der Kirche der Miſericordia ein langer, faſt maskenartiger Zug durch die Stadt bewegte. Mitten im Zuge ging der Mörder anſcheinend vollkommen gleichgültig einher, es hatte ihn niemand gelehrt, ob er mit einem Morde eine gute oder böſe That beginge! Vollkommen gleichgültig beſtieg er das hohe Schaffot, ließ ſich von einem Neger den Strick um den Hals legen und dann hinabſtoßen. Ziemlich indifferent und lautlos verlief ſich das Volk, meiſtens aus Neger⸗ ſklaven beſtehend, die man zu ſolchen Executionen hinſchickt, damit ſie keine Freiheitsgelüſte bekommen und ihre Herren nicht ermor⸗ den.— Daß aber Negerſklaven ihre Herren ermorden und dafür gehängt werden in einem Lande, wo es Sllaven gibt und Prügel ohne Juſtiz ausgetheilt werden, daran muß man ſich gewöhnen und iſt auch ziemlich daran gewöhnt. Auch hat die ſchlaue Sklaven⸗ züchterei ein Mittel erſonnen, ſich der Negerrache möglichſt zu ent⸗ ziehen. Wenn ein Negerſklave auf Befehl ſeines Herrn ſo gezüch⸗ tigt worden iſt, daß dieſer ſeine Rache fürchtet, ſo wird der Sklave auf ein Schiff gepackt und in eine ferne Provinz hin verkauft. Aber doch mag wohl mancher Sklavenhalter noch lange zittern, wenn er an einen gemißhandelten und dann weit weg verkauften Neger denkt, und ſo zittert am Ende ganz Braſilien vor ſeinem furchtbaren Krebsſchaden, der Sklaverei, was man auch erfinden und ſagen mag, um dieſe ſchwarze Unthat zu beſchönigen und das Gewiſſen zu beruhigen.
Philippe Neris Haus ward von deſſen Erben an einen deutſchen Kaufmann verkauft und dann an die Regierung abgetreten, welche die Marineacademie dort einquartierte. Auf dem Galgenplatz ſteht jetzt eine große Halle als Depot für die Eiſenbahn nach Petropolis, und Philippe Neris Name iſt im bunten Welttreiben von Rio längſt vergeſſen; nur ſeine nähern Bekannten gedenken noch ſeiner, zumal dann, wenn ähnliche Schauergeſchichten aus dem Sklavenleben wie ſchwarze Schreckensgeſpenſter auftauchen, und das ewige Gebot Got⸗ tes bewahrheiten, daß die Sünden der Väter gerochen werden ſollen an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.
Schloß Gefährlich ward nun eine Zeitlang gemieden, bis auch hier die Zeit jede Aengſtlichkeit verſcheuchte. Und doch ergriff mich ein ſeltſames Gefühl, als ich nach Jahren zum erſtenmal wieder durch jene verhängnißvolle Pforte kam, welche zum Hauſe hinaufführte. Ein alter engliſcher Junggeſelle wohnte in dem ominöſen Hauſe, welcher einige Zeit krank war und von mir behandelt ward. Der ebenſo liebenswürdige wie reiche alte Gentleman hatte im heißen Drange der Handelsgeſchäfte und unter deren glänzendem Erfolge es ganz vergeſſen, daß das Geld nur ein Mittel zum Leben iſt. Mochte nun Philippe Neris Schatten ihn gemahnen, daß alles Handelstreiben und jegliche merkantile Größe nur etwas ſehr Secundäres iſt, oder mochte der wunderbar poetiſche Hauch, der ſeit dem Fortgehen jener beiden lieblichen Schweſtern noch immer im Hauſe und um das Haus Gefährlich herumwehte, auch ihn daran erinnern, daß eine wun⸗ derſchöne Blüthe im Mannesleben doch immer von Frauenhänden gereicht wird: mein engliſcher Freund zog, kaum hergeſtellt, mit tief elegiſchem Ton, daß er für ein großes Vermögen eigentlich ein ſchönes Daſein verfehlt hatte, von Schloß Gefährlich fort und ging nach England zurück, ein ächter Typus von hunderten wohlerzogener Europäer, namentlich Engländer, die mit rüſtiger Arbeitskraft und in der Abſicht, auf redlichen Wegen ein Vermögen zu machen, nach den Tropen gehen, ſpät zum Ziel gelangen und dann nicht wiſſen, was ſie mit dem Vermögen und mit ſich ſelber anfangen ſollen.
