Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
461
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Literariſche Beſprechungen.

Hiſtorietten. Von E. Koſſak. von Franz Stage. 1856.

Wir haben hier eine Reihe von Aufſätzen vor uns, die wir uns erinnern einzeln in Berliniſchen, Schleſiſchen und Rheiniſchen Zeitungen veröffentlicht geſehen zu haben; jetzt aber erſt, wo dieſelben geſammelt und geordnet uns in einem Buche entgegentreten, iſt es möglich, den vollen Werth dieſer Arbeiten und die poetiſche Kraft der Koſſak' ſchen Darſtellungen überhaupt zu würdigen. So gründ⸗ lich unſere deutſche Bildung, ſo zahllos die literariſchen Erſcheinungen eines jeden Jahres auch ſind, wie arm an Talenten erſcheint trotzdem unſer öffentliches Leben, wenn wir bedenken, wie Pariſer und Londoner Zuſtände ſtets raſche, ſcharfe Federn beſaßen, die ihre Eigenthümlichkeiten firirten; wie aber das intelligente, witzige, leichtlebende Berlin, das in ſeinem Kladderadatſch und in ſeiner Local⸗ preſſe ſo prägnante Producte ſeiner Bildung liefert, doch bis jetzt auf dem Gebiete der erzählenden und darſtellenden Literatur weder einen Boz, noch einen Balzac, noch auch nur einen Paul de Kock gefunden hat! In den vorlie⸗ genden Hiſtorietten ſehen wir eine ſolche Lücke unſrer Poeſie zum erſten Male ausgefüllt in einer Weiſe, die ihrem Stoffe gerecht zu werden und ſich ſelbſt in der Literatur eine blei⸗ bende Stelle zu erobern im Stande iſt. Dieſes eine Bänd⸗ chen von 280 Seiten bietet uns mehr intereſſante Züge, mehr tiefe Blicke in das große Menſchenleben, als wir viel

Berlin, Verlag

leicht ſelbſt in einem vielbändigen Boz'ſchen Romane ſie Beide Schilderungen, die von Koſſak ſowohl als

finden. die von Boz, ſind ſo recht eigentlich Stadtgeſchichte gegen⸗ über dem, was als Dorfgeſchichte ſich in unſrer Zeit ſo vielfach geltend gemacht hat. Wenn letztere uns in die Idylle des Landlebens einführt, ihre Verlaſſenheit in un⸗ geahntem Lebensreichthum darſtellt, ihre beſchränkten Kreiſe zu einer eignen, neuen Welt erweitert, das, was uns in dieſen Koſſak'ſchen Schilderungen überraſcht, iſt im Ge⸗ genſatze dazu die ſecirende, zergliedernde Manier, die den unüberſehbaren Organismus eines Großſtadtl. ebens bis ins Unendliche in ſeine Elemente und Atome zerlegt und im immer und immer Kleineren uns noch die Individua⸗ lität, die Eigenartigkeit aufweiſt.

Gewiß ein Jeder, wenn er betrachtend durch die beleb⸗ ten Straßen einer großen Stadt ging und er ſah das wie ein Meer unerſchöpfliche, wie eine Welt endlos mannigfal⸗

tige Treiben dieſer wogenden Menſchenmaſſen an ſich hin und wieder rauſchen, hat dann irgend einmal den Wunſch

gehabt, er könne mit Seherblicken den Sinn aller dieſer

ins Herz jeder dieſer

Erſcheinungen begreifen, e ins Herz jeder dieſer vorüberwandelnden Geſtalten en, um dem Räthſel ſol⸗

cher Unermeßlichkeit des Lebens auf den Grund zu kommen. Wer aber ſo recht lebhaft dieſen Wunſch empfand, dem ver⸗ band ſich damit vielleicht die Wehmuth darüber, daß all'

dieſe Lebenskraft eben nur vorüberrauſchen, daß alle dieſe

Thätigkeit der Vergeſſenheit anheimfallen ſollte, ohne daß die Menſchheit eine Ahnung von all' den einzelnen Mitteln und Zwecken hatte, die ins Werk geſetzt werden um ihres Lebens willen im Ganzen und Großen. Jenem Wunſche,

dieſer Wehmuth gewährt der Dichter der Stadtgeſchichten!

