ſie dann wieder ſich umdrehte und dem Jüngling in das erregte und er⸗ wartungsvolle Geſicht blickte, da hatten ihre Züge bereits den kalten und gleichgültigen Ausdruck gewonnen, der nichts mehr wußte von einer theilnahmvollen Gemüthsbewegung; mit einer Ruhe, als wenn ſie ſich nach dem Stande der Früchte in ſeinem Garten erkundigte, fragte ſie:„Wie kommt es eigentlich, Folkert, daß Du grade heut zu mir von ſolchen Dingen redeſt?“
„Weil von Deiner Antwort abhängt, wozu ich mich heute ent⸗ ſchließe: aber ich glaube faſt, Du gibſt mir gar keine Antwort oder wenigſtens keine gute. Sonſt, wenn Du mir auch nur die Hoffnung gelaſſen hätteſt, daß Du vielleicht mein Weib werden wollteſt, ſieh dann hätte ich mich morgen am Tage annehmen laſſen zu der Fahrt auf den Walfiſchfang, welche die andern auf Amſterdamer Schiffen machen wollen; ich hätte mir ein gutes Stück Geld verdient und im Herbſte noch einmal um Dich ordentlich geworben. Aber nun——“
„Nun gehſt Du nicht mit den andern?“ feagte ſie mit der er⸗ wachten Neugierde eines Frauenzimmers.
Düſter erwiderte er:„Nun thu' ich meine Geſchwiſter zu mei⸗ ner Nachbarsfrau Rena Scholl in Koſt und Pflege, gehe nach Ham⸗ burg und verdinge mich wieder auf ein Orlogſchiff; dann komm' ich ſo bald nicht wieder oder gar nicht, ſondern ſchicke, wenn ich am Le⸗ ben bleibe, Geld für meine Geſchwiſter hierher; komm' ich aber um im Gefecht oder im Sturm, ſo gehört mein kleines Eigenthum den Geſchwiſtern, und der Gemeindevorſtand wird es für ſie verwalten.“
Dies wurde weder mit Sentimentalität geſprochen, noch war es auf einen ſentimentalen Eindruck berechnet, aber dennoch ſchien ſich in Aleida eine gewiſſe Theilnahme zu regen, und ſie ſagte mit dem Ton einer älteren rathgebenden Freundin:„Ich ſollte doch denken, Folkert, Du thäteſt beſſer für Dich und Dein Haus und Deine Geſchwi⸗ ſter daran, wenn Du mit den andern auf den Walfiſchfang auszögeſt.“
Folkert zog die Stirne finſter zuſammen und ſprach mit verbiß⸗ nem Grimm:„Ich wäre nur mitgegangen, um im Herbſt genug Geld zu haben, daß ich als Dein Freier mit Ehren auftreten könnte; meinſt Du aber, daß ich ohne dieſen Grund mich von dem hochmüthigen und lügneriſchen Tjeert Sniers ins Schlepptau nehmen ließe? Wenn ich um Deinetwegen ginge, ſo koſtet' es mich wahrhaftig genug Ueber⸗ windung— der Blixem, der!“
Es mochte zufällig derſelbe Augenblick ſein, wo jeder der beiden jungen Männer den andern einen„Blixem“ nannte, ohne daß der eine ſo wenig wie der andre anzugeben gewußt hätte, was eigent⸗ lich ein„Blixem“ ſei. Bei Aleida war ohne Zweifel daſſelbe der Fall, aber nichtsdeſtoweniger wurde ſie ſehr dadurch aufgeregt.
„Warum nennſt Du,“ ſprach ſie heftig,„Tjeert Sniers einen Blixem? Wenn er ſtolz iſt oder hochmüthig, wie Du ſagſt, ſo hat er wohl Grund dazu, denn er hat mehr von der Welt und den Menſchen geſehen wie Ihr andern alle, und hat etwas Ordentliches dabei ge⸗ lernt. Wenn Du ihn aber einen Lügner nennſt, ſo magſt Du wohl ſelbſt ein Lügner ſein, denn womit kannſt Du beweiſen, daß er Dich oder andre belogen hat? Ich hätte nicht geglaubt, daß Du auch wärſt wie die kleinen Vögel, die hinter dem großen herflattern und ſchreien, weil er nicht auf ſie achtet. Du ſollteſt Dich ſchämen, Folkert Wybrand!“
Mit großer Bitterkeit entgegnete Folkert:„Aha, nun weiß ich, woher der Wind bläſt! Daß Tjeert Sniers ſtark nach Dir ausſchaut, hab' ich wohl gemerkt, aber daß Du ſo große Luſt haſt, Tjeerts Frau zu werden, das habe ich nicht gedacht, denn früher haſt Du Dich ſelbſt über ſeinen Putz und all ſeine Narrethei aufgehalten.“
„Wenn ich das gethan habe,“ ſagte ſie zornig,„ſo war es albern von mir. Aber was geht es Dich an, ob ich Tjeerts Frau werden will oder nicht? Du haſt genug daran zu wiſſen, daß ich Deine Frau nicht werden mag, das Uebrige kümmert Dich ſo viel V wie eine Schaumblaſe.“
Folkert begann nun auch heftig zu werden, und er ſprach mit einigem Hohn:„Ich wünſche viel Glück zu dem großen Walfiſchjäger, b er bringt Dir von Grönland oder Spitzbergen gewiß ein ſchönes Angebinde mit, und ſpäter wird er vielleicht Commandeur oder gar Admiral bei den Generalſtaaten, dann biſt Du eine vornehme Frau. Aber für mich iſt's gut, daß ich nun doch weiß, woran ich bin.“
„Ja, das iſt gut für Dich, Folkert Wybrand, und was mich betrifft, ſo bin ich zwar jetzt noch keine vornehme Frau, aber doch die
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Tochter dieſes Hauſes, und ſo hab' ich das Recht, Dir zu ſagen, daß Du Dich fortpacken ſollſt. Es war unverſchämt von Dir zu kom⸗ men, jetzt aber mach Dich ſo ſchnell weg, als Du kannſt, und komm nicht eher wieder in dies Haus, bis ich Dich rufe, und daß das nie geſchieht, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Gute Nacht und gute Reiſe nach Hamburg!“ Indem ſie mit der Hand gebieteriſch nach der Thüre wies, wandte ſie ihr zornglühendes Angeſicht ab.
