Jahrgang 
1865
Seite
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Jahrhunderten auf ihrem Platze ſteht, und, ch dem blühenden Rahmen ſich einfügendes faſt dicht an den Schloßgarten der nicht minder ſchönè der Heilanſtalt S Gilgenberg an, deren Namen in der jüngſten Vergangenheit weithin genannt worden iſt. Hätten wir Zeit, ſo wollten wir uns in Gilgenberg und Fantaſie ordentlich umſchauen, aber diesmal müſſe wir weiter wandern auf der Straße: wir ſind bald am Ziel, kucz hinter Fantaſie und Eckersdorf haben wir die Grenze des Miſtelgaus betreten, und in einer Stunde auch den Hauptort des gleichnamigen kleinen Gaues ſelbſt erreicht.

Großz iſt der Miſtelgau nicht; er umfaßt nur 13 größere oder kleinere Dörfer, aber er iſt etwas für ſich, und die Miſtelgauer wiſſen das auch, daß ſie etwas Beſonderes, Apartes ſind, daß dieHummel⸗ bauern, wie ſie ſpottweis von den Angrenzenden genannt werden, ſich von denSteinwespen, wie ſie wiederum zur Vergeltung ihrer getreuen Nachbarn auf der ſteinreichen Dondorfer Gemarkung und Umgebung heißen, abſonderlich unterſcheiden.

Schon in Bayreuth, wo wir ihn vielleicht auf den Markt oder zu Gericht gehen ſahen(bei letzterem müſſen wir es ihm aber nach⸗ rühmen, daß er nicht häufig vor die Schranken der Juſtiz gerufen wird; er iſt nicht proceßſüchtig; die Kriminalſtatiſtik des Bayreuther Unter⸗ landes iſt eine ganz andere, als die der altbayriſchen Provinzen), iſt uns der Miſtelgauer aufgefallen. Folgen wir ihm nun in ſein Dorf; müde geworden vom Wege, treten wir in das Wirthshaus. Wir finden das ſaubere Zimmer nicht gerade voll; der Miſtelgauer, ſo viel lebens⸗ luſtiger er auch iſt, als ſeine Nachbarn im Ober⸗ oder Voigtland, ſucht das Wirthshaus an Werktagen nicht viel auf, und iſt er da, ſo be⸗ fleißigt er ſich einer lobenswerthen Mäßigkeit und hält es ſogar nicht unter ſeiner Würde, ſein Bier nur ausSchoppen, den blankgeputzten, deckelloſenSchimmelen zu trinken, auf welche freilich ein Altbayer von gutem Schrot und Korn mit ſouveräner Verachtung herabſchauen würde. Aber etliche Männer ſitzen doch am Tiſche, diesmal in der Haustracht, der hellblauen Tuchjacke mit weißem Futter und Vorſtoß und der doppelten Reihe halbkugelförmiger Metallknöpfe, nicht mehr im Staatsrock, den wir in der Stadt geſehen haben; auch der Schlapphut fehlt und an ſeiner Stelle ſitzt die grüne Sammt⸗ mütze mit der Verbrämung von Marderfell auf dem Kopfe. Sie haben unſer Eintreten bemerkt; einer nach dem andern ſteht auf und reicht uns mit der Linken den Krug, während er die Rechte zum Handſchlag bietet; wir brauchen, ganz engliſch, nur mit dem Kopf darauf zu nicken und, ohne ein Wort zu ſprechen, aus dem darge⸗ botenen Kruge zu trinken. Das iſt von Alters her der Willkomm⸗ brauch in einem Miſtelgauer Wirthshaus.

