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Der Preußiſche Hof.
(Mit Abbildung.)
Während im vorigen Jahrhunderte alle Höfe von dem Verſailler an bis zu dem des kleinſten, deutſchen Reichsſtandes herab eine Pracht, Ueppigkeit und Verſchwendung entfalteten, welche den Ruin der Län⸗ der zur Folge hatten, machte der Preußiſche durch eine faſt bis zur Nüchternheit gehende Einfachheit und Schmuckloſigkeit eine ruhmvolle Ausnahme. Selbſt die bekannte Prachtliebe des Kurfürſten Fried⸗ rich III, der ſich 1701 in Königsberg als erſter König in Preußen die Krone aufſetzte, war mehr ein Werk wohlberechnender Politik als eine eitle Neigung. Wenn dieſer erſte König auch nicht die Einfach⸗ heit ſo weit trieb, wie ſein Sohn Friedrich Wilhelm I, der Vater Friedrichs des Großen, der eher die von ſeinem Vater begonnenen koſtbaren Marmorarbeiten in der Bildergallerie des Berliner Schloſſes mit Gips überziehen ließ, als daß er ſie vollendet hätte, ſo war ſein Leben, einige Haupt⸗- und Staatsaktionen abgerechnet, doch häuslicher als das aller andern Fürſten ſeiner Zeit. Dann folgte der königliche Junggeſellenhof Friedrichs des Großen, der ſich fürchtete, wie er an ſeinen Kämmerer Fredersdorff ſchreibt,„ eine lüderliche Reputation“ zu machen, weil bei einer Galatafel für Kirſchen außer der Jahres⸗ zeit mehr ausgegeben worden war, als gewöhnlich. Der große König brauchte keine Kammerherren und Ceremonienmeiſter, dieſen Dienſt verſahen ſeine Commandeure und Generale und ſeine glän⸗ zendſten Feſtlichkeiten waren diejenigen, welche ſeine Unterthanen feiern konnten, ohne daß er es nöthig gefunden hätte, für den Wohl⸗ ſtand ſeines Landes, eine ſo prunkende Redensart, wie jener franzö⸗ ſiſche König vom„Huhn im Topfe“, zu gebrauchen. Eine Aus⸗ nahme von der einfachen Sitte ſeiner Vorfahren machte an ſeinem Hofe Friedrich Wilhelm II. Sein Sohn Friedrich Wilhelm III machte indeß dieſe kurze Ausſchreitung tauſendfach wieder gut durch die ſchlichteſte, reinſte und glücklichſte Häuslichkeit, ſo daß ſeine Hof⸗ haltung eigentlich nur ein großer, reicher Privathaushalt zu nennen war. Prächtiger und großartiger geſtaltete ſich der Hof unter Friedrich Wilhelm IV; die blühende Phantaſie, der reiche Geiſt, der hohe Schwung dieſes Herrſchers liebten die königliche Perſon mit dem Glanze geiſtiger und materieller Macht zu umgeben, ſo daß wir in ſeinem Hofe eine Erneuerung des glänzenden Hofkreiſes Fried⸗ richs I und des geiſtreichen Friedrichs II erblicken. Immer aber, von dem Einzuge der Hohenzollern in die Mark an war der Grund⸗ charakter des Preußiſchen Hofes durch und durch deutſch, eine Pflanz⸗ ſtätte edler Sitte und häuslicher Tugenden. Unter Friedrich Wil— helm I., der die Uniform nie ablegte, geſellte ſich dazu ein militäri⸗ ſches Element, und beides wirkte zuſammen, ſo daß man in dem Schloſſe der Preußiſchen Könige nur ſelten jenen prunkenden Schau⸗ ſtellungen begegnete, in deren Erfindung die zweite Hälfte des ſieb⸗ zehnten und die erſte Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts eine ſo üppige Phantaſie zeigten, und gar niemals jenem furchtbaren Cere⸗ moniel, welches die Herzen verknöchert und den Fürſten von ſeinem Volke in eine Unnahbarkeit entrückt. Die militäriſche Derbheit und Geradheit paßte nicht zu den Obſervanzen der ſpaniſchen Etikette, in deren eiſernen Feſſeln alle Höfe damaliger Zeit lagen, und der Preu⸗ ßiſche Adel— zu ſeiner Ehre müſſen wir es bekennen— hat dazu von jeher auch wenig Neigung und Geſchick gezeigt.
