Der Baron wollte die Gewißheit haben, die ihm nur der eigne Augenſchein gewähren konnte. Er nahm ſeinen Stock, winkte Gott⸗ fried und ging, von niemandem als ihm und Joſeph begleitet, dem Walde zu.
Er hatte erſt wenige Minuten den Edelhof verlaſſen, als ein wohlbekannter Wagen anrollte. Es war Adeline mit ihrem Gemahl; ſie hatte dieſen herrlichen Octobertag benützen wollen, den Vater noch einmal zu beſuchen, ehe der Eintritt der rauheren Jahreszeit ihr dies auf lange hinaus unmöglich mache. Da ſie hörte, ihr Vater ſei eben ſpazieren, dem Walde zugegangen, ſo beſchloß ſie, ſogleich, auf den Arm ihres Gemals geſtützt, demſelben nachzugehen. Sie ſah ihn von weitem, wie er eben in den Wald hineintrat und folgte ſeinem Pfade.
Der Baron war inzwiſchen zur Stelle gelangt und betrachtete mit höchſter Aufmerkſamkeit das Gerippe. Die rechte Hand mit dem rechten Arm lag unter den Rippen und Rückenwirbeln und der De⸗ gen lehnte noch zwiſchen den Fingerknochen.„Der, dem dieſe Ge⸗ beine angehören,“ ſprach er nach einer Pauſe,„iſt nicht hier herab⸗ geſtürzt worden. Die Felswand iſt ihre fünfzehn Schuh hoch und völlig ſenkrecht. Ein gewaltſamer Stoß würde ihn über das vor⸗ liegende Felsſtück hinausgeſchleudert haben.“
„Er iſt auch nicht hinabgeglitten,“ fuhr er nach einer Weile fort.„Hätte er ſich oberhalb der Felswand in ſenkrechter Stellung befunden, ſo müßte er, wenn nicht die Schenkel, ſo doch den Degen zerbrochen haben; es ſei denn, daß er letzteren in die Höhe hielt, in welchem Falle derſelbe aber nicht unter ſeinem Rücken und ſeinen Beinen liegen könnte, wie wir es hier vor uns ſehen.“
„Er iſt auch nicht hierhergetragen und mit Abſicht hierhergelegt worden. Denn wer dies gethan hätte, der würde den Kopf ſorgfäl⸗ tiger verborgen haben, der jetzt noch das Felsſtück um einige Zolle überragt. Es bleibt nur eine Möglichkeit. Der Verſtorbene muß oberhalb der Felswand, auf der Hochfläche, eine tödtliche oder wenig⸗ ſtens ſchwere Verwundung empfangen haben, und dann, ſei es vor Durſt oder aus inſtinktivem Drang, um aus der Einſamkeit weg⸗ zukommen und Hilfe zu ſuchen, in halber Bewußtloſigkeit ſich krie⸗ chend ſeitwärts bewegt haben, und ſo den Abgrund herabgerollt ſein.— Laßt uns ſehen, ob wir keine Spur einer Verwundung an ihm entdecken.“
Und wirklich zeigte ſich in einer der Rippen dem Rückgrat nahe, an der innern Seite der Bruſthöhle, die abgebrochene Spitze eines Degens, die feſt in der Rippe ſaß. Der Stich war von vorn in die Bruſt gedrungen.
Die Spitze ſeines eignen Degens war unverſehrt. ſich nicht ſelbſt getödtet.
Die drei Menſchen waren ſo in ihren Unterſuchungen vertieft, daß ſie Adelinen nicht bemerkten, die, dem Geräuſch der Stimmen folgend, mit ihrem Gemahl dieſe Halde erſtiegen hatte und neugierig — in der Meinung, ihr Vater habe etwa einen Fuchsbau entdeckt— ſich näherte. Das Felsſtück verſperrte ihr fürerſt den Anblick des in der Kluft liegenden Gerippes..
