Jahrgang 
1865
Seite
702
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die Aufgabe zu abſolviren, was ihnen auch glücklich gelang; dafür verweilten ſie auf der Spitze, die eine der wundervollſten Ausſichten bietet, keine Viertelſtunde; aber den Lohn, den ſie ſuchten, hatten ſie: noch nie dageweſen.

¹*3c geſtehe, daß ich zu denjenigen gehöre, deren Haupttriebfeder Erholung und Vergnügen iſt, die Freude an der großen Gletſcherwelt mit ihren Geheimniſſen und Gefahren, ihren ſcharfen Contraſten von rauher Wildheit und lieblichen Ausblicken; die todtenähnliche Stille dieſer Welt, die doch ſo laut und verſtändlich zum Herzen redet, zieht mich mächtig an mit unwiderſtehlicher Zaubermacht.

Wir waren unſer fünf, die wir uns entſchloſſen, das ca. 11450 Pariſer Fuß hohe Wetterhorn zu erſteigen, und fünf der wägſten und beſten Führer aus Grindelwald wurden erkoren; das Commando ſollten die Brüder Chriſt. und Peter Michel haben. Gegen das Ende des Monats Juli war es; das Wetter war ſchön und günſtig und ſehnſüchtig harrte ich jeden Tag der andern vier Begleiter. Endlich am 28. Juli trafen ſie ein, wohl geſtiefelt und geſpornt. Raſch waren die Führer auf dem Platz, freudigen Muthes. Jeder derſel⸗ ben hatte ſeinen Torniſter und ſein Gletſcherbeil und das unentbehr⸗ liche Zubehör, ein langes Seil ward nicht vergeſſen. Es wurde eingepackt, was an Speiſe und Trank nöthig erachtet wurde, um die zahlreiche Geſellſchaft während anderthalb Tagen bei Kraft und gutem Humor zu erhalten; Eier, Fleiſch, Käſe, Brot, Kaffee, Zucker, Wein und Kirſchgeiſt dazu, und wollene Decken zum Nacht⸗ lager. Der treffliche Gaſthof zumAdler lieferte alles das in beſter Qualität, und luſtig war's zu ſehen, wie die umſtehende Menge ihren Commentar dazu machte. Endlich war's richtig!Iſt alles be⸗ reit? alles in Ordnung? Vorwärts dann in Gottes Namen! com⸗ mandirten wir Michel, ein Händedruck den Zurückbleibenden,B'hüt Gott! riefen ſie noch, und die ganze Colonne ſetzte ſich in Bewegung dem ſchönen Wetterhorn entgegen. Es war ein Uhr Mittags.

Wer es einmal geſehen hat dieſes Wetterhorn, geſehen vom Grindelwald aus, wie es ſo groß und freundlich ins Thal herunter⸗ ſchaut, der kann's nicht mehr vergeſſen. Wie von der Scheidegg die wilden Felſen ſenkrecht aufſteigen bei 5000 Fuß hoch, wie da aus einem wilden Schoß die Gletſcher herunterſchauen und dann aus dieſem unzugänglichen Gletſcherſchoß die oberſte Spitze, eine kühne Pyramide, hoch in die Lüfte ragt! Und ſeine weſtliche, uns zugekehrte Seite, welch reiche Mannigfaltigkeit der Linien, welch reicher Wechſel von Fels und Gletſchern und grünen Raſenbändern, welche har⸗ moniſche Mannigfaltigkeit der Farben und der Formen, wie ſie eben faſt nur das Berneroberland bietet, ſo im großen Ganzen der Alpenkette als in vielen einzelnen Gebilden derſelben! Das iſt der unbeſchreibliche Reiz der Alpenwelt, der viele tauſende alljähr⸗ lich aus weiter Ferne lockt und der das HeimwehliedHerz, wohin zieht es Di in Bernerlanden ſo volksthümlich hat werden laſſen.

