Jahrgang 
1865
Seite
606
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Blicken, die auf mich, deſſen Sendung ſie errathen hatten, fielen, tödt⸗ lichen Haß, bitterſten Ingrimm zu leſen; überhaupt ſchien eine finſtere verbiſſene Stimmung unter ihnen zu herrſchen und gar vielen ſtand deutlich das Blut im Auge. Als ich meinen Begleiter darauf auf⸗ merkſam machen zu müſſen glaubte, lachte derſelbe hell auf was ihn wahrſcheinlich nicht beliebter gemacht hat. Aber wir waren hin⸗ länglich ſicher; ringsum auf erhöhten Plätzen Soldaten mit ſcharfge⸗ ladenen Gewehren vertheilt, die Bleiſtöcke der Aufſeher nicht zu rechnen. Letztere werden aus den Deportirten ſelbſt herangezogen; ihre Stellung iſt eine der entſetzlichſten in der Welt, denn auf ſie concentrirt ſich der ganze Neid ihrer ehemaligen Kameraden, die nun in ihnen abtrünnige Spione erblicken. Jährlich wird eine große Zahl davon ermordet; im vergangenen Jahre fielen auf dieſe Weiſe nicht weniger als gegen zwanzig Aufſeher! Nichtsdeſtoweniger iſt der Poſten ein begehrter, wenn er auch nichts einbringt, als beſſere Koſt, Kleidung und Befreiung von der Kette und Handarbeit. Man ſollte glauben, bei der totalen Abgelegenheit der Station inmitten der Südſee und der überaus ſtrengen Organiſation ſeien Fluchtverſuche ganz unmöglich; dennoch werden alljährlich deren genug ausgeführt. Gewöhnlich verbergen ſich die Deſerteure zunächſt in irgend einer Schlucht der Inſel ſelbſt, um auf ein vorbeiſegelndes Schiff zu warten, aber der Hunger treibt ſie ſehr häufig aus ihrem Schlupf⸗ winkel hervor, ehe ein ſolches erſcheint, und darum wird gar nicht nach ihnen geſucht; wenn man weiß, daß keine Segel in Sicht ſind. Es iſt übrigens ein durchaus falſches Mitleid, welches Capitäne be⸗ wegt, ſolche Verbrecher aufzunehmen und wieder in die bürgerliche Geſellſchaft zu führen, deren Schrecken ſie waren und ſtets wieder werden. Andere gelangen im beſten Fall auf einigen zuſammenge⸗ bundenen Baumſtämmen bis zur Inſel Philipps, gehen aber auf derſelben an Waſſermangel elendig zu Grunde, wenn man ſich nicht die Mühe nimmt, ſie wieder abzuholen. Doch gehen auch Sagen, an deren thatſächliche Begründung ich aber kaum glauben kann, daß ſchon Flüchtlinge auf ihren armſeligen Flößen das Feſtland von Aüſtralien erreicht hätten; die Verbrecher halten die Sache natürlich für wahr und ausführbar und jeder iſt allzeit bereit, ſelber die Probe zu machen. Die drei, welche zu der Louiſe gekommen waren, hatten die Flucht jedenfalls lange verabredet und vorbereitet, wahrſcheinlich beim Holzfällen nach und nach einige Stämme bei Seite und in ein Verſteck gebracht; als unſer Schiff in Sicht kam, waren ſie am Abend ausgebrochen, hatten das Floß zuſammengeſetzt und ſich dem⸗ ſelben anvertraut. Zwei davon waren berüchtigte Oldhands; mehr als dies letztere wurde mir aber nicht geſagt ich erfuhr es ſpäter von unſeren Matroſen da man auf der Inſel eine ganz auffällige Zurückhaltung hinſichtlich der perſönlichen Verhältniſſe der Detinirten beobachtete. Im Grunde ſchien dies nicht mehr als billig; waren ſie doch längſt keine Menſchen mehr, ſondern nur noch Zahlen! Leider war mir nur ein flüchtiger Gang durch das Hauptge⸗ bäude, den Twing, mit ſeinen Kennels(eigentlich Hundeſtällen) ge⸗

ſtattet, da ich mich nicht allzulang von meinem Schiff fern halten durfte und wir noch ein tüchtiges Ende bis dahin zu rudern hatten. Lieutenant Maclean beneidete mich um die Heimfahrt und klagte bitterlich über die traurige Norfolk⸗Station.Hätte ich ahnen können, ſagte er,was einem an Umgang mit guten Geſellen ge⸗ wöhnten Menſchen hier blüht, ich hätte den Poſten nicht angenommen und wenn er noch dreimal ſo viel eingebracht hätte. Jetzt heißt es aber Aushalten. Glücklicherweiſe ſind in eilf Monaten meine ſechs Jahre um, und dann dann, ſetzte er begeiſtert hinzu, indem er mir derb auf die Achſel ſchlug,dann will ich mir eine Familie grün⸗ den und zufrieden meinen Kohl bauen! Und der gute Mann wiegte ſich in den ſeligſten Träumen, ſah ſich ſchon als Landbeſitzer, Gatte, Vater, Großvater, im vollen Beſitz alles Glücks, das er von Jugend an unter Entbehrungen aller Art männlich und zäh erſtrebt hatte. Wenige Monate ſpäter las ich in der Naval and Shipping Gazette, daß bei einem Aufſtand der Sträflinge auf der Inſel Norfolk der Lieutenant Maclean vom 64ſten gefallen ſei! Welchen Eindruck dieſe Nachricht auf mich machte, kann man ſich wohl denken.

