bis nach der Ebene vorzog. In dieſer Waldung ſchritt der Unglück⸗ liche vorwärts bis zu einem Felskoloß, den das Volk den Teufels⸗ tiſch nannte; ſtieg dann nieder, hinaus in das Flachland; wie ein Träumender verfolgte er die Landſtraße, bis Joſephs Gruß aus ſeinen Träumen ihn aufſchreckte. Raſch ſich beſinnend, eilte er den nächſten Seitenpfad links einem großen meilenlangen Forſte zu. Mitten im Forſt überraſchte ihn die Nacht. Unter einer Eiche kauerte er ſich nieder; wohin er den andern Morgen ſich wenden ſollte, wußte er nicht; er wußte nur, daß er ein Geächteter war.
2. Das gefährliche Geheimniß.
Am zweiten Tag nach dieſen Vorfällen kam Herr v. Hundſtein, Meinhards Vater, in Begleitung zweier reichgallonirter Bedienten bei Eſchenthal vorbeigeritten; er hielt am Thor des Edelhofes und fragte den im Hofe beſchäftigten Peter, ob ſein Sohn, der Junker Meinhard, noch hier ſei. Gottfried, welcher des Barons Kommen von weitem bemerkt hatte, ſtürzte aus dem Hauſe und eilte, indem er Peter mit einem Wink zur Seite wies, an das Hofthor, um die geſtellte Frage in eigner Perſon zu beantworten.
„Der Herr Baron haben vorgeſtern Eſchenthal verlaſſen.“
„Nicht möglich. Er iſt heute noch nicht eingetroffen.“
„Das iſt mir unbegreiflich. Vorgeſtern Nachmittag gegen fünf Uhr ſind Sr. Gnaden von hier weggegangen.“
„Hat er nicht hinterlaſſen, wohin?“
„Es hat ihn niemand geſprochen, als Junker Karl.“
„Kann ich Junker Karl ſehen?“
„Auch er iſt vorgeſtern abgereiſt.“
„Abgereiſt? Wohin?“
„In die Stadt, zum gnädigen Herrn Vater.“
„Wie lange wird der gnädige Herr ausbleiben?“
„Heute in acht Tagen wollten Sr. Gnaden hier eintreffen.“
„So hat mein Sohn den Junker Karl wohl in die Stadt be⸗ gleitet. Seltſam!“
Gottfried widerſprach dieſer Vermuthung nicht. Es war ihm lieb, wenn Baron v. Hundſtein ſeine weiteren Nachforſchungen ſo lange ausſetzte, bis Herr v. Eſchenthal zurückgekehrt ſein würde. Baron v. Hundſtein ritt ſchweigend ſeines Weges weiter.
Aber es gingen ihm doch allerlei ſorgliche Gedanken im Kopfe herum. dieſe Neigung unerwidert geblieben, daß Meinhard ſeitdem den Edelhof gemieden, daß er zu ſeinem vorgeſtrigen Beſuche mit Abſicht
grade die Tage auserſehen hatte, wo er Adelinen nicht treffen würde,
das alles war ſeinem Vater bekannt. Ebenſo wußte er, daß Herr v. Eſchenthal mit ſeiner Tochter in die Stadt gereiſt ſei, um deren Verlobung mit dem jungen Grafen Kaltenberg ins Reine zu brin⸗ gen. Einfall kommen, dem Fräulein in die Stadt nachzureiſen?
Er knüpfte mit einem Bauern, der auf der Wieſe das Grummet wendete, ein Geſpräch an und erfuhr im Verlauf deſſelben, daß Meinhard unmittelbar vor dem Ausbruch des Gewitters auf dem Wege nach Walchenbrunn geſehen worden ſei. Er ritt nach Walchen⸗ brunn hinüber und erfuhr, ſein Sohn habe eiligen Schrittes den Ort durchwandert und den Weg nach Hundſtein bis in den Wald hinauf verfolgt. Im Walde müſſe ihn das Gewitter ereilt haben.
„So muß ein Blitz ihn erſchlagen haben,“ ſeufzte Herr v. Hund⸗ ſtein. Er ritt den Weg hinauf; er kam dicht an der Stelle vorbei, wo Meinhard den tödtlichen Stich empfangen hatte. Wenn Gott⸗ fried neulich im Dunkel der Nacht beim trüben Blendſchein der Kienfackeln den Leichnam nicht bemerkte, ſo war dies am Ende er⸗ klärlich. Aber Herr v. Hundſtein ritt am hellen Tage an jener Stelle vorbei und keine Spur von dem Gefallenen war zu bemerken. Auch die Blutſpuren hatte der Regen weggewaſchen.
Ob er an einer andern Stelle des Waldes, unter einem der
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eingefunden.
Daß Meinhard eine Neigung zu Adelinen gehabt, daß
v. Eſchenthal. Wie ſollte nun unter ſolchen Umſtänden Meinhard auf den
älteren Bäume, in einer der Grotten ein Obdach vor dem Regenguß geſucht? Er ritt weiter in den Wald; er kam an die Strohhütte; auch dieſe war leer und die blutige Degenklinge im Innern bemerkte er nicht, weil ſie von den herabhängenden Strohhalmen verhüllt wurde. Er durchritt den ganzen Wald, er ließ ihn mehrere Tage von ſeinen Knechten durchſtreifen— Meinhard blieb verloren. Er mußte ſich doch anders beſonnen haben; er mußte Karln nach, in die Stadt gegangen ſein.
