir nicht einſehen, wie man ihm einen Vorwurf machen konnte, wenn er hier wirklich eine gute Novelle geſchrieben hätte, um auch von andern Leuten zu zeigen, daß ihnen Seiten abzugewinnen ſind, deren Bewußtſein ſie zur Höflichkeit und— Vorſicht R. Giſeke.
von Alphons Dürr in Leipzig.— Druck von Gieſecht à Devrient in Leipzig. . 3
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[II. Jahrg.
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