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Die Frauenſchlacht auf Borkum.
Geſchichtliche Novelle von Ludwig Roſen. (Schluß.)
VIII. Der Dank.
Folkert war, wie ſich leicht denken läßt, jetzt der Held und Liebling der Borkumer Bevölkerung. Aber zwiſchen Aleida Viſſer und Folkert wollte ſich der Friede nicht wieder herſtellen, der doch durch die Ereigniſſe des verhängnißvollen Tages ſo gut angebahnt ſchien. Wenn Folkert in die Nähe kam, ſo hätte er gern Aleida ge⸗ fragt, ob ſie das Verbot, ihr Haus zu betreten, nicht wieder aufhöbe, aber er erblickte ſie nicht, und als ſie wirklich einmal in der Thüre ſtand, da— ging er mit einem Gruße vorüber, deſſen unterdrückte Leidenſchaftlichkeit als abſtoßende Unfreundlichkeit gelten konnte. Auch Aleida hätte ihn gern angerufen, aber ſie unterließ es in der Ungewißheit, wie es aufgenommen werden würde. So hinderten die harten frieſiſchen Trotzköpfe eine Annäherung, die von den warmen frieſiſchen Herzen beiderſeits erſehnt wurde.
Von Delfzyl aus ſpähten leichte Fahrzeuge nach dem ſchwarzen Rolf; man kam nach Borkum und traf ſtatt einer verödeten Inſel die Kunde von der Zerſtörung des Schiffes und dem Untergang der Mannſchaft; die frohe Nachricht verbreitete ſich längs der Küſte, und der Magiſtrat von Emden ſandte ein eignes Fahrzeug ab, um den jungen Borkumer, der die Frauen angeführt hatte, zum genauen, wahrhaften Bericht nach der Stadt zu holen. Enden erhielt ſich vermöge der Stärke ſeiner Befeſtigung und der Wehrbarkeit ſeiner Einwohner frei von aus⸗ und inländiſchen Bedrängern, aber ſein Seehandel war gelähmt durch die Unſicherheit der Nordſee, und die Nachricht, daß der gefürchtetſte unter den Freibeutern vertilgt ſei, war von großer Wichtigkeit.
Folkert fuhr nach Emden und berichtete ſchlicht und einfach auf dem Rathhauſe vor dem verſammelten Magiſtrate den Hergang der Sache. Man ließ ihn dann abtreten und berieth ſich über den Vor⸗ fall. Zu dem wieder Eingeführten ſprach der Bürgermeiſter: „Folkert Wybrand, die Weiber von Borkum haben gehandelt wie echte, tugendſame Frieſinnen, doch hätten ſie nichts vermocht ohne Dich, der Du Dich benommen haſt als ein muthiger tapfrer Frieſe. Weil beſonders durch Dein Thun das Meer von einem gemeinge⸗ fährlichen, höchſtverruchten Räuber geſäubert iſt, Du aber bei der Gelegenheit um Dein Schiff gekommen biſt, ſo ſchenkt Dir die Stadt Emden das beſte Jachtſchiff, welches fertig auf ihren Werften liegt, und außerdem dieſe Flagge hier, damit Dein Schiff, wenn es ſie auf⸗ zieht, ohne Hafengeld und ſonſtige Zahlung in unſrem Hafen ein⸗ und auslaufe; mit dieſem treuen Handſchlag nehme ich Dich auf als Emdener Bürger mit allen Gerechtſamen, die einem ſolchen zuſtehen.“
Nachdem er den Handſchlag kräftigſt vollzogen hatte, rollte der Bürgermeiſter die vor ihm liegende Flagge gelb⸗roth⸗blau, das Bild einer Harpye enthaltend— zuſammen und reichte ſie dem jungen Inſulaner, der ſie mit einfachen männlichen Dankesworten in Em⸗ pfang nahm.
Auf Borkum trug der ehrenvolle Dank der Stadt Enden nicht wenig dazu bei, die Achtung vor Folkert zu erhöhen; man wetteiferte, ihm Freundlichkeiten zu erzeigen, und im geheimen wurde wohl hier und da eine Hoffnung wach, den ſtattlichen Freier an ſich zu feſſeln, da der Bruch mit Aleida Viſſer nicht wiederherzuſtellen ſchien. Nur einmal— gleich nach der Rückkehr Folkerts von Emden— ließ es ſich ſo an, als würde eine Hand der Verſöhnung gereicht und ange⸗ nommen. Sie begegneten einander in der Straße des Dorfes, und auf den kurzen verlegnen Gruß Folkerts erwiderte Aleida denſelben und fügte mit unſichrer Stimme und niedergeſchlagenen Augen hinzu: „Es hat mich recht gefreut, Folkert, daß ſie Dir in Emden ſolche Ehre angethan haben.“
„Es war zu viel Ehre, Aleida!“
„Nein, nein, Du haſt alles das wohl verdient, und weit mehr dazu.“
„Meinſt Du das wirklich, Aleida? Das freut mich, von Dir zu hören.“
Aber in dieſem⸗Augenblick trat Annje Meeuw, die gerade des Wegs kam, zu den beiden heran und niſchte ſich mit ſo warmen Lobſprüchen Folkerts in die Unterhaltung, daß Aleida mit ange⸗ nommener Gleichgültigkeit abbrach und ſich entfernte.
