Capitän mit ſeiner Begleitung erſchien, erhielt er den ſonderbaren Befehl, er ſolle ſich zur D. Compagnie begeben, dort einen namentlich bezeichneten Mann feſtnehmen, ein 6, tiefes Loch graben und beſagten Mann, der durch⸗ aus nichts verbrochen hatte, lebendig begraben laſſen! Der Capitän war zwar ein roher und rückſichtsloſer Menſch, aber durch dieſen Auftrag doch ſo verblüfft, daß er kein Wort erwiedern konnte. Er hütete ſich übrigens zu gehorchen und ging ruhig in ſein Zelt..— er dem Oberſtlieutenant, der Befehl ſei ausgeführt, dieſer erwiederte: es ſei gut! Obgleich der verrückte Oberſtlieutenant ſein vermeintliches Opfer am andern Tage geſund und munter umherwandeln ſah, ſo erwähnte er doch die ganze Sache mit keiner Sylbe, wahrſcheinlich wußte er, nachdem er den Rauſch ausgeſchlafen hatte, nichts mehr davon. Bei aller Brutalität war er übrigens entſchieden feige, zu einem Scout iſt er nur ein einziges Mal mit ausgezogen, die Guerillas kamen ihm dabei ziemlich nahe und deßhalb ging er nie wieder mit. Wenn er nicht betrunken war, ſo ver⸗ trieb er ſich die Zeit damit, Papierdrachen ſteigen zu laſſen, oder mit Huf⸗ eiſen zu werfen. Es iſt das ein beliebtes Spiel der Neger in Amerika. Ein Stock wird in die Erde geſchlagen und mit einem Hufeiſen nach dem⸗ ſelben geworfen, dabei kommt es darauf an, ſo geſchickt zu werfen, daß das Hufeiſen den Stock umklammert und an ihm liegen bleibt.
Das Regiment blieb längere Zeit ohne Oberſt, der Major N., ein gutmüthiger Mann, ohne jede militäriſche Eigenſchaft, erhielt das Commando. Er war ſehr corpulent und ein luſtiger Camerad. Von der Stunde an, wo er das Scepter ergriff, begann das alte Bummelleben in ſeiner ganzen Herrlichkeit, der Vorpoſtendienſt wurde ſo nothdürftig als möglich betrieben und jeder that und ließ ſo ziemlich, was er wollte.
XI. Kreuz und quer. Rachezug ins Shenandoahthal. Mein Austritt aus dem Heer.
In der Welt hat jedes Ding ein Ende, ſo endigte denn auch das Lagerleben bei Vienne. Early war durch überlegene Kräfte immer weiter in das Shenandoahthal gedrängt und die Eiſenbahn nach Straßburg wieder frei geworden. Das 22. Armeecorps, zu welchem unſere Brigade gehörte, wurde zur Deckung der Bahn commandirt und wir erhielten den wenig erfreulichen Befehl, die Linie beſtändig abzupatrouilliren. Den ganzen September und October wurden wir hierdurch in Anſpruch ge⸗ nommen und ⸗hatten große Strapazen zu ertragen. Bei dem ewigen Her⸗ umreiten konnten wir die Zelte nicht mitnehmen und waren daher allen Unbilden des ſehr ſchlechten Wetters ſchutzlos preisgegeben. Hierzu kam noch, daß das Land ringsum vollſtändig ausfouragirt und nicht viel beſſer als eine Wüſte war. Nur ab und zu führte uns ein günſtiges Geſchick in ergiebigere Gegenden und dann nahm jeder, was er bekommen konnte. Rindvieh, Schafe, Geflügel, alles mußte ſeine Heimat verlaſſen und uns nachfolgen. Da unſere Verpflegung äußerſt unregelmäßig und mangelhaft war, ſo fielen wir über die Vorräthe, die wir gelegentlich erbeuteten, wie heißhungrige Wölfe her und vertilgten, was wir fanden, in unglaublich kurzer Zeit. Erreichten wir einen Ort, wo noch nicht alles aufgezehrt war, ſo hörte die militäriſche Ordnung vollſtändig auf, die Truppen ſchwärmten aus einander und machten Jagd auf eigene Fauſt, denn jeder mußte für ſich ſelbſt ſorgen, wenn er nicht verhungern wollte. In den wunderlichſten Aufzügen kamen die Leute dann auf den Sammelplatz zurück; ſo gedenke ich noch eines Amerikaners, der folgendermaßen erſchien: hinter dem Sattel ein ganzes Schaf, vor ſich ein kleines Schwein, auf der einen Seite drei Gänſe, auf der andern 4 Hühner und einen Truthahn. Einen Tag ſchwelgten wir im Ueberfluß, dann zogen wir wieder 3 bis 4 Tage, alles entbehrend, ohne Ruh noch Raſt umher. Endlich wurden wir auch hiervon erlöſt. Durch die Schlacht von Fiſchers Hill verloren die Conföderirten das Shenandoahthal vollſtändig und unſere Poſtirung war ſomit über⸗ flüſſig. Zunächſt aber ſollten die Bewohner des eben genannten Thales für ihre Anhänglichkeit an den Süden gezüchtigt werden. Early und ſeine Scharen hatten in dem reichen Diſtricte Unterhalt und Beiſtand gefunden, dafür ſollte die Landſchaft büßen. Unſere Brigade und die geſammte Cavallerie des Sheridanſchen Corps bekam Befehl, das Strafgericht zu vollziehen, welches dahin formulirt wurde, daß alles Vieh, Getreide, Heu und dgl. weggenommen werden ſollte, damit dem Feinde nicht nochmals Vorſchub geleiſtet wurde. Man kann ſich denken, wie ein ſolcher Befehl ausgeführt wurde. Die hübſchen Farmhäuſer, die Ernte, alles wurde mit Feuer und Schwert verwüſtet, die Bevölkerung unter dem Freuden⸗ geſchrei der Mordbrenner gemißhandelt und in die Wälder getrieben.
