Jahrgang 
1865
Seite
542
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Das Gängeviertel in Hamburg.

(Mit Abbildung.)

Wohl in jeder größeren Stadt gibt es verwahrloſte Winkel, Straßen, welche der ehrbare Bürger meidet, wo der Fremde un⸗ ſchlüſſig Halt macht und die Hand auf die Uhrkette legt das iſt faſt ein unvermeidliches Uebel, deſſen widrigen Anblick man ſich je⸗ doch durch Umgehung der verdächtigen Gegend leicht erſparen kann, die in der Regel ſeitab von den großen Verkehrſtraßen liegt; wenn man aber hört, daß mitten in einer volkreichen, wohlhabenden Stadt in Hamburg ein Barackenviereck ſich befindet, welches von 10 12,000 Menſchen bewohnt wird, die von keinem Wagengeraſſel geſtört werden, aus dem einfachen Grunde, weil dieGänge nur zwiſchen 612 Fuß Breite haben, ſo iſt man geneigt an Ueber⸗ treibung zu glauben, und hört man dann vollends Benennungen wie: der Trampgang, Brettergang, Ehebrechergang, Heinſens Paradies, Kugelsort, ſo läuft es einem eiskalt über den Rücken und man iſt mitten in der ſchwärzeſten Galgenpoeſie.

Dieſe Namen hatten nun freilich nichts Ueberraſchendes für Hamburgs Bewohner, wohl aber die Schilderung entſetzlicher Zu⸗ ſtände, wie ſie eine Broſchüre von Dr. H. Aſher vor kurzem in grellen Farben ausmalte. Laſſen wir den Verfaſſer ſelbſt einen Hof beſchreiben, wie ſolche rechts und links in die Gänge münden:

Von dem Gange aus, der durch Gaslaternen mäßig erleuchtet iſt,

treten wir in den abſolut finſteren Hohlweg, der uns zu dem Hofe führen ſoll. Wir bücken uns tief, um nicht mit dem Kopfe oben an⸗ zuſtoßen, wir ſteigen zwei ſchiefe und von Schmutz ſchlüpfrige Stufen hinab und können wieder aufrechtſtehen. Wir rücken vorſichtig vor⸗ wärts: den linken Fuß bald in der Goſſe bald auf kleinen Eisgletſchern, den rechten ebenfalls bald auf ſolchen Gletſchern, bald auf ſpitzem Pflaſter, bald in tiefen Löchern, bald auf allerhand Weichem; rechts und links ſtoßen wir mit den Armen an die ſchmierigen Wände. Endlich ſind wir, in der ſteten Angſt, daß uns jemand begegnen möchte, der ſich da mehr zu Hauſe fühlt, als wir, glücklich hindurchge⸗ drungen, und ſtehen nun auf einem kleinen Platze, der zwar nur von dem ſchwachen Lichte einer ſtark bewölkten Mondſichel erleuchtet wird, uns aber, die wir aus der ſchwarzen Hölle kommen, wie heller Tag erſcheint. Da ſteigen vor unſern Blicken rechts und links zwei ſchmale hölzerne Freitreppen man könnte faſt ſagen Leitern ſteil in die Höhe; hinter ihnen erheben ſich ſchmale Bretterhäuſer; dort rechts wohnen 23 Familien, zur Linken 17. Auf dem letzten Boden dieſer einen Baracke wohnt ein Mann er zahlt freilich nur 9 Mark (3 Thlr. 18 Sgr.) Miethe jährlich deſſen elendes, ſchmutziges Gemach nur mit Strohſack und Decke, einem wackligen Tiſch mit den Ueberreſten des nothdürftigſten Waſchgeſchirres, einem dreibeinigen Stuhl und einer Leiter möblirt iſt. Hätte er die Leiter nicht, ſo würde er die Wohnung nicht haben miethen können, da der Wirth dieſelbe nur ohne Leiter vermiethet, und es der Willkür ſeines Miethers überläßt, in welcher Weiſe dieſer die Erklimmung ſeiner luftigen Schlafſtätte ins Werk ſetzen will. Ernſthaft und trübe blicken die dunklen, baufälligen Giehel auf uns nieder, und mit einem Schauder vor dem Elend, das ſie bergen, beginnen wir den Rückzug anzutreten. Da gewahren wir unter der einen der erwähnten Frei⸗ treppen eine tiefſchwarze Höhle, wir treten näher und entdecken einen gleichen Durchgang, wie den, durch welchen wir auf dieſen Hof ge⸗ langt ſind. Wir faſſen uns ein Herz und dringen über die zahlloſen Hinderniſſe des Terrains vor und zu einem zweiten Hofe hindurch. Wieder daſſelbe Bild: elende kleine Baracken, die nach allen Seiten auseinander zu fallen drohen, Schmutz und Geſtank in entſetzlichem Grade; da erhebt ein Hund ſein heiſeres Gebell, dazwiſchen erſchallen kreiſchende Stimmen.... Wir gehen weiter; in einem Garten⸗ zaun öffnet ſich eine Thür, wir ſtehen in einem kleinen Garten mit einigen Obſtbäumen, zwei Sandſteinfiguren und zerfallenen Bänken. Das iſt Heinſens Paradies... Hinter zerbrochenen trüben Fenſter⸗ ſcheiben ſieht man hin und wieder ein mattes Talglicht qualmen, die Fenſter ſind mit Lumpen verhängt.

Dieſen traurigen Lokalitäten entſpricht die Beſchreibung der phyſiſchen und moraliſchen Verkommenheit der Bewohner: anſteckende Krankheiten, zahlloſe wilde Ehen, Kinder die nicht getauft werden und Schlimmeres noch, deſſen Wiederholung beſſer unterbleibt.