Gehen wir aber weiter, in des Miſtelgauers Daheim, in ſein Wohnhaus. Der Holzreichthum des Landes hat in dem Bay⸗ reuther Land die Bauart der Häuſer beſtimmt: der Holzbau, Fach⸗ werk und Schindelbedachung herrſcht vor, wenn ſich auch bei weitem nicht die maleriſchen Conturen des ſüdbayriſchen Wohnhauſes finden. Dagegen, während dort die Fenſter meiſt eng und klein, ſind ſie hier breit und hoch, und Eduard Fentſch, der fleißige Mitarbeiter des SammelwerkesBavaria, meint das aus der Eigenart der Be⸗ wohner ableiten zu können:Der Thüringer und Franke iſt offener

und mittheilſamer, als der Altbayer und Oberpfälzer. Dieſer tritt in allen Dingen, wo der engere Familienkreis nicht genügt, aus der gefriedeten Sphäre des Hauſes ſofort in die Oeffentlichkeit heraus. Dagegen will er in ſeinem eigentlichen Hausleben ungeſtört und un⸗ beläſtigt bleiben. Er macht es deshalb den ſpähenden Blicken möglichſt ſchwer, ſein Thun und Treiben daheim zu belauſchen. Der Franke aber legt ſein Familienleben mehr bloß, zu ſeinen Fenſtern will er be⸗ quem hinausſehen und ſeinethalben können die Leute auch hineinſchauen.

Der Miſtelgau iſt wohlhabend, darum kommen in ihm viele ſtattliche, mehrſirſtige Bauerngehöfte vor, wenn ſie auch nicht immer ganz geſchloſſen und vollſtändig arrondirt ſind. Doch ſind Stall und Heuſchuppen an das Wohnhaus angebaut, in der Tiefe ſteht die Stadltenne; an der Hausſeite befindet ſich die Dungſtätte, in der Mitte des Hofes aber der unentbehrliche Taubenſchlag neben dem aus Granit erbauten Brunnen. An der Stadlthüre iſt ein Geier mit ausgebreiteten Flügeln angenagelt, damit der Hof ſicher ſei vor Wetterſchlag und auch derStaarentobl darf deshalb nicht fehlen, denn der Vogel iſt glückbringend, wie kein anderer. Das Wohnhaus

rend ſie doch ſchon ein anderes harm Stück, ſtößt ſo au

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wie anderwärts, ein Menſchenleben durch in Freud und Leid, da geht man auch den Lebensweg von der Wiege bis zum Grabe. Wir wollen letzterm nicht in ſeinen Einzelnheiten und Gewohnheiten, wie es andere Schilderer aus andern deutſchen Gauen gethan, folgen, ſondern mitten hineingreifen und ein Stück außergewöhnlichen, feſt⸗ täglichen Lebens herausnehmen.

s iſt nicht häufig, daß dieſes das gewöhnliche, werktägliche durchbricht; denMaientanz des Voigtlandes kennt der Miſtelgau nicht und ſo iſt für ihn dieKirwa der Tag, auf den ſich die Feſt⸗ freude eines ganzen Jahres zuſammendrängt. Sieht man nicht dem Burſchen, der da auf unſerem Bilde zur Thüre eintritt, dieſe Feſt⸗ freude an? Wie vergnüglich ſteckt die Hand in der Hoſentaſche, wie keck ſitzt der Schlapphut auf dem linken Ohr! Schon der feſte Griff, mit dem er die Thürklinke gefaßt hat, zeigt, wie ſicher er hier auftritt. Er kommt nicht nur alsPlatzburſche, diePlatzmad zumPlan abzuholen, ſondern als der erklärte Bräutigam des Mägdleins, an deſſen Schmuck eben die Mutter die vollendende Hand legt. Geld und Gut paſſen zuſammen; es iſt richtig⸗ zwiſchen den beiden. Darauf hält auch der Bauer. Daß einmal ein Aermerer mit einer Reicheren einen Liebeshandel anſpinnt, kann ſchon vorkommen; allein Liebe iſt nicht Heirath, und bei letzterer haben Vermögen und Standesgleichheit, Verwandtſchaft und Familie ein gewichtiges Wort mitzureden und es hat für keinen oder keine einen guten Ausgang genommen, die dieſe mächtigen Schranken trotzig zerbrechen wollten.

