Jahrgang 
1865
Seite
492
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Auch zu den ſogenannten Kammerbällen in der Hofburg zu Wien hatte der Haidelliſt auf beſondern Befehl der Kaiſerin Zutritt erhalten, obgleich ihn ſein Rang dazu nicht befähigte. Es war auf einem ſolchen Ball, wo ſich ihm eine alte kleine Dame mit ſtechendem Blick in den ſchwarzen Augen näherte und ihn, ohne daß er ihr aufgeführt worden wäre, lebhaft anredete. Eine halbſtündige Con⸗ verſation gab der Begegnung faſt den Charakter der Bekanntſchaft und als ſie ſchieden, hatte Haidelliſt der Dame verſprochen, ihr am andern Tage um die Mittagsſtunde aufzuwarten. Erſt nachher fiel es dem Cavalier ein, daß er einer Dame ſeine Aufwartung ver⸗ ſprochen, die er nicht kannte, deren Namen er nicht wußte. Auf Befragen erfuhr er, daß die kleine lebhafte Alte die verwittwete Her⸗ zogin von Lemos⸗Aguilar und eine geborene Gräfin Wolffſtein ſei. Er machte dieſer Herzogin, welche in früheren Jahre dame d'atour der Kaiſerin geweſen war, jetzt aber nur noch ſelten bei Hofe er⸗ ſchien, am andern Tage mit großer Neugierde den verſprochenen Beſuch. Er ahnte nichts von der Ueberraſchung, welche dort ſeiner wartete.

Die Herzogin bewohnte ganz allein und nur mit wenigen Dienern den weitläuftigen Palaſt, den ihr der Herzog als Wittwen⸗ ſitz hinterlaſſen; ihr Gemahl war einer der ſpaniſchen Granden von der öſterreichiſchen Partei geweſen, welche Karl VI nach Deutſchland folgten, als die Habsburger ihre große ſpaniſche Erbſchaft an die Bourbonen verloren hatten. Die Herzogin war kinderlos, von Seiten ihres Gemahls hatte ſie keine Verwandten in Deutſchland und ihre eigene Familie, das Haus der Reichsgrafen von Wolffs⸗ ſtein war im Mannesſtamme erloſchen. Die alte Dame kam dem Cavalier mit einer ganz ausgeſuchten Freundlichkeit entgegen und erklärte endlich mit großer Sicherheit, es ſei ihr ſehr erwünſcht, auf ihre alten Tage noch die Bekanntſchaft eines Mannes aus dem Brandenburgiſchen Geſchlecht der Haidelliſten zu machen, denn das ſei einer ihrer Wünſche ſchon in früheſter Jugend geweſen.

Die Greiſin vergnügte ſich ſichtlich an der Verwunderung des Cavaliers, dann aber theilte ſie ihm in ihrer haſtigen Weiſe mit, daß ihre Frau Großmutter eine geborene Haidelliſtin geweſen, daß ſie ſelbſt eine Urenkelin ſei des ſchwediſchen Obriſtlieutenants Hans von Haidelliſt und Dambach, den man den Gotteshans genannt habe. Man kann ſich die Ueberraſchung des Cavaliers denken, der nun mit einem Male ſich den Schleier lüften ſah, der bis jetzt auf der Mord⸗ nacht von Haidelliſt gelegen, auf dem Geheimniß der Familie, das auch ihn oft und anhaltend beſchäftigt hatte. Leider mußte er ſich bald überzeugen, daß ſich eigentlich doch nur ein Zipfel des Schleiers lüftete, ſo daß ein großer Theil in Dunkelheit blieb.

