Jahrgang 
1865
Seite
450
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Po

Der Geißbub. Lebensbild aus den Schweizeralpen von Auguſt Feierabend. (Mit Abbildung.)

Juhe, der Geißbub bi ni ja! G. J. Cuhn.

Der ſinnige Wanderer, welcher auf ſeiner Schweizerreiſe Land und Leute gründlich kennen lernen will, muß früh und ſpät auf den Beinen ſein, und Aug und Ohr wohl offen halten. Dann aber ſieht er auch vieles, was tauſenden der bequemen Touriſten entgeht, die auf den gewohnten Pfaden des rothen Reiſehandbuchs ſehr oft gedankenlos unſer ſchönes Schweizerland durchziehen. Hat er ſich mit dem erſten Schein des jungen Tages ſchon vor Betglockenzeit aus den Federn gemacht, und durchpilgert rüſtigen Fußes eines unſerer romantiſchen Alpenthäler, ſo tönet langgedehnt, einfarbig, hohl, bald ferner, bald deutlicher, aber doch von den Lüften weich modulirt und abgerundet, ein Hornruf ihm entgegen. Da ertönt ver⸗ ſchiedenartiges Glockengeläute, bald in einander ſchwimmend in accord⸗ loſer Tonfülle, dann plötzlich laut anſchwellend. Er ſteht verwundert ſtill und lauſcht den ungewohnten geiſterhaften Klängen in der feier⸗ lichen, friſchen Morgenſtille, die unbeſtimmt und zauberhaft daher tönen und ihn als ein wunderbarer, neuer Reiz der Alpenwelt an⸗ ziehen und feſſeln. Er biegt um eine Felſenecke, und vor ſich er⸗ blickt er auf der Straße den Geißbub mit ſeinemG'hütti*) Geißen. Auf den wiederholten Hornruf öffnen ſich links und rechts längs dem Thalweg, wie von ſelbſt, die niedrigen Stallthüren, und herausſtürzen laut meckernd, voll kühner Wanderluſt, die neckiſchen Geißen, und ſetzen in leichtem Sprunge über die Hecken, um zur ge⸗ wohnten Herde zu ſtoßen. Und weiter ziehend ſchwillt dasG'hütti immer mehr und mehr, zu vierzig bis fünfzig Stück, und verliert ſich allmälig in dem Schluchtengewirr der Felſen zu den ſteilen Fluh⸗ bändern hinan, von denen herab das freudeſchmetterndeJuhu des Geißbuben als urwüchſiger Alpengruß dem fremden Wanderer ent⸗ gegentönt.

Der Geißbub gehört ebenſo zum Bilde unſerer Alpenwelt, wie der Donner der Lawinen und das Alpenblühen, wie die flüchtige Gemſe und der verwegene Wildheuer. Er iſt mit ſeiner neckiſchen Herde oft das einzige belebende Element hoch oben in den ein⸗ ſamen und zerklüfteten Felſenwüſten der Alpen. Wohin der Senn nimmermehr ſeine Kühe zu treiben wagt, weil Weg und Steg verſchwunden ſind, und die ſpärliche Kräuterdecke nur in zer⸗ zauſten Fetzen am verwitterten Geſteine hangt, dort klettert ohne Bedenken der kecke Geißbub mit ſeiner muntern Ziegenſchar hinan, und wenn er da droben ſteht auf dem jähen Felſenvorſprung, und hinabſchaut in den tiefen Abgrund, undin die Thaler all hin⸗ ab, wie Uhland in ſeinem Berglied ſingt, und nun ſein heller Dräntnerruf**) ſo rein wie Glockenklang von Felſen zu Felſen widerhallt, da fühlt der muntre Bub ſich höher und reicher als ſelbſt der Erbe eines Königthums. Und dennoch iſt er meiſt der ärmſte Bub im ganzen Thal. Entweder hat er ſeine Eltern nie ge⸗ kannt, oder iſt ihm der Vater früh geſtorben, oder auch die Mutter, oder iſt er wohl barfuß der böſen Stiefmutter entlaufen, und dann als Verdingkind um das niedrigſte Angebot von geizigen Leuten angenommen worden. Noth und Entbehrung haben ihn nicht ver⸗ weichlicht, wohl aber früh ſelbſtändig gemacht. So iſt er ſchon mit zwölf Jahren zum Geißbub vorgerückt, und das will was heißen in dem abgelegenen Bergthal. Er beſorgt nun ſein Amt entweder auf eigene Rechnung, indem er von Haus zu Haus ſeine Kunden wirbt, und um wenige Franken Lohn auf das Stück Ziege die Hut von Anfangs Mai bis Ende Herbſtmonat beſorgt. Oder er bekömmt von dem Bauer, bei dem er verdinget iſt, einen Jahreslohn von wenig Franken, ein neues Hirthemd, ein Paar Zwilchhoſen, einen abgetrage⸗ nen Filzhut und derbbenägelte Holzſchuhe; und dafür thut er den mühe⸗ und gefahrvollen Dienſt bei ſchlechtem wie bei gutem Wetter. Die freie Gottesnatur zieht ihn an ihrem mütterlichen Buſen groß, tränkt ihn mit reiner Aetherluft, und läßt ihn erſtarken bei ſeinem

*)G'hütti, in der Schweizermundart ſo viel wie eine Herde Schmalvieh; zugleich auch der Begriff der niedrigſten Volksklaſſen.

**) Dräntnen heißt im Kanton Schwyz der Lockruf des Geiß⸗ und Handbuben, wobei er ſich die Zeigefinger in die Ohren ſteckt.

gefährlichen Beruf, den er mit Luſt und Liebe ſpielend übt. Aufge⸗ ſchoſſen wie ein wildes Reis, hängt ſein Herz an der nährenden Mutter, und ſchwelgt in Genüſſen, die andere Menſchen nicht ahnen. Durch tägliches Verweilen in der Wildniß und bei ſteter Uebung im Felſenklettern hat er es zu einer außerordentlichen Gewandtheit, Kühnheit und Feſtigkeit gebracht; da wo man glauben ſollte, kaum eine Maus könnte über das ſchmale Felſenband hinüberſchlüpfen, ge⸗ ſchweige denn ein Menſchenfuß Raum gewinnen, da ſpäht mit ſicherm Blick und raſcher Entſchloſſenheit der Geißbub für ſich und ſeine Ziegen Wege aus. Flink wie die wilde Katze klettert er pfeifend und johlend an den Abſätzen herum. Hoch oben auf der ſcharf abge⸗ ſchnittenen Spitze des Säntis ſah ich vor Jahren einen Appenzeller Buben in weitem Sprunge über die ſpiegelglatten vom Wetter ab⸗ geſchliffenen Felſenplatten hinfliegen und ſich dann kerzengrade über dem gähnenden Abgrund hinſtellen, daß mir bei dem Anblick faſt Sehen und Hören verging. Das Kletterbedürfniß läßt dem Geiß⸗ bub keine Ruhe. Der Schwindel iſt ihm unbekannt. Er iſt mit Geißmilchaufgeſäugt, und Geißmilch gibt Berggeſchick und Klettermuth. So lehrt der alte Volksglaube in den Schweizeralpen. Wie die Gelenkigkeit ſeiner Glieder, ſo übt der Geißbub auch ſeine Sinne. Die Schärfe ſeines adlerartig ſcharfen Blickes gränzt ans Mährchenhafte. Auf ſtundenweite Fernen erſpäht er auf einem Felſenvorſprung die Wachtgeiß der Gemſen und ihr Rudel, das in der Nähe ſorglos weidet. Auch ſein Gehör iſt fein, wie das des Thieres der Wildniß. Die Geißbuben bei uns in der Schweiz wer⸗ den insgemein die verwegenſten Wildheuer und die leidenſchaftlichſten und frechſten Gemſenjäger. Die ernſte Schule des harten Lebens ſtempelt ſie gar bald zu felſenfeſten Männern. Aus dem ſonnenver⸗ brannten und verwitterten Geſichte ſtrahlt die ruhige und entſchloſſene Thatkraft der Helden aller Zeiten. Keck ſchaut der Geißbub unter dem zerriſſenen, oft formloſen Filzdeckel in die weite Welt hinaus, und mißt den Fremdling mit dem herausfordernden, feſten Blick, in dem das ausgeprägte Bewußtſein liegt, daß er im Bergrevier ſich als König der Geißen fühlt..

Schwer hält es, von ihm eine Antwort herauszubringen. Klingt gar die Anfrage ſeinem Ohre fremdländiſch, dann nimmt ſein Lächeln meiſt einen höhniſchen Ausdruck an; es ſpielt wie fernes Wetterleuchten um ſeinen Mundwinkel und zuckt über die Stirn, als ob er ſagen möchte:Ihr Gimpel aus der Fremde, was wollt Ihr bei mir da droben? Drängt Ihr ihn gar zu einer Antwort, ſo dürft Ihr für derben Spott nicht ſorgen. Das Mißtrauen gegen fremde Leute iſt ihn angeboren. Muth und Entſchloſſenheit zeigt der Geiß⸗ bub in allen Lagen ſeines gefahrvollen Berufes. Von Jugend an hat er ſich gewöhnt, den feindlichen Elementen Trotz zu bieten und ſich durch nichts überraſchen und erſchrecken zu laſſen. Die gefähr⸗ lichſten Feinde der ihm anvertrauten Herde ſind die Stoßvögel, näm⸗ lich die Steinadler und Lämmergeier. Mit ihnen liegt der Geißbub ſtets in unverſöhnlichem Vernichtungskampfe. Hat er das Neſt eines ſolchen Räubers ausgekundſchaftet, dann ſetzt er Leib und Leben dran, die junge Brut zu verderben. Unſere Alpen ſind allent⸗ halben reich an Beiſpielen der frechſten Wagſtücke von Geißbuben, die Neſter von Stoßvögeln ausgenommen haben. Aber auch den Alten gegenüber ſtellt der Geißbub ſeinen Mann, wenn ſie es wagen, auf ein Herdenſtück herabzuſtoßen. Mit eiſenbeſchlagenem Stocke und mit wuchtigen Steinen, wie unſer Bild es darſtellt, ſetzt er ſich kurz entſchloſſen dem aus unſichtbaren Höhen, wo er ſo eben nur noch wie ein kleiner ſchwarzer Punkt geſchwebt, wie der Blitz herabfahrenden Räuber entgegen, und beſteht meiſt ſiegreich den heißen Kampf. Ein Beiſpiel hiervon ereignete ſich vor fünf Jahren gegen Ende Juli auf der Schafalp im Gemeindsgebiete von Kleſters im Prättigäu. Dort hütete ein vierzehnjähriger Knabe, Namens Jann Guler, ſeine Herde. Er hatte ſchon früher einigemal einen großen Stoß⸗ vogel über dem Weidplatze kreiſen ſehen, und paßte deshalb ſehr be⸗ hutſam auf. Da ſieht er plötzlich eines Tages ſeine Thiere aufge⸗ ſchreckt auseinanderfahren, und in der nächſten Sekunde ſtürzt mit gewaltigem Geräuſch ein völlig ausgewachſener Adler hernieder und