Der Hauptmann ging auf die Schweſter Maria zu, ergriff ihre Hand und küßte ſie.
„Gebe Gott Ihnen Glück und Ruhe,“ ſagte er,„ich werde Ihrer Pflege nie vergeſſen, meine Schweſter, und wenn Sie einſt des Lebens, welches Ihre chriſtliche Liebe errettet, bedürfen, gebieten Sie, es ſteht zu Ihrer Verfügung.“
„Ich danke Ihnen, Caballero,“ antwortete die Nonne,„rech⸗ nen Sie meine Pflege nicht zu hoch an; des Herrn Allbarmherzigkeit allein hat Sie errettet. Werden Sie uns bald verlaſſen?“
„Ich hoffe, in acht oder zehn Tagen fähig zu ſein, zu Pferde zu ſteigen und mich wieder zu meinem Regimente zu begeben, das, wie ich gehört habe, ſich jetzt in Pampelona befindet.“
Ein gleicher Gedanke ſchien plötzlich im Geiſte des Vaters Anſelmo und der Nonne zu keimen. Erſterer warf einen forſchenden Blick auf Schweſter Maria de las Anguſtias, den dieſe mit einer leichten Kopfbewegung beantwortete.
„Es könnte gehen,“ ſagte Vater Anſelmo auf deutſch, dann ſich plötzlich zu dem Hauptmann wendend:„Sprechen Sie franzöſiſch, Don Louis?“ ſagte er.
Der Hauptmann ſchien ſehr verlegen zu werden.
„Sie wiſſen, mein Vater,“ ſagte er,„daß alle Officiere es eigentlich ſprechen müſſen; aber...“
„Ja, ja, ich verſtehe,“ erwiederte Vater Anſelmo lachend,„da man keine Gelegenheit hat, es zu ſprechen und die Officiere etwas anderes zu thun haben, als die ſchöne Zeit mit Studiren zu ver⸗ bringen, ſo vergißt man bald das wenige, das man weiß. Doch verzeihen Sie, Don Louis, ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich Sie das frage.“
Schweſter Maria grüßte den Hauptmann mit einer hohen Handbewegung und ſetzte ihren Spaziergang fort, und der Hauptmann kehrte etwas müde mit dem Vater Anſelmo in ſein Gemach zurück.
Die Reconvalescenz nahm ihren gewöhnlichen Gang und in der folgenden Woche machte er ſchon ziemlich lange Spaziergänge in der Stadt, um ſich nach dem Laufe der politiſchen Ereigniſſe zu er⸗ kundigen, alte Freunde aufzuſuchen, ſich beim General zu melden, einige nothwendige Beſuche abzuſtatten und, wir wollen es geſtehen, auch einige Erkundigungen über die beiden Perſönlichkeiten, die ihn in ſo hohem Grade intereſſirten, einzuziehen. Jedoch alle ſeine Nachforſchungen, die er mit der äußerſten Vorſicht anſtellte, blieben ohne Erfolg. Ganz Valladolid wußte, was ihm Vater Anſelmo von den Stiftungen Philipps II erzählt hatte, aber um die Perſonen, die ſich in demſelben befanden, hatte ſich nie⸗ mand bekümmert.— Was die barmherzigen Schweſtern des Kloſters Sta. Trinidad anbetraf, ſo hatte man wohl ihre ſchwarzen Kleider und weißen Schleier in Spitälern und bei Prozeſſionen manch⸗ mal bemerkt, jedoch wer konnte wiſſen, wer ſie wären? Man erinnerte ſich nicht einmal, eine ſo hohe Figur, wie die, welche der Hauptmann beſchrieb, je geſehen zu haben.
Der Banquier, von dem Don Louis ſich einiges Geld vor⸗ ſchießen ließ, war vielleicht der einzige, der ihm, was den Vater Anſelmo betraf, einen Leitfaden in dieſem Labyrinthe gegeben hatte. Er erzählte nämlich, daß bei ihm ſchon oft auf Lord H***, Sohn des Herzogs von Dæxs, ausgeſtellte Wechſel von einem Prieſter, deſſen Aeußeres ſo ziemlich mit dem Vater Anſelmos zuſammentraf, einkaſſirt worden wären.
Die alte Nonne, die ihn zuweilen beſuchte, hatte ein Mal ſeine Fragen über Schweſter Maria de las Anguſtias ziemlich mür⸗ riſchen Tones beantwortet und ihm zu verſtehen gegeben, daß die Schweſter dem Kloſter mehr Umſtände als Nutzen gebnacht hätte.
„Glauben Sie nicht, Caballero,“ ſagte ſie,„daß wir hier in unſern vier Wänden unabhängig von der Welt unſerer Ruhe und unſerem Heile leben können, wenn wir es auch wollten; unaufhör⸗ lich ſtören uns dieſe oder jene äußeren Einflüſſe...“
„Zum Beiſpiel ein verwundeter Hauptmann,“ ſagte lachend Don Louis.