Befriedigung, der ſo möchten wir Koſſak's dichteriſche Wahrſagerkunſt begreiflich machen wie mit einem Zauberſtabe plötzlich jenes geſammte Treiben verſteinert ſtille ſtehen heißt und dann uns an die einzelnen Figuren und Gruppen hinführt; und wie er ſie wiederum mit ſeinem Zauberſtabe berührt, da öffnen ſie die Lippen und begin⸗ nen zu ſprechen, aber nicht zu ſprechen wie ſie ſonſt gewohnt ſind, klug, berechnet, liſtig, heuchleriſch, beſchönigend, kokett und unwahr; nein, jetzt müſſen ſie wahr ſein, kein Blättchen dürfen ſie vor den Mund nehmen, keine Falte ihres Her⸗ zens unerſchloſſen laſſen; wie ſie ſind zu unſerer und ihrer eignen Ueberraſchung, wie ihr Gott ſie erſchaut, ſo müſſen ſie rückhaltslos ſich kundgeben; wir aber, die wir das Alles ſehen, hören und begreifen, wir wechſeln mit Bewun⸗ derung und Abſcheu, Entſetzen und Mitleid, Lachen und Weinen und ſind am Ende doch, wenigſtens ein wenig wohl, getröſtet, daß dieſe Dinge nicht alle ewig bleiben. Es muß einem jeden Leſer Staunen abnöthigen, wie Koſſak das Berliner Leben in ſeinen verſchiedenſten Kreiſen kennt. Von der Sommerwohnung des Banquiers führt er uns in die armſeligen Mauerritzen der kleinen Leute vor dem Thore, in denen er den brutalen Vicewirth eben ſo gut kennt, wie die familiären Leiden jener Familie, die einen Landaufenthalt in einer Gegend wählte, in der Häu⸗ ſer und Menſchen durch das Waſſer zu Amphibien werden. Das große Zellengefängniß wird uns eben ſo detaillirt ge⸗ ſchildert, wie ein Familienball der Kleinbürger, oder ein Kaffee prätentiöſer Frauen, oder eine privatliterariſche Geſellſchaft penſionirter Geheimräthe und Generale, oder ein flotter Faſtelabend bei behäbigen Bürgersleuten. Der arme Muſikant und der große Arzt, der berühmte Berliner Schuſterjunge, ſo wie alle Sorten von Kellnern, der Bra⸗ tenbarde, d. h. der Theaterſänger, der um des Singens willen zu Tiſche geladen wird, die lauten Männerquartette und die Stillvergnügten bei Karten, Don Carlos, Streich⸗ inſtrumenten und Schachpartien, die Sonntagsreiter und die Cigarrenhändler, ſie alle werden uns unter Titeln und mit charakteriſtiſchen Zügen vorgeführt, die zum Theil jetzt ſchon in den Volksmund übergegangen ſind. Aus dem Knabenleben iſt uns eine Geſchichte von beherzigenswerther pädagogiſcher Bedeutung gegeben; in einer Schilderung des Ziehtages am erſten April, der Revolution der Stühle, weiß der Autor ſelbſt die todten Möbel reden zu laſſen. Zum Schluſſe endlich ſkizzirt er den öffentlichen Lärm ſei⸗ nes Berlin am Tage und den geheimen wüſten in der Nacht. Man ſoll an Koſſak's literariſchen und artiſtiſchen Ar⸗ tikeln vielfach jenen blaſirten Ton getadelt haben, dem es, bei großer Gleichgültigkeit gegen die Sache ſelbſt, nur um einen pikanten Ausdruck für die eigene Anſicht, um einen mehr oder weniger guten Witz zu thun iſt. Hier bei die⸗ ſen Lebensbildern iſt zu ſolchem Tadel faſt gar keine Ver⸗ anlaſſung. Es iſt ein alter Gedanke: wie Du biſt, ſo wird die Welt Dir erſcheinen, und nicht die Dinge ſind es, die das Bild machen, ſondern der Künſtler iſt es, der mit den Dingen ſein Bild zu Stande bringt; die Thatſache des Stoffes mag er der Wirklichkeit verdanken, die Wirkung deſſelben aus dem Kunſtwerk iſt einzig Sache des Autors, der ganz denſelben Zug zum Komiſchen eben ſo gut als zum Rührenden wenden kann. Wollen wir

danach die vorliegenden Skizzen beurtheilen, ſo iſt der