Jahrgang 
1865
Seite
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das Duell dennoch, unentbehrlich für den Adel, für die Cavaliere. Wenn ein Cavalier an ſeiner Ehre gekränkt wird, ſoll er, kann er, darf er ſich das gefallen laſſen? Würden der Staat und die Armee be⸗ ſtehen können, wenn es kein Mittel gäbe, die gekränkte Ehre zu rächen?

Ob aber eine Blutthat das rechte Mittel ob überhaupt Rache chriſtlich iſt? verſetzte Karl.

Gott ſei davor, daß ich, ein Diener der Kirche, die Rache für erlaubt erkläre. Die Ehre rächen das meine ich in metonymi⸗ ſchem Sinn. Die Ehre retten, die Ehre vertheidigen, darum han⸗ delt ſich's.

Die Ehre, die dieſes Namens werth iſt, die innre Ehrenhaf⸗ tigkeit, kann ein Bube mir nicht rauben, ſagte Karl.Auch die Ehre vor andern ehrenhaften Menſchen wird mir durch eine Be⸗ ſchimpfung nicht geraubt. Wer einen Edlen beſchimpft, der verun⸗ ehrt nur ſich ſelbſt. Aber wäre mir meine Ehre geraubt, wie könnte ein Verbrechen das Mittel ſein, ſie herzuſtellen? Ein Spiel ſollte ich eingehen mit dem Beleidiger, wobei ich Gefahr laufe, entweder außer meiner Ehre auch noch mein Leben zu verlieren, oder an mei⸗ nem Beleidiger einen Mord zu begehen?

Aber welcher vernünftige Menſch wird dies denn mit einem ſo grauſigen Ausdruck bezeichnen?

Wird die grauenhafte Sache dadurch beſſer, daß man ihr einen wohlklingenden Namen gibt? Wenn je ein Menſch mit Recht ſich für gekränkt, aufs tiefſte gekränkt anſehen durfte, ſo war ich es. Nicht meine Ehre, die Ehre und der gute Name meiner engelreinen Schweſter waren aufs niederträchtigſte angegriffen. Aber als die That geſchehen war, als er vor meinen Augen rücklings niederſtürzte und das rauchende Blut mir entgegenſprang da wußte ich, was ich gethan, da ſtürzte ich davon, das Kainsmal auf der Stirn, das keine Sophiſtik davon hinwegdisputiren wird.

Armer Freund! Und mit dieſer trübſinnigen Anſchauung be⸗ laſtet wollen Sie Ihr Leben lang durch die ſchöne Gotteswelt ſchlei⸗ chen? Es entſpricht das ſreilich den peinlichen und engherzigen Grundſätzen, die Sie von Kindheit auf eingeſogen haben. Aber be⸗ denken Sie, daß es große und erleuchtete Männer gegeben hat, die über ſolche Fälle ganz anders urtheilten. Ich will nicht davon reden, daß ſchon ein ernſter Anſatz zur Reue als genügend erachtet wird, für einen begangenen Fehltritt genugzuthun und volle Abſo⸗ lution zu crlangen; denn als Proteſtant würden Sie mit dieſer mil⸗ den Lehre doch wohl ſchwerlich übereinſtimmen. Aber wenn Sie ſich denn auch zeitlebens mit einer endlos fortgeſetzten Reue quälen wollen, ſo bereuen Sie doch wenigſtens nur das, was wirklich zu bereuen iſt!

Meines Bruders Blut ſchreit zu mir von der Erde.

Entſchuldigen Sie, es war doch, nach dem, was ich ſo eben aus Ihrem eigenen Munde vernommen, nicht Ihres Bruders, ſondern Ihres Gegners Blut. Sie haben ihn wenigſtens nicht getödtet, weil und ſofern er gleich allen anderen Menſchen Ihr Bruder, ſondern weil und ſofern er Ihr Feind und Beleidiger war. Auch hatten Sie nicht die Abſicht, ihn zu tödten.

Meine Bruſt ſchwoll von Rache gegen ihn.

Aber er fiel im Zweikampf. Hätte er Sie getödtet, ſo hätten Sie es auch hingenommen. Sie haben ihm nicht mehr genommen, als Sie ſelbſt eingeſetzt hatten: Ihr Leben. Ihr Wille war eben ſo ſehr, das Ihre zu wagen, als das ſeine zu gefährden. Und welche Abſicht leitete Sie dabei? Die edle und löbliche Abſicht, die Ehre Ihrer Fräulein Schweſter zu vertheidigen.

Sie glauben mir nicht, fuhr er fort, als Karl ſich mit Un⸗ willen abwandte;ſo glauben Sie wenigſtens unſeren erſten berühm⸗ teſten Theologen. Was ſagt Escobar im fünften ſeiner unſterblichen Tractate? Was Leſſius de justitia Buch 22 Was Reginald?Ein Cavalier darf den, der ihn beleidigt hat, mit dem Schwerte verfolgen, wenn er es nicht in der Abſicht thut, ihm Böſes mit Böſem zu ver⸗ gelten, ſondern in der Abſicht, ſeine eigene Ehre zu vertheidigen. Unſer großer Sanchez erklärt das Duell als ſolches ausdrücklich für erlaubt, ſofern es geſchieht, um ſeine Ehre zu vertheidigen.

Nun ſo wiſſen Sie denn, brach Karl los,daß es gar kein eigentliches Duell geweſen iſt! Im Zorn bin ich ihm nachgerannt, habe ihn angefallen; er zog zu ſeiner Vertheidigung das Schwert; ſo fochten wir ohne Verabredung, ohne Secundanten. So fiel er. Das iſt Mord, Meuchelmord!

