hoffte, dabei auf ein Schiff zu treffen, das ihn mit nach Hamburg nehmen könne, aber bis dahin vergebens, ſo daß er endlich beſchloß, nach Greetſiel überzuſetzen und dann den unliebſamen Landweg nach Hamburg anzutreten, aber es trug ſich etwas zu, was die Ausführung dieſes Entſchluſſes verhinderte.
An einem ſchönen hellen Sonntagsmorgen fuhr Folkert auf der ſogenannten Weſt⸗Ems, der Meeresöffnung zwiſchen den Inſeln Borkum und Rottum, den ſchwachen Nordweſtwind benutzend, um ſein Fahrzeug bald hierhin bald dorthin kreuzen zu laſſen, während er ſich Träumereien und Gedanken meiſt trüber Art überließ. Schweifte der Geiſt auch noch ſo weit in die Ferne, ſo zog ihn doch der mächtige Kirchthurm von Borkum, der als weitwahrnehmbares Merkzeichen für die Seefahrer galt, immer wieder nach der Heimat zurück, und erinnerte ihn an das, was er dort gehofft und verloren hatte. Da näherte ſich ein Fahrzeug gleicher Größe von Rottum her, das alles, was es von Segeln beſaß, beigeſetzt hatte. Folkert hielt auf den Lauf des Schiffes zu aus jener begreiflichen Neugierde, die dem Inſulaner jedes kleine Ereigniß dieſer Art bemerkenswerth und wichtig macht. Solcher Geſtalt näherten ſich beide Schiffe hinlänglich, um ſich gegenſeitig anrufen zu können.
„Seid Ihr von Borkum?“ erſcholl es von drüben.
„Ja!“ war Folkerts Antwort.
„Ich will mit Euch ſprechen.“
„Gut.“
Die Schiffe näherten ſich nun raſch, und Folkert war nicht wenig erſtaunt, den ihm wohlbekannten Vogt von Rottum mit ſeiner ganzen Familie— übrigens die einzigen Bewohner der kleinen hol⸗ ländiſchen Inſel— auf dem Schiffchen zu ſehen, und dabei Kaſten und Kiſten und allerlei Geräthe, wie wenn die Familie auf dem Um⸗ zug begriffen wäre. Als ſie neben einander lagen, fand Folkert keine Zeit, nach dem Grund dieſer ſeltſamen Erſcheinung zu fragen, denn der Holländer, der ſich offenbar in großer Aufregung befand, ſprach haſtig:„Wir ſind auf der Flucht.“
„Auf der Flucht? vor wem?“
„Vor dem ſchwarzen Rolf.“
Der ſchwarze Rolf war ein höchſtberüchtigter Seeräuber, von deſſen Kühnheit und Grauſamkeit jeder Mund auf dieſem Meere und an ſeinen Küſten Wunderdinge zu erzählen wußte.
„Der ſchwarze Rolf—— es iſt ja wohl nicht möglich?“
„Gott ſei's geklagt, es iſt die reine Wahrheit. Er liegt jetzt mit ſeinem Schiff bei Rottum. Wir waren gewarnt und hatten das Beſte von unſrer Habe eingepackt. Als wir ihn ganz früh mit der erſten Flut herankommen ſahen, gingen wir in See. Unſer Haus und Vieh und was wir ſonſt nicht mitnehmen konnten, mußten wir dem Bluthund überlaſſen.“
„Wo wollt Ihr denn nun hin? wollt Ihr nach Borkum?“
„Warum nicht gar? meinſt Du denn, der ſchwarze Rolf käme nicht nach Borkum, wo mehr zu holen iſt wie auf Rottum? Und der ſchwarze Rolf weiß recht gut, daß Eure Mannſchaft über See iſt.“
Siedendheiß wurde Folkert ſich dieſer ſchlimmen Thatſache be⸗ wußt und ſeufzte tief auf.
Der Holländer fuhr fort:„Nein, wir wollen nach Delfzyl, wo wir ſicher ſind. Seht Ihr auf Borkum zu, ob Ihr auch flüchten könnt, ſonſt nehme Euch der allmächtige Gott in ſeinen Schutz.“
Damit trennte er ſich von dem Borkumer Schiff.
Einige Augenblicke war Folkert faſſungslos, dann aber ermannte er ſich und ſagte ſich, daß jetzt jede Minute zu koſtbar ſei, um unbe⸗ nutzt verloren zu werden, er hielt alſo ſcharf auf ſeine Inſel zu.
Der Domine hatte ſeine Predigt geſchloſſen mit einer Fürbitte für die zur See fahrenden Borkumer, und alle Anweſenden ſtimmten von Herzen ein, dann aber mit dem Gebet, daß Gott den Strand ſegnen möge. Die Andächtigen verließen das Gotteshaus und bil⸗ deten wie es zu geſchehen pflegt, vor demſelben verſchiedne plaudernde Gruppen.
Plötzlich drängte ſich Folkert durch die Verſammelten. War ſeine Erſcheinung überhaupt ſchon auffallend, ſo machte ſein erhitztes Ausſehn und ſein unheilverkündendes Geſicht noch mehr Eindruck. Man wich ihm ſcheu aus, als er auf den Geiſtlichen zueilte, der eben die Kirche verließ; derſelbe war bei dem Anblick des jungen Mannes ſchon von Herzen erſchrocken, bevor er noch wußte, um was es ſich handelte..