Der Herbſt war herangekommen; die Männer kamen vom Walfiſchfang zurück. So eifrig man von den Dünen die Annähe⸗ rung der kleinen Flotte beobachtet hatte, ſo wenig erlaubte doch der Landesbrauch ein zu aufdringliches Entgegenkommen, und nur die Kinder waren neugierig nach dem runden Platz gelaufen, um der Ausſchiffung beizuwohnen, während die Erwachſenen in dichtem Haufen bei der Kirche ſtanden, voran der Domine mit Folkert und den Greiſen, dahinter die Frauen und Mädchen. Von dem Thurme herab wehte die blau⸗roth⸗ſchwarze Flagge Oſtfrieslands. Als die Seeleute angekommen waren, entſtand ein Gewirre von Begrüßungen, doch ohne lauten Jubel wie ohne viele äußerliche Zärtlichkeitsbe⸗ zeugungen, und die Gruppe gewann erſt an Lebhaftigkeit, als die Zurückkehrenden mit den von Amſterdam mitgebrachten Geſchenken ihre Frauen, Schweſtern und Liebchen erfreuten. Keine Bewohnerin Borkums ging leer aus— mit einziger Ausnahme Aleidas. Als ſie vereinſamt daſtand, innerlich verletzt doch äußerlich ihre Gemüths⸗ ſtimmung durch feſtzuſammengepreßte Lippen und trotzige Mienen verbergend, da ſagte Upke Haan, ſie halb ſchadenfroh halb mitleidig anſchauend zu ihr:„Wenn Du Dich auch nicht in Freundlichkeit von Tjeert Sniers getrennt haſt, ſo hätte er Dir doch wohl etwas mitgebracht, aber er iſt gar nicht mitgekommen. Er wollte uns garſtig betrügen, der niederträchtige Hallunke, aber es kam noch vor der Abreiſe von Holland heraus, und er darf ſich nicht wieder auf der Inſel blicken laſſen.“
Aleida ſchaute ſchweigend vor ſich nieder.
Der Geiſtliche forderte nun die Verſammelten auf, mit ihm in das Gotteshaus zu treten und gemeinſam Gott für die glückliche Rückkehr zu danken, aber der Vorſteher Geerd Terling hielt ihn zu⸗ rück und ſprach:„Erlaubt noch ein Wort vorher. Wir haben in Holland gehört, von einer wie großen Gefahr unſre Inſel während unſrer Abweſenheit bedrängt geweſen iſt, und alles iſt voll von Lob für unſre Frauensleute, die ſich ſo muthig gegen den ſchwarzen Rolf benommen haben. Aber wir haben auch ge⸗ hört, was dabei durch Folkert Wybrand geſchehen iſt, und wie ohne ihn doch keine Rettung und Hilfe geweſen wäre. Weil durch ſein mannhaftes Thun die See von der gottloſeſten und gefährlichſten Räuberſchar befreit iſt, ſo haben ſich verſchiedene Amſterdamer Kaufleute vereinigt und ſenden Dir, Folkert Wybrand, durch uns dieſe ſchwere goldne Kette als Anerkennung für Deine tapfere That. Wir Borkumer Männer ſagen Dir blos einen herzlichen Dank, aber wir werden nie vergeſſen, wie viel wir Dir ſchuldig ſind.“
Folkert nahm die Kette und ſprach nach einigem Beſinnen: „Ich freue mich von Herzen Eures Dankes, dieſe Kette aber gebe ich, wenn ſie dieſelbe von mir nehmen will, derjenigen Jungfrau, die ſich nebſt Eurer eignen Frau, Geerd Teerling, am muthigſten gezeigt und am meiſten Verdienſt bei Abwehr der Seeräuber erworben hat.“
Darauf ging er auf Aleida zu und hing nach einem innigen fragenden Blick, der nur mit tiefem Erröthen beantwortet wurde, die Kette um ihren Hals.
„Ich hab es nicht um Dich verdient!“ ſtammelte ſie leiſe und verſchämt.
„Wenn Du mir nur wieder gut biſt, Aleida,“ flüſterte er, „ſprich, biſt Du mir wieder gut?“
„Jal“
„Und darf ich wieder in Dein Haus kommen?“
„Gewiß.“
Da trat Upke Haan mit ſchelmiſchem Lächeln heran und ſagte, eine ernſte Stimme annehmend:„Wir möchten Dich nun noch ein⸗ mal fragen, Folkert Wybrand, ob Du mit Aleida Viſſer verlobt biſt?“
Folkert hielt ſeine Hand hin, Aleida erhob ihre Augen und ſenkte ſie wieder, nachdem ſie einen einzigen Blick in ſein liebewarmes Angeſicht geworfen, ergriff aber dann mit raſchem Entſchluß und muthigem Vertrauen die dargebotene Hand.
Da rief der glückliche Folkert froh und laut:„Ja, ich bin mit Aleida Viſſer verlobt!“
Ein allgemeiner Jubel folgte dieſer Erklärung.
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