„Spotten Sie nicht,“ erwiederte die Nonne,„unſeren Mit⸗ menſchen helfen, heißt auch unſer Heil bereiten, aber alle jene...“ Sie unterbrach ſich und ſo ſehr der Hauptmann ſich auch bemühte, ſie auf dieſes Thema wieder zurückzuführen, ſo gelang es ihm doch nie. Sie ſchien ſogar zu bereuen, ſchon zu viel geſagt zu haben, denn ſie fügte lächelnd hinzu:
„Sie ſehen, mein Sohn, daß man ſich nie ändert, und daß
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Frauen, mögen ſie nun im Kreiſe der Welt oder in den Mauern eines Kloſters ſich bewegen... immer Klatſchſchweſtern bleiben.“
Einige Tage ſpäter jedoch, achtundvierzig Stunden vor ſeiner projectirten Abreiſe gab der Zufall den Schlüſſel dieſes Geheimniſſes in die Hände des Hauptmanns Don Louis X. Eines Morgens war er früher als gewöhnlich erwacht und in den Garten hinabgeſtiegen, um friſche Luft zu ſchöpfen; er fand die Thüre der Kapelle, die einen Ausgang auf den Garten hatte, geöffnet und trat ein, um ein Bild der heiligen Catharine, von dem ihm die alte Nonne viel erzählt hatte, anzuſehen. Das Bild war wirklich ſchön, von Ribera oder von einem ſeiner guten Schüler gemalt, und er war ſchon lange in den Anblick deſſelben verſunken, als Schritte, vom Chor aus kommend, ihn aus jener Art von künſtleriſcher Betäubung, die ein gelungenes Kunſtwerk auf gewiſſe Gemüther ausübt, erweckten.— Es war Schweſter Maria de las Anguſtias, die ſich mit Vater Anſelmo dem Pfeiler nahte, hinter dem Don Louis, ihren Augen verborgen, ſtand. Sie ließen ſich beide auf eine danebenſtehende Bank nieder und während einer Stunde, die ihm eine Minute erſchien, hörte der Hauptmann ihrer in deutſcher Sprache geführten Unterhaltung zu, ohne daß ſie eine Ahnung von ſeiner Gegenwart hatten.
Nachdem ſie die Capelle verlaſſen, begab ſich Don Louis in einer ungeheuren Aufregung auf ſein Zimmer, er warf einen Blick in den Spiegel— er war bleich wie ein Todter... Am ſelben Abende beſuchte ihn Vater Anſelmo und ſah, wie der Hauptmann alle ſeine Vorbereitungen traf, um am folgenden Tage Valladolid zu verlaſſen; er befragte ihn über den Weg, den er einzuſchlagen gedenke, wo er ruhen und wie viele Begleiter er mitnehmen werde. Don Louis antwortete, er würde über Burgos und Vittoria reiſen, ſich wahrſcheinlich in jeder dieſer Städte einen Tag ausruhen und nur zwei oder drei Soldaten zu ſeiner Bedienung mitnehmen.
„Don Louis,“ ſagte Vater Anſelmo,„dürfte ich Sie um einen Dienſt bitten?“
„Sie wiſſen,“ antwortete der Hauptmann,„daß ich Sie ſchon oft gebeten habe, meine Dankbarkeit auf die Probe zu ſtellen.“
Der Prieſter ſah den Hauptmann ſcharf an...
„Und wenn dieſer Dienſt darin beſtände, eine Dame bis Vittoria zu begleiten?“ ſagte er.
Der Hauptmann kräuſelte lächelnd ſeinen Schnurrbart.
„Iſt die Dame jung?“ fragte er.
Vater Anſelmo runzelte die Stirn.„Was kümmert Sie das, Caballero?“ ſagte er,„man vertraut einem Ehrenmanne die Sicher⸗ heit, in dieſen bewegten Zeiten vielleicht das Leben, einer Dame an und bevor er dieſen beneidendswerthen Auftrag annimmt, fragt er, ob ſie auch jung ſei!“
„Es war ſo ſchlimm nicht gemeint,“ antwortete der Hauptmann begütigend,„und Sie müſſen mich zu gut kennen, um nicht über⸗ zeugt zu ſein, daß ich Ihnen und der ehrenwerthen Dame gerne den Dienſt erweiſe, ihr Geſellſchafter bis Vittoria zu ſein.— Wie wird die Dame reiſen, zu Pferde oder zu Wagen?“
„Die Wege ſind gut, ich würde vorſchlagen zu Wagen,“ ſagte Vater Anſelmo.
„Und ich das Gegentheil,“ antwortete Don Louis,„wenn man eine geſchloſſene Kutſche, von einem Officiere eskortirt, auf der Landſtraße erblickt, iſt der erſte Gedanke, daß ein Gefangener ſich darin befinde, und es könnte den Herren Gebrüder Hierros, die mit ihrer Bande zwiſchen Burgos und Bibienna hauſen, vielleicht einfallen, den Wagen zu öffnen, um zu ſehen, ob man ihrer Partei nicht irgend einen Chef, General, Prinz oder eine Prinzeſſin ent⸗ führe.“
Vater Anſelmo ward blaß und ſeine ſtechenden Blicke ſchienen die Gedanken aus dem Herzen des Hauptmanns herausreißen zu wollen.
„Wenn die Dame ſich aber die Reiſe zu Pferde zu machen entſchließen könnte,“ fuhr der Hauptmann fort, der die Blicke des Prieſters nicht zu bemerken ſchien,„ſo wäre das ganz etwas anderes, je nachdem ſie jung oder alt iſt, würde man ſie für meine Mutter, Schweſter oder Frau halten.“
„Wann denken Sie in Vittoria anzukommen?“ fragte Vater Anſelmo.
Der Hauptmann rechnete an ſeinen Fingern.—„Wir reiſen Donnerstag von hier ab, ſind Sonnabend Abend in Burgos, hören am Sonntag Morgen die Meſſe in der Cathedrale, ruhen uns den