Folkert ſchien es ſchmerzlich zu empfinden, in ſo herber Weiſe von derjenigen verabſchiedet zu werden, der er Herz und Hand ange⸗ boten hatte, aber er war doch zu trotzig, ein gutes Wort zu geben, er drehte ſich daher um und verließ das Zimmer, die Thüre heftig hinter ſich zuwerfend. Als er fort war, fühlte ſich Aleida von der ſtarken Gemüthsbewegung überwältigt, ſie warf ſich in die Kiſſen des im Alkoven ſtehenden Bettes und begrub ihr Haupt darin.
Ob ſie vielleicht im Stillen geweint, man weiß es nicht.
Folkert wollte eben durch die Hausthüre, die er bei ſeinem Her⸗ einkommen halb offen hatte ſtehen laſſen, ins Freie ſchreiten, da ſtutzte er plötzlich und blieb lauſchend ſtehen; er hatte deutlich ſchleichende Schritte vernommen und bemerkte nun, wie eine dunkle Geſtalt, die ſich gegen den klaren Nachthimmel deutlich abhob, quer vor der Thüre vorüberhuſchte. Wer auch immer der Lauſcher oder Späher ſein mochte, ſo war es für Folkert jedenfalls unliebſam, mit demſelben zuſammenzutreffen, er benutzte daher ſeine genaue Orts⸗ kenntniß, ging durch den Winterſtall und gelangte ſo in das Neben⸗ gebäude, wo ſich theils die Sommerſtallungen, theils Vorräthe von Heu und Torf befanden, um durch die Hinterthüre, die leicht von innen aufgeklinkt werden konnte, zu entſchlüpfen. Schon hatte er die Hand an der Klinke, da hörte er unverkennlich, wie auch hier ſich jemand befinden mußte, denn dieſer Jemand räusperte ſich und ſpukte aus mit jener Nachdrücklichkeit, wie ſie ſich Seeleute anzuge⸗ wöhnen pflegen. Folkert zog ſich überlegend in das Innere der Scheune zurück.
War ſein Hereinkommen beobachtet worden und ſpionirte man nun ſeinetwegen um das Haus? In dieſem Falle hätte er es— be⸗ ſonders in ſeiner jetzigen Stimmung— gern mit einem oder zwei Burſchen aufgenommen, um ſie mit blutigen Köpfen heimzuſchicken, aber wir müſſen zu ſeiner Ehre ſagen, daß ihn die Rückſicht auf Aleidas Ruf ein ſolches Zuſammentreffen vermeiden ließ, wenn es irgend möglich war. Oder ſchlich ein Liebhaber Aleidas— wohl gar der verhaßte Nebenbuhler Tjeert— da herum, ein Zeichen ſeiner Liebſten erwartend, um hereinzukommen?
Folkerts Blut kochte bei dieſem Gedanken. Aber mochte es ſo ſein, er konnte jetzt das Haus nicht verlaſſen, er mußte bleiben. War es bloß Neugierde, was Fremde herbeizog, ſo mußte er ab⸗ warten, bis ſie ihres Spähens müde würden, war es aber ein Lieb⸗ haber mit ſeinem Helfershelfer, der gleichſam auf Wache ſtehen ſollte, ſo mußte der Verſchmähte wiſſen, was ſich weiter begeben würde, um nöthigen Falls einzuſchreiten und dem Liebespaar die Sache zu ver⸗ derben.„Sie ſoll wiſſen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„daß man ihre
Schliche kennt, und das ganze Dorf ſoll es wiſſen!“ Denn er über⸗ zeugte ſich immer mehr, daß ein Nebenbuhler— ohne Zweifel Tjeert— mit einem Bundesgenoſſen umherſchleiche, um das Zu— rückkommen und Zubettgehen der Mutter zu erwarten und dann mit Aleida zuſammenzukommen.„Das giftige Geſchöpf!“ murmelte er zähneknirſchend. Nach kurzem Beſinuen erkletterte er den Heu— haufen, der innerhalb eines dafür beſtimmten hölzernen Gerüſtes, des ſogenannten„Golf“ aufgeſtapelt war, und legte ſich oben da— rauf, um die Dinge zu erwarten, die da kommen ſollten. Er hörte von ſeinem Schlupfwinkel aus deutlich, daß ſich fortwährend jemand vor der Scheune befand, ja er glaubte mehrfache Schritte und das Geflüſter verſchiedener Menſchen zu vernehmen, er hörte auch, wie jemand vorn ins Haus kam— ohne Zweifel die Mutter— und die Thüre hinter ſich verriegelte, aber ſonſt begab ſich weiter nichts.
Mehrmals wollte er ſeinen Platz verlaſſen und hinausſchleichen, aber
dann bannte ihn das Geräuſch von Menſchen immer wieder feſt. So vergingen im peinlichſten Harren einige Stunden, bis plötzlich ein lautes und heftiges Pochen gegen die Hausthüre gehört wurde.
(Fortſetzung folgt.)