Um dieſelbe Zeit nahmen meine braſilianiſchen Nächte einen ernſten, düſtern Anſtrich an. Grade wie unter dem üppigſten Blüthenſchmuck der Tropen die giftigſten Schlangen lauern, grade ſo birgt die wunderbare Aequinoctialgegend Amerikas eine entſetzliche Krankheit, welcher grade die friſcheſte, blühendſte Jugend, grade die eben von Europa kommende zum Opfer fällt. Das mit Recht durch ſeinen bloßen Namen ſo verrufene gelbe Fieber, geißelte den langen braſilianiſchen Küſtenſtrich und ſchien wirklich alle alten früheren Ver⸗ hältniſſe, auch beſonders den freundlichen geſelligen Verkehr unter den ausländiſchen Familien, wie ich ihn oben angedeutet habe, gänzlich und für immer zerſtören zu wollen. Von Seiten des großen Stadt⸗ hoſpitals mußte die Einrichtung eines ganz getrennten und möglichſt auch von der Stadt geſonderten Gelbfieberhoſpitals getroffen werden. Ich ward, nachdem ich ſchon einen mehrjährigen Kampf gegen dieſe gelbe Peſt geführt hatte, zum Director dieſes neuen Hoſpitals ein⸗
geſetzt und führte dort während achtzehn Monaten das ſeltſamſte Leben, was wohl je ein proteſtantiſcher Arzt geführt hat. Auf einem der
gefährlichſten Vorpoſten ſtehend, den die ärztliche Praxis nur zu bieten im Stande iſt, und umgeben von einer Reihe franzöſiſcher Soeurs de charité, jener wunderbaren todesmuthigen Mädchen, die allem, was das Leben bietet und beſonders dem Leben ſelbſt entſagt haben, um in allen fünf Welttheilen die Werke des barmherzigen Samariters zu üben, wohin nur immer der Wille ihrer Oberen ſie hinſchickt, machte ich hier ein vollkommenes Kloſterleben durch. Morgens früh ward die Viſite gemacht und der Apothekerin die Vorſchriften gegeben. Dann begann mein weiteres Leben in der Stadt und dem Miſericor⸗ diahoſpital,— aber Abends um 8 Uhr war ich wieder auf meinem einſamen Poſten im Gelbfieberhoſpital(Nossa Senhora da Saude) zur Abendviſite und vollendete die Tagesarbeit. Dann brachte die Schweſter Pförtnerin die Schlüſſel, und unſre Clauſur trat in ihrer vollen katholiſchen Unerbittlichkeit ein; nur für dringende ärztliche Fälle ward unſere Gartenpferte geöffnet.— Nur dreimal in achtzehn Monaten folgte ich Einladungen zu geſelligen Zuſammenkünften, nachdem ich die Abendviſite im clauſtrirten Hoſpital gemacht hatte. Das dritte und letzte Mal bot mir eine erſchütternde Nachtſcene, eine ernſte braſilianiſche Nacht, ſo daß ich ſeitdem keine Abendgeſellſchaft zur Zeit des gelben Fiebers aufſuchte.