Aber wiſſen Sie, was Escobar ſchreibt im ſechſten Tractat? Wenn einer den anderen liſtig oder hinterrücks, merken Sie

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wohl, hinterrücks, ohne mit ihm zu fechtentödtet, ſo iſt ſelbſt dies noch kein Meuchelmord; es ſei denn, daß er durch arcta amicitia, durch enge Freundſchaft mit ihm verbunden war. Denn einen Gegner zu tödten, kann nie Meuchelmord ſein.

Gehen Sie zum** mit Ihrem Escobar, fuhr jetzt Karl los und ſprang vom Stuhl auf;drei Dutzend von Ihren hochberühmten Theologen werden es nicht dahin bringen, mir den letzten Reſt und Hort von Wahrheit aus der Seele zu reißen, der mein Troſt vor Gott iſt.

Ihr Troſt? Daß Sie ein Mörder ſind, ſoll ein Troſt ſein?

Daß ich es erkenne, es ganz und tief und aufrichtig vor Gott erkenne, und mich nicht belüge und belügen laſſe, das iſt mein Troſt, daran halte ich mich, und wenn hundert Sophiſten mir eine Weisheit beibringen wollen, die für Ihren Orden gut genug ſein mag mir iſt ſie nun einmal zu ſchlecht, zu verächtlich!

Ich bin nicht in der Lage, meinen Orden von einem Prote⸗ ſtanten ſchmähen zu laſſen, ſagte Manſuetus kalt, ſtand auf und ging.

Acht Tage darauf kam Merille Karl bei ſeinem Eintritt ins Bureau mit beſtürzter Miene entgegen.Da iſt ein Schreiben von Paris, welches Sie Ihrer Stelle enthebt und zum Steuereinnehmer in dem Städtchen Markelsheim ernennt. Was iſt geſchehen? Was haben Sie gemacht?

Ich weiß es nicht, ſagte Karl finſter.Aber dieſe Stelle nehme ich nicht an.

Alle Bemühungen Mevilles, etwas über die Urſachen dieſes Ereigniſſes zu vernehmen, ſowie alle Gegenvorſtellungen, daß Karl durch Ausſchlagen dieſer Stelle den Zorn derer, die zu Paris ihm übel wollten, noch mehr reizen würde, blieben vergeblich.

Er ging fort, einen verzweifelten Entſchluß in der Bruſt.

1. Der RKennionskrieg.

Zorn tobte in Karls Seele, wenn ſchon er ſich diesmal nicht nach außen in Worten Luft machte. Der arme Karl! Es iſt wahr, bei dem Gedanken an Meinhards Tod hatte er keine andere Hoffnung, als auf Gottes unergründliche Barmherzigkeit; aber war es denn nur jene einzelne That, um deren Willen er der Gnade bedurfte?

Seine Bruſt wogte in gerechtem Zorn, wie er meinte.Ja, die Schuld meines Verbrechens kommt jetzt über mich, ſagte er; denn ſoweit war er ja, um über und hinter der Hand der Menſchen auch die Hand Gottes zu ſehen. Und freilich war es die Hand Gottes, die ihn führte, nur in anderem Sinne, als er dachte.

Von Mevilles Hauſe ging er geraden Weges zu einem Officier, mit dem er ſeit ein Paar Jahren befreundet war. Capitän Marcel hatte Ordre, in den nächſten Tagen aufzubrechen, um zu einem Re⸗ gimente zu ſtoßen, das an der holländiſchen Grenze lag. In dies Regiment als Freiwilliger einzutreten, war Karls verzweifelter Ent⸗ ſchluß. Er theilte Marcel mit, was vorgefallen war. Marcel ſchüttelte den Kopf.Wenn Sie in Paris ſchlecht angeſchrieben ſind, ſo können Sie niemals hoffen, ein Officierspatent zu erhalten, vollends nach⸗ dem Sie dem königlichen Befehl, der ſie nach Markelsheim verſetzte, Trotz geboten haben.

Ich werde meinen Namen ändern. Als Karl Steinmann aus Biſchweiler werde ich in Lille eintreffen, und Sie, lieber Freund, werden mich nicht verrathen. Bricht der Krieg aus, ſo wird man froh⸗ ſein, Leute zu haben, und nicht ängſtlich nach ihrem Taufſchein fragen.

Marcel hatte nichts zu entgegnen. Er verſprach ihm, ſeinen Einfluß beim Oberſt aufzubieten, damit er als Junker in das Regi⸗ ment eintreten könne.

Ein ſchrecklicher Krieg war es, den Ludwig XIV. begonnen. Er war der Schöpfer jener ehrloſen Politik, welche, um das Recht unbe⸗ kümmert, nur den Vortheil, nur die Machtvergrößerung ins Auge faßte, und dieſelbe höchſtens durch rabuliſtiſche Rechtsverdrehung zu beſchönigen ſuchte. Vergebens hatte der ehrwürdige Erzbiſchof von Cambrai, Fénelon, dem König geſchrieben:Sire, Sie lieben Gott nicht; Sie fürchten ihn nur mit der Furcht eines Sclaven. Ihre ganze Religion iſt Aberglaube; Sie ſind gewiſſenhaft in Bagatellen und verhärtet in furchtbaren Sünden. Sie lieben nur Ihre eigne Ehre und Ihr Wohlleben, und betragen ſich, als ob Sie Gott wären.*) Der König hatte 1680 die ſogenanntenReunionskammern nieder⸗

*) Dieſe merkwürdige heldenmüthige Denkſchrift iſt erſt ſpäter entdeckt und erſt im Jahre 1825 durch den Druck veröffentlicht worden.