So ſchön aber das Wetterhorn in ſeinem Ganzen ausſieht, ſo wenig einladend zur Erſteigung ſieht ſich's unmittelbar vom Fuße an; und weſſen Blick in den Bergen ungeübt und ungewöhnt iſt, der möchte dieſes Wetterhorn von hier aus leicht für ganz unzugänglich halten, ſo ſchroff ſieht es aus.

Unſer Weg führte uns, ſeitdem wir die ſchönen Thalgelände von Grindelwald hinter uns hatten, über einen alten vorgeſchobenen Mo⸗ ränenzug des Gletſchers, von dem er heute viele hundert Fuß entfernt iſt; wahrſcheinlich, daß ums Jahr 1600 der Gletſcher ſoweit ſich geſtreckt hat; dieſe Moräne iſt dicht überwachſen mit Erlen und anderm Geſträuch; bald nimmt uns ein Ahornwäldchen auf und führt der Pfad langſam über üppige Weiden anſteigend in ungefähr drei Viertel⸗ ſtunden unmittelbar an das Felsgeſtell an dem Punkte, wo einzig die Erſteigung deſſelben möglich iſt. Es iſt die nördliche Seite des Ber⸗ ges, der entlang im Sommer ſo viele Reiſende den Abhang der großen Scheidegg auf- oder niederſteigen. Zwei kleinere Schneefelder, die auch in dem wärmſten Sommer nicht ganz wegſchmelzen, ſind die Nieder⸗ lagen von zwei ſtarken Lawinen, die beſonders zur Frühlingszeit hier und da in wundervollen Stürzen über die gewaltigen Felſenmaſſen herunterdonnern; das tiefer liegende kleinere der beiden Schweſelder bezeichnet den Punkt, wo anzuſteigen iſt.

Nun erſt geht eigentlich das Steigen an und wir ſind in der rechten Gebirgsregion. Aber wie es uns aufwärts zieht, dem Gipfel zu, ſo wollen wir auch den Leſer ohne weiteres über die nächſten Stunden mühſamen Steigens hinweg und gleich in unſer Nachtquar⸗ tier führen. Das Jauchzen des vorderſten Führers verkündet den

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erſehnten Ort, den ſogenanntenGleckſtein, zu dem wir in großem Halbkreis gelangt ſind. DieſerGleckſtein(ſo genannt, weil früher den Schafen hie und da bei demſelbemGleck, d. h. Salz, gereicht wurde) iſt nichts anderes, als mehrere vom Wetterhorn herunterge⸗ ſtürzte Felsblöcke, die ſo freundlich waren, ſich günſtig zuſammenzu⸗ fügen, um eine enge, aber geſchützte Höhle, unſere Herberge zu bilden.

Weit und breit iſt ein ödes Trümmerfeld, durchfloſſen von klaren Gletſcherbächen. Allgemach entwickelte ſich nun in dieſer Wüſtenei ein fröhliches Leben. Luſtig loderte das Feuer und darum herum lagerten ſich die einen, in Bettdecken, Wämſer, Zipfelmützen gehüllt, andere ſuchten ſich auf den Felſen und um dieſelben ein Plätzchen, ein jeder nach ſeinem Geſchmack, undes kreiſte ſo fröhlich der Becher in dem kleinen Kreiſe herum, und dazu die Geſänge und Jodler in den ſchönen Abend, in die Dämmerung und endlich in die Nacht hinein, es war ein köſtliches, heiteres Bild voll Leben und Friſche voll Humor und Fröhlichkeit. Und rings die hehre Stille der rudr Alpenwelt! Ich entfernte mich ein Paar Schritte von der fröhlichen Gruppe wie eigenthümlich großartig iſt doch ſo eine Nacht im Hochgebirg! Ernſt und gewaltig thronen rings die Majeſtäten und halten treue Wacht; es iſt als ob ſie hinaufragten in den Himmel, als ob die Sternlein ihre Häupter krönten, ein funkelndes Diadem, wie kein Fürſt es je getragen; als ob in langen und weiten Falten das weiße Gewand ſich herunterzöge, ſo ſteigen die Gletſcher hernieder bis in unſre Nähe; um uns her aber das Steingeröll, die Felsgebilde mit ihren tauſend kleinen und großen phantaſtiſchen Schatten, die zu leben, ſich zu regen, ſich zu bewegen ſcheinen, und ein Flüſtern, ein Säuſeln ringsumwunderbare Zaubernacht, die den Sinn um⸗ fangen hält!