Ein Hof wird immer den Charakter ſeines Hauptes tragen; demnach iſt der jetzige Preußiſche Hof ein vorzugsweiſe militäriſcher. Am beſten hat die Königin Luiſe, die Mutter, den Charakter ihres Sohnes erkannt, wenn ſie an ihren Vater, den Herzog von Mecklen⸗ burg, ſchreibt:„Unſer Sohn Wilhelm wird, wenn mich nicht alles trügt, wie ſein Vater, einfach, bieder und verſtändig. Auch in ſeinem Aeußern hat er die meiſte Aehnlichkeit mit ihm.“
Bei König Friedrich Wilhelm IV war der Geiſt das vorherr⸗ ſchende Element, bei König Wilhelm iſt es der Charakter. In dem Könige iſt auch kein Atom von falſchem oder verſtelltem Weſen; er iſt ganz nach der Art ſeiner Vorfahren zu ſtolz, nach außen etwas an⸗ deres, als was er innerlich denkt und empfindet, zu zeigen. Das i*ſt ſeine echt deutſche Natur und ſchon als junger Mann ſchrieb er, bei Gelegenheit irgend einer politiſchen Conſtellation, die denkwürdi⸗ gen Worte:„Ich halte es mit denen, welche wahr und offen zu Werke gehen und an eingegangenen öffentlichen Verpflichtungen halten, alſo mit denen, die Treue und Glauben verdienen.“ Alle ſeine Aeußerungen, wie ſie auch von den verſchiedenen Parteien auf⸗
genommen werden mögen, ſind klar, feſt und beſtimmt. Aber auch auf der anderen Seite durchbricht der geſunde und gerade Sinn des Königs alle künſtliche Umhüllung, die man einer Sache etwa zu geben bemüht wäre, mit der Frage:„Kurz und gut— wie iſt es? Ich will die Wahrheit wiſſen.“
Eine alte Wahrheit iſt es, daß Soldaten und Diplomaten nie in gutem Einvernehmen geſtanden haben. Dem ſoldatiſchen Charak⸗ ter widerſtehen die gekrümmten Wege, auf denen die Diplomatie ſich zu bewegen oft gezwungen ſein mag, dem diplomatiſchen die derbe Art und Luſt des Soldaten, mit dem Schwerte zu durchhauen, was ſeine Kombinationen mühſam zu Wege gebracht haben. So mag es kom⸗
men, daß auch dem Könige der diplomatiſche Charakter wenig ſym⸗.
