Jahrgang 
1865
Seite
584
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ſo unheimlich o ich wollte, er brauſte und zürnte lieber. Dieſe wilde Gleichgültigkeit iſt noch viel ſchlimmer.

O warum kommt denn der Frühling wieder? und warum fängt alles wieder an zu grünen und zu blühen? Was ſollen mir alle die Er⸗ innerungen an vergangene glückliche Frühlinge? Ich gehe im Hauſe, im Garten umher wie ein geſchrecktes vergeſſenes Weib. Iſt es denn möglich, daß ich noch nicht neunzehn Jahre alt bin? Sind denn nicht ſchon Jahre dahin gegangen ſeit jenem achtzehnten Geburtstage? Sogar die Leute im Hauſe ſehen mich ſeufzend und kopfſchüttelnd an, und dem Kammermädchen habe ich wiederholt den Mund verbieten müſſen, wenn fie anfangen wollte, mich zu beklagen oder von Karl zu reden. Ach hilf mir, mein Gott, daß ich von der Geduld und Liebe nicht ablaſſe!

Auguſte an Baron Karl von W.

Es iſt in dieſer Einſamkeit und ſchlechten Umgebung nicht aus⸗ zuhalten, und da Du es mir nicht erlauben willſt, ſie auf einige Zeit zu verlaſſen, ſo gehe ich ohne Deine Erlaubniß. Ich werde nicht lange ausbleiben und Du weißt, daß ich nicht von Dir laſſen kann, aber Deine Liebe iſt allzu tyranniſch. Der Jäger und die Alte wiſſen nichts von meinem Fortgehn. Du wirſt dieſen Zettel auf meinem Tiſche finden. Wenn ich wieder zurückgekehrt bin, wird Dir der Jäger ſogleich Beſcheid bringen. Spüre nicht nach, wohin ich gehe; es würde ganz umſonſt ſein. Wo ich aber in den Paar Wochen auch ſei, ich bin immer und in Ewigkeit mit der heißeſten Liebe Deine treue Auguſte.

Aus Adelgundens Tagebuche.

Er hat mich geſchlagen! O mein Gott, er hat mich geſchlagen!

Er war gleich nach Tiſch ausgeritten, und da nach langer, langer Zeit kam Benno einmal, uns zu beſuchen. Ach ich glaube, er weiß oder er ahnt, wie ſchlimm es um uns ſteht. Er war ſo ernſt und ſanft und mitleidig und ſprach kein Wort über Karl. Nur von vergangenen Zeiten war die Rede, von jenen fröhlichen Tagen, und ich ſtrengte mich unſäglich an, glücklich und heiter zu ſcheinen, damit er nichts merke von unſerm Leid. Wir ſprachen von großen und heiligen Dingen; und als er wieder fortgegangen, war's mir, als wäre ich in einer ganz anderen Welt geweſen, und davon blieb mir noch lange ein Glanz im Inneren; und da Karl bis ſpät Abends ausblieb, konnte ich mit recht verſöhntem Herzen für ihn beten. Endlich in der Nacht kam er zurück, ſehr beſchmutzt vom Reiten; er mußte ſchweren Verdruß gehabt haben, er war furchtbar finſter und gereizt und ſtürzte ohne ein Wort zu ſagen, ſogleich eine ganze Flaſche Champagner hin⸗ unter. Dann ſaß er lange ſtumm und warf zornige Blicke zu mir

