„Frau von Fahrsdorff hat Recht,“ antwortete Emil ruhig, „dieſer Menſch iſt keinen Schuß Pulver werth!“
Unſere Erzählung iſt beendet— denn alles, was noch folgt, iſt leicht zu errathen!— Einen Monat ſpäter fand die Hochzeit des Bildhauers Meyer und Lia Salomons ſtatt, und an demſelben Tage reiſte Ernſt Arkheim nach Southampton, von wo er eine Woche ſpäter auf einem Schiffe, das ſein Vater eigens für ihn hatte ein— richten laſſen, ſeine Rettungsreiſe unternahm. Doch ach,— das Leben dieſes edlen Menſchen war, wie er ſelbſt ſagte, ſeit ſeiner Geburt ein Gewebe von Leid und Weh. In einer furchtbaren Sturmesnacht, in einer jener Nächte, die zu beſchreiben jede Feder unfähig iſt, und von denen nur die ſich einen Begriff machen können, die einen Sturm in der Gegend des Aequators erlebt haben— in einer ſolchen Nacht erklärte ſich ein Leck am Bord des Schiffes, welches Ernſt nach den Sandwichs-Inſeln trug!... Am nächſten Morgen war der Himmel blau und heiter, die Wellen ruhig und ſpielend... jedoch das Schiff war zerſchellt... und nur einige hier und da wogende Bretter zeigten an— daß der Ocean ein Opfer mehr gefordert und erhalten hatte!
Emil Wergmann wurde Ende des Jahres noch eine Waiſe, aber vor ſeinem Tode hatte ſein Vater, nachdem die Duellgeſchichte den Kreis durch die Stadt gemacht, ſeinen Sohn, um ihm ein Zeichen ſeiner Zufriedenheit zu geben, majorenniſiren laſſen. Emil beweinte aufrichtig den guten alten Herrn, der ihm ſein Leben ſo ſüß gemacht hatte, fuhr fort, die Encyclopädie zu ſtudiren und der Vorſehung als„Werkzeug“ zu dienen.
Herr Falk konnte am Ende des Jahres ſeine Wechſel im Ark⸗ heimſchen Hauſe einlöſen, eine reiche Partie hatte ihm dazu ver⸗ holfen. Seine Ehehälfte war von der polniſchen Grenze, hatte eine ſehr ſorgfältige polniſche Grenzerziehung erhalten, und obgleich ihr Wuchs nicht untadlig war— denn die gerade Linie, welche man vom Scheitel des Menſchen ſenkrecht bis zur Erde zieht, und die ge⸗ wöhnlich zwiſchen den beiden Hacken endet, fiel bei der jungen Madame Falk einige Zoll links vom linken Fuß!— ſo überſah doch Herr Falk dieſe Kleinigkeiten, ſie hatte ja 30,000 Thlr. Mit⸗ gift.— Auch ihre deutſche Ausſprache war eigenthümlich, und ſie conſtruirte Phraſen, die der Conſtruktion ihrer Taille glichen... „Mein Engelchen,“ nannte Herr Julius Falk ſie am Tage nach ihrer Hochzeit.—„Was Du biſt,“ erwiederte die junge Frau ſelig lächelnd.
Hulda Arkheim verheirathete ſich einige Jahre ſpäter mit ihrem Couſin, der das Geſchäft ihres Vaters übernahm!... Sie war glücklich!
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Es iſt Abend, aber einer jener Abende, die wir in Deutſch⸗ land gar nicht kennen, ein Abend, wo jedes lebende Weſen den Blick gen Himmel erhebt und ſeinem Schöpfer dankt, daß er ihm das Leben gegeben, denn das Leben iſt ſo ſchön unter dem florentiniſchen Himmel!
In dem geräumigen Saale eines Palaſtes von Fieſole iſt das Fenſter geöffnet und zeigt dem Blicke am Fuße des Hügels Florenz, die Blumenſtadt, die Stadt der Medicäer mit ſeinen hunderten von Paläſten, mit ſeinen Gallerien, mit ſeinen tauſenden von unſterb⸗ lichen Meiſterwerken der Kunſt.
Ein Mann ſitzt im Lehnſtuhl am offenen Fenſter, neben ihm, den Kopf an ſeine Schulter gelehnt eine junge Frau, auf ihrem Schoße ein ſchlafendes Kind... zu den Füßen des Mannes ein großer weißer Hund von jener ſardiniſchen Gebirgsrace, die ſich nach und nach ganz verliert.
Sie ſitzen ſchon lange da, ſie ſtarren in die von Milliarden von Leuchtkäfern erhellte Nacht; ſie ſprechen kein Wort... woran mag der Mann wohl denken, indem er ſich plötzlich leiſe zu ſeiner Ge⸗ fährtin beugt und ſeine Lippen auf ihre weiße glatte Stirne legt?
