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Tag über aus, machen uns Montag früh wieder auf den Weg und werden mit Gottes Hilfe Mittwoch Abend in Vittoria ſein.“
„Und wann paſſiren Sie die gefährliche Gegend, wo, wie Sie mir vorhin ſagten, jene Parteigänger hauſen?“
Der Hauptmann ſchlug die Augen nieder und biß ſich ſtark in die Lippen.
„Dienstag früh,“ antwortete er endlich unbefangen,„und ich fürchte dieſe Herren zu ſehen, denn obgleich ſie gewöhnlich einzeln Reiſende ruhig paſſiren laſſen, könnten ſie doch mit einem Officiere eine Ausnahme machen.“
„Ich will ſehen,“ ſagte Vater Anſelmo, indem er ſich von ihm verabſchiedete,„ob ich die Dame beſtimmen kann, Ihnen zu Pferde zu folgen.“
Don Louis brachte dieſen und den nächſtfolgenden Tag bei ſeinen Bekannten in der Stadt zu, beſuchte die beſten Waffenſchmiede, bei denen er ſich und ſeine Leute mit guten Revolvers verſah, ſuchte ſich die vom General ihm zugedachte Escorte in der Caſerne aus und am Donnerstag Morgen hielten drei Soldaten mit vier Pferden vor dem Thore des Kloſters und erwarteten den Hauptmann.
Am Abend vorher hatte er ſich ſchon von der alten Nonne ver⸗ abſchiedet; der Vater Anſelmo hatte ihm verſprochen, ihn noch des Morgens vor ſeiner Abreiſe zu ſprechen; Schweſter Maria de las Anguſtias jedoch hatte ihm ſagen laſſen, daß ein plötzliches Unwohl⸗ ſein ſie an ihre Zelle feſſele und daß ſie ihm Glück und Segen zu ſeiner Reiſe wünſche.
Don Louis fühlte ſich wie neugeboren, als er ſich aufs Pferd ſchwang und den dumpfen Kloſtermauern Lebewohl ſagte. Er ritt langſam bis zu einer Capelle an der Landſtraße, wo, wie ihm am vergangenen Abend der Pater geſagt hatte, er ihn mit der Dame erwarten würde und in der That ſah er ſchon von weitem einen Maul⸗ eſel an einen Baum gebunden und den Prieſter mit einer dicht in
die Falten ihrer Mantille gehüllten Dame, auf einer Raſenbank ſitzend. Ein eigenthümliches Lächeln umzog die Lippen des Haupt⸗ manns.
„Er hält mich aber doch für zu dumm,“ murmelte er.
Behend ſchwang er ſich vom Pferde, als er nahe bei der Capelle angekommen war, und ging dem Prieſter, der ſich gleichfalls erhoben hatte, entgegen. Sie begrüßten ſich herzlich und Vater Anſelmo ſtellte dem Hauptmanne die Dame unter dem Namen Donna Anna vor; die Dame verbeugte ſich ſtill und beſtieg mit Hilfe des Haupt⸗ manns das Maulthier.
Der Hauptmann ging mit dem Prieſter eine kleine Strecke zu Fuß und beim Abſchied ſchloß letzterer ihn in ſeine Arme und legte ſegnend ſeine Hand auf ſein Haupt.
„Ich brauche Ihnen nicht die Dame anzuempfehlen,“ waren ſeine letzten Worte,„ich weiß, Sie würden alles thun, um ihr die Reiſe ſo angenehm als möglich zu machen, doch muß ich Ihnen vorherſagen, Sie werden keine intereſſante Geſellſchafterin in ihr finden, denn ein herber Kummer nagt an ihrem Herzen und ſie wird wenig zum Sprechen aufgelegt ſein.“
Don Louis zuckte mit den Schultern; er ſtieg zu Pferde und war in einigen Augenblicken zur Seite der Dame, die mit der Hand dem Pater ein Lebewohl winkte, doch kaum hatte ſein Pferd einige Schritte gethan, als er ſich umdrehte und dem Prieſter zurief:
„Vergeſſen Sie nicht, der guten Schweſter Maria de las Angu⸗ ſtias meinen beſten Gruß und meinen nochmaligen herzlichſten Dank zu beſtellen.“
Vater Anſelmo blieb einen Augenblick wie angewurzelt ſtehen, dann winkte auch er ein Lebewohl, und bald hatte er die davoneilenden Reiſenden aus den Augen verloren.
(Fortſetzung folgt.)
Ah land und Herner
Erinnerungen von Ottilie Wildermuth. (Mit Abbildung.) 8
Meine erſten Vorſtellungen von Büchern und Autoren ſind ſehr unklarer Natur geweſen. In meiner kleinen Vaterſtadt war der Meßner zugleich Buchbinder, ich glaube, dieſe Vereinigung findet manchmal ſtatt, da Buchbinden gar ein verſtändiges, friedfertiges Gewerbe iſt, das mit dem geiſtlichen und gelehrten Stande zuſammen⸗ hängt und zu dem häufig minderbegabte Söhne des Honoratioren⸗ ſtandes beſtimmt werden.
