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Da ihre Zuhörerin ihr auf jedem Schritt und Tritt mit ihren großen Augen folgte, ſo verlangte ſie keine weitere Theilnahme. Als jedoch das Eſſen auf dem Tiſche ſtand und Gepke hinausging, um die Magd hineinzurufen, ſprang Julia auf, goß aus ihrem kleinen Fläſchchen einige Tropfen in das Getränk, welches die Hausfrau bereitet hatte, und nahm dann ihren Platz in der Ecke wieder ein.
Gepke und die Magd nahmen am Tiſche Platz, Julia folgte zwar der Aufforderung, ſich zu ihnen zu ſetzen, war aber nicht dahin zu bringen, außer einem Stück trocknen Brotes etwas zu genießen.
„Das arme Ding,“ ſagte Gepke zur Magd,„iſt traurig um ſeinen Vater, darum ſchmeckt ihm kein Eſſen und Trinken.“
Die derbe Magd erwiederte:„Um ſo einen ſchlechten Menſchen braucht ſie nicht traurig zu ſein, wenn's auch der Vater iſt— es iſt ja der ſchwarze Rolf! Aber ſie ſoll wohl traurig ſein, weil ſie nicht weiß, wo ſie nun bleibt.“
„Der liebe Gott muß ihr helfen!“ war alles, was Gepke hier⸗ auf zu ſagen wußte.
Ob Iulia dieſe Unterhaltung verſtand, bleibt dahingeſtellt, deſto lebhafteren Theil nahm ſie daran, als ſie Herrin und Magd einen derben Schluck von dem Getränke nehmen ſah. Dieſer ſchien ſeine Wirkung bald zu äußern, denn der Tiſch war noch nicht völlig abge⸗ räumt, da ſanken ſchon beide leblos nieder an der Stelle, wo ſie ſich grade befanden. Sie waren jedoch nicht todt, was wir zu Julias Gunſten erwähnen wollen, denn ihr Fläſchchen enthielt zwar Gift, dieſes tödtete aber nur, wenn eine größere Maſſe davon genommen wurde, während eine kleinere Gabe die Wirkung eines ſehr ſtarken Schlaftrunkes herbeiführte. Julia hatte das Gift, deſſen Bereitung ein Geheimniß ihrer Heimat war, aus Spanien mitgenommen, als ſie dem kühnen Seeräuber folgte.
Sowie die beiden Weiber regungslos dalagen, begann Julia mit raſcher Thatkraft zu handeln. Sie nahm die Lampe und ſicherte zuerſt die nach Landesſitte unverſchloſſne Hausthür durch Vorſchiebung des kleinen Holzriegels. Dann leuchtete ſie in den Eßſchrank und und fand zu ihrer großen Befriedigung eine Flaſche mit gebranntem Waſſer; in dieſe goß ſie abermals einige Tropfen ihrer Flüſſigkeit und ſchüttelte das Ganze tüchtig durcheinander. Darauf umkleidete ſie ſich mit dem erſten beſten Weiberrock, den ſie fand, und ſetzte den weitvorſtehenden Sommerhut der Magd auf, einen jener Hüte, welche noch jetzt von allen Frieſinnen auf dem Lande getragen werden, welche zuerſt bei den Helgoländerinnen von den Fremden beachtet wurden und einen Eingang auch in andre Gegenden fanden. End⸗ lich nahm ſie die Hauptſache vor, ſie holte den großen Thurmſchlüſſel von dem Nagel herab, an den ihn Gepke in unbefangner Achtloſig⸗ keit gehängt hatte, und ein triumphirendes Lächeln flog über ihr Ge⸗ ſicht, als ſie dieſes wichtigſte Befreiungsmittel in Händen hatte. Nachdem ſie die Lampe ausgeblaſen hatte, verließ ſie mit Schlüſſel und Flaſche das Haus, ſich dem Thurme zuwendend, der im Dunkel der Nacht noch maſſenhafter wie am Tage erſchien.
Die Wächter ſaßen in einer kleinen Gruppe auf dem Boden, die Reſte ihrer Lebensmittel verzehrend und nur dann und wann ein kurzes Wort wechſelnd, als ſich leichte Schritte näherten und plötzlich eine ver⸗ hüllte Frauensperſon neben ihnen ſtand.
„Ich ſoll Euch das von Myffrouw bringen!“ ſagte Julia, welche ſich auf dieſe kurze Anrede in holländiſchem Platt ſorgſam vorbereitet hatte.
Jan Smidt hatte die Flaſche in der Hand, aber bevor man ſich ordentlich beſinnen oder eine Frage ſtellen konnte, war die Ueber⸗ bringerin bereits im Dunkel verſchwunden.
„Wer war das?“ fragte Willem Okken.
„Ich weiß nicht recht,“ erwiderte Smidt,„aber ich ſollte faſt meinen, es war Teerlings Maid Sautje.“
„Das glaub' ich nicht, die iſt ſtärker, und die Stimme war auch anders.“
„Es iſt einerlei, ſie hat uns etwas Gutes gebracht, wenn ich anders bei Nachtzeit ordentlich riechen kann. Der Folkert hat uns doch zu wenig geſchickt.“
„Ja,'s iſt ein hochmüthiger Kerl, der Folkert, und hat wahr⸗ ſcheinlich gemeint, wir hielten nicht gute Wache, wenn er uns mehr ſchickte. Dies ſoll uns gut bekommen!“
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Damit that er einen guten Zug aus der Flaſche, die nun die Runde machte und bald geleert war.
„Es ſchmeckt ſo beſonders!“ ſagte einer.
„Vielleicht ſind beſondre Kräuter drin!“ wurde geantwortet.
Daß etwas Beſondres drin war, zeigte ſich ſchnell, indem die ganze Wachtmannſchaft ſehr bald in bewußtloſem Schlafe dalag.
Julia hatte ſich in der Nähe verſteckt gehalten und ſchlich erſt nach einiger Zeit herbei und prüfte vorſichtig den Zuſtand der Schlummernden. Dann ſteckte ſie den Schlüſſel mit zitternden Händen ein; kaum vermochte ſie das ſtarke Schloß zu öffnen, aber es gelang doch.
„Mein Meiſter, biſt Du wach?“ rief ſie leiſe in den Thurm hinein.
Eine allgemeine Aufregung entſtand in dem dunklen Raum.
„Beim Teufel, das iſt Julio, mein Rettungsengel!“ rief Rolf, ſich hervordrängend.
„Leiſe! leiſe! Zuerſt will ich die Stricke löſen.“
„Die haben wir uns ſchon untereinander losgemacht und könnten die ſchuftigen Borkumer dran aufhängen, wenn wir ſie hier hätten. Wie haſt Du das aber fertig gebracht?“
„Davon ſpäter, für jetzt genug, daß Ihr frei ſeid, kommt nur raſch heraus!“
Die Seeräuber verließen den Thurm, kaum ihren Sinnen trauend bei der ſo plötzlichen Befreiung.
Rolf trat mit dem Fuße auf einen der Wächter und fragte: „Sind ſie todt?“
„Nein, ſie haben einen Schlaftrunk, laßt ſie ruhig liegen.“
Nach weiterem Umhertaſten an den Bewußtloſen, wobei es ihm hauptſächlich um Waffen zu thun war, ſagte Rolf verächtlich:„Ver⸗ flucht, ſie haben nur Miſtgabeln und Senſen—— mit ſo erbärm⸗ lichem Geräthe ſind die kühnſten Männer beſiegt worden, die je auf dem freien Meere fuhren! Aber wir wollen ihnen den Hals abſchneiden die nächſten Hütten anzünden und die Leute, wie ſie hervorſtürzen, einzeln erſchlagen.“
Ruhig aber ſehr beſtimmt entgegnete Julia:„Du darfſt keine Thorheiten begehen, Meiſter. Das Todesröcheln dieſer Leute würde gehört, das erſte brennende Haus und das dabei entſtehende Geſchrei zöge die ganze Bevölkerung hierher, und wir ſind ohne Waffen. Wir müſſen nach dem Ankerplatz zurückeilen, ich habe mir den Weg genau gemerkt. Dort liegen einige Schiffe der Inſulaner, wir beſteigen eins davon und ſtechen in See. Vor allen Dingen müſſen wir uns ſo ſtill als möglich aus dem Dorf entfernen.“
Rolf ſtand unſchlüſſig.
„Dein Sohn hat Recht!“ ſagte der Lieutenant, welcher wie die meiſten übrigen der ſpaniſchen Sprache, worin die Unterhaltung geführt wurde, wohl kundig war. Auch die andern Seeräuber drangen auf ſchleunige Entfernung, und ſo gab denn der Führer endlich nach.
Der Zug ſetzte ſich demnach unter Julias Führung in Bewe⸗ gung und erreichte glücklich die Rhede, wo Folkerts Schiff vor Anker lag, während das Boot deſſelben mit den Rudern ſich auf dem trock⸗ nen Sande vorfand. Bald waren alle eingeſchifft, das Fahrzeug entfaltete ſeine beiden Segel und raſch entfernte man ſich von der Inſel, da Wind und Strömung günſtig waren.
Aber bald erreilte Gottes Strafgericht das Schiff. In der Weſt-Ems, zwiſchen Borkum und Rottum, überraſchte eine un⸗ gewöhnlich ſtarke Springflut die Fliehenden und ließ das Fahrzeug, zumal da der Steuermann des Fahrwaſſers nicht vollkommen kundig war, auf dem gefürchteten Borkumer Riff ſich feſtfahren.
Als früh Morgens die Borkumer die Flucht der Seeräuber ge⸗ wahrten und auf die Dünen eilten, ob ſie etwas von dem ver⸗ ſchwundnen Schiffe erblicken könnten, da ſahen ſie daſſelbe bereits als Wrack ſchräggeneigt im Riff hangen; man konnte Menſchen im Tau⸗ werk herumklettern ſehen, man glaubte ihr Geſchrei zu vernehmen, aber an einen Rettungsverſuch dachte niemand, wenn derſelbe auch, was nicht der Fall war, ausführbar geſchienen hätte.
Nicht lange darauf ſpülten die brandenden Wogen Schiffstrüm⸗ mer und Leichen an den Strand, unter letzteren diejenige des ſchwarzen Rolf, an welche die todte Julia noch feſtgeklammert war.
(Schluß folgt.)