Als wir wieder über den Hof ſchritten, hörte ich plötzlich aus nicht geringer Entfernung eine Gewehrſalve; ich fuhr zuſammen. Was war das? frug ich meinen Führer.Nichts, entgegnete dieſer kaltblütig und blies ein Ringelwölkchen in die Luft,es ſind drei Nummern vakant geworden!Schrecklich! rief ich, faſt bebend.Nothwendig!antwortete er kurz.

Am Boot angelangt, fand ich meine Matroſen, obgleich etwas unwirſch darüber, daß man ihnen nicht erlaubt hatte, das Land zu betreten, doch ſonſt in vortrefflicher Stimmung, da ſie reich mit Brandy, Zucker und Limonen bedacht worden waren und mit den Marinern der Küſtenwache ſcheinbar ein ſehr animirtes Convivium gefeiert hatten; wenigſtens ſchwuren ſie ſich einander ewige Freund⸗ ſchaft, als wir ankamen und der begeiſterten Scene ein Ende machten. Der Intendant hatte die Aufmerkſamkeit gehabt, eine ſtattliche Spende friſcher Gemüſe und Früchte für Capitän Wittmann in das Boot legen zu laſſen, wofür wir ihm zu hohem Danke verpflichtet waren. Meine Zeit war abgelaufen.

Als ich ſchon mit einem Fuß im Boote ſtand und dem zuvor⸗ kommenden Lieutenant Maclean zum letzten Male die Hand ſchüttelte, hielt er mich an derſelben zurück, näherte ſein Geſicht dem meinen und ſagte mit leiſer Stimme:Sie haben beſonderes Intereſſe ge⸗ zeigt für einen der Burſchen er deutete dabei mit dem linken Daumen hinter ſich, wobei es mich überliefich ſage, der Knall, den Sie ſo eben gehört haben, wird eines der ſtolzeſten Schlöſſer Altenglands erſchüttern bis in die Grundmauern. Und nun, good bye!

Wir lagen noch bis zum Abend des nächſten Tages regungslos auf derſelben Stelle. Ich ſaß die ganze lange Zeit hindurch auf dem Deck und mein Blick hing wie magnetiſch feſtgebannt an den dunkeln Umriſſen der Verbrecherinſel.

Der Kampf um den Nordpol.

Von Hermann Wagner.

Einem ruheliebenden Bewohner des Binnenlandes, der ſich Als kurz darauf der Pabſt, der die Erde vielleicht noch für eine flache

von ganzem Herzen freut, daß der abſcheuliche Winter mit Eis und Schnee, mit Noth und Weh vorbei iſt, mag es Wunder nehmen, wenn Leute Sehnſucht nach dem Nordpol haben! Sein Befremden ſteigert ſich, wenn er erfährt, daß eine berühmte gelehrte Geſellſchaſt ſogar von ihrer Landesregierung bedeutende Summen Geldes, Schiffe und Leute beanſprucht, um ſolch eine Partie auszuführen, bei der, wie er meint, ſchließlich doch weiter nichts zu holen ſei als Skorbut und erfrorene Glieder. Er weiß, daß ſchon zahlreiche Nord⸗ polexpeditionen unternommen und ebenſo viele mißglückt ſind, daß die Leute nicht ſelten gar ihre ſchönen Schiffe im Eis ſtecken ließen und froh waren, wenn ſie das liebe Leben zurückbrachten. So kommt ihm natürlich die Frage: was denn die Schiffer eigentlich für einen Grund haben, dem Winterkönig in ſeinem Daheim einen Beſuch abſtatten zu wollen? Hierauf wollen wir in möglichſter Kürze ver⸗ ſuchen eine Antwort zu geben, müſſen aber dabei ſcheinbar etwas weit ausholen, weil eben die Nordpolfahrten von ſehr altem Datum ſind.

Jedermann weiß, daß Chriſtoph Columbus die Wunderlande Aſiens: Indien, Katai und Zipange ſuchte und Weſtindien fand.

Scheibe hielt, dieſelbe durch einen Federſtrich in zwei Hälften getheilt, die öſtliche den Portugieſen, die weſtliche den Spaniern geſchenkt, ent⸗ ſpann ſich unter dieſen beiden ſeefahrenden Nationen ein eigenthüm⸗ licher Wetteifer, ſo raſch als thunlich das größtmöglichſte Stück ihres Antheils in Beſitz zu nehmen. Die Spanier entdeckten das Feſtland der neuen Welt und den ſtillen Ocean und ein ſchlauer Kopf unter ihnen, Magellan, der die Erde für eine Kugel anſah, hatte den Ein⸗ fall, die erſehnten Gewürzinſeln von Weſten her aufſuchen zu wollen und dieſe ſo für Spanien zu erwerben. Er fand richtig den Weg um das Südende Amerikas herum und nachdem ſein Schiff ſich mit Mus⸗ katnüſſen und Gewürznelken befrachtet, kehrte es glücklich von Oſten her nach Europa zurück. Engländer, Holländer und andere nicht⸗ katholiſche Leute waren bei jener Theilung der Welt leer ausgegan⸗ gen, gaben ſich aber nicht damit zufrieden, ſondern ſuchten auch noch ein wenig für ſich zu erringen. Was den Spaniern im Süden Amerikas gelungen, das wollten ſie im Norden verſuchen.

Die Baffins⸗ und Hudſonsbai führten tief in das Feſtland von Nordamerika hinein; man hielt es für wahrſcheinlich, daß hier eine