Jahrgang 
1865
Seite
526
Einzelbild herunterladen

Dieſen Vorſchlag wies Folkert mit noch ſtärkerem Kopfſchütteln zurück, indem er ſagte:Der ſchwarze Rolf kann nur am runden Platz in der Fiſcherbalgen anlegen, da iſt er dem Oſtland noch näher als dem Weſtland, und wir wären da wie eine Herde Schafe, unter die ein toller Hund kommt.

Auch hierauf wußte niemand etwas zu erwiedern.

Da ſagte Gepke Teerling, die Frau des Ortsvorſtehers, deren Geſicht und Geberde große Entſchloſſenheit verkündeten:Was iſt denn Deine eigne Meinung, Folkert? Du meinſt es gut mit uns, das iſt klar, denn Du hätteſt Dich leicht retten können, wenn Du auf Deinem Schiff den Rottumern gefolgt wäreſt. Wir alle thun, was Du uns räthſt, nicht wahr, Ihr Frauen und Mädchen?

Ja, ja! rief es von allen Seiten.

Folkert richtete ſich hoch auf. Seine Geſicht drückte den ſtreng⸗ ſten Ernſt aus, aber zugleich ein innres Bewußtſein von der tiefen Bedeutung des Augenblicks, das ſein ganzes Weſen veredelte und vergeiſtigte. Obgleich bei ſeinen Zuhörerinnen die Herzensangſt jede ſolche Wahrnehmung zurückdrängte, ſo huldigte doch wohl manche unbewußt der ſo ganz ungewöhnlichen Erſcheinung, wenigſtens bei einer war dies beſtimmt der Fall, alle aber fühlten ſich gehoben und ermuthigt bei dem Anblick.

Mit klarer feſter Stimme ſprach Folkert:Was uns der ſchwarze Rolf bringt, wiſſen wir. Er wird unſer Vieh rauben, unſer Hab und Gut plündern, unſre Häuſer anzünden. Uns wenigen Männern ſteht ein ſichrer Tod bevor, wenn wir uns nicht etwa feig in den Dünen verſtecken, und das werde ich wenigſtens nicht thun. Ein ſchlimmeres Schickſal ſteht Euch Frauen und Mädchen bevor. Die Seeräuber, die mehr Teufel wie Menſchen ſind, werden Euch vielleicht das Leben laſſen, aber ſie werden Euch mehr nehmen, Eure Ehre, die freien frieſiſchen Frauen immer das höchſte Gut geweſen iſt. Wenn unſre Mannen im Herbſt zurückkommen, ſo werden ſie nicht klagen über die Brandſtätten, über das verlorne Eigenthum, über das geraubte Vieh, aber ſie werden in Verzweiflung ſein über ihre Frauen, ihre Töchter, ihre Schweſtern. Zur Flucht nach dem Feſtland iſt keine Zeit, das Oſtland bietet auch nicht die geringſte Sicherheit, die Dünen gewähren keinen Schutz. Darum ſage ich: es gibt nur Eins, was Ihr thun könnt, Ihr müßt Euch wehren, ſo gut Ihr könnt! In Euren Adern fließt frieſiſches Blut, Eure Arme ſind ſtark, Ihr könnt Waffen ſo gut führen wie Männer. Darum kämpfet für Eure Ehre, Ihr kämpft dann zugleich für Euer Leben und Euer Eigenthum. Fallet Ihr in dem Kampf, ſo fallet Ihr in Ehren; die Männer werden Euch betrauern, aber ſie werden Euer Andenken ſegnen. Ich will das Beſte thun, was ich kann, wer aber von Euch mit mir halten will im Kampf und, wenn es ſein muß im Tod, der hebe die Hand auf!

Gepke Teerling ſagte:Du haſt geſprochen wie ein echter Frieſe. Ich will zu Dir halten in Leben und Tod.

Als ſie zugleich die Hand aufhob, flogen alle andern Hände in die Höhe.

So iſt's recht! rief Folkert mit gehobener Stimme.Mit Gott gehen wir zuſammen in den Kampf, und wenn wir ſterben, ſo ſterben wir in Gott.

Da trat Aleida Viſſer vor, das Angeſicht glühend von Be⸗ geiſterung, und ſagte:Ich ſchwöre bei Gott und dem Heiland, daß ich kämpfen will nach meinen beſten Kräften, und daß ich mir ſelbſt den Tod geben will, wenn wir unterliegen. Sollte ich eine andere ſehn, die ſich vor Verwundung oder Schwäche den Tod nicht geben kann, ſo ſoll ſie mich anrufen, und ich will ſie tödten, aber ebenſo verlange ich, daß man mir thue. Wer mit mir auf dieſen Bund eingeht, der ſage es laut!

Wir ſchwören es! wir ſchwören es! riefen alle, indem ſie abermals die Hände emporhoben.

Nachdem ſich die Wogen der höchſten Aufregung einigermaßen gelegt hatten, und alle Blicke ſich wieder auf Folkert richteten, von welchem man hören wollte, was nun zunächſt zu thun ſei, da ſprach dieſer:Waffen finden wir genug, denn jedes Beil, jede Heu⸗ gabel, jeder Dreſchflegel, jedes Meſſer iſt eine Waffe. Aber ich rathe noch etwas anderes. Geht in Eure Häuſer und thut von Mannes⸗ kleidern an, was Ihr findet; wer keine hat, bekommt ſie in einem Nachbarhauſe. Wenn wir ſo die Seeräuber am Strand erwarten, ſo meinen ſie, die Männer wären wieder da, und vielleicht kehren ſie dann um, ohne eine Landung zu verſuchen. Ich werde meine Kanone

in Stand ſetzen, und die Männer, die hier ſind, helfen mir Pferde davor zu ſpannen, wir fahren ſie dann nach dem runden Platz. Die Kinder können nach den weſtlichen Dünen gehn und auslugen, ob ſie etwas vom Räuberſchiff ſehen. Wir müſſen aber eilen, denn die Flut hat ſchon angefangen, und in zwei Stunden kann der ſchwarze Rolf in den Balgen liegen.

