Jahrgang 
1865
Seite
510
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In der Graefeſchen Kugen-Klinik.

(Mit Abbildung.)

In Begleitung eines Stabsarztes vom Friedrich Wil lhelms⸗ In⸗ ſtitut, der mir Führer und Erklärer war, trat ich neulich in die Graefeſche Augen⸗Klinik, ein vierſtöckiges Gebäude, das ſeine Beſtimmung in gußeiſernen Lettern an der Stirne trägt, und am Unterbaum, Ecke der Karlsſtraße in Berlin belegen iſt.

Vor uns, mit uns, hinter uns ſtrömte eine ungezählte Menge ein; denn es war einer der Wochentage, an denen der berühmte Augenarzt hier eine ſogenannte Poliklinik abhält, das heißt, wo er Augenkranke ohne Unterſchied des Standes empfängt und ihnen Rath und Hilfe ertheilt, den meiſten unentgeltlich. Einige kommen zu Fuß, andre in Miethswagen; einige allein, andre geleitet von Ver⸗ wandten oder Dienern. An der Loge des Portiers werden alle an⸗ gehalten, um ihren Namen in ein dickes Journal eintragen zu laſſen und eine numerirte Marke in Empfang zu nehmen, welche die Reihenfolge der vorzulaſſenden Patienten beſtimmt. Nach dieſen Nummern ordnen ſie ſich unter Anweiſung eines Hausdieners in den etwas engen Wartezimmern, die bald von Perſonen jedes Alters und beiderlei Geſchlechts überfüllt ſind. Beſonders groß iſt die Anzahl kleiner in allen Tonarten ſchreienden Kinder, die ſich natürlich unter der Obhut ihrer Mütter befinden, jedoch die diplomatiſchen Schmeiche⸗ leien derſelben, wenn ſie nicht von reellen Süßigkeiten begleitet werden, mit verdoppelter Anſtrengung zurückweiſen.

Die Patienten werden von den hereintretenden Aſſiſtenzärzten einer vorläufigen Muſterung unterworfen, welche kleine unbedeutende Fälle ſofort erledigen, während ſie die wichtigſten für ihren Chef auf⸗ ſparen. Neben ihnen bewegen ſich in den Vorzimmern Studenten der Medicin, ſogenannte Kliniciſten, und fremde, auf der Durchreiſe begriffene Aerzte, die den Operationen des Herrn von Graffe bei⸗ wohnen wollen, einſtweilen die Kranken gleichfalls unterſuchen und ſich von ihnen die Geſchichte ihres Uebels erzählen laſſen.

Unſere Aufmerkſamkeit feſſelt ein junger hübſcher Soldat vom 64. Infanterieregiement, der auf der Bruſt mehre Medaillen, aber über dem linken Auge eine ſchwarze Binde trägt. Als er dieſe zurück⸗ ſchiebt, blicken wir in eine leere Augenhöhle, darin ſich nur noch etwas Fett⸗ und Bindegewebe entdecken läßt. Seiner Erzählung entnehmen wir Folgendes:

Beim Sturm auf das Dorf Düppel am 17. März v. J. wurden die angreifenden Colonnen von den Dänen mit einem Kugelregen aus grobem und feinem Geſchütz überſchüttet. Dicht über dem Haupte unſers Helden crepirte ein Schrapnel, und ein Sprengſtück deſſelben warf ihn zu Boden. Er hatte nur noch die Empfindung eines dumpfen Schlages und als ob ihm ein Blitz durch das Gehirn fahre, dann verlor er die Beſinnung. So fanden ihn die Krankenträger, welche ihn zunächſt nach Broacker ſchafften. Erſt zwölf Tage ſpäter kam er im Lazareth zu Flensburg zum Bewußtſein ſeiner Lage; bis dahin hatte er in wilden Fieberphantaſien, an einer jetzt glücklich über⸗ ſtandenen Gehirnentzündung darniedergelegen; denn das Sprengſtück hatte ihm nicht nur das linke Auge ausgeriſſen, ſondern auch die Knochen und Weichtheile des Geſichts verletzt. Und die Spuren dieſer Verletzung wird er mit ins Grab nehmen: als er den Mund öffnete, zeigten ſich die Schneidezähne des Unterkiefers verſtümmelt, und auf dem Vorderkopfe wies er uns eine kleine kreisförmige Platte, wo das ſonſt volle Haupthaar wie abgeſengt erſchien. Mit dem Bewußtſein traten die Schmerzen ein, nicht nur im verlornen, ſondern auch im erhaltenen Auge, mit dem er anfangs wenig genug zu ſehen vermochte. Aber inzwiſchen hatte er ſich gewöhnt, mit Einem Auge auszukommen, und ſah nun ruhig der Zukunft entgegen. Sein Handwerk er war ein gelernter Schneider konnte er allerdings nicht mehr treiben, aber man hatte ihn für eine Bedienſtung im Poſtfache notirt, und bis dahin bezog er eine kleine Penſion. Heute war er zu Herrn von Graefe beſtellt, der ihm ein Geſchenk ver⸗ ſprochen hatte.

