commandirende General in Burgos ſchon Kenntniß hatte; jedoch ehe es Ihnen gelungen wäre, jene geheimen Befehle den Gebrüdern Hierros im Gebirge zu übergeben, wären Sie ſicher arretirt worden... und ich weiß nicht, was Ihnen geſchehen wäre... Der Obriſt des Lancierregimentes, mein intimer Freund, geſtattete mir, mich dem Piquet anzuſchließen, das er nach Miranda zu ſchicken hatte... Sie wiſſen das übrige...“
Schweſter Maria de las Anguſtias ſtand ſprachlos vor ihm... ein ſchwerer Kampf ſchien in ihrem Innern vorzugehen... endlich ſchien ſie einen Entſchluß gefaßt zu haben.
„Sie träumen,“ ſagte ſie,„ich beſchäftige mich weder mit Politik, noch mit anderen weltlichen Angelegenheiten, ich bin Nonne und darf nur an ein jenſeitiges Leben denken.“
Don Louis lächelte kalt...„Nachdem wir die Hierros hinter uns hatten,“ fuhr er fort, ohne ihr direkt zu antworten,„hielt ich es weiter für meine Pflicht, Ihnen den Ausgang aus einem Lande zu erleichtern, wo Sie den größten Verfolgungen einer Partei, deren Befehle Sie auszuführen verſprochen hatten und, wenn auch unfreiwillig, nicht ausgeführt haben, ausgeſetzt ſind. Ich verließ jenes Städtchen einige Stunden nach unſerer Ankunft und überließ Sie der Begleitung eines mir befreundeten Ehrenmannes, der in Bedientenkleidung Sie bis zu dem Orte brachte, von wo Sie ſich einſchifften; ich hatte auf dem Wege Ihnen die nöthigen Pferde, wie auch jenes Schmugglerboot, das uns nach Frankreich geführt hat, beſorgt. Jetzt, gnädigſte Fürſtin, jetzt glaube ich, iſt meine Pflicht erfüllt.. jetzt, ich wiederhole es noch einmal, jetzt ſind Sie frei und ſich ſelbſt überlaſſen. Es kann mir nicht einfallen, Sie ver⸗ hindern zu wollen, nach Spanien zurückzukehren und Ihrem ſichern Untergange entgegenzugehen: aber es war meine Pflicht, Sie ein Mal davon zu erretten und Ihnen den Abgrund zu zeigen, worin herrſchſüchtige Prieſter keine Gewiſſensbiſſe hatten, Sie ſtürzen zu wollen, um zu ihrem Zwecke zu gelangen... Jetzt thun Sie, was Ihnen beliebt, Prinzeſſin!“
Einen Augenblick ſtand die Nonne ſprachlos.
„Aber was konnte Sie denn bewegen, ſich einer Sache anzu⸗ nehmen, die doch gar kein Intereſſe für Sie hat?“ fragte ſie.
„Ich bin ſpaniſcher Officier, Madame,“ antwortete Don Louis, indem er den Kopf zurückwarf, und wenn Sie mir auch antworten würden, daß Sie die Emiſſärin hoher und allerhöchſter Perſonen jenes Landes ſind, ſo könnte ich Ihnen die Worte des unſterblichen Dichters citiren:„„Meinen Degen gab mir das Land durch die Hand des Fürſten...““
„Und warum, wenn Sie Ihrem Schwure ſo getreu ſind, nah⸗ men Sie denn nicht jene Reiſetaſche, die, wie Sie ſagen, jene wich⸗ tigen Papiere enthält und übergaben ſie dem General in Burgos? Sie würden gewiß ein ſehr ſchnelles Avancement gehabt haben, und ich konnte mich dem ja nicht widerſetzen— ich war ganz in Ihrer Gewalt.“
Don Louis warf einen langen, vorwurfsvollen Blick auf Schwe⸗ ſter Maria de las Anguſtias.