Doch zurück zur Geſellſchaft; es iſt Zeit, ſich etwas zur Ruhe zu begeben.Siiſt doch für dieſe Höhe verdächtig warm; was meint Ihr, Michel? Und der bedächtige Chriſten meinte:Es will mir auch nur halb gefallen; der Föhn iſt im Spiel; werden morgen Nach⸗ mittag ſehen, was er bringt. Mehr war nicht herauszubringen; die klugen Wetterpropheten ſagen nicht alles.

Eingeſchlupft in unſre Höhle, matt erleuchtet durch ein Kerzen⸗ licht. Nun, lieben Freunde, legt Euch 9 Mann in einen Raum von oben angegebener Dimenſion und ſeht zu, wie Ihr zurecht kommt. So eine Nacht iſt zum Ausruhen gar wenig geeignet, und der Schlaf ſenkte ſich nicht ſogleich auf alle. Doch ſtille ward's nach und nach in unſerm Zelt; das Rauſchen der Bäche draußen wiegte bald alle in leiſen Schlummer ein.

Die gute Seite einer ſo ſchlechten Situation iſt die, daß man ſich gern daraus wieder erhebt, und als daher bald nach 2 Uhr unſer Küchenmeiſter die Tagwache rief, waren wir ſchnell munter und zum Aufbruch bereit. Eine herrliche Nacht! Kein Wölkchen am Himmel, und zauberiſch hoben ſich wieder die Gletſcher und Hörner in ihren coloſſalen Umriſſen am dunkeln ſternbeſäeten Himmel ab.

Das Thermometer zeigte 90 C.; dieſe Wärme und die flim⸗ mernden Sterne verkündeten nicht das Beſte. Doch ſei's drum; man nimmt's, wie's kommt. Der Imbiß war genommen, der unnöthige Proviant wird zurückgelaſſen, um bei der Rückkehr zu dienen.Alles fertig?Ja!Vorwärts denn! erging das Commando und die Colonne ſetzte ſich in Marſch, Mann für Mann, über die Trümmer⸗ halde hin in die dunkle Nacht hinein. Langſam nur ging's vorwärts, einerſeits wegen der Dunkelheit, andererſeits weil's überhaupt zweck⸗ mäßiger iſt, piano zu beginnen.

Eine Stunde ungefähr mochten wir ſo marſchirt ſein, lautlos faſt, da ſchlug allmählich an die höchſten Gipfel ringsher der junge Tag; der Eiger, der Mönch, das Schreckhorn ſie erglühten im Glanz der aufgehenden Sonne roth und weiß wie die Farben des Landes, das ſie zieren. Da thaut der Menſch auch auf; fröhliche Jauchzer ließen wir ſchallen und die Geſpräche auch begannen zu tagen. Bald betraten wir den Gletſcher, der leicht zu paſſiren war, weil ohne bedeutende Schründe und mit nur mittlerer Steigung; wir ziehn uns im Steigen linkwärts dem Grate zu, der von der Spitze her ſich abſenkt und in derEnge ausläuft. Ohne Beſchwerde rückten wir ziemlich raſch vor, ſo daß wir nach einer Stunde dieſen Gletſcher ſchon hinter uns hatten und den nackten Fels betraten, der ſteil vor uns ſich thürmte und erklettert werden muß. Es iſt diejenige Partie, die im Frühſommer, wo noch viel Schnee liegt, gefährlich werden lann durch Lawinen, wodurch ſchon mehr denn eine Erſteigung vereitelt worden iſt. Heute war wenigſtens jetzt am Morgen

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