Da nun die Bücher im elterlichen Haus aus der Hand des Meßners kamen, ſo bildeten wir Kinder uns ein, daß der Meßner ſie ganz und gar hervorbringe; als wir in einem Gebet die Stelle laſen:„Licht iſt Dein Kleid,“ fragten wir die Mutter:„Woher weiß denn der Meßner, wie der liebe Gott angezogen iſt?“ und wenn uns etwas in einer Geſchichte mißfiel, fertigten wir es ab mit der kurzen Kritik:„Ein dummer Meßner!“
Später, als ich längſt wußte, wie ſo gar unſchuldig unſer guter Meßner an allen ſchönen und nicht ſchönen Büchern geweſen i*ſt, da mußte ich mir unwillkürlich einen Dichter, einen Schriftſteller als lange verſtorben oder doch als ein in unnahbarer Ferne ſtehendes Weſen denken, ich hatte kein Verlangen ſie anders kennen zu lernen, als ſie ſich in ihren Dichtungen gaben, glaubte ihnen auch alles aufs Wort, wobei mich freilich mancher Dichter mit ſeinen ver⸗ ſchiedenen Gattungen von Liebe, Glück und Leid oft in Verlegenheit gebracht hat, weil es ſo ſchwer zu vereinigen war. Unſere Zeit begnügt ſich nicht damit, einen Dichter in„nebelgrauer Ferne“ an⸗ zuſtaunen und ſein Leben nur aus ſeinen Gedichten zu ahnen, ſie will klar ſehen, womöglich mit Händen greifen; wie ſie die Farben des Regenbogens analyſirt und ehe ſie an die Auferſtehung der Todten glaubt, zuvor meſſen will, ob auch Sauerſtoff genug in der Luft ſei für ſo viel Auferweckte, ſo will ſie auch des Dichters Leben und Weſen alsbald in ſeine Elemente zerlegen, ſie will wie Pfizer ſagt:
„nur nach dem Faden fragen dran ſich gebil det der Kryſtall“
und wie bei den alten Egyptern wartet man mit dem Todtengericht nicht mehr, bis die Leiche unter der Erde iſt.
Mag es einerſeits das zarte Gefühl verletzen, ſo frühe ſchon verehrte Lebende oder Todte ans Licht der Oeffentlichkeit gezogen zu ſehen, ſo kann doch ein reines Dichterleben nur gewinnen, wenn es von allen Seiten betrachtet und ins klare Licht geſtellt wird, frei von den Mythen, die ſich ſo leicht darum bilden, und wenn es ſo zum ganzen Eigenthum der Mitwelt und des nachwachſenden Geſchlechtes wird.
Uhland und Kerner, ihre Dichtungen, ihr Leben und ihr Charakter, die treue Freundſchaft, die ſie trotz aller Verſchiedenheit
verbunden, iſt noch beim Leben und ſeit dem Tode beider vielfältig
beſprochen worden. Wenige der Nachgebornen mögen wohl befähigt und berufen ſein, auf den Grund dieſer Verſchiedenheit und Verwandt⸗ ſchaft der Freunde zu gehen, nur ihre eignen Briefe könnten dies thun. Was hier zur Begleitung unſres anmuthigen Bildes geboten wird, ſoll nur eine Einkehr in die Heimat der beiden Dichter ſein, von Einer, die mit Liebe und Ehrfurcht zu ihnen aufgeblickt hat. Eine Heimat nach ſeinem Herzen iſt jedem von ihnen ge⸗ worden, und jedem hat Gott die Sonne und Krone einer rechten Heimat beſchieden— ein Weib nach ſeinem Herzen. Mit freudi⸗ gem Stolz darf unſer dichterreiches Schwaben ſagen: die poetiſche Licenz, mit der man ſonſt wohl leichte Sitten und regelloſes Leben eines Poeten entſchuldigt, die braucht es für die beſten ſeiner Dichter⸗ nicht in Anſpruch zu nehmen. Wenn vielleicht Schiller die Sturm⸗ und Drangperiode einer wilden, zu lange eingedämmten Jugend durchzumachen hatte, ſo hat er doch in reinem Werben um die Liebe einer reinen Frau gezeigt, daß er die Frauen nicht nur im Liede verehrt, ſondern die rechte heilige Bedeutung der Ehe wohl erkannt hat. Uhland aber und Kerne wie ihre Freunde Schwab und Karl Mayer, bieten uns das herzerfreuende Bild einer unbefleckten Jugend und einer reinen, ſchönen, innerlich beglückten Häuslichkeit. Es war jedem hier ſein Loos aufs lieblichſte gefallen, nach ſeines Weſens Bedürfniß jedem die treue, verſtändige, herzlich ſorgende Haus⸗ frau, das„tugendſame Weib, auf die ihres Mannes Herz ſich ver⸗ laſſen durfte“ und die ihn der kleinlichen Sorgen für das Alltags⸗
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