herüber. Zuletzt rief er mich zu ſich. Ich kam. Du nimmſt Herren⸗ beſuch in meiner Abweſenheit an rief er mit heftigem Ausdruck. Verzeih, lieber Karl, ſagt' ich; ich konnte ja nicht anders, da Du ausgeritten wareſt. Warum verſchweigſt Du es mir? rief er mit funkelnden Augen. Ich ſagte, das ſei nicht meine Abſicht geweſen; ich habe nur warten wollen, bis es ihm recht geweſen wäre, daß ich mit ihm ſpräche. Du lügſt! ſchrie er dann. Benno von H. iſt bei Dir geweſen! Und dann unter den wildeſten Flüchen und Scheltworten, die ich nicht niederſchreiben kann, ſchlug er mich, daß ich niederfiel. Ach vor dem Schrecken, dem Entſetzen, dem unendlichen Leid, daß er das thun konnte, fühlte ich nicht, ob es mich ſchmerze. Ich glaube, er ſelbſt war erſchrocken darüber. Ich war auf die Kniee gefallen. Er ſtand vor mir und drückte die eine Hand auf die Augen. Ich nahm die andre. Karl, ſagte ich, lieber Karl, warum thuſt Du mir ſo wehe? Ich habe Dich ja nie beleidigt. Er ſtürzte fort in ſein Zimmer.

Nein, nein! Keine Bitterkeit gegen ihn ſoll in mein Herz kom⸗ men! An Dich will ich mich halten, der Du Größeres und Schwereres für mich gelitten haſt. Ich fühle es, wie es mein Inneres mit ihm verſöhnt, wenn ich zu Dir für ihn, für ſeine Seele und für mich um ſeine Liebe bete.Der verborgene Menſch des Herzens unverrückt mit ſanftem und ſtillem Geiſt das ſei meine Rettung, daran will ich mich halten. Er iſt weniger abweſend als ſonſt. Er fängt an, ſich um den Garten, ich glaube auch um die Wirthſchaft zu kümmern. Die Abende freilich, wenn er getrunken hat, ſind ſchrecklich. Aber ich

glaube, es nagt ihn, daß er mir ſo großes Unrecht gethan. Am Tage,

wenn wir zuſammen ſind, und er faſt gar nicht ſpricht, liegt doch oft ſein Blick auf mir. Ich fühle es, auch wenn ich es nicht ſehe. Und wenn ich zu ihm aufblicke, wendet er die Augen plötzlich weg. Oder ſollte es ein böſer Argwohn ſein, weshalb er mich ſo beobachtet? Die Mama iſt krank, iſt ſehr krank. Karl hat mir erlaubt zu ihr zu gehn und ſie zu pflegen. Ich laſſe mir meine Sachen vom Kammermädchen nachbringen und fahre ſogleich ab.

Paſtor Leſemeier an die Baronin Adelgunde von W.

Gnädige Frau Baronin! Sie wiſſen, daß ich morgen mit den Meinigen abziehe, um eine beſſere Pfarre in einer entfernten Pro⸗ vinz anzutreten, und obgleich ich meinen Abſchiedsbeſuch bereits ge⸗ macht, muß ich Hochdieſelben noch einmal behelligen. Der Herr Baron hat mir in meinem eignen Hauſe und in Gegenwart eines Gaſtes einen großen Schimpf angethan, und obwohl ich ihm den⸗ ſelben nach den Vorſchriften der chriſtlichen Moral gern vergeben und keine Rache üben will, ſo hat er dadurch doch jedes Band zerriſſen, das die Dankbarkeit gegen ſeinen ehemaligen Lehrer hätte knüpfen ſollen.

Zunächſt erzähle ich den Vorfall, wie er ſich begeben hat. Er war am Abend mit dem Pächter Heitlein bei mir zu Gaſt und wir ſpielten eine Partie zuſammen, während wir ein Glas Wein tran⸗ ken. Der Herr Baron hatte kein Glück, bekam ſchlechte Karten und ſchien dadurch aufgereizt zu werden. Bei einem Spiele, welches er übrigens gewann, kamen wir in eine Differenz. Er wollte daſſelbe höher angeſagt haben, als es der Fall war, und da ich dies nicht zugeſtehen konnte, warf er mir Geiz vor. Das verdroß mich um ſo mehr, als ich lebenslang den ſchmalen Pfad zwiſchen weiſer Spar⸗ ſamkeit und dem weiſen Genuß zeitlicher Güter mit der größten Gewiſſenhaftigkeit gewandelt bin, und ich ergriff die Gelegenheit, als guter Hausvater ihn an eine Schuld von 50 Ducaten zu mahnen. Der Herr Baron konnte dieſelbe nicht leugnen, fuhr aber mit den leidenſchaftlichſten ehrenrührigen Reden auf mich ein, ſo daß mir die Selbſtachtung gebot, ihm ſeine Undankbarkeit vorzuhalten. Darüber gerieth er in eine ſo unbezähmbare Wuth, daß er die Ta⸗ packspfeife aus dem Munde nahm und ſich ſo weit vergaß, mir mit derſelben zu verſchiedenen Malen mit aller Kraft ins Geſicht zu ſchla⸗ gen, ſo daß ich heute die entſtellendſten blutunterlaufenen Stellen auf Stirn und Wangen habe. Dann entfernte er ſich und ließ mich in der größten moraliſchen Entrüſtung zurück.