Unſere Illuſtration zeigt den Eingang zu Heinſens Paradies,

dieſes ſelbſt, und Kugelsort, den vielgenannten verſteckteſten Winkel der Gänge. Die Oertlichkeiten ſind bei hellem Tage nach der Natur gezeichnet, die Stimmung in den Bildern iſt ein unausbleiblicher Nachklang der Lektüre von Dr. Aſhers Schrift.

Der Zweck der Broſchüre war die Bevorwortung eines von Privatleuten angelegten Planes, zu deſſen Ausführung es der Bei⸗ hilfe des Staates bedurfte und der ſofort in der verſammelten Bürgerſchaft zur Abſtimmung gebracht werden ſollte. Es handelte ſich um die Durchbrechung und theilweiſe Wegräumung der Gänge, an deren Stelle eine breite Hauptſtraße mit mehreren Nebenſtraßen, die fehlenden Verkehrsadern zwiſchen zwei belebten Stadttheilen, her⸗ zuſtellen beſtimmt war.

Das zuerſt ſo nöthige Geheimhalten einer ſo wichtigen Sache, die nun aus ebenſo triftigen Gründen einer ſchnellen Entſcheidung entgegenging, rief einen hitzigen Federkrieg in der vaterſtädtiſchen Preſſe hervor. Stimmen aller Art wurden laut, die entgegengeſetzteſten Meinungen machten ſich geltend. Ein ärztliches Gutachten des Stadt⸗ phyſikus Dr. Gernet beſtätigte den ſchlimmen Geſundheitszuſtand im Gängeviertel, als Folge der in ſchlechten Wohnungen eng zuſammen⸗ gedrängten Bevölkerung; trotzdem wurden von anderer Seite dieſe Wohnungen als die geſundeſten geprieſen, umgeben von lachenden Gärten, wo glückliche Menſchen bei billiger Miethe in Frieden altern, wie Philemon und Baucis. Dieſen war das Gängeviertel ein armes gemißhandeltes Kind, das der Bauſpekulant hinaustreiben will vors Thor, unbekümmert wo es verhungere; jene ſahen eine großartige Idee der Verwirklichung nahe, ein glückliches Zuſammen⸗ treffen der Privatintereſſen mit dem fühlbarſten Bedürfniſſe der Bevölkerung und die Abhilfe der größten Nothſtände um einen Spottpreis. Die Unklarheit über die wirklichen Zuſtände in dem vielbeſprochenen Stadttheil war ſo groß, daß eine Wanderung durch denſelben, im Sinne derBeſſerdenkenden in den Tagesblättern verabredet wurde und eine zahlreiche Betheiligung fand. Ortskundige gingen ihren Mitbürgern voran, als Führer durch die Gänge ihrer Vaterſtadt. In Gruppen von 4050 Mann, von je einem Kundigen geleitet, durchzog man Gänge und Höfe. Es war ein herrlicher Frühlingstag, die Mittagsſonne ſchien von oben in alle Löcher, vergoldete die alten Dachrinnen und verwandelte die blinden Scheiben in Spiegelglas. Alles ging nach Wunſch. Keine Spur von Eisgletſchern und vermufftem Geſindel! Dafür ſah man baus⸗ backige Kinder Kuchen eſſen, unter blühenden Obſtbäumen die ſchon etwas weiter waren, wie die draußen vor der Stadt. Unwillkürlich mußte man an Potemkins kühne Reiſe denken, der vor den Augen ſeiner gnädigen Czarin, in mäßiger Entfernung vom kaiſerlichen Wagen, Städte und Dörfer aus Pappendeckeln dem Boden entſteigen ließ, die Nachts eiligſt abgebrochen wurden und früh Morgens ſchon wieder einige Meilen weiter fix und fertig daſtanden und den Fleiß ihrer Erbauer prieſen.

Aber hier war alles echt, man konnte nicht nur alles beſehen, ſondern auch anfaſſen.

Ganz abgeſehen nun von dem unvergleichlich günſtigen Wetter und der vielleicht nicht ganz zufälligen Sonntagsſauberkeit, mußte es doch jedem Beobachter auffallen, daß die Gänge in der That ein Janusgeſicht haben. Nach vorn ſind die Baulichkeiten ganz ſo ver⸗ kommen, wie die oben angeführte Schilderung ſie zeichnet, das Pflaſter iſt abſcheulich und die ſchwarzen Eingänge der Höfe ſehen aus wie Thore zur Unterwelt; nach der Straßenſeite, wo die häß⸗ lichſten Gewerbe offen zu Tage liegen, zeigt ſich auch die Bevölkerung von der ſchlimmſten Seite; hinter den Häuſern iſt aber zum Theil noch viel unbebautes Land, die Gärten ſind keine Fabel und eben ſo gewiß iſt, daß viele arbeitſame ehrliche Leute dort in beſcheidenen aber

zufriedenſtellenden Verhältniſſen leben, für die ihnen, in dem ein-

tretenden Mangel an kleinen Wohnungen, bei einer Durchbrechung des Gängeviertels, kein Erſatz zu bieten iſt. Kein dauernder Erſatz wenigſtens; ein vorläufiger Ausweg war in dem Plane allerdings vorgeſchlagen.

Ein kleiner bezeichnender Zug möge hier Platz finden, um die jetzige Stimmung der Gangbewohner zu kennzeichnen.

Als ich die zu unſerm Bilde nöthigen Skizzen an Ort und

Stelle Mah⸗ mache von aber denſe daßi mein Unb. wide ich o fall, und Gel die die

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