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496 Novellen allen feſſelnden Beziehungen.„... Sie hören, mein lieber Meißner, wie ich faſt in einem Athemzuge die Juden ver⸗ ſpotte und bemitleide; ſie ſcheinen mir aber auch in der That eben ſo lächerlich als ehrwürdig zu ſein. Ich konnte mich ihnen ausſchließlich nicht opfern, wie z. B. Hr. G. R. und Andere; ich gehe in keiner Partei auf, mögen es Re⸗ publikaner oder Patrioten, Chriſten oder Juden ſein..... Es wäre abgeſchmackt oder klein, wenn ich, wie man mir nachſagte, mich je geſchämt hätte ein Jude zu ſein, aber es wäre eben ſo laͤcherlich, wenn ich behauptete, ich wäre Ciner,“ u. ſ. w. Dennoch hatte Heine eine durchaus erhabene Anſchauung von dem Märtyrerthume dieſer Jahr⸗ hunderte lang unglücklichen Nation; daß er dabei nicht in die Sentimentalität verfiel, die noch heute ſo mannigfach in deren Kreiſen Mode iſt, kann ihn nur in unſrer Achtung ſteigen laſſen, denn nichts finden wir ungerechtfertigter als jenen ſ. g. Judenſchmerz— jetzt, wo kein Gebildeter mehr ein Vorurtheil gegen den ungetauften Theil des deutſchen Volkes haben darf, und wo der Einfluß, der factiſch in den Händen deſſelben iſt, es zu einem unbezweifelbaren Glück macht, ein Jude zu ſein.
In alle dem und vielem Anderen erſcheint uns Meiß⸗ ner's Charakteriſtik des geſchiedenen Dichters getreu, durch⸗ weg intereſſant und in gewiſſem Sinne erſchöpfend; nur mit dem Urtheil des Verf. über ſeinen Helden können wir nicht immer übereinſtimmen. Wenn Meißner von ihm ſagt:„Was eine ganze Zeit ſo mächtig und nachhaltig aufgeregt, muß ein lebendiges Princip in ſich tragen,“— ſo iſt dagegen gewiß nichts einzuwenden; ob aber dieſes Princip auf eine Apotheoſe und zwar eine ſo weit gehende Apotheoſe und perſönliche Verehrung, wie Meißner ihm ſpendet, allgemein Anſpruch machen darf, erſcheint uns einer andern Erwägung zu bedürfen.
Es iſt jedenfalls nicht wahr, daß Heine's Genius, wie einſt der Voltaire's, noch einen„Umſchlag der Weltſtim⸗ mung“ zu erwarten habe, um dann erſt volles Verſtänd⸗ niß, volle Gerechtigkeit zu finden: Voltaire's Zeitgenoſſen, als ſie ihm Nekrologe ſchrieben, kannten noch nicht das, was wir dem Wirken unſres berühmten Zeitgenoſſen vor⸗ aufgehen und nachfolgen ſahen,— die Revolution. Meiß⸗ ner ſelbſt, wie wir oben citirten, erkennt in ſeinem Freunde das revolutionäre Princip; er verkennt ihn aber, wenn er dieſer revoltirenden Tendenz irgend eine poſitive Grund⸗ lage unterſchieben will. Das eben iſt es, wodurch Heine ſich von Börne unterſcheidet. In Beiden, aus dem Juden⸗ thume hervorgegangen, empörte ſich die geiſtige Capacität gegen die beſtehende Welt, welche die Verachtung, die An⸗ feindung dieſes flüchtigen Volkes ſanctionirt hatte; in Börne aber war dieſe Empörung ein ſittliches Pathos, eine leidenſchaftliche humane Geſinnung, eine prophetiſche Begeiſterung, die der krankenden Welt einen neuen Meſſias verkünden und ſchaffen wollte,— in Heine dagegen revol⸗ tirte die einzelne geniale Perſönlichkeit nicht nur gegen die beſtehende Ordnung, auch gegen die pathetiſche Revolution
eines Börne; Heine that nichts für eine neu organiſirte Welt, er wollte nur aller Welt gegenüber ſein Ich, ſeine
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allen ſubſtantiellen Dingen und Begriffen in unberechen⸗ barer Caprice ſich wahren; Heine war kein Meſſias und wollte keinen, er war der Lueifer, der im Uebermuth und Frivolität vom Glauben an die ſittliche Vervollkommnung abgefallene Engel.