Nachdem alles niedergebrannt war und unſere Bande, die auf den ehrlichen Soldatennamen keinen Anſpruch mehr machen konnte, das
Nach einer Stunde meldete
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commiſſärs zu erkundigen, an den ich mich zu wenden hätte. ihn noch denſelben Nachmittag auf, allein er wollte mit der Sache nichts
Lager bei Vienne wieder bezogen hatte, that ich unverzüglich die nöthigen Schritte, um meine Entlaſſung zu erhalten. Drei Jahre lang mußte ich nach meinem Contracte dienen und von dieſer Zeit war erſt die Hälfte verfloſſen. Der Mangel an Rekruten nahm von Woche zu Woche zu, ich hatte daher wenig Hoffnung, daß man mich von der übernommenen Verpflichtung ohne weiteres entbinden würde. Zunächſt vergingen wieder einige Monate im altgewohnten Lagerleben; für mich war dieſe Zeit beſonders ſchwer, weil ich von heftigen Fieberanfällen heimgeſucht wurde.
Im Anfange des Januar 1865 ließ mich der Capitän T. rufen und eröffnete mir zu meiner höchſten Freude, es ſei eine Ordre des Kriegs⸗ miniſteriums erſchienen, welche gegen Rückerſtattung alles deſſen, was ich an Handgeld ꝛc. vom Staate erhalten hätte, meinen Austritt aus dem Heere geſtattete. Dieſe mir ſo willkommene Ordre war durch den Geſandten meines Heimatlandes vermittelt worden: vermöge des hohen Anſehens, welches er in Amerika genießt, war es ihm gelungen, mir dieſen wichtigen Dienſt zu leiſten.
XII. In die Heimat.
Ich traute meinen Ohren kaum, als ich die frohe Kunde vernahm, die mir Capitän T. mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Liebenswürdigkeit mittheilte. Zum Glück beſaß ich Geldmittel genug, um das Handgeld zurückzuzahlen, ich reiſte deshalb mit einem dreitägigen Urlaub nach Washington, wo ich den Entlaſſungsſchein zu holen hatte. In einem Hotel abgeſtiegen, war es mein erſtes, mich nach dem Namen des Kriegs⸗
Ich ſuchte
zu thun haben, wies mich an einen andern, dieſer an einen dritten, welcher die Annahme des Geldes ebenfalls zurückwies. Darüber war es Abend geworden. Im Hotel fand ich einen Capitän, dem ich meinen Fall er⸗ zählte und um ſeinen Rath bat. Mit großer Freundlichkeit verſicherte er mir, kein Commiſſär in ganz Washington würde mir mein Geld ab⸗ nehmen, er aber wolle ſich gegen eine Gratification von 50 Dollar dieſer Mühe unterziehen. Ich erwiderte dankend, daß ich es in dieſem Falle doch vorzöge, die 50 Dollar ſelbſt zu verdienen und die Sache allein zu verſuchen. Am andern Morgen trat ich meine Rundreiſe wieder an, ich ging zu dem erſten Commiſſär, bei dem ich ſchon geweſen war, zeigte die Abſchrift des Befehls aus dem Kriegsminiſterium, aber vergebens, er ſchickte mich zu einem andern. Hier war ich nicht glücklicher, ich wurde wieder weiter gewieſen und machte ſo die Runde bei 6 oder 7 dieſer Herren. Ermüdet und wüthend kam ich in meinen Gaſthof, wo der Capitän meiner harrte und lächelnd fragte, was ich ausgerichtet? Feſt überzeugt, daß es ſich doch nur um eine Geldſchneiderei handle, offerirte ich ihm 25 Dollar.„O nein,“ antwortete er ſehr lakoniſch, „50 Dollar!“ Am Nachmittage rannte ich wieder umher und beſuchte noch ein halbes Dutzend Schmarotzer von Commiſſären, aber auch ohne Erfolg. Muthlos fand ich mich gegen Abend wieder im Hotel ein. Mein Capitän ſaß nach amerikaniſcher Sitte am Tiſch, d. h. er ſchaukelte ſich auf einem Stuhle, die Beine auf dem Tiſche liegend, trank Whisky mit Waſſer, kaute Tabak, ſpuckte mit bewundernswerther Geſchicklichkeit durch die Stube in die am entfernteſten ſtehenden Spucknäpfe und ſagte freundlich:„Nun, wie ſtehts?