Die Herzogin war der Liebling ihrer Großmutter von Mutter⸗ ſeite, wurde von derſelben faſt ausſchließlich erzogen und hatte von dieſer allein, was ſie dem Cavalier mittheilte. Aber die Herzogin war noch ſehr jung geweſen, als ſie dieſe Großmutter verlor, und ſo beſtand das, was ſie von den Schickſalen ihrer Urgroßeltern wußte, eigentlich nur in einzelnen mehr oder minder klaren Erinnerungen aus den Erzählungen ihrer Großmutter. Nach deren Mittheilungen hatte der ſchwediſche Obriſtlieutenant von Haidelliſt die Landgräfin Charlotte kennen gelernt, hatte ſich mit ihr, welche ſeine Leidenſchaft erwiederte, insgeheim vermählt und nach langen Kämpfen und manchem harten Auftritt endlich auch die Zuſtimmung des Fürſten erlangt. Das einzige Kind aus dieſer Ehe, eine Tochter, erhielt gräflichen Stand und Titel, wurde auch ſpäter an einen Reichsgrafen von Fleckenſtein vermählt und ihre Tochter war die Mutter der Her⸗ zogin, die ſich ſo freute, nun in ihren alten Tagen einen Verwandten ihres Urgroßvaters kennen zu lernen.

Dieſe Aufſchlüſſe, ſo wichtig und werthvoll ſie waren, ließen doch noch ſo vieles dunkel, daß der Cavalier begreiflicher Weiſe weiter forſchte, leider aber konnte die Herzogin, ſo ſehr ſie auch ihr Gedächtniß anſtrengte, keine weitere Auskunft geben und der von Haidelliſt ſah ſich genöthigt, von weitern Hoffnungen an dieſer Stelle abzuſtehen. Uebrigens zeigte die Herzogin, ſo lange er in Wien blieb, wahrhaft verwandtſchaftliche Gefühle für ihn und er⸗ wirkte auch, daß er taxfrei in den freiherrlichen Stand erhoben wurde. Am Tage vor ſeiner Abreiſe nach Wien, als er ſich ſchon von der Herzogin verabſchiedet hatte, erhielt der neue Baron von der alten Verwandtin ein dünnes Packetlein Schriften, welches dieſelbe, wie ſie ihm ſchrieb, ſo eben erſt wiedergefunden; die Schriften habe ſie, wie ſie ſich deutlich erinnere, mit demſelben blau⸗gelben Bande zuſammengebunden, in der Truhe ihrer ſeligen Großmutter geſehen,

doch habe ſie dieſelben keiner beſondern Aufmerkſamkeit gewürdigt, da ſie in einer Sprache geſchrieben, welche ſie nicht kenne; jetzt ſei ihr plötzlich eingefallen, daß ihr Urgroßvater in ſchwediſchen Dienſten geweſen, daß die Sprache alſo vielleicht ſchwediſch ſei und vielleicht Aufſchlüſſe erhalte, wie ſolche ihrpetit cousin wünſche.

Die alte Herzogin hatte richtig gerathen, die ſieben breiten Folioblätter, welche von einer großen feſten Männerhand beſchrieben jetzt vor uns liegen, bilden einen Theil eines Briefes, oder vielmehr eines Berichtes in ſchwediſcher Sprache. Anfang und Schluß fehlen, aus dem Inhalt aber geht ohne alle Widerrede hervor, daß der Schreiber der verſchwundene Gotteshans von Haidelliſt war, der als katholiſcher Prieſter zu Rottweil ſtarb. Weniger klar wird, für wen der Bericht beſtimmt geweſen, aber wir zweifeln kaum, daß er für den Bruder des Schreibers, den Generalwachtmeiſter Magnus von Haidelliſt, der in jener Mordnacht umkam, aufgeſetzt wurde.

Wir geben zunächſt das vorliegende Fragment des ſchwediſchen Berichts in möglichſt getreuer Ueberſetzung.

