Jahrgang 
1865
Seite
756
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Bret ſchlagen zu laſſen. Ich will Dir nur beweiſen, daß ich auch ein gutes Gedächtniß habe, und höre das ſo gerne, wenn Du Deine kleine Frau lobſt, daß ſie an alles denkt! Wie wachen beide mit Liebe über der Erziehung ihrer Kinder! Wie kann er mit den Kindern ein Kind werden und ſpielen wie ein Kind! Mit welcher Geduld pflegte ſie ihn in ſeinen zahlreichen Krankheiten aber auch er wacht ſo manche Nacht an ihrem Lager wie willig erträgt ſie ſeine Launen und trüben Stimmungen!Es iſt kein großes Ver⸗ dienſt, ſchreibt ſie beſcheiden an ihren Schwager Reinwald;ſich in Schillers Launen gut zu fügen. Erſtlich hat er doch im ganzen genommen nicht ſo viele, dann erſetzen auch wieder ſeine heiteren, freien Momente die trüben leichter. Und wie iſt er mit der eingehend⸗ ſten Sorgfalt auf ihre Bequemlichkeit bedacht.Die kleinen An⸗ ordnungen, die ich noch im Hauſe zu machen habe, ehe Du kommſt, beſchäftigen mich auf eine angenehme Weiſe, ſchreibt er an Lolo den 21. Auguſt 1804,das Kabinetchen iſt ſchon gedielt, auch der Chriſtine ihre Kammer wird ordentlich und bewohnlich eingerichtet. Die Kinderſtube iſt jetzt recht comfortable, und auch das Schlaßzimmer daran. Zu dem harten Sopha laſſe ich aus Pferdehaarkiſſen, die ich noch vorräthig hatte, eine neue gute Matraze machen, zwei eichene Commoden und zwei neue eichene Tiſche hinein ſetzen, die andern ſchlecht conditionierten Tiſche von Buchenholz werden neu fourniert und gebeizt. Ein recht ſchönes Nachttiſchchen von Mahagony ſteht ſchon für Dich bereit und auch noch ein kleines Theetiſchchen mit einem lakierten Blech. Die Sopha⸗ und Stuhlkappen aus den guten Zimmern laſſe ich waſchen, wie auch die Vorhänge aus dieſen vorderen Stuben, die ich nun für mich nehmen werde.

Was meinſt Du, liebe Leſerin, zu ſo einem hausbackenen Poeten? Wie ſtimmt er zu Deinem Ideal? Doch damit Du nicht meineſt: ſo ſei er etwa nur gegen Ende ſeines Lebens geworden, ſo laß Dir erzählen, daß, als er um ſeiner Lolo Hand bei ihrer Mutter im Jahre 1789 warb, er ſich in der ausführlichſten Weiſe über ſeine Einnahmen und zukünftigen Ausgaben erging, daß er am 16. März 1801 an ſeine Frau ſchrieb:In Stuttgart werden Ca⸗ pitalien zu 5 Procent von der Landſchaft aufgenommen. Da die chere mère(ihre Mutter), wie ich weiß, ihr Geld nur zu 4 Procent ſtehen hat, auch ihre Capitalien ſchnell zurückgezahlt be⸗ kommen kann, ſo wäre bei einer großen Summe kein unbeträchtlicher Gewinn zu machen, auf jedes 10,000, 100 Thaler mehr. Viel proſaiſcher aber erſcheint der Dichter in dem obenerwähntenCa- lender, in den wir nun einen Blick werfen wollen.