Gnädige Frau Baronin! Sie wiſſen, was ich an ihm gethan, wie ich ihm in meiner Jugend Zeit und Kräfte gewidmet und mich bemüht habe, ihm alle Lehren der Weisheit und Tugend einzu⸗ prägen, welche eine vernünftige Religion darbietet. Er verdankt mir ſein ganzes Glück. Aber mit Betrübniß muß ich ſehen, wie er den Pfad des Laſters eingeſchlagen hat. Ich will mich nicht rächen. Aber nachdem ich bei kälteſtem Blute die Pflichten des Menſchen gegen ſich ſelbſt und gegen ſeinen Nebenmenſchen erwogen habe, bin ich zu dem Entſchluſſe gelangt, Ihnen die in dem beigeſchloſſenen Paket⸗ chen eingeſiegelten Briefe des Herrn Barons an mich zuzuſenden. Ich halte es für die Pflicht der Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, welche wir unſerm Nächſten ſchuldig ſind, Sie über die Gemüthsart und Denkungsweiſe des Herrn Barons nicht in Zweifel zu laſſen. Zugleich werden Sie in den Briefen den Beweis finden, daß er mir die fünfzig Ducaten verſprochen hat, die er jetzt nicht zahlen zu wol⸗ len ſcheint. In Betracht meiner geringen Mittel und meiner vier Kinder hätten die Frau Baronin vielleicht die Gnade, den Herrn Baron zur Zahlung zu vermögen. Im übrigen wünſche ich ihm nichts Böſes und ſcheide mit verſöhntem Herzen, wie es einem Chriſten geziemt. Indem ich allen Segen wünſche, verbleibe ich mit höchſtem Reſpect Ew. Hochwohlgeboren gehorſamſter Diener Leſemeier.

Adelgunde an Baron Karl von W.

Lieber Karl! Verzeihe mir, wenn ich Dir mit einer unange⸗ nehmen, aber ſchon völlig abgemachten Sache noch läſtig falle. Ich habe heute den beiliegenden Brief von dem abgehenden Paſtor Leſe⸗ meier erhalten, aus welchem ich aber nichts herausleſe, als daß er gern Nache an Dir üben möchte und daß Du ihm eine Summe ſchuldig ſeieſt. Das erſte kann ihm in der Weiſe, wie er es ver⸗ ſucht hat, nicht gelingen. Den Schuldbetrag habe ich ihm ſtatt Deiner aus dem Gelde der Mama zugeſchickt. Das Paketchen mit den Briefen erhältſt Du hierneben, und das unverletzte Siegel wird Dir zeigen, daß ich ſie nicht geöffnet habe. So iſt die ganze Sache abgemacht und ich würde ſehr glücklich ſein, wenn Du mit meinem Verfahren zufrieden wäreſt.

Die liebe Mama iſt ſehr krank und ihr Zuſtand erfüllt mich mit den größten Beſorgniſſen. Ach, daß Gott ſie uns noch erhalten wolle! Außer Dir und ihr habe ich ja niemand auf der t. Es thut mir ſo leid, daß Du jetzt ganz allein biſt, aber ich kann ſie keinen Augenblick verlaſſen. Herzliche Grüße! Deine getreue und gehorſame Adelgunde.

(Schluß folgt.)