Jahrgang 
1865
Seite
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verbunden werden ſoll, ferner im Franzöſiſchen, wo anerkannt wird, daß der Prinz bereits einen guten Anfang gemacht habe, dann in der Mathematik, die jedoch erſt, wenn des Prinzen Alter es zu⸗ läßt, vorgenommen werden ſoll, und dann ſogleich mit Anwendung auf das, was zum Kriege gehört, ſo daß der Prinz von Jugend auf angeleitet werde,einen General zu agiren.

Nichts, fährt die Inſtruktion alsdann fort das einem großen Fürſten beſſer anſteht als Wohlreden. Der Oberhofmeiſter ſoll deshalb darauf ſehen, daß der Prinz zur Eloquenz angehalten werde. Er ſoll kleine Reden zuerſt auswendig lernen, dann ſelbſt ausarbeiten, Reden, in denen er jetzt eine Gratulation vorträgt, dann eine Armee zu einer rigoureuſen action animirt, dann im Kriegsrath etwas perſuadirt, dann auf verſchiedene Meinungen einen Schluß faßt, und dergleichen mehr. Um hiebei mehr zu erreichen, ſoll er mit einem wohlbeanlagten Knaben von gutem Hauſe zuſam⸗ mengethan werden; beide Knaben ſollen ſich nach den Regeln der Eloquenz anreden. Dabei ſoll darauf geſehen werden, daß der Prinz alles rein und laut ausſpreche, wie überhaupt, daß er bei allem wohl anſtändliche Sitten und Geberden, ein Mittel zwiſchen Majestaet und Humanitaet zeige, da dieſe Jedermann ins Auge leuchten und hieraus insgemein die opinion formirt wird, die man vom Fürſten hat.

Dies ſind die Hauptpunkte der Inſtruktion, ſoweit ſie die Er⸗ ziehung und den Unterricht des Prinzen betreffen.

Es war ein feierlicher Akt, mit dem Graf Dohna in ſein Amt eingeführt wurde. Die Kammerherren und Miniſter, die Generale und Geſandte waren auf das Schloß beordert. Der Kurfürſt und die Kurfürſtin ſaßen auf ihren Thronen, der kleine Prinz wurde vorge⸗ führt, und auf Befehl des Kurfürſten hielt der Wirkliche Geheime Rath und Staatsminiſter von Fuchs die Anrede. Er ſprach fran⸗ zöſiſch und Graf Dohna antwortete franzöſiſch.

Die Rede des Miniſters von Fuchs war mit Schmeicheleien überfüllt, hochſteigenden Schwulſtes, eine gut eingelernte Rede im Hofſtyl jener Zeit. Der Miniſter von Fuchs war ein Mann bürger⸗ licher Herkunft, den ſeine Talente, bedeutende Talente diploma⸗ tiſchen Verhandelns, emporgehoben hatten. In dieſen Jahren glänzte er beſonders durch ſein Rednertalent.

Die Rede des Grafen zu Dohna war in allem das Gegentheil: kurz und knapp; nicht ohne leiſen Sarkasmus gegen dieſchöne Be⸗ redtſamkeit, mit der Herr von Fuchs die Ohren Ihrer Kurfürſt⸗ lichen Hoheiten angefüllt habe; übrigens präcis in dem Verſprechen der Treue und Ergebenheit, die er auch in dieſem ſchwierigen Amte beweiſen wolle.

Intereſſanter als dieſe Reden wäre es uns, wenn wir einen Blick in die Seele des Prinzen thun könnten. Ein derber, kraft⸗ voller, ja ein muthwilliger, ausgelaſſener Knabe ſtand mitten in einer Feierlichkeit, war die Hauptperſon derſelben, und verſtand doch wohl von allem das wenigſte. Zwar unaufmerkſam hat er ſie nicht an ſich vorüber gelaſſen. Kinderaugen ſind immer ſcharf, und Kin⸗ derohren immer fein; die ſeinigen aber waren es diesmal beſonders. Denn von dem Bewußtſein, daß er in anderem Sinne als rings in weiten Landen irgend Einer ein Herr ſei, war ſchon mehr als ein beſcheiden Kindertheil in ihn eingedrungen.

Hat er alſo unter anderm vernommen, daß Herr von Fuchs ſeinem Gouverneur einſchärfte,ihn Unterwerfung unter die Geſetze zu lehren, bevor er merke, daß er über denſelben ſtehe? Hat er ein Ohr dafür gehabt, daß der Miniſter von ſeinem ausgezeichneten Naturell, von ſeinen lebhaften und feurigen Augen, von der Majeſtät ſeiner Haltung ſprach, von alle dem, was dem klugen Hofmann als eine Prophezeiung höchſter und ſeltenſter Tugenden erſchien, eine Prophezeiung der Tapferkeit, Weisheit, Milde und Güte, alles des Großen zuſammen, was ſonſt nur in geringem Maße, oder ver⸗ einzelt und getrennt, einem Sterblichen zu Theil wird?

Alſo in die Schulſtube ſoll jetzt der kleine Prinz.

In der Inſtruktion hieß es, daß wegen der Studien ein Ephorus angeſtellt werden ſolle, mit dem der Oberhofmeiſterüber alles, was nach und nach vorzunehmen ſei, concertiren ſollte. Es wurde auch ſehr bald Ernſt damit gemacht. Wenige Tage, nachdem Graf Dohna ſein Amt angetreten, am fünften März, war Johann Friedrich Cramer beſtallter Ephorus.