Schillers Calender iſt ein merkwürdiger Beleg für ſeine häus⸗ lichen Tugenden, für ſeinen Ordnungsſinn und ſeine Pünktlichkeit, bei der man jedoch an keine pedantiſche Genauigkeit, oder auch nur an eine kaufmännniſche Sorgfalt zu denken hat. Der Calender (1795 1798 von Schiller ſelbſt angelegt in Folioformat, von 1799 1805 ein gedrucktes Schema) enthält drei Rubriken, die erſte für das Datum, die zweite für empfangene, die dritte für abgeſandte Briefe. Außer den ziemlich erſchöpfend eingetragenen Briefen(unter den eingegangenen heißt es öfters:ſchlechte Gedichte, mit und ohne Namenbezeichnung) enthalten aber dieſe Blätter in dem bun⸗ ten Durcheinander, wie es das menſchliche Leben mit ſich bringt, allerhand Notizen aus dem dichteriſchen Berufswirken und aus den Geſchäften eines guten Haushalters und Hausvaters. Da erfahren wir den Tag, wann ein Drama begonnen; die Tage, wann es fort⸗ geſetzt, wie den Zeitpunkt ſeiner Beendigung. So heißt es am 1. November 1797:Angefangen, den Wallenſtein in Jamben zu machen, während es am 22. Oktober 1796 heißt:an den

Wallenſtein gegangen und er am 17. März 1799 alsge⸗

endigt fürs Theater bezeichnet wird. Selbſt die Balladen ſind nicht an einem Tage beendet. Am 27. Auguſt 1798 heißt es:Bürgſchaft angefangen; am 30.:Bürgſchaft fertig. Zur Bewahrheitung des Wortes:der Menſch denkt, Gott lenkt, ſteht auch eine lange Reihe,(25 an der Zahl) von Dramentiteln da, deren Ausarbeitung er ſich für eine lange Zukunft vorgenommen hatte, dazwiſchen die Titel mehrerer der vollendeten Stücke, von ihm geſchäftsmäßig durchge⸗ ſtrichen. Ferner finden wir da kleine Ereigniſſe des täglichen Lebens verzeichnet, als:Chère mère angekommen oderabgereiſt. Oder wir begegnen Notizen, die ſeine Geſundheit betreffen: ein Paar vollſtändig abgeſchriebene, lateiniſche Recepte; unterm 23 Julius 1802:habe ich die Eſelsmilch angefangen; mehrere Male:Zur Ader gelaſſen, ½ Laubthaler dem Barbier Stieger. Außerdem

von 1300 Thalern.

6 Notizen über die Vertheilung ſeiner Werke:Exemplare von Wallen⸗

Velin: Goethe. Poſtp. Reinwald. Druckp. Göſchen ꝛc.

Am bemerkenswertheſten ſind aber ſeine hauswirthſchaftlichen und ſpeciell die Notizen über den Stand ſeiner Finanzen. Durch dieſelben wird vor allem die irrthümliche Anſicht widerlegt, als ob der Dichter ſich in beſchränkten Verhältniſſen befunden habe; ja wenn es wahr iſt, was in den kürzlich erſchienenErinnerungen einer alten Frau ge⸗ ſagt wird, daß im Jahre 1804 ein Profeſſor in Jena mit 400 Thalern jährlich gut auskommen, ja täglich Gäſte bei ſich ſehen konnte, ſo lebte Schiller in ſehr guten Verhältniſſen; denn er hatte, wie wir aus dem Calender erſehen, eine durchſchuittliche Einnahme Am Schluße eines Budgets, daß er am Ende des Jahres 1804 für die kommenden Jahre bis 1809 incl. aufſtellt, heißt es:

Ich brauche Ich empfange Fixe Beſoldung.

Jährlich ein Stück Intereſſen von 2000 Thlr.

Wirthſchaft Zucker, Kaffe, Thee... Wein 6 Eimer a 24 Rlhlr.. Holz, 16 Klaftern

Lichter 125 Pf.

Lohn und Neujahr

Mama

Kinder Unterricht.

Kleider in allem

Für mich und extra

Facit: 1300

Aus andern Stellen aber ergibt ſich, daß faſt alljährlich noch ein Ueberſchuß da war, auch ſind die Ausgaben wohl größer ge⸗ weſen, wie man aus folgender Berechnung erſieht, die zugleich ein ſchönes Zeugniß des Zuſammenlebens der beiden Gatten iſt. Am Ende des Jahres 1802 heißt es:

Berechnung für Wirth⸗ ſchafts⸗-Ausgaben im Jahre 1802*) Jährlich.