„Ich hatte die Ehre, Ihnen vorhin zu ſagen, daß ich Sie für
68—
die Erretterin meines Lebens halte, und ich ſetze hinzu, damit meine Handlungsweiſe verſtändiger werde: Ich bin wie Sie, gnädigſte Für⸗ ſtin, ein Deutſcher, und meine Väter ſind Jahrhunderte lang Unter⸗ thanen der Ihrigen geweſen— ich konnte weder Ihr Verräther noch Ihr Mitwiſſender werden und glaubte, ſo handeln zu müſſen, wie ich es gethan.“
„Aber wie konnten Sie denn das alles erfahren, was Sie zu wiſſen vorgeben, denn ich muß Ihnen nochmals wiederholen, daß nur Träumereien...“
„O ich bitte Sie, gnädige Fürſtin,“ unterbrach Don Louis, „kein Wort mehr darüber, ich ſtand hinter einem Pfeiler der Kapelle, als Ew. Hoheit mit Vater Anſelmo oder beſſer mit Lord B... darüber ſprachen.“
Die Nonne ſtieß einen lauten Schrei aus... ſie war bleich wie ein Leichnam und ihre zitternden Hände gegen den Hauptmann
ausgeſtreckt, rief ſie in faſt unverſtändlichem Tone:
„Und Sie haben alles gehört?... alles?“
Don Louis ließ den Kopf ſinken—„Alles!“ antwortete er.
Die Nonne ſchien ihm nicht zu glauben... wie eine Wahnſin⸗ nige trat ſie vor ihn hin... ihre Augen ſchienen ihn durchdringen zu wollen...
„Alles?“ fragte ſie noch einmal?
„Alles!“ erwiederte der Hauptmann mit einem vielſagenden Blicke.
„O, ich entſinne mich!“ ſtammelte die Nonne—„o! ich bin ver⸗ loren! und Sie wiſſen auch... warum ich in cin Kloſter ging?“
„Ich weiß es“... ſagte der Hauptmann.
„Ich bin verloren!“ ſchluchzte die Fürſtin, indem ſie mit beiden Händen ihr bleiches Geſicht bedeckte... rettungslos verloren!“
Don Louis ſchwieg einige Minuten lang; er ſchaute mit dem innigſten Mitgefühl auf die unglückſelige Frau, die mit den ſchreck⸗ lichſten Schmerzen rang; er, der Abenteurer, der in ſeinem ſo be⸗ wegten Leben ſein Herz gegen jegliche Empfindung hatte ſtählen müſſen, er fühlte, wie eine Thräne ſein Auge verdunkelte und faſt unwillkürlich beugte er Knie und Haupt vor jenem fuürſtlichen Elende.
„Verzeihen Sie, Hoheit,“ ſagte er,„ich wußte nicht, was ich hinter jenem Pfeiler hören würde... und als ich das erſte Wort ge⸗ hört, feſſelte mich eine unwiderſtehliche Gewalt, und ich möchte ſagen, zwang mich, alles zu hören.— Es war Unrecht... verzeihen Sie ... Schweſter Maria!“
Die Nonne ließ langſam die Hände von ihrem Geſichte herab⸗ fallen— es war verſtört und bleich und große Thränen liefen über ihre Wangen, ſie hob ſprachlos ihre Augen und ſchien ein inniges Gebet gen Himmel zu ſenden.
„Stehen Sie auf, Don Louis,“ ſagte ſie endlich,„weder Sie noch ein anderer iſt an alle dem Schuld... Gott wollte auch den Reſt des bittern Kelches nicht an mir vorübergehen laſſen... Sein Name ſei gebenedeit und Sein Wille geſchehe!...“
(Schluß folgt.)
Rutter und Kind.
Kindlein in der Mutter Schooß,
O wie ſelig iſt Dein Loos!
was die welt Dir auch mag reichen, Dieſer Zeit Seligkeit
Iſt's nicht zu vergleichen.
Ueber Dir wie hell und klar wacht ein treues Augenpaar. welche Wonne, welch Entzücken Wenn ihr Kind Sanft und lind Sie ans Herz kann drücken!
Zwiſchen Deinen heitern Scherz Und das treue Mutterherz Schiebt ſich trübend nichts dazwiſchen.
Thränen ſind
Einem Kind
Leicht noch abzuwiſchen.