Cramer, ein gelehrter Mann von ziemlich bedeutendem Re⸗ nommé, hatte nur einen Fehler: er dachte, ſprach und ſchrieb immer

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lateiniſch. Die römiſchen Dichter kennt er auswendig, er citirt ſie

beſtändig; die ciceroniſche Eloquenz iſt ihm geläufig; beſonders aus den Paradoxis ſcheint er gelernt zu haben, denn er opponirt viel und beweiſt gern das Gegentheil vom Augenſcheinlichen. Wir wollen einen Fall anführen.

Ein Ehemann verliert ſeine treue Gattin, nicht in ſpätem Alter, ſondern in friſchen jungen Jahren; er iſt in Kummer ganz verſenkt. Joannes Fridericus GCramerus, der ihm näher bekannt iſt, weiß das; er ſieht und erfährt es. Dennoch ſchreibt er ihm einen Brief, worin er, unter Citaten aus Horaz und Juvenal, unter Auskra⸗ mung mancherlei Wiſſens über allerlei bekannte Frauen und Männer des Alterthums beweiſt, daß er eigentlich hoch und glücklich zu preiſen ſei.Quam felicem ergo te, quamque beatum, Vir amplissime, praedicem!Wie glücklich, ja, wie glückſelig, verehrteſter Herr, muß ich Dich alſo preiſen! ſo ruft er mit Zuverſicht aus. Er denkt wirklich, ſein Freund werde auf dies Latein ſchwören.

Wir haben den gelehrten Pedanten vor Augen, den Zopf grammatiſcher und logiſcher Unfehlbarkeit feſt geflochten im Nacken. Und dieſer Mann ſoll Informator des jungen, noch nicht ſieben jährigen Kurprinzen ſein?

Cramer blieb nur ein Jahr in ſeiner Stellung. Er bat 1697, als ſein Gönner, der Oberpräſident von Dankelmann, geſtürzt wor⸗ den war, um ſeinen Abſchied. Unter Beförderung zum Regierungs⸗ rath wurde ihm derſelbe bewilligt.

Unterdeſſen waren zur Unterweiſung des Kurprinzen bereits mehrere Hilfslehrer angeſtellt und zwar für folgende drei Gegenſtände: für Leſen und Schreiben ein Lehrer, Namens Schmitt, für Religion der Hofprediger Urſinus, für das Tanzen Monſieur Desnoyers.

Was der Prinz unter dieſer Anleitung gelernt hatte, mußte er in einem Examen zeigen, das am eilften Februar 1697 vor dem verſammelten Hofe feierlich abgehalten wurde. Es fiel durchaus gut aus; der Kurfürſt hatte ſeine Freude an den Fortſchritten des Kurprinzen. Zur Aufmunterung für ihn und für ſeine Lehrer wurde er öffentlich belobt und reichlich beſchenkt.

Der Nachfolger Cramers war Jean Philipp Rebeur, ein Franzoſe, der unter dem Titel eines Hofrath fungirte und ſeine Stelle vom Ende des Jahres 1697 bis 1703 verſah.

Die Memoiren des Baron von Pöllnitz enthalten nichts Gutes über ihn:ein Pedant, der den Schöngeiſt ſpielte und ſich's bei⸗ kommen ließ, Verſe zu machen,ſchlechte Verſe, wie Pöllnitz ſagt,ein Pedant, der in der Erfüllung ſeiner Pflichten ganz nachläſſig war und den Prinzen mit Lektionen quälte, die ihm Ekel, aber nicht Geſchmack an den Wiſſenſchaften beibringen mußten.

Wir wollen zuſehen, wie Rebeur ſeinen Unterricht ertheilt. Es wurden Hefte angelegt, große in Folio. Da die Blätter, in Columnen getheilt, für vieles Verſchiedene Raum hergeben ſollten, mußten ſie wohl groß ſein. In die erſte Columne ſchrieb Rebeur ſelbſt mit ſauberer Handſchrift eines oder mehrere lateiniſche Wörter; es waren die Vocabeln für das Exercitium, das dem Prinzen in der zweiten Columne aufgegeben wurde. In der dritten ſchrieb der Prinz dazu die franzöſiſche, in der vierten die lateiniſche Ueberſetzung. Für die fünfte Columne endlich diktirte Rebeur eine verbeſſerte lateiniſche Ueberſetzung nach ſeinem Styl.

Die Einrichtung würde nichts Auffallendes haben, wenn der Text nicht fortlaufend aus der Bibel genommen wäre. Rebeur nahm mit dem Prinzen in dieſer Weiſe das ganze alte Teſtament durch, von der Schöpfung Himmels und der Erde, bis zu dem Worte, das durch den Propheten Maleachi erging, nicht Vers für Vers, vielmehr in einer ziemlich ſporadiſchen Auswahl, anfangs aus jedem Kapitel, ſpäter wenigſtens aus jedem Buche einige Verſe.

Hat in dem Hofrath Rebeur ein Theil Pedanterie geſteckt, ſo muß man ſich um ſo mehr über dieſe Einrichtung wundern. Religion, heilige Geſchichte, geiſtreiche Sprüche, franzöſiſche und lateiniſche Sprache, faſt alles, was die Inſtruktion forderte, auf Einen Schlag! Er wird das nicht aus Pedanterie gethan haben, ſondern weil die In⸗ ſtruktion gar ſchwierige Aufgaben ſtellte.Zum Studiren ſoll der Prinz nicht forcirt werden; langwierige Treibung der grammatiſchen Regula ſoll unterbleiben; wenn der Prinz zu etwas nicht Luſt hat, ſoll etwas anderes mit ihm vorgenommen, alles ſoll ihm gleichſam ſpielend beigebracht werden. Was blieb bei dieſen Verordnungen übrig, wenn nicht ſolch eine Unterhaltung und Abwechſelung mit Wörter⸗ und Vokabelſchreiben, mit Bibelleſen und Sprüchelernen?

(Schluß folgt.)