Folkert flüſterte ihm zu:„Domine, der ſchwarze Rolf iſt zu Rottum und kommt gewiß auch hierher. Was ſollen wir thun?“
Wie von einem Blitz getroffen, ſtarrte der Geiſtliche ihn an. Ohne zu wiſſen, was er ſprach, ſtammelte er nur die Worte nach: „Der ſchwarze Rolf—— was ſollen wir thun?“
„Ja, was rathet Ihr?“
„Ich rathen? Ich weiß keinen Rath! Ich will nach meinem Hauſe und mich darin verſchließen. Der Höllenbrand mit ſeiner teufliſchen Rotte wird ſich nicht an einem geweihten Diener des Herrn vergreifen. Sonſt weiß ich keinen Rath.“ Nach dieſen Worten eilte er ſo haſtig, als ihn ſeine Beine nur tragen wollten, mitten durch die höchſter⸗ ſtaunten Gruppen und verſchwand bald um die nächſte Ecke.
Folkert ſandte ihm einen Blick voll Bitterkeit nach und wandte ſich dann mit geſammelter Geiſtesgegenwart dem zu, was zunächſt zu thun war. Da der Kirchthurm keine Glocken beſaß, ſo hatte man die Glocke eines geſtrandeten Schiffes neben dem Thurm in einem dazu errichteten Holzgerüſte aufgehängt. Auf dieſe ſchritt Folkert los, ergriff den Strang und läutete aus allen Kräften. Die immer mehr in Verwunderung geſetzte Menge verſammelte ſich dichtgedrängt auf dem Kirchhofe, und es ſah wunderlich genug aus, wie zwiſchen den Köpfen die Grabſteine hervorragten.
Als Folkert ſich von allem Volke umgeben ſah, ſprach er mit lauter, ſicherer Stimme:„Ihr Leute, ich muß Euch eine böſe Nachricht ſagen, der ſchwarze Rolf iſt in der Nähe.“ Zugleich berichtete er kurz ſein Zuſammentreffen mit den Rottumern.
Seine Worte riefen ein ſprachloſes Entſetzen hervor.
„Er liegt mit ſeinem Schiff bei Rottum, und es iſt ſo gut wie gewiß, daß er heute Nachmittag mit der Flut nach Borkum kom⸗ men wird.“
Nun fand das Entſetzen einen Ausdruck. Die Weiber jammer⸗ ten und rangen die Hände, die Greiſe zitterten und lallten Gebete, die Kinder glotzten verſtört in das Ganze hinein.
„Gebt Ruhe!“ rief Folkert laut und gebieteriſch und redete nach leidlich hergeſtellter Ruhe weiter:„Zum Jammern und Klagen iſt jetzt keine Zeit, wir müſſen raſch überlegen, was wir thun wollen.“
Nur ein verwirrtes Stöhnen und Schluchzen antwortete der Anſprache und lieferte den Beweis, daß man rathlos ſei.
Folkert wandte ſich an die Greiſe.„Jan Smidt, was thun wir am beſten?“
„Ich denke,“ erwiderte Jan Smidt,„wir gehen auf die Schiffe und fahren nach Greetſiel.“
„Ja, auf die Schiffe, auf die Schiffe!“ rief es von verſchiednen Seiten aus den Haufen der Frauen.
Mit Kopfſchütteln ſprach Folkert:„Das wird wohl kaum an⸗ gehn. Da unſre Mannen mit ſo vielen Schiffen weg ſind, ſo ſind nur noch drei da, auf denen hat nicht ſo viel Volk Platz, und zurück⸗ laſſen dürfen wir niemand. Und bis wir alles zur Abfahrt klar ge⸗ macht haben, iſt der ſchwarze Rolf in der Nähe und bohrt oder ſchießt uns in Grund. Was ſollten wir aber auch in Greetſiel, wenn wir glücklich hinkämen? Ja, wenn unſer Amtmann uns aufnehmen könnte, der würde uns ſchon helfen, aber die Mansfelder führen da ein fürchterliches Regiment. Das bischen Hab und Gut, was wir mit⸗ brächten, nähmen ſie uns gleich weg.“
Es erhob ſich kein Widerſpruch, und Jan Smidt ſchien ſelbſt keine Einwendung machen zu können.
Da drängte ſich Willem Okken vor und ſprach:„Wir thun im⸗ mer am beſten, wenn wir es ſo machen, wie es unſre Väter und Vorväter machten. Als ich jung war, legten ſich die Orlogſchiffe von Weſtfriesland vor die Weſt⸗Ems und nahmen den Emdenern alle Handelsſchiffe weg. Da ſchickten die Emdener auch Orlogſchiffe, und es ſollte hier bei Borkum zu einer grauſamen Seeſchlacht kommen, darum flüchteten alle Leute, Große und Kleine, Männer und Frauen, mit ihrem Geld und was ſie ſonſt mitnehmen konnten, nach dem Oſtland.*) Es erhob ſich aber ein gewaltiger Sturm, das Admi⸗ ralſchiff der Holländer und drei andre große Schiffe gingen unter, und es kam nicht zur Schlacht. Aber wie wir damals thaten, ſo ſollten wir jetzt wieder thun, wir ſollten nach dem Oſtland flüchten.“
*) Der öſtliche Theil der Inſel, von etwa fünf Familien bewohnt und vom Weſtland durch eine dünenloſe, den hohen Fluten ausgeſetzte Sandebene (Watt) in der Ausdehnung einer Stunde getrennt, welche die Einwohner „Tüskendöhr“, die Zwiſchendurch nennen.