“„So ſei es, 50 Dollar, wenn ich die Quittung erhalte,“ entgegnete ich, an aller Selbſthilfe verzweifelnd.„Nun ſo kommen Sie, ich habe lange gewartet,“ ſagte mein ehrenwerther Ca⸗ pitän und ſchleppte mich ſofort auf das Generalcommando, wo er ſehr bekannt zu ſein ſchien. Da es ſchon zu ſpät war, die Sache noch den⸗ ſelben Tag zu erledigen, ſo verſchaffte er mir, und ſogar gratis, eine Verlängerung meines ÜUrlaubs, und vertröſtete mich auf den andern Morgen. Nach einigen Umſtänden gelang es ihm, die 50 Dollar zu verdienen, man nahm mir mein Geld ab und händigte mir die Quittung ein. In Vienne mußte ich noch 2 Tage bleiben, dann erhielt ich meinen Abſchied, und übergab leichten Herzens das in meinem Beſitz befindliche Eigenthum der Union.
Die Eiſenbahn führte mich ſchnell nach Newyork, wo ich mich des für einen Friedensmenſchen nicht geeigneten Freiwilligenkoſtümes ent⸗ ledigte. Nach 3 Tagen beſtieg ich einen Steamer des norddeutſchen Lloyd, welcher mich der neuen Welt und ihren Herrlichkeiten, die ich offenbar nicht zu würdigen verſtand, entführte.
Nach wenigen Stunden lag der letzte Streifen des großen Amerika weit hinter mir, der Schaum der Wogen ſpritzte um den Bug des Schiffes und jeder Augenblick brachte mich dem Ziele näher, wohin es mich jetzt mit doppelter Macht zog, in die Heimat.
Am Jamilientiſche.
3 Abraham Lincoln und ſein Volk.
„Sie haben wirklich den Präſidenten Lincoln perſönlich gekannt?“ ſagte ich zu meiner engliſchen Freundin.„Wo haben Sie ihn denn ge⸗ ſehen? und welchen Eindruck machte er auf Sie? Bitte, erzählen Sie.“
„Es war im Jahre 1858 und„crush night“ im Hauſe unſeres Miniſters in Washington,“ hob Mrs. S. an;„die ganze Elite der Ge⸗ ſellſchaft der Hauptſtadt war verſammelt. Die literakiſchen und politiſchen Berühmtheiten des Landes und glänzend decorirte Miniſter des Auslan⸗ des ſtrömten auf den Wogen der Crinolinenſchönheiten in das Empfangs⸗ zimmer; Namen von Weltberühmtheit wurden mir ins Ohr geflüſtert von meinem Cicerone, der kein geringerer war, als Seward ſelbſt. Plötzlich wurde unſere Aufmerkſamkeit durch eine eigenthümliche Erſcheinung ge⸗ feſſelt, durch eine Perſönlichkeit, die in ſo elegante Kreiſe gar nicht zu ge⸗
hören ſchien. Es war ein Mann, über ſechs Fuß groß, mager, dürre, wie auf Draht gezogen. Seine langen, dünnen Arme und Beine ſchienen an ſeiner Figur eher zu hängen, als zu ihr zu gehören. Sein Geſicht war ebenſo lang, ſeine Geſichtsfarbe bronzirt, ſein Haar mit Grau untermiſcht, ſeine Stirne nicht ſehr hoch, ſeine Augen klein, ſeine Naſe lang und ähnlich einem Vogelſchnabel, dazu hatte er hohe Backenknochen und einen großen, ſehr beweglichen Mund. Er bewegte ſich ungeſchickt und doch mit der Elaſticität, die die rauhe Zucht des Weſtens hervorbringt; dazu ſprach er mit ſtarkem weſtlichen Accent— kurz, ich dachte, er befände ſich aus Verſehen in ſo vornehmer Geſellſchaft. Ich fragte meinen Führer nach ſeinem Namen.„Es iſt Mr. Lincoln aus Illinois, a third-rate lawyer (Advokat dritten Ranges),“ war die Antwort; aber als ich dieſelbe Frage an den Grafen Sartiges, den franzöſiſchen Miniſter, richtete, erwiederte
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