Jahrgang 
1865
Seite
765
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nicht entfernen. In jugendlichem Jagdeifer wollte ich auf ſie ſchießen, doch maln Vater, als echter Jägersmann, wollte es nicht zugeben und jagte ſie fort. Sie ſollten groß werden und ihn überleben.

Vor einer beinahe unzugänglichen Felswand wohin ein ver⸗ wundetes Thier ſich mühſam verkrochen wo manche jugendliche Kraft zurückgeſchreckt wäre, holte der 66jährige Jägerkönig des bünd⸗ neriſchen Hochlandes ſeine letzte Gemſe.

Von den drei erbeuteten Thieren wurde das eine heimgetragen und die beiden andern im Gletſchereiſe verſcharrt. Unſer Vater ruhte ſchon im kühlen Grabe, als das letzte durch mich abgeholt wurde.

Dieſer Gebirgsſohn, der in Ausübung ſeines Berufs während 53 Jahren mit den Elementen kämpfte, der unverzagt mit ruhigem Blick allen Schreckniſſen und Gefahren zu trotzen wußte, dem die Strapazen und Drangſale des Jägerlebens nichts anhaben konnten, hatte das bei uns Gemsjägern von Profeſſion ſeltene Glück, unver⸗ letzt und unverkrüppelt auf ſeinem ſtillen häuslichen Lager zu ſterben.

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We n elcher am erſten Auguſtſonntag ſeines Todes⸗

jahres ſich noch Aſtig geung fülte, mie ver Knabenſchaft ſeines Wohnortes einen Wettlauf aufzunhmen, ſollte einer begangenen Un⸗ vorſichtigkeit zum Opfer fallen. kr ſtarb an einer Lungenentzün⸗ dung, die er ſich dadurch zuzog, da er an einer zugigen Stelle ſich nach angeſtrengter Arbeit ſchweißpiefend auf eben eingeſammeltes Heu hinlegte. Er erwachte mit Schnerzen und Beklemmung. Sofort ließ er ſich zur Ader, in Ermanglung einer Lanzette mit ſeinem Jagdmeſſer, doch es floß kein Blut, Mühſam chleppte er ſich nach Mliſtienendllegte ſich, um enee n.- Mit größter Seelenruhe und in Geduld ergeben ging er ſeinem Ende entgegen, das er beinahe bis auf die Stunde vorausgeſagt hatte. Kurz vor

ſeinem Hinſcheiden(den 14. Auguſt 1837) raſirte er ſich noch ſelbſt, ließ ſodann ſeine Angehörigen herbeirufen und nahm einen rührenden Abſchied von uns.

Und nun ſagen Sie, Herr, derjenige Menſch, auf deſſen Ge⸗ wiſſen dreißig Menſchenleben laſten, könnte der eines ſo ruhigen Todes ſterben?

Mein Vater hatte, wie jeder, der ſich auf irgend eine Weiſe vor ſeinen Mitmenſchen auszeichnet, viele Freunde, aber auch ſeine Feinde; letztere haben viele grundloſe und ehrenrührige Gerüchte auf⸗ gebracht. Er ſelbſt konnte dieſelben nicht mehr entkräften, denn er ruhete ſchon längſt im kühlen Grabe, als ſie in die Oeffentlichkeit drangen, hätte es auch ſchwerlich gethan, denn es machte ihm Spaß,⸗ wenn ihm die Leute übernatürliche Kräfte zutrauten. Was ſie ihm Verbrecheriſches nachgeſagt haben, iſt erlogen. Die Gerichtsprotokolle können keinen einzigen Fall aufweiſen, wo er eines Verbrechens ange⸗ klagt oder überführt worden wäre.

Der Erzähler ſchwieg, die Erinnerung an ſeinen Vater ſchien ihn geruyrt zu haben. Vor mir lag das mächtige Gebirgstheater, auf dem ſich das merkwürdige Jägerleben abgewickelt hatte und es war mir ein ſeltener Genuß, nach den Angaben des Sohnes mit dem Fernrohre die Reviere zu durchmuſtern, in denen der Vater allein Herrſcher geweſen war. Jetzt hat das Gewühl der Touriſten die Gemſen längſt verſcheucht, aber lange noch wird fortleben das An⸗ denken des Gemſenkönigs von Graubünden.

Zur Fortſetzung unſrer Route war es zu ſpät geworden, wir kehrten nach Pontreſina zurück, aber ſie gereuten mich nicht, die Stun⸗ den, die ich auf jenem Felsbock im Hochgebirge den Erzählungen Colanis gelauſcht hatte. S.

Fine Jahrt mit ſhetländiſchen Stockfiſchfängern.

Von G. Beuguerel.

Es war an einem ſchönen Auguſtmorgen. Vollſtändig als

Fiſcher ausgerüſtet, trat ich aus der kleinen Hütte, die ich ſeit meh⸗ Leben gekoſtet hatte.

eines Sturmes, der ſeinem Sohne und vierzehn andern Fiſchern das

reren Wochen auf der Inſel Unſt mit einer armen Fiſcherfamilie ge⸗ derſelben Stelle hinausgefahren, wo er ſelbſt zu fiſchen beabſichtigte.

theilt hatte. Vor mir breitete ſich die ſchöne wilde Bucht von Harolds⸗ wick aus, umkränzt von hohen, baumloſen Hügeln, an deren Fuß die kleinen Fiſcherhütten zerſtreut liegen. Die Sonne ſandte ihre war⸗ men Strahlen auf die Gewäſſer der Bucht und auf das weite Meer. Große Scharen von See⸗ und Landvögeln ſchwärmten futterſuchend oder ſpielend umher. Vor den Hüttenthüren und auf den Felſen des Ufers ſaßen Frauen und Mädchen, Wolle ſpinnend oder feine Shawls ſtrickend, wie engliſche Damen ſie ſo gern tragen und deren Verfer⸗ tigung dem Inſelvölkchen eine kleine Erwerbsquelle bietet. Die Männer waren mit der Zubereitung der Fiſche beſchäftigt oder ſchick⸗ ten ſich zur Fahrt auf denHaff(Fiſchfang auf hoher See) an. Einzelne Boote mit weißen, vom Winde geblähten Segeln, ſah man ſchon in der Ferne die ſteigende Flut durchſchneiden und dem hohen Meere zueilen.