Eine unſerer guten Schweſtern im Miſericordiahoſpital lag im Sterben; ärztlich war nichts mehr für ſie zu thun. Mit dem pei⸗ nigenden Gefühl, vom Sterbebette zu einem Feſte gehen zu müſſen, war ich von der Stadt fortgefahren. Als ich um 1 Uhr Nachts zurückkehrte, war ich von der trefflichen Oberin erſucht worden, noch einmal zum Miſericordiahoſpital zu kommen. In wenigen Minuten war ich dort und traf in einem weiten, kaum von einer Kerze erleuch⸗ teten Saal alle 42 Schweſtern in einem weiten Kreiſe und ſtillem Gebete um das Bett der eben verſtorbenen Schweſter knieen; ich ſollte ihren Tod conſtatiren, damit gleich in der erſten Morgenſtunde die Vorbereitungen zu ihrem Begräbniß am Nachmittag getroffen werden könnten. Ich habe nie eine wehmüthigere Scene erlebt!
Und ſoll ich nun noch von braſilianiſchen Nächten erzählen, dier ich in jenem Gelbfieberhoſpital zugebracht habe?— Oh, wie ver⸗ ſchieden waren ſie von ſolchen glänzenden Botafogonächten und bunt⸗ farbigen Feſten!— Auch hierher kamen muthige Seeleute aller Klaſſen, aber elend und todesmatt, denn die grauſige gelbe Krankheit lag ihnen auf dem einfallenden Antlitz, und über den blauen Lippen ſtürzte ihnen das ſchwarze Erbrechen hervor! Auch hier wandelten anmuthige junge Mädchen umher, aber nicht in Balltoiletten, ſondern in härenem Kloſtergewand mit den ſeltſam geformten weißen Kopftüchern, die ihren Siegeszug bereits um die ganze Erde herum gemacht haben. Auch hier war die Mädchenhand, auch hier das holde Frauenauge Heil und Licht, — aber die Hand zur Pflege der Todtkranken, aber das Frauenauge mit dem ſchweſterlichen Seligkeitsblick in das Jenſeits gerichtet, wohin es dem brechenden Auge der ſo fern von der Heimat Sterbenden den Weg zeigte. War die ſpäte Arbeit gethan, war alles beſorgt, gepflegt und getröſtet, ſo ging ich in mein Zimmer und arbeitete, oder ſaß auch wohl noch im Garten inmitten der wunderbaren Tropen⸗ nacht, die in ihrer großartigen Pracht über der weiten Meeresbucht bis zur majeſtätiſchen Serra da Eſtrella ſich hingelagert hatte, und gar keine Ahnung zu haben ſchien von dem tiefen, erſchütternden Ernſt in einem Gelbfieberhoſpital,— während die Schweſtern in ihrer kleinen Kapelle mit ihren hellen Sepranſtimmen der Jungfrau Maria den ſpäten Lobgeſang darbrachten.— Aber ſolche Tropennächte von achtzehn Monaten, die freilich für mich einen ſehr ernſten Feldzug bildeten, intereſſiren die Leſer des Daheim gewiß nicht. Die letzte der damaligen braſilianiſchen Nächte führte mich an Bord der fran⸗ zöſiſchen Corvette Galathea auf der weiten Rhede von Rio, inmitten eines kriegesmuthigen franzöſiſchen Geſchwaders von fünf Schiffen. Vor Tagesanbruch ſchon klimperten die Ankerketten der Corvette und die der Dampffregatte Catinat, deren Schornſteine mächtig dampften, weil das Schiff uns in die See hinausſchleppen ſollte. Die Sonne kam; der Dampfer nahm uns ins Schlepptau, unſer Seemarſch begann. Auf der Admiralsfregatte Andromede blies das Muſikchor: Partant pour la Syrie; die Mannſchaften der Fregatte und zweier Kriegsbriggs ſtanden in den Wanten und auf den Raen, und riefen ein donnerndes vive lEmpereur, während die Officiere uns ein herz⸗ liches bon voyage zuriefen. In Zeit einer halben Stunde rauſchte noch einmal ein bewegtes buntfarbiges Leben von ſiebenzehn Jahren an mir vorüber,— dann waren wir im weiten Ocean, unſere Kanonen wurden ſcharf geladen, denn es war die Zeit des Krimkrieges; der


