Jahrgang 
1865
Seite
448
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Weißt Du, daß Herr Windberg davon gelaufen iſt? ſagte Ernſt.

Wer iſt dieſer Herr? fragte Hermann.

Ihr Vormund!

So und warum?

Er hat Bankerutt gemacht, und... Hermann, wir müſſen uns auf einen neuen Schlag bereiten, der das ſo hart geprüfte Mädchen trifft, ihr ganzes väterliches Vermögen, welches dieſer Schuft verwaltete, iſt verſchwunden.

Hermann ſaß einen Augenblick ſprachlos da... dann ſagte er gelaſſen:

Das iſt ein Unfall, aber kein Unglück, lieber Ernſt! Herr Falk hat ein blühendes Geſchäft, und

Herr Falk wollte ſchon heute ſeine Zahlungen einſtellen, wenn ich ihm nicht ſeine Wechſel prolongirt hätte. Der kann ſich Glück wünſchen, daß mein Vater in London iſt, denn er hätte es wahr⸗ ſcheinlich nicht gethan. Was thun, Hermann?

Meyer ſann einige Augenblicke nach, er ſchien einen Ent⸗ ſchluß gefaßt zu haben, doch plötzlich fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf....

Aber wenn Lia keine Mitgift hat und Herr Falk ſchlechte Ge⸗ ſchäfte macht, ſo...

So wird er die Partie zurückgehen laſſen, ergänzte Ernſt. Er hat es ſogar ſchon gethan: ſieh hier den Brief, den er mich ge⸗ beten hat, ſeiner Braut zu übergeben.

Hermann nahm den Brief und las; es waren einige höfliche Bedaurungsphraſen, die kurze Schilderung der finanziellen Cata⸗ ſtrophe, die an demſelben Tage alle beide betroffen und endlich hieß es, daß unter ſolchen Umſtänden jeglicher Gedanken an eine Verbindung aufgegeben werden müßte. Hermann lächelte kalt, verächtlich, nach⸗ dem er die Epiſtel geleſen und ſah ſeinen Freund fragend an! Ernſt erwiederte ſeinen Blick und beide ſchwiegen.

Das thut mir wirklich leid, ſagte Hermann,denn das ſtürzt alle die von mir geſchmiedeten Pläne um.

Welche Pläne, Hermann?

Ja, ich ſehe ſchon, ich muß beichten, da ich Dich doch nicht überraſchen kann. So höre denn: ſeit langer Zeit quält mich ein Gedanke, ein Wunſch, der in meinem Gehirn faſt zur fixen Idee ge⸗ worden iſt. Ich gebe Dir eine halbe Ewigkeit Zeit, dieſen Wunſch zu errathen, und Du wirſt doch nie zum Ziele gelangen. Gib Dir alſo keine Mühe, ich will's Dir lieber gleich ſagen; ich habe Luſt, eine Reiſe um die Welt zu machen.

Biſt Du verrückt? rief Ernſt.

Ich weiß nicht! antwortete Hermann mit jenem Tone, der vielleicht gegen ſeinen Willen wie Spott klang, und den er ſehr oft annahm, wenn er ſeinen Zuhörern ſein Innerſtes zu verbergen ſuchte, den er aber ſeit den letzten Ereigniſſen Ernſt gegenüber gänzlich ab⸗ gelegt hatte;ich weiß nicht, aber ich langweile mich ungeheuer in dieſem commerciellen Jahrhundert, und da meine Rechnung mit Freund Merkel bald abgeſchloſſen ſein wird, unſre Freundin ihrer Ehe ohne Hinderniſſe entgegenſehen konnte, ſo hielt ich den Augenblick für geeignet, meine Caprice zu verwirklichen und meine Reiſe zur Ausführung zu bringen.

Ernſt hörte ſeinem Freunde mit dem größten Erſtaunen zu....

Und willſt mich allein hier laſſen?... ſagte er endlich.

Ueble Gewohnheit, das Unterbrechen, Ernſt! ſagte Hermann.

Höre doch geduldig zu. Der große Arzt, den wir neulich Deines rebelliſchen Huſtens halber beſuchten, erzählte mir ſpäter von den Wundern, die eine lange Seereiſe auf einem Segelſchiffe, das ruhige, einförmige Schiffsleben, und das beſtändige, monatlange Ein⸗ athmen der Seeluft auf ſolche Bruſtcatarrhe ausüben, und als ich

ihm anzeigte, daß ich eine ſolche Reiſe zu unternehmen beabſichtige,

rieth er mir dringend, Dich zu bewegen, mich zu begleiten! Ernſt fing an zu begreifen... Thränen traten in ſeine Augen.

Ein anderer, fuhr Hermann fort,wäre zu Dir gegangen und hätte Dich gefragt, ob Du dazu Luſt hätteſt, aber ich wußte im voraus, daß Du ja ſagen würdeſt, wenn ich Dir vorſtellen würde, daß ich gerne bei einem Unternehmen, wo tauſende von Gefahren meinem Leben drohen, meinen beſten Freund zur Seite haben möchte.

S

Ich begriff, daß die größte Oppoſition vom Herrn Papa kommen würde, darum ſuchte ich ihn geſtern an der Börſe auf. Es ſcheint, daß ich ein großes Rednertalent beſitze, und es iſt ein himmelſchreien⸗ des Unrecht, daß ich nicht ſchon lange Deputirter bin! Kurz, Dein Vater ging bald darauf ein, zumal da ihm der große Arzt, den... den wir zufällig auf der Straße trafen, ſagte, daß dies das... ein⸗ zige, ich meine das ſicherſte Mittel wäre, Deine Geſundheit wieder⸗ herzuſtellen. Er verſprach mir, in London für uns alles zu beſorgen, damit wir am Ende des Monats nach Otaheiti abſegeln könnten, bat mich aber, Dir nichts davon zu ſagen, und ich hätte auch mein Wort gehalten, wenn dieſe Cataſtrophe mit Lia... doch halt... mein Junge! eine ſüperbe Idee!!! ja ſo geht's... Du hälſt um Lias Hand an, verlobſt Dich mit ihr, wir machen die Reiſe, ich bin der Mentor, der Dich vor den Reizen der Calypſo Pomaré Königin von Otaheiti warnt, ich halte Dir täglich drei lange Reden über Tugend, noch langweiliger, wie die im Fénelon, oder doch wenigſtens ebenſo langweilig, Du kehrſt geheilt zurück, heiratheſt Lia... Hurrah, Ernſt, meine Idee iſt herrlich, ich bin ein verloren ge⸗ gangenes, diplomatiſches Genie, ich bin zufrieden mit mir ſelbſt und votire mir eine Dankadreſſe!

Es war ein eigenthümlicher Anblick, der dieſer beiden Herzens⸗ freunde, von denen der eine den andern und vielleicht ſich ſelbſt zu täuſchen verſuchte! Ernſt weinte ſtill, und da Hermann ihm nicht ins Geſicht zu ſehen wagte, ſo bemerkte er es nicht.

Er dagegen! O wie furchtbar mußte der Orkan ſein, welcher in ſeinem Innern wüthete, um jene blühende, kräftige Mannsgeſtalt in einigen Tagen ſo zu beugen! Seine gerötheten Augen ver⸗ riethen ſchlafloſe Nächte, ſein bleiches Geſicht die fieberhafte Auf⸗ regung, welche in ſeiner Bruſt wüthete! Ernſt ging auf ihn zu, küßte ihn unter Thränen und flüſterte leiſe in ſein Ohr:

Und was ſoll aus Eurer Tochter Jephtas werden, wenn Vater und Mutter ſie verlaſſen?

Ein Schauder durchfuhr Hermann.

Guter, lieber Freund... nein, mehr wie Freund! Bruder meiner Seele... ſoll ich Dir überſetzen, was Du mir vorhin geſagt? fuhr Ernſt fort,Du weißt ebenſo gut, wie ich, daß ich ſchwindſüchtig bin, und der Arzt hat Dir geſagt, daß dieſe Seereiſe das letzte Mittel iſt, mich zu retten! Du haſt es für Deine Pflicht gehalten, meinen Vater davon in Kenntniß zu ſetzen... ich konnte und durfte es nicht, denn meine Worte hätten wie eine Anklage ge⸗ klungen im Ohre deſſen, der mich zwang, jener unglückſeligen Kauf⸗ mannscarriere mich zu widmen, die Schuld an meiner Krankheit iſt. Ich hätte ein thätiges Leben führen müſſen, der Comptoirſtuhl hat mich getödtet. O, wie von Herzen verzeih' ich meinem guten Vater... wie viel muß er jetzt leiden! Und Du! Du wollteſt Deine Carriere, Deine Kunſt... Dein geliebtes Atelier, in dem Du Dir eine neue Welt erſchaffſt, alles wollteſt Du aufgeben, um dem ſterbenden Freund ein treuer Begleiter zu ſein!... O, wie wohl fühlt man ſich, Hermann, wenn man ſich ſo geliebt weiß!! Noch mehr wollteſt Du mir opfern, Hermann; Deine Liebe ſogar!... o ſchweig, ſchweig, ich weiß alles, Du liebſt ſie... und Lia liebt Dich... Du weißt es und ich gleichfalls, ſeit neulich Abends... wie konnte es auch anders ſein! Ihr mußtet Euch lieben! Hermann, auch das Glück wollteſt Du mir opfern, und damit ich auch ja nicht bemerkte, daß Dein zerfleiſchtes Herz verblutete, zwangſt Du Dich zum Spaße! Sieh mich an, Hermann, um meinen letzten Tagen einen Traum von Glück zu bereiten, wollteſt Du Dein ganzes Leben hingeben, denn Deine Liebe iſt Dein Leben! Ich kann das Opfer, das Du mir zu bringen gedachteſt, nur tief und heilig fühlen