Daß Heine jene Luſt der Negation, von der wir Menſchen alle und wir modernen Naturen vorzüglich ein Theil in der eignen Bruſt tragen, in bewunderungswürdig virtuoſer Genialität mit ſtets neuen bunten Farben zur Darſtellung brachte, das war es, was ihn zum großen Künſtler machte und worin Meißner's Entzücken ein voll⸗ kommen gerechtfertigtes iſt; daß man deshalb aus diabo⸗ liſcher Sympathie oder aus äſthetiſcher Luſt oder endlich aus rein perſönlichem Intereſſe von ihm entzückt ſein könne, wollen wir gar nicht leugnen und wohl in dieſen Zeilen ſchon haben wir Zeugniß gegeben, wie ſehr wir ſelbſt ſolches Entzücken theilen. Daß man aber ihn, dem keine ſubſtanzielle Neigung, keine Philoſophie, kein Patriotismus, keine Liebe, keine Moral, kurz keine ideale Verpflichtung, kein principielles Band beikommen wollte, daß man dieſen
allerungezogenſten Liebling der Grazien vom Standpunkt
eines Ideals, von principieller Rückſicht aus unbedingt verherrlichen will, das ſcheint uns eine Unmséglichkeit. Alfred Meißner mag den Geſchiedenen ſehr liebens⸗ würdig gefunden haben, und er ſelbſt ſagt, daß er ſich per⸗ ſönlich ihm mannigfach verpflichtet fühle; der Dank, den er ihm dafür mit dieſem Buche zollt, iſt deshalb für ihn das Zeichen ebenſowohl eines guten Herzens, als einer höchſt honneten Geſinnung. Anderen Leuten aber hat Heine nichts als ſeinen zügelloſen Egoismus entgegengeſetzt; öffentliche Charaktere hat er mit ſeiner rein perſönlichen, alles inneren Gehaltes entbehrenden Malice aufs Unbarmherzigſte ver⸗ folgt,— wer will dieſe oder auch nur die unbefangenen
Zuſchauer zwingen, jene leidenſchaftliche Verehrung zu—
theilen? Meißner macht der deutſchen Preſſe, vorzüglich der letzten Jahre, den Vorwurf, ſie habe den leidenden Heine nicht nur verkannt, ſondern auch bösartig verfolgt,— wir für unſer Theil kennen keine nennenswerthen Angriffe, auf welche dieſe Aeußerung paßte. Wie auch wir es hier verſuchten, ſo hat man des Dichters Perſönlichkeit und
Wirken kritiſch beleuchtet und manche ſeiner Extravaganzen 4
mit dem Namen bezeichnet, den die Sprache dafür bietet, aber— verfolgt? Wahrlich, es iſt Heine nie mit den Münzen ausgezahlt worden, die er in Umlauf ſetzte,— war doch Niemand ſo wie er bei Kaſſe mit Rückſichtsloſig⸗ keit und Witz!
Im Uebrigen haben wir ſchließlich Herrn Meißner un⸗ ſern Dank zu ſagen für das anmuthige Buch, das er in dieſen„Erinnerungen“ uns geſchenkt hat. Daſſelbe iſt mit einer Anmuth und pikanten Grazie geſchrieben, in de⸗ nen zum Theil Heine's liebenswürdigſte Vorzüge ſelbſt ſich fortgeerbt zu haben ſcheinen. Vor allem iſt Heine's myſteriöſes Verhältniß zu jener beleidigten Freundin Bör⸗ ne's hier ausführlich dargeſtellt und literariſch gewiſſer⸗ maßen zum verſöhnten Abſchluß gebracht mit einem ſittli⸗ chen Takte, deſſen Mangel Heine's größter Fehler in ſeinen
Il. Jahrg.
Lebensluſt, ſeinen Witz und deſſen ſouveränes Spiel mit beſten Jahren war. R. Giſeke. Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Jürr in Leipzig.— Druck von Gieſecke 4 Deprient in Leipzig. 18 —;;—— 2 1 5 4 ₰
Novelle
Feuillet Chea Aus
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