Die wackern Fiſcher, mit denen ich hinauszufahren pflegte, hat⸗ ten unſer Boot ebenfalls gerüſtet und bald ſtießen auch wir vom Lande und hatten in wenig Minuten das offene Meer erreicht.

Unſer Boot war, wie alle zu dem Zweck gebrauchten, etwa 25 Fuß lang, ſcharf an beiden Spitzen zulaufend, etwas höher, aber kaum breiter, als ein gewöhnlicher Rheinnachen. Die Mannſchaft, aus ſechs Leuten beſtehend, waren echte Muſter ſſetländiſcher Fiſcher. Von kleiner, kräftiger Geſtalt, mit ſonn⸗ und wettergebräunten Ge⸗ ſichtern, ſchienen ſie dazu gemacht, jeder Entbehrung und Anſtrengung Trotz zu bieten. Aus ihren feſten Augen ſchauten furchtloſe Herzen, geſtählt im Kampf gegen die Stürme des Oceans und gegen Todes⸗ gefahren, aus denen ihre unerſchütterliche Ruhe und Beſonnenheit ſie oft gerettet hatten. Mit Spannung und ſtiller Bewunderung hatte ich ſo manches Mal ihren Erzählungen gelauſcht, wenn ſie auf unſern Fahrten ſich ihre Erlebniſſe mittheilten.

Vor allem zog mich der alte ſchweigſame 65jährige Skipper (Steuermann) an. Zwei und vierzig Jahre lang war er ſchon unun⸗ terbrochen zum Fiſchfang hinausgefahren und war als der kühnſte und erfahrenſte Fiſcher der Inſel bekannt. Selten hielt er es der Mühe werth, etwas zu ſprechen, aber mit welchem Intereſſe hörte ich ihm zu, wenn er ſich darauf einließ, ein Bruchſtück aus ſeinem Leben zu erzählen! Beſonders ergreifend war mir diesmal die Beſchreibung

Als der Sturm heranbrauſte, wurden beide Boote von einander getrennt. Während er auf Tod und Leben gegen Wind und Wogen mit aller Kraft kämpfte, ſchoß plötzlich das Fahrzeug, in dem ſich ſein Sohn befunden, umgeſtürzt an ihm vorüber. Einen Augenblick ſchwanden ihm die Sinne, aber der Schrei ſeiner Begleiter brachte ihn wieder zu ſich. Er wußte, daß von ihm ihre Rettung abhing, daß eine einzige dieſer thurmhohen Wellen ſie in den Abgrund ſchleudern mußte, wenn er ihr nicht mit geſchickter Hand entgegenſteuerte. Da ver⸗ gaß er ſich und ſeinen Schmerz; mit gewohnter Kraft und Beſonnen heit regierte er das Steuer, mit klarer Stimme ertheilte er die Befehle und gerettet erreichten ſie das Land. Es klang ſeltſam rührend, als der Alte in ſeiner einfachen Weiſe und mit ſtockender Stimme die traurige Begebenheit erzählte und ſich dabei beſtändig der Ausdrucks⸗ weiſe der heiligen Schrift bediente, mit welcher er ſehr vertraut war.

Nicht minder intereſſant war mir der alte David, der uns von den Erlebniſſen ſeiner Jugend, wo er Walfiſchfänger geweſen, von Eisbergen und' Schiffbrüchen erzählte. Deer dritte theilte mir aus ſeinem Tagebuche mit, wie er als eauf der engliſchen Flotte den ruſſiſchen Krieg im ſtillen Oe gemacht und an der Küſte Kamtſchatkas mehrere Forts hatte eroberr helfen. Ebenſo wußte jeder der andern etwas aus ſeinem Leben zu berichten, während das Boot, von günſtigem Winde getrieben, raſch dahinglitt.

Schon iſt die Inſel Unſt mit ihren hohen Felſenklippen unſern Blicken entſchwunden und wir befinden uns auf unſrer kleinen Nuß⸗ ſchale mitten auf dem unermeßlichen Ocean. Nicht einförmig und leblos iſt das uns umgebende Schauſpiel. Auf einer weiten Strecke um uns her ſchwimmen Millionen und aber Millionen jener eigenthümlichen, gallertartigen und ſchirmförmigen Thiere, unter dem NamenMeduſen bekannt, die dem Waſſer eine graue Färbung geben, welche ſcharf mit den dunkelgrünen Meereswellen contraſtirt. Etwas weiter verräth ein dichter Schwarm von Vögeln die Nähe einer Bank Häringe, über die ſie ſich hermachen. Hier fliegt ein ſchwer⸗ fälligerBaßtölpel daher; er läßt ſich plötzlich ſenkrecht herunter und erhaſcht ſchnell einen auf der Oberfläche erſcheinenden Fiſch. Dort ſchwimmen ein Paar nordiſche Taucher, die durch unſere Annäherung erſchreckt raſch untertauchen, um in weiter Entfernung wieder zu

Sein Sohn war in einem andern Boot nach⸗