Am gebrochenen Herzen ſtirbt man nicht! hat der reiche Gundelbauer da droben am Ende des Dorfes geſagt, als ſein Töchterlein klagte und jammerte, daß ſie den ſchmucken Verwalter drüben vom Gute des Herzogs nicht haben ſollte, der ſie doch ſo lieb hätte und es ſou'ghoiglt meinte. Sie hatte ihm gefallen, die hübſche Dirne, und er meinte ſie wirklich nur ſelbſt und nicht ihres Vaters harte Thaler, als er ihr er war ſo ein wenig ein poetiſches Gemüth in den ſchönſten und feurigſten Worten von ſeiner Liebe ſprach, und es ging wirklich auch etwas wie eine Ahnung von einem höheren, geiſtigern, über die Schranken der dörflichen An⸗ ſchauungen hinausgreifenden Leben durch die Seele des Bauer⸗ kindes, wenn ſie ſo Hand in Hand an einem Sonntagsabend durch die Baumgänge des fürſtlichen Gartens wandelten oder er auch einmal zu einem verſtohlenen Stelldichein unter die väterliche Linde gekommen war. Da ſtanden ſie wieder einmal ſo beiſammen und er ſprach ihr wieder gar poetiſch vom Frühling, der gerade ins Land gekommen war, und den Blumen, die er mitgebracht, und wie er ſie meine, ſo oft er eine anſchau.Aber ich moin's nicht! donnerte es da auf einmal hinter ihnen und die breite, volle Geſtalt des alten Bauern ſchob ſich zwiſchen die beiden,und ich leid's nicht, ſo ein großbrittanniſcher*) Kerl kriegt mein Bärbel ſchon lang nicht. Und als dann der arme Freier geſenkten Kopfes davonge⸗ ſchlichen war und die Bärbel daheim weinte und lamentirte, da ſprach der Alte das vom gebrochenen Herzen und daß man nicht daran ſterbe, und ſie iſt auch nicht daran geſtorben; es ſind ſeitdem längſt andere, dem Vater genehmere Freier zumBaubeſchauen*) dageweſen, obwohl noch keiner dieZuſag erhalten hat, und heut ſchaut ſie ganz vergnügt zum Fenſter heraus und wartet auch auf ihrenPlatzburſchen, der ſie zumBlo führen ſoll.

Aber die beiden auf unſerm Bilde, die haben nichts von einem ſolchen Zwiſchenſpiel durchgemacht; da iſt alles nach echter Bauern⸗ ſitte glatt und eben zugegangen. Sie waren Nachbarskinder, gingen miteinander zur Schule, und als ſie groß geworden waren, der Peter ein weidlicher Burſche, die Marie eine rüſtige Dirne, da meinten wohl einmal die Nachbarn hüben und drüben, die zwei könnten einſt ein Paar werden, und am Ende meinten's die zwei auch. Und ſo ſteckte er ihr zu Pfingſten ein Birkenreis aus Bett, das iſt die officielle Liebeserklärung, und ward dann zumScheuer⸗ gang,d. i. zu dem nächtlichen Beſuch am Kammerfenſter, der anderwärts Fenſterln heißt, zugelaſſen; auch gingen ſie mitſammen zur Kirma da und dorthin oder nach Bayreuth auf den Jahrmarkt, und als er wieder einmal drunten inder Stadt geweſen war, um zulooſen, und am Abend ſpät mit den Kameraden heimzog, dieniedere

und er bald darauf fortmußte in eine ferne Garniſon, da ertrug ſies auch ſtandhaft, wie es einer echten Miſtelgauerin geziemt, und ward

ſelbſt iſt nicht überflüſſig groß und ſeine Räumlichkeiten nur auf den nöthigſten Bedarf berechnet. Aber in dieſen Häuſern lebt ſich auch,

*) Landesübliche Bezeichnung fürhochmüthig. **) Miſtelgauiſch und oberländiſch fürBrautſchau.

und ihn darum zumEinſtehen beſtimmendeNummer am Hut,

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