Dieſe Anordnungen wurden vollſtändig gutgeheißen und in Eile befolgt. Es dauerte nicht lange, ſo fuhr die Kanone mit dem Munitionskaſten unter Folkerts Leitung ab, begleitet von dem ſelt⸗ ſamſten Aufzug, den man ſich denken konnte. In den oft wenig paſſenden Mannskleidern, mit alten Schifferhüten auf dem Kopf, die verſchiedenartigſten Waffen tragend: ſo bildeten die Weiber eine Maskerade, welche ſie ſelbſt zum Lachen gereizt haben würde, wäre die Veranlaſſung nicht ſo furchtbar ernſt geweſen.

Man mußte durch die Wieſe, dann durch die nicht eingedeichte Außenweide, und endlich über das Watt oderTüskendohr ziehen, was über eine Stunde hinnahm, aber der ſogenannte runde Platz war die einzige Stelle, wo ein größeres Schiff eine Landung ver⸗ ſuchen konnte, indem an allen andern Stellen der Strand ſich ſo allmälig abflachte, daß ſelbſt ein Boot weit ins Waſſer getragen werden mußte, bevor es ſchwimmen konnte. Das Fahrwaſſer aber oder die ſogenannten Fiſcherbalgen, erſtreckte ſich damals an jener Stelle näher an das Ufer, ſo daß auch ein großes Schiff weiter an das Ufer herankommen konnte als jetzt, wo die Dampfſchiffe, die während der Badezeit den Verkehr vermitteln, ziemlich entfernt vom Ufer vor Anker gehen, übrigens aber genau an derſelben Stelle, wo man damals das Seeräuberſchiff erwarten mußte.

Noch hatte man nicht ganz den runden Platz erreicht, da kamen einige Jungen nachgeſprungen und meldeten, daß der ſchwarze Rolf in Sicht ſei und auf die Inſel zuhalte, ja man konnte bald ſelbſt das duftige nebelartige Gebilde eines unter vollen Segeln gehenden Schiffes wahrnehmen. Man verdoppelte alſo Eifer und Eile.

V. Der ſchwarze Rolf.

Wir befinden uns, um wenige Zeit zurückgehend, auf dem Seeräuberſchiff, und zwar in der Kajüte des Capitäns. Sie iſt niedrig und klein; die Wände ſind mit Waffen verſchiedener Art be⸗ deckt, dabei fehlt es doch nicht an einigem Luxus. Dahin gehören die koſtbaren Teppiche und Polſter, die in einer Ecke die Stelle eines Ruhebettes einnehmen, ferner eine Art von Schenktiſch von feinem Holz und kunſtreicher Arbeit, in welchem die mannigfaltigſten Flaſchen und Trinkgeſchirre in eigens dazu beſtimmte Einſchnitte eingeſenkt ſind, endlich ein Spiegel von venetianiſchem Glas in koſtbarer Einfaſſung, der zwiſchen den beiden kleinen Schrägfenſtern ange⸗ bracht iſt.

Auf den Polſtern lehnt in halbſitzender Stellung ein Mann im mittleren Lebensalter. Sein Geſicht iſt vollkommen blaß und ſticht gegen den tiefſchwarzen Vollbart ab, der das ganze untre Ge⸗ ſicht bedeckt; das Haupthaar hat ohne Zweifel dieſelbe pechſchwarze glänzende Farbe, aber es iſt durch eine engaufliegende Kappe bedeckt, deren Rand mit Goldſtickerei und deren Mitte durch eine ſchwere goldne Troddel geſchmückt iſt. Daß das Auge nicht, wie man er warten ſollte, eine dunkle Farbe und einen ſcharfen Ausdruck hat, vielmehr faſt waſſerhell iſt und ohne allen Ausdruck oder Glanz in die Höhe wie in ein leeres Nichts ſtarrt: dieſe Eigenthümlichkeit macht das Geſicht auf beſondere Art widerwärtig und abſtoßend. Die Kleidung iſt bequem und leicht, aber einfach. Eine engan⸗ ſchließende lange Weſte von urſprünglich feinem, nun aber ver⸗ ſchoßnem ſcharlachrothem Sammt mit zwei Reihen ſilberner Knöpfe, hat eine weite wollne hellblaue Jacke von gleicher Länge zum leichten Ueberkleide. Die weiten Beinkleider werden durch einen breiten Gurt von gepreßtem Leder gehalten, an dem verſchiedene Schleifen und Kapſeln angebracht ſind, um ihn im Nothfall mit mannigfaltigen Waffen zu ſpicken, während jetzt nur ein langes Meſſer mit kunſt⸗ reichem Griff in langer Scheide daran hängt; nach unten verengern ſich die Beinkleider und verlaufen in weiten faltigen Waſſerſtiefeln.

Das iſt der gefürchtete ſchwarze Rolf.

An dem Schenktiſch beſchäftigt ſich ein halbwüchſiger Menſch, deſſen Körperbau zart, deſſen Geſicht anmuthig iſt; ſein Teint iſt zart, feingeſchweifte ſchwarze Brauen ziehen ſich um die großen dunklen glänzenden Augen, deren Wimpern weichen langen Seidenfäden

b V

gleichen ein dun herabgen Tuch m zugetnöp nrüpft i ſtiefeln recht zar Geſicht.

De

irnige d S

Sprach 1 neben! zerlich ſchwei

tödtet

nige Seer

erbli

zöge

Mer