Wirthſchaft Tags à 1 Rthlr. 11 Gr.. Kleider für Lolo und Kinder Zucker, Kaffee und Thee... Lohn und Neujahr für Chriſtine und Jungfer. Seife und Bäcker Lichter

Meine Auslage.

Holz, Steuer, Brandkaſſe. 525 Rudolfs Lohn und 130 Meine Kleidev... 75 Intereſſen dem Pachter Unterricht der Kinder.. .. 4 12 Poſtgeld, Papier, Abſchreiben. Wäſcherlohn..... 35 Taback, Barbier, Apotheke ꝛc. 38 Trinkgelder und Ehrenausgaben . 35 Wein und Bier Facit: 900

. 125 Kleider und Neujahr 10

Notizen über eingelaufene und verausgabte, entlehnte und zurückgezahlte Gelder ziehen ſich durch den ganzen Calender. Natür⸗ lich ſpielen da die Buchhändler eine große Rolle und wir müſſen es zu ihrer Ehre, namentlich aber zur Ehre Cottas hier erwähnen, daß ſie unſern Dichter ſtets pünktlich und ſoviel wir zu beurtheilen ver⸗ mögen ſehr reichlich bezahlt haben, wie denn auch Cotta, gleich nach Schillers Tode, in einem wirklich warmen und herzlichen Briefe an die Wittwe ſchrieb:Da Sie nun dringende Ausgaben haben werden, ſo bitte ich für jedes Bedürfniß p. Wechſel auf mich zu

ziehen. Im Calender heißt es: Cotta hier geweſen; hat 190 Louis⸗

d'ors bezahlt, dann wieder:Für Cottas Rechnung 520 Thaler erhalten ꝛc. Oder es ſind eingelaufene Theatertantiémen:empfing ich vom Weimarer Theater 100 Thaler, oder auch:Von der Chère mère erhalten: 600 Neichsthaler. Einmal heißt es (7. Jau. 1803):Habe 650 Rthlr. von Frankfurt anonym erhalten.

Auch die Ausgaben, ſelbſt Portoauslagen, ſind ſorgfältig no⸗ tirt:An den Maurer 53 Rthlr. 9 Gr. bezahlt; ferner die junge Leſerin entſetze ſich nicht allzuſehr!für 4 Paar baumwollene Strümpfe 5 Nthlr., für ein Paar geſtrickte ſchwarze ſeidene Strümpfe 3 Rthlr., oder:Holz zu fahren 9 Rthlr. Solches zu machen 2 Rthlr. 20 Gr., dann wieder:12 Karolin an Lolo vorgeſchoſſen, oder:Goethe zurückbezahlt 76 Rthlr. 8 Gr.

Eine Hauptrolle ſpielen in dem Hausbudget das Holz und der Wein. Ende November 1803 finden wir eine ganz detaillirte, eine Seite langeHolzrechnung mit Anfang Februars Ann. Curr. angefangen. Mehr Raum noch nehmen die Notizen über den Wein ein. Stets iſt die Ankunft deſſelben nebſt Preis notirt: Zapf nebſt 1 Eimer roth und 1 Eimer weißen Wein, zuſammen 40 Rthlr. Bremer Portwein 40 Bout. à 20 Rthlr. Schwer Geld. Fröhlich mit 12 Bout. Frontignac zuſammen à 8 Rthlr. 12 Gr. 25 Bout. Champagner aus Rheims à 3 Livres. Frachtkoſten 13 Rthlr. 2 Gr. Seltener iſt Bier notirt:Das engliſche Bier

*) Dieſe Ueberſchrift, iſt von Charlottens Hand das übrige von Schiller geſchrieben.