Auf einen Wink des Barons ſuchte Gottfried den Degen des Ermordeten vorſichtig unter ihm vorzuziehen. Er hatte eben, auf eine Kante des Felsſtückes tretend und ſich überbeugend, den Bruſt⸗ kaſten des Gerippes mit dem einen Arm umfaßt und, ihn ſanft he⸗ bend und mit der andern Hand den Degen ergreifend, ſprach er: „Es iſt Meinhard. Hier iſt ſein Wappen am Griff“— als Ade⸗ line hinter dem Felsſtück hervortrat. Beim plötzlichen Anblick des Todtengeripps ſtieß ſie einen Schrei des Entſetzens aus und ſank unter Zuckungen zu Boden.
Eine Mutterhoffnung ging unter; nach wenigen Tagen ſchloß ſich über Adelinen die Gruft.
Jeden Morgen fand man einen friſchen Mooskranz auf der Urne, welche die Gruft zierte. Niemand wußte, wer die Kränze hierher hänge. Eines Morgens aber, nach einer kalten November⸗ nacht voll Schneeſturms, fand man auch den Jüngling, der die Kränze geflochten. Sein Fieber, ſo erfuhr man, war in den letzten Wochen mit Heftigkeit zurückgekehrt. Und doch war er jede Nacht den Berg herab hierhergeſchlichen, bis plötzlich ihn der Todesengel küßte. Sein Haupt ſchlief an die Urne gelehnt. Gottfried war außer ſich.„Will er ſie auch im Grabe noch beſchimpfen?“
„Vor wem?“ fragte der Baron und ließ mit Kaltenbergs Be⸗ willigung dem armen Joſeph ſeine letzte Ruheſtätte an der Seite der herrſchaftlichen Familiengruft beſtellen.
Er hatte
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3. Der Entronnene.
Auf der Landſtraße, die von Hagenau nach Straßburg führt, ſchritt gegen Ende Auguſt des Jahres 1684 ein junger Menſch von edler Haltung und einnehmender Geſichtsbildung dahin. Er mochte etwa neunzehn Jahre zählen; ſeine Kleidung war, ein Paar feine Schlitzhoſen ausgenommen, äußerſt einfach. Er trug ein braunes Wamms von ziemlich grobem Tuche, das Lockenhaupt bedeckte ein Hut, der vermöge der breiten Krämpe und des koniſch verjüngten Cylinders die Form eines ſpaniſchen Hutes hatte, jedoch des Feder⸗ ſchmuckes entbehrte; einen abgetragenen ſchwarzen Radmantel hatte der junge Wanderer der glühenden Hitze halber über dem Arme hän⸗ gen. Die ſchattenloſe Straße führte an einem kleinen Hügel vorbei, an deſſen Fuße ein gemauerter Quell mit einigen ſteinernen Bänken, von zwei Platanen beſchattet, den Wanderer zur Ruhe einlud. Gequält von Durſt und Hitze, ſank der Jüngling auf eine dieſer Bänke nieder.