„Weißt Du, Lia, welch ein Jahrestag heute iſt?“ fragte der Bildhauer nach einer kleinen Pauſe.
„Heute vor fünf Jahren ſah ich Dich zum erſten Male im Sellingſchen Garten,“ antwortete Lia,„wie warſt Du ſo blaß, Hermann!“
„Und Du, Lia, Du wollteſt ſterben,“ murmelte Meyer,„und heute...
Hermann Meyer— der große Bildhauer— deſſen Künſtler⸗ genie in den letzten Jahren eine ſolche Höhe erreicht, daß man von allen Enden der Welt auf ihn ſchaute als auf den, welcher die Kunſt zu einem neuen Glanze führen ſollte, Hermann Meyer ſaß einen Augenblick ſprachlos da... dann ſenkte ſich ſein Haupt, und eine Thräne zitterte in ſeinen Wimpern.
Lia verſtand wahrſcheinlich den Grund des peinlichen Gedankens, der ihn quälte, denn ſie legte ihr Geſicht auf ſeine Bruſt und ergriff ſeine Hand....
„Gott hat ihn von ſeinen Leiden befreit,“ murmelte ſie.
Beide ſahen ſich lange in die Augen... und ihre Lippen vereinten ſich zu einem Kuſſe. Jedoch eine dritte Perſon ſollte ſie bald in ihren Liebesbezeugungen ſtören... die kleine Erneſtine war aufgewacht, und leiſe ſich erhebend, ergriff ſie des Vaters Kopf mit dem einen Arm und ihr Mündchen zwiſchen beide ſchiebend....
„Ich auch,“ ſagte ſie.
Bilder aus dem Alterthum.
I. Die Stadt Athen im Zeitalter des Perikles. Von Dr. Oskar Jäger.
Wenn man ſich in der Geſchichte der Zeiten und Völker um⸗ ſieht und ſich die Frage vorlegt, wann und bei welchem Volk in der kürzeſten Zeit auf dem kleinſten Raum die größte Menge geiſtiger Be⸗ ſitzthümer geſchaffen worden ſei: ſo wird man— mit einer einzigen Ausnahme, die ſich jeder Vergleichung entzieht— keinen Augenblick anſtehen können, dieſen Preis der Stadt Athen in den fünfzig Jahren, welche zwiſchen den großen Schlachten des zweiten Perſerkrieges und den Anfängen des peloponneſiſchen Krieges liegen, zuzuerkennen. In einem Zeitraum, welcher nicht länger währte als eines Mannes Kraft, wurden hier mit den Mitteln einer Stadt, die nicht mehr Menſchen zählte als heutzutage Hamburg, in einer ſpärlich von der Natur bedachten Landſchaft, die nicht umfangreicher iſt, als ein mäßiges deutſches Fürſtenthum, auf den geiſtigen Gebieten in Wiſſenſchaft und Kunſt, in Geſchichte, Dich⸗ tung, Philoſophie, Beredtſamkeit Werke geſchaffen, an deren trümmer⸗ haften Reſten noch nach Jahrtauſenden das geiſtige Leben der edelſten Nationen und ihrer erkorenſten Geiſter ſich immer aufs neue belebt und entzündet. Das Leben dieſer Stadt in dieſer Zeit führen
verſchiedenſten
wir in ſeinen wichtigſten Bezügen im Folgenden der Nachſicht unſerer Leſer vor. Ein atheniſcher Bürger, der in jenen Tagen von 480— 430 v. Chr. von einer Seereiſe nach Hauſe zurückkehrte, ſah ſich noch ehe er die Stadt ſelbſt erreichte, ſchon mitten in jene zukunftsvolle Thä⸗ tigkeit hineinverſetzt. Hatte er die Südoſtſpitze der attiſchen Land⸗ ſchaft, das Vorgebirge von Sunium(Cap Colonna) umfahren, ſo ſah er von dort noch in weiter Ferne bei hellem Sonnenſchein den Speer der Athene Promachos erglänzen, deren Koloſſalbild, vom erſten Künſtler damaliger Zeit geſchaffen, eine der vielen Zierden ſeiner heimiſchen Akropolis ausmachte. Wenn das Schiff zwiſchen hundert anderen ſeinen Weg weiter verfolgte, ſo ſah er ſich in den Gewäſſern, welche durch den herrlichſten aller Siege, den miterfochten zu haben er ſich ſelbſt vielleicht rühmen konnte, den bei Salamis, für alle Zeiten geweiht waren; und je näher er dem Hafen kam, deſto dichter drängte ſich die Menge der Fahrzeuge, welche von fern und nah dem Mittelpunkte des ioniſchen Bundesreichs, der großen Handels⸗ ſtadt Athen zuſtrebten oder mit den Schätzen derſelben beladen
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