pathiſch iſt. Das drückt ſich in ſeiner Umgebung aus, die nur aus Officieren beſteht, aus gewandten, klugen und feingebildeten Leuten, in denen die Parteien des Tages, vom Feudalen bis zum Altlibera⸗ len ſich ſchattiren. Dieſe militäriſche Färbung erklärt auch die ſogar ſtarre Conſequenz, mit welcher der König an demjenigen feſthält, was er für recht und als dem Beſten des Landes zuträglich erkannt hat. Für ſein treues und redliches Erfüllen des als recht Erkannten iſt jeder Menſch Gott und der Welt verantwortlich, das Maß des Erkennens aber, des Fehlens und Irrens iſt Gottes Ding. In dieſem Grundſatze iſt der Charakter des Königs gezeichnet. Er faßt ſeine Regentenpflicht mit ſittlicher Strenge und mit der Unfarteilich⸗ keit eines praktiſch geübten Blickes auf. Für ſein Volk hat er ein Herz, wenn er auch nicht die bezwingende und feſſelnde Art Friedrich Wilhelms IV beſitzt, dasſelbe zu zeigen. Eine gewiſſe militäriſche Abgeſchloſſenheit und Zurückhaltung wird einer ſolchen Popularität, wie ſie der verſtorbene König beſaß, immer im Wege ſein. Von ſeiner nächſten Umgebung und den Perſonen, welche mit ihm unmit⸗ telbar in Beziehung kommen, wird er wahrhaft geliebt und verehrt. Voll zarter Rückſicht gegen jeden, iſt er aller Verleumdung, die an Höfen mehr als irgendwo ihre giftige Zunge regt, unzugänglich. Bei aller Entſchiedenheit und Energie, mit welcher er ungerechten Anſprüchen entgegenzutreten im Stande iſt, umkleidet ſein Weſen eine männliche Milde, die noch durch den ruhigen, natürlichen Ton ſeiner klaren, ſonoren Stimme erhöht wird. Dieſes vornehme geſchloſſene Weſen im Verein mit einer Gabe liebenswürdigen gemüthlichen Scherzes iſt namentlich auf die Gemüther der Frauen von großem Eindruck. Alle, die mit dem Könige je in perſönliche Berührung getreten ſind, ſchwärmen für ihn; denn gegen alle iſt er auf gleiche Weiſe Ritter und Cavalier, mag es eine Prinzeſſin ſeines eigenen Hauſes, eine im Dienſte ergraute Oberhofmeiſterin, mag es eine ſiebzehnjährige, eben zum erſten Male am Hofe präſentirte Dame oder Johanna Wagner ſein. Bemerkenswerth iſt ſeine große Mäßigkeit und die Einfachheit ſeiner Anſprüche an alles, was Genuß heißt. Er reſidirt oft mehrere Tage auf dem Babelsberg und begnügt ſich mit der einfachen Kochkunſt der dortigen Caſtellanin.
Gegenwärtig iſt König Wilhelm achtundſechszig Jahre alt, aber noch iſt ſeine hohe Figur ſtraff und ungebeugt und die Anſtrengungen und Mühen des königlichen Berufs ſcheinen an ihm ſpurlos vorüber⸗ zugehen. Und wahrhaftig, jeder neue Tag bringt deren neue und unerwartete. Schon in früher Morgenſtunde werden Miniſter und Hofbeamte von ſeinen Befehlen überraſcht und von ſechs Uhr an im Winter kann man den hohen Herrn in bequemer Uniform an dem Fenſter jenes Eckzimmers des Palais unter den Linden am Pulte ſtehen und arbeiten ſehen. Beſagtes Eckzimmer iſt das königliche Arbeits⸗ und Vortragszimmer; von da aus wird Preußen regiert. Um neun Uhr nimmt der König das Frühſtück gemeinſchaftlich mit der Königin ein. Von ſeinen Gemächern führt eine Wendeltreppe zu den Ge⸗ mächern gerade über den ſeinigen, welche die Königin bewohnt. Nach dem Frühſtück beginnen die Meldungen, Vorträge und dann die Audienzen, die bis zwei, drei Uhr des Nachmittags währen.
Viele Sachen macht der König brevi manu ab, expedirt ſie ſo⸗ gar ſelbſt. In Sachen, die er aus dem Grunde kennt, namentlich in militäriſchen, folgt dem ſchlagfertigen Urtheil auch die ſchnelle Ent⸗ ſchließung; in andern Dingen, die ihm ferner liegen, folgt dieſe nach reiflicher Erwägung mit den Miniſtern. Im Entſchluſſe iſt König Wilhelm raſcher als ſein königlicher Bruder es war und bei allen Geſchäften kommt ihm ſein vortreffliches Gedächtniß ſehr zu Statten.
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