„Ich bin nun frei,“ ſeufzte er vor ſich hin,„ſeit geſtern frei, ein freiwillig Verbannter“,— und dabei blickte er nach den Schwarzwaldhöhen hinüber, die fern im Oſten grau und duftig aus der Ebene emportauchten.„O wahrlich, Verbannung— eine harte Strafe! Ein Tod mitten im Leben! Aber ein neues Leben fängt nun an, ein Leben in Dürftigkeit und harter Arbeit, aber, will's Gott, in Unbeflecktheit des Gewiſſens. Ob ich meinem Vater Nach⸗ richt geben ſoll, daß ich lebe? Er wird ſich um den Verlorenen ab⸗ härmen.— Nein, er wird den Mörder verabſcheuen. Ich habe das Recht verſcherzt, ihn Vater zu nennen. Nein, für all meine frühern Verhältniſſe bin ich todt. Wenn ich ihm ſchriebe, wer weiß, die Va⸗ terliebe würde den Abſcheu überwinden; er würde nach mir ſuchen, mir ein Aſyl— Gott weiß wie!— bereiten. Mit dem Zweikampf nehmen ſie's ja nicht ſo genau. Ich würde vielleicht begnadigt wer⸗ den. Nein! nein! Meine Strafe will ich tragen. Todt meinem Vaterlande, todt meinem Geſchlecht, meinem Namen, meinem Erbe!“
Er verſank in tiefes Sinnen, aus welchem die Hufſchläge eines Roſſes ihn weckten. Er blickte die Straße hinaus, und ſah in der Richtung von Hagenau her einen ſtattlichen Reiter ſich nähern. Es mußte ein vornehmer Mann, ein Cavalier ſein. Seine Kleidung war koſtbar. Ein Gewand von dunkelbraunem Sammt, eine Halskrauſe von feinen Brüſſler Spitzen, ein leichter ſchwarzer Mantel, ebenfalls von Sammt, ein Barett mit ſchwarzen Federn, eine gepuderte Alon⸗ geperücke und an der Seite ein zierlicher Degen mit goldenem Griff. Der Rappe, den er ritt, wurde von einem Knaben geführt— oder von einem Jüngling. War's ein Jockey? War's ein Page?— Ja doch! und was für ein Page! Von der Fitze gepeinigt, führte derſelbe das Roß dem Brunnen zu, und ward nun erſt jetzt, wie er ſich mit dem Roß der Baumgruppe zuwendete, Karln ganz ſichtbar. Geblendet von ſeiner Schönheit, ſtarrte Karl den Jüngling an; dieſer aber, als er den im Schatten ſitzenden Menſchen bemeerkte, machte Miene, das Pferd wieder der Landſtraße zuzulenken; doch ein Wink des Reiters bedeutete ihm, bei ſeinem erſten Vorhaben zu blei⸗ ben. Karl erhob ſich unwillkürlich und nahm ehrfurchtsvoll den Hut ab, konnte jedoch nicht umhin, fort und fort den Pagen anzu⸗ ſchauen, der, mit ſeiner grünſeidnen goldgeſtickten Jacke, ſeinen ſchnee⸗ weißen Beinkleidern, den gelben Halbſtiefeln, dem grünen Barett mit wallenden hochrothen Federn, beſchäftigt war, dem Roß den Zaun abzunehmen und daſſelbe aus dem Baſſin des laufenden Brunnens trinken zu laſſen. Wie ein Adonis war der Jüngling anzuſchauen, die Schulter von blonden Locken umwallt, die zarten Wangen vom ſanfteſten Roth angehaucht; die feingeſchnittenen Roſenlippen lächel⸗ ten dem Pferde freundlich zu, und eine ſchneeweiße Hand ſtreichelte demſelben den Hals; dann ſchlug er ſchüchtern das hellbraune Auge zu dem Herrn, wie um Schutz flehend, empor, als ob der Blick des Fremd⸗ lings, der noch immer unverwandt auf ihn gerichtet war, ihn ängſtigte.
„Asseyez-vous!“ ſagte der Herr zu Karl, und dieſer, der jetzt erſt der Unbeſcheidenheit ſeines Benehmens inne ward, gehorchte und ſaß, abgewendeten Hauptes und nur verſtohlen einen Blick nach dem Pagen werfend, im Schatten. Das Roß war raſch wieder gezäumt und die beiden ſetzten ihren Weg nach Straßburg fort. Karl blieb noch einige Augenblicke ruhen; dann zog es ihn unwiderſtehlich dem Jüngling nach; er folgte, ſo ſchnell er konnte, dem Reiter, welcher zwar nur Schritt, aber einen raſchen Schritt ritt, dieſer aber ſah ſich mehrmals, und wie es ſchien, mit Aengſtlichkeit, nach dem ſeltſamen Fremden um.
—(Fortſe tung ſe lL.)
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