Wir traten nunmehr in das Operationszimmer, wo mehre der Aſſiſtenzärzte bereits eifrig beſchäftigt waren. Einem von ihnen wurden die Kranken zugeführt, welche an einer Entzündung der Augen⸗ lidbindehaut laborirten, denen nun nacheinander die entzündeten Stel⸗ len mit Höllenſtein in Subſtanz oder in Löſung, je nach dem Grade der Entzündung, ausgebeizt werden, worauf ſie ſelber das Auge mit

einem feuchten Waſſerſchwamm reinigen. Dieſes Ausbeizen iſt etwas ſchmerzlich, währt aber nur wenige Secunden, ſo daß binnen einer Viertelſtunde zwanzig, dreißig und mehr Patienten expedirt werden. Unter ihnen befanden ſich vorwiegend jene Kinder, oft zarte Säug⸗ linge, die ihr Schickſal inſtinctiv ahnend, mit Händen und Beinen ſtrampelten, und dazu ſchrieen, als ob ſie geſpießt wären; bis ihnen unter dem Ausbeizen vor Ueberraſchung der Schrei in der Kehle ſtecken blieb; aber hinterher brach das Wehgeſchrei um ſo ſtärker los. Ein kleiner Bube konnte ſich vor Schmerz und Wuth gar nicht laſſen; wie ein Kreiſel ſprang er im Zimmer umher und ballte gegen den Arzt die kleine Fauſt. Natürlich zeigt ſich dieſer gegen alles Lärmen und Toben unempfindlich; mit unerſchütterlichem Gleichmuth fährt er in ſeinem heilſamen Geſchäfte

fort, meiſt ganz lautlos, mit Kranken und Dienern nur durch Zeichen

und Winke redend.

Ein andrer Arzt unterſucht die ſogenannten Krankheiten der Accommodation, Kurz⸗ und Weitſichtige, welche Mängel theils an⸗ geboren ſind, theils durch gewiſſe Beſchäftigungen, wie Schreiben, Leſen, Schießen anerzogen werden. An den Wänden befinden ſich Tafeln mit lateiniſchen und deutſchen Buchſtaben und Zahlen der verſchiedenſten Größe, theils auf ſchwarzem, theils auf weißem Grunde, welche die Patienten abzuleſen verſuchen; oder es werden ihnen auch verſchiedene Drucke in verſchiedener Entfernung vorge⸗ halten, oder theils concav, theils convex geſchliffene Brillengläſer verſchiedener Schärfe aufgeſetzt, bis der experimentirende Arzt die Sehweite des Auges und ſeine Mängel entdeckt und feſtgeſtellt hat; worauf er den Kranken mit der nöthigen Anweiſung über die zu wählende Brille entläßt.

Hier iſt ein Mann, welcher ſtark ſchielt; dort eine Frau mit beſtändig thränenden Augen. In beiden Fällen, erklärt der unter⸗ ſuchende Arzt, ſei wohl Abhilfe möglich, aber jeder erfordere eine Operation. Die Frau leidet an einer Verſtopfung des in die Naſe führenden Thränenſackes, der aufgeſchnitten werden muß, weil ſonſt die Thränen beſtändig über die Lider laufen und dort Ent⸗ zündungen hervorrufen. Das Schielen beſteht in einer fehlerhaften Stellung der Augen, bei welcher die Sehachſe beider Augen nicht nach einem und demſelben, ſondern nach verſchiedenen Punkten gerichtet iſt. Es kann eine Folge übler Gewöhnung oder durch Contractur der Augenmuskeln, oder durch Lähmung der dieſe verſorgenden Nerven entſtanden ſein, und galt früher für unheilbar, bis im Jahre 1839 der berühmte Dieffenbach eine Operation vorſchlug, welche den er⸗ krankten, zuweilen auch den geſunden Muskel durchſchneidet, worauf Augapfel und Pupille eine normale Stellung einnehmen, der durch⸗ ſchnittene Muskel aber ſich allmälig reorganiſirt.

Andere Patienten leiden an Cyklopenaugen oder geſpaltener Iris; noch andere an Krebsgeſchwülſten und ſchwammigen Wuche⸗ rungen, das ſind Neubildungen, theils im Augapfel ſelber, theils in der Augenhöhle, welche das Auge heraustreiben. Doch die Zahl nicht nur der Augenkrankheiten überhaupt, ſondern der ſchon in dieſer Klinik zu beobachtenden Fälle iſt Legion; ſchließen wir einſtweilen mit der dluſlshiung. und treten wir in jenes Cabinet, in welchem, da es keine Fenſter hat, beſtändig zwei Lampen brennen, und das durch eine Schiebethür von dem Operationszimmer ge⸗ trennt iſt.

In dieſem gegen das Sonnenlicht abgeſchloſſene Cabinet werden Unterſuchungen des inneren Augapfels vorgenommen, vermittelſt des Augenſpiegels oder Ophthalmoſkops, eines In⸗ ſtruments, erfunden von dem berühmten Phyſiologen Helmholz, früher in Königsberg, jetzt in Heidelberg. Es iſt ein kleiner runder Metallſpiegel, in der Mitte durchbohrt, durch welche Oeffnung der Arzt in das Auge des Kranken, den er dicht vor ſich nieder⸗ ſetzen laſſen, wie in eine camera obscura ſieht. Er ſieht die einzelnen Häute und Abtheilungen des inneren Auges bis zur Retina, oder hinterſten Wand deſſelben. Die in das Auge des Kranken fallenden Lichtſtrahlen werden nämlich zurückgeworfen von einer ſogenannten Sammellinſe, die der beobachtende Arzt etwas ſeitwärts hält, auf⸗ gefangen und in das Auge des letzteren geleitet, worauf er das

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