Acht Tage darauf rollte der Reiſewagen des Herrn v. Eſchen⸗ thal in den Edelhof. Der Vater führte ein glückliches Brautpaar in ſein Schloß.
Sein erſter Blick fiel auf den eingeäſcherten Schuppen, Gott⸗ frieds erſter Blick auf den vierten Platz des Wagens. Der Platz war leer. Gottfried ward blaß wie der Tod.
Herr v. Eſchenthal ſchrieb dies Erbleichen dem Brandunglück zu, in Betreff deſſen der Kammerdiener ſich etwa einen Vorwurf zu machen haben möchte.„Nur ruhig, Gottfried,“ ſagte er;„ich ſehe, Ihr ſeid in meiner Abweſenheit mit Feuer und Licht nicht behutſam umgegangen; aber laſſen wir das; mit dieſem kleinen Unfall wollen wir uns die Freude dieſer Stunde nicht verbittern.“
„Wir ſind unſchuldig, Herr Baron,“ ſagte Gottfried;„der Blitz hat eingeſchlagen, und wenn Sie wüßten, wie treu das ganze Dorf geholfen hat, den gefährlichen Brand zu löſchen, ſo würde Ihnen der Gedanke daran dieſe Stunde nur noch verſchönern.“ Er ſprach's aber mit gepreßter Stimme.„Hochwillkommen,“ fuhr er, gegen das Brautpaar gewendet,„hochwillkommen, hochedles Brautpaar! Gott der Allmächtige wolle Dero Eingang ſegnen!“ aber dabei ſtahl ſich eine Thräne aus ſeinem Auge, das vergeblich in alle Winkel des Wagens ſpähte und keinen Junker Karl fand.
Gottfried wollte dieſen erſten Augenblick der Ankunft nicht durch die bange Kunde, daß Karl vermißt werde, den Glücklichen vergällen. Aber während dieſe im Begriff waren, auf der dem Hauſe zugewendeten Seite des Wagens auszuſteigen, ertönte auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite des hohen Reiſewagens eine Männerſtimme: „Und wo ſind die beiden Junker?“
Herr v. Hundſtein, von Sorgen gequält, hatte ſich zu Roſſe Durch ſeine Frage erſt wurde Herr v. Eſchenthal auf⸗ merkſam, daß Karl zu ſeinem Empfange nicht da ſei.„Wo iſt Karl?“ rief nun auch er.
„Iſt er denn nicht zu Ihnen in die Stadt gekommen?“ fragte Gottfried gepreßten Herzens.
„Iſt er mir denn entgegengeritten?“ fragte Herr v. Eſchenthal.
„Nein,“ erwiderte Gottfried,„ſchon am Dienſtag vor acht Tagen iſt er fortgegangen— nach der Stadt.“
„Mein Sohn iſt nicht in die Stadt gekommen,“ ſagte Herr „Seit ich von hier abreiſte, habe ich nichts von ihm geſehen. Hat er denn geſagt, daß er zur Stadt wolle?“
„Er hat gar nichts geſagt. Nachdem Junker Meinhard Ab⸗ ſchied genommen und den Rückweg nach Hundſtein angetreten, iſt auch er fortgegangen; aber der Joſeph von Lindelberg hat ihn bei Zeſchenreuth begegnet, auf der Straße in die Stadt.“
„Ihn allein?“ fragte Herr v. Hundſtein.
„Ihn allein,“ beſtätigte der Kammerdiener. Joſeph ſogleich rufen laſſen.“
„Ich werde ſelbſt zu ihm reiten,“ ſagte Herr v. Hundſtein, gab dem Pferde die Sporen und galoppirte nach kurzem Gruße zum Hof⸗ thor hinaus.
Die Nachricht, welche Joſeph ihm gab, war ſo beſtimmt und klar, daß er nicht nach Eſchenthal zurückkehrte, ſondern tiefbekümmert heimritt. Mit Karl war Meinhard nicht gegangen; zur Stadt hatte er ihn nicht begleitet. Beider Wege waren geſondert; Herr v. Hundſtein mußte für ſich allein Vorkehrungen treffen, ob der Ver⸗ lorene gefunden werden könne.
(Fortſetzung folgt.)
„Ich will den
Vor den Thoren Hamburgs.
(Mit Abbildung.)
Hamburg hat ſich manche Schönheiten erhalten, die an anderen aber die auf ihnen graſenden Kühe ſind jetzt, wo faſt überall die
Orten nicht mehr zu finden ſind, beſonders die ſchönen Wieſen vor Und dieſe Wieſen mit ihrem üppigen Grün, beſonders
der Stadt.
Stallfütterung eingeführt iſt, ein gar ſeltener Anblick, zumal unmit⸗
telbar vor den Thoren einer ſo großen und bedeutenden Stadt.