meine unſelige Eitelkeit bethörte mich; ich erwiederte ihre Blicke, ich antwortete ihren ſüßen Reden, ich glaubte ihr dienen zu müſſen, wie die Ritter in alten Zeiten ihren Damen dienten, aber es ſchmeichelte mir zu ſehr, daß die Höchſte, die Schönſte mich aus⸗ zeichnete und ich wurde, ohne es ſelbſt zu merken, dreiſter. Ich bot ihr in der Sprache und auch wohl im Geiſt des Ritterthums meine Dienſte an, das überraſchte und gewann ſie ganz. Ich ward ihr Vertrauter; wir lebten in Empfindungen und Anſchauungen, die uns beiden nicht natürlich waren und unſerer Zeit ganz fremd, aber wir waren wie im Rauſch, glückſelig in der Gegenwart und völlig unbekümmert um die Zukunft. Aber ſo blieb es nicht, eines Tages erſchrak ſie gewaltig, als ihr plötzlich ſtatt des ſchwär⸗ meriſch dienenden Paladins ein leidenſchaftlich glühender Mann ent⸗ gegen trat. Ihre jungfräuliche Empfindung war verletzt, ſie zog ſich von mir zurück. Das verwundete meine Eigenliebe und ſtachelte meine Leidenſchaft, ich wurde krank und elend. Da fühlte ihr groß⸗ müthiges Herz Erbarmen mit mir, ſie näherte ſich mir wieder und ihre holde Freundlichkeit machte mich geſund. Wir liebten uns, wir ſprachen von unſrer Liebe, wir waren glücklich in dieſem Bewußtſein, ich war glücklicher als vordem, ſie aber beklagte die vergangene Zeit, in welcher ich ihr als Paladin ſchwärmeriſch gehuldigt, da wir mit einander gelebt und uns geliebt, ohne von Liebe zu reden. Nun ließen wir uns auch nicht mehr an der Gegenwart genügen, wir machten Pläne für die Zukunft; der Fürſt war mir zwar ſehr ge⸗ wogen, aber es war nicht daran zu denken, daß er ſeine geliebte Tochter einem einfachen ſchwediſchen Officier zur Ehe geben werde. Wir rechneten alſo auf einen glücklichen Zufall, unbegreiflich! aber da wir auf nichts andres rechnen konnten, ſo ſetzten wir ganz getroſt unſere Hoffnung auf den Zufall. Einmal wurde ihr Gelegenheit, ſich ſtandesmäßig zu vermählen, ſie ſchlug ſie aus, aber ich peinigte ſie in meiner verliebten Eiferſucht, ich machte ihr den Vorwurf, es ſei ihr ſchwer geworden, die Hand des Prinzen auszuſchlagen, ich kannte in meiner Raſerei gar keine Grenzen und quälte ſie oft bis zu Thränen. Die edle großmüthige Seele ließ ſich herab zu mir, um mich zu tröſten; ja, ich ſtand viel unter ihr und je länger ſie mit mir verkehrte, deſto tiefer ſtieg ſie herab zu mir aus ihrer Erhabenheit. Um dieſe Zeit mochte bei Hofe, wo ſo viele Augen lauern, ſo viele Ohren lauſchen, etwas von meinem Verhältniß zur Prinzeß verlautet haben. Der Fürſt, ein unbezwinglich ſtolzer, aber großmüthiger und kluger Herr, ließ mich rufen; er zeigte mir mehr den Schmerz des Vaters, als den Stolz des Reichsfürſten und wurde ungemein milde, als ich ihm bei Gott und meiner Chre be⸗ theuerte, daß mich die Leidenſchaft noch zu keinem Verbrechen hinge⸗ riſſen, daß die Ehre ſeiner Tochter unbefleckt ſei. Er verbot mir nichts, aber er verlangte, daß ich ſelbſt meine Geliebte von der Liebe zu mir heilen und ſie auf den allein ziemlichen Weg zurückführen ſollte. Ich fühlte, welchen Beweis von Vertrauen der ſtolze groß⸗ müthige Mann mir damit gab, ich erkannte, wie klug zugleich dieſes Verfahren war, ich ſah, daß nur ſo der ziſchelnden Verläumdung ein Ziel geſetzt werden konnte; ich verſprach mit blutendem Herzen, was der Fürſt heiſchte, denn ich Thor, ich Narr, bildete mir ein, daß nur in mir allein die Schwierigkeiten der Ausführung liegen könnten. Ich war entſchloſſen zu thun, was recht war und glaubte feſt, Prinzeß Charlotte werde mir dabei mehr als den halben Weg entgegen kom⸗ men. Es geſchah aber anders.