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Briefe ſeltener und kürzer werden, aber er ſchreibt ja ſelbſt, daß er noch ſo viele Geſchäfte abzuwickeln habe.
Es ſollte mir ein rechter Schmerz ſein, wenn er und Benno von H. ſich nicht befreundeten. Benno zweifelt daran, will aber den Grund nicht ſagen. Er kommt jetzt öfter zu uns herüber und ſeine Unterhaltung iſt immer anziehend und belehrend. Es iſt doch ein edler, trefflicher Mann und ſein Umgang wäre für Karl gewiß angenehm.
Paſtor Leſemeier an Baron Karl von W.
Hochgeehrteſter Herr Baron! Sie werden meinen ſchon vor längerer Zeit geſchriebenen Gratulationsbrief erhalten haben. Heute ſchreibe ich wieder, doch nur um Sie alles Ernſtes zu mahnen, die Sache bald zum Abſchluß zu bringen. Es ſteht auf dem Gute nicht alles ſo, wie es ſollte, und wenn auch Fräulein Adelgunde, trotz ihrer myſtiſchen Religionsmeinungen ein ſehr wackeres tugendhaftes Mädchen, Ihnen gewiß von Herzen zugethan iſt, ſo müſſen Sie doch bboedenken, daß Sie ihre halbe Million erſt mit der Vermählung ſicher ſhaben und daß die Damen varium et mutabile genus ſind. Es ſoollte mir aufrichtig leid ſein, wenn ich meine hundert l'Hombrepar⸗ tien doch am Ende noch verlöre.
Geſtern war ich drüben und die alte gnädige Frau hat mir eine lange Predigt über Sie und Ihr Benehmen gehalten. Der Henkek weiß, woher ſie es erfahren, aber ſie wußte, daß Sie Ihren Ab⸗ ſchied längſt in der Taſche hätten und ein ſehr flottes Leben in der Reſidenz führten. Specialitäten darüber ſcheinen ihr glücklicher⸗ weiſe nicht zu Ohren gekommen zu ſein. Aber ſie äußerte ſich ſehr unzufrieden und meinte, wenn Sie der Sache überdrüſſig wären, ſo dürfte es am beſten ſein, ſie ganz abzubrechen. Nur um Adel⸗ gundens willen wolle ſie für jetzt noch nicht entſchiedener auftreten, lange aber ſehe ſie es nicht mehr an u. ſ. w.
Außerdem iſt mir manches andre erzählt worden. Herr Benno von H., der Sohn eines denach barten Geitehriibere geht bei Ihrer Fräulein Braut aus und ein, und man hat ihn mehrmals mit ihr allein im Garten auf- und abgehen ſehn. Nun iſt zwar die tugend⸗ hafte Geſinnung Adelgundens über allen Verdacht erhaben und Herr von H., iſt ſoweit ich ihn kenne, ein ernſter junger Mann von ſehr ſtrengen Grundſätzen. Dennoch kann ein ſolcher Umgang Folgen haben, die ſich nicht berechnen laſſen.
Ich hoffe, hochverehrteſter Freund, daß noch nichts verdorben iſt, wenn Sie nur raſch zur Vermählung herbeieilen. Ich hoffe zudem, daß Sie ſich jetzt ausgetobt haben, was Unſereins auf Univerſitäten zu thun pflegt, und daß die guten Vorſätze fürs eheliche Leben, von denen Sie mir geſchrieben, Sie nun auf den Pfad der Tugend führen werden. Ich bin mir bewußt, daß ich Ihnen in Ihrer Augend die beſten moraliſchen Lehren, nicht ohne manches rührende und erhebende Beiſpiel hinzuzufügen, beigebracht habe. Gedenken Sd ie, theurer Jüngling, der letzten Ermahnungen Ihrer ſeligen Frau Mutter! Gedenken Sie Ihres nun im Grabe ſchlafenden biederen Herrn Vaters und ſeines weißen Hauptes! O wenn Sie eine Thräne auf dieſe theuren Grüfte fallen laſſen und an die Flüchtig⸗ keit dieſes vergünglichen Lebens und an das Jenſeit denken, ſo müſſen ja alle die Lehren der Weisheit und Tugend in Ihnen wieder aufleben, um Sie zu einem glücklichen Menſchen zu machen. O Theurer, wer wollte nicht lieber der Sittlichkeit, als der Sinnlichkeit leben, da nur der Tugendhafte glücklich iſt, das Laſter aber zuletzt unglücklich und elend macht?
Beherzigen Sie meine wohlgemeinten Ermahnungen und kommen Sie bald, und da ich unter den mitgetheilten Umſtänden glaube hier⸗ auf rechnen zu können, ſo erlaube ich mir zugleich die Bitte, mir zehn Pfund Ihres feinen Knaſters und ein halbes Dutzend neue Karten⸗ ſpiele mitzubringen, und verharre mit der größten Hochach ttung Ihr gehorſamſter Diener.
Baron Karl von W. an Auguſte.
Du biſt und bleibſt meine einzige und unvergängliche wahre Liebe, Auguſte, aber Abſchied konnte ich von Dir nicht nehmen, will
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ihn auch nicht genommen haben. Ich kehre wieder. Wenn Du dies Blatt empfängſt, ſo bin ich ſchon abgereiſt. Frage nicht, wohin. Ich ſchwöre Dir, ich kehre wieder. Ich würde das Leben nicht er⸗ tragen, wenn ich wüßte, ich würde auf ewig von Dir getrennt. Du weißt, was mich zur Heirath zwingt. Du weißt, ich kann mich ohne dieſelbe nicht länger halten, ich würde untergehen, und Du würdeſt elend werden. Ob ich Dich je zu mir nehmen kann, und wann? das weiß ich nicht. Aber ich werde zu Dir kommen, ſo oft und auf ſo lange, als es mir möglich iſt. Hierneben einige Kleinigkeiten nebſt meinem Bilde, auch Geld. In einigen Wochen ſchicke ich mehr. Du wirſt mir treu bleiben, wie ich nie von Dir laſſen kann. Dein K. v. W.
Aus Adelgundens Briefen an ihre Mutter.
Liebe, liebe Mama! So komme ich denn endlich dazu, Dir zu ſchreiben und Dir zu ſagen, wie ich von dem Augenblicke unſeres Ab⸗ ſchiedes an täglich und ſtündlich Deiner gedacht und Dir in meiner Seele gedankt habe für alle die Güte und Sorge, für alle die Mutter⸗ liebe und Muttertreue, die Du mir ſo viele Jahre hindurch ſo uner⸗ müdlich zugewendet haſt. Wollte Gott der Herr doch geben, daß ich Dir nur den kleinſten Theil davon vergelten könnte, und das andere wolle Er Dir vergellen mit reichlicher Gnade und allem Segen! O es war mir ſo ſchwer im Herzen und doch wie ein unerhörter Traum, als Karl mich hinunter führte an den Wagen, und wir ſtiegen ein, und fuhren in die Welt hinaus, und ich war nun allein mit ihm. Anfangs war er ſehr aufgeregt und machte allerlei ſonderbare und wilde Scherze; als er aber ſah, wie ich weinte, wurde er weich und gerührt, ſuchte mich zärtlich zu tröſten, und war den ganzen Nachmit⸗ tag ſehr gütig und freundlich gegen mich. Gerne hätt' ich Dir ſchon in C. geſchrieben, wo wir übernachteten, aber ich konnte nicht dazu kommen. Wir fuhren gleich nach dem Frühſtück wieder weiter, und kamen durch wunderſchöne Gegenden. Karl macht ſich daraus nicht viel, aber ich war ganz entzückt. In M. machten wir Mittag, wobei Karl wieder vergnügter wurde, und dann ging es abermals fort, immer zwiſchen grünen dunklen Wäldern und Wieſen und buntem Vieh und Stoppelfeldern hin, welche die Leute hier und da ſchon wieder umpflügten. Wir kamen durch freundliche Dörfer mit wunder⸗
lichen Kirchthürmen und Leuten in ſeltſamen Volkstrachten. Karl
hatte bei Tiſch wohl ein bischen viel Champagner getrunken, und ſchlief viel. Hernach wurde er wieder munter, und als wir in einen herr⸗ lichen grünen Wald kamen, ließ er halten, damit wir ausſtiegen und ein bischen zu Fuß gingen. Der Wagen fuhr langſam bergan und wir wanderten einen geſchlängelten Fußpfad hinauf. Karl war ſtill. Durch den Wald gingen Holzhauer, die mit ihren Aexten ſingend von der Arbeit kamen. Als wir vorüber waren ſang einer: Die Sonne, die ſchien in die Wege, Das thät den Jäger verdrießen, Da ſprach das Mädchen zum Jäger: Da thät er das Mädchen erſchießen, Sieh eine junge Frau bin ich ja ſchon; Wohl über das einzige Wort; Sieh eine junge Frau bin ich ja ſchon! Wohl über das einzige Wort.
Die Leute waren hinter den Büſchen verſchwunden. Karl blieb ſtehen, ſah mich an, und die Thränen liefen ihm aus den Augen. Dann umarmte er mich ſtürmiſch, ließ mich wieder los und ging raſch und ſtillſchweigend voraus. Es war ſo ſonderbar. Und wie wir ſo hinter einander hinaufgingen zwiſchen dem dichten Wald⸗ gebüſch, von oben ſchien durch einen langen Spalt zwiſchen den Bäumen der blaue Himmel herein, und Vögel flogen vorüber, und von der Höhe her blies der Poſtillon in langen gedehnten Tönen über den Wald hin, da weiß ich nicht, was für ein unbekannter Schmerz mir durch die Bruſt zog, es war mir, als hätte Karl ein unendliches Leid zu tragen und ich mußte bitterlich weinen. Wir hatten her noch lange hinaufzugehen und glücklicherweiſe blickte er nicht eher nach mir um, als bis wiy auf der Höhe zu dem Wagen hinauskamen, wo meine Augen wieder klar waren. Da ſcherzte er und wir lachten, ſtiegen wieder ein und fuhren weiter.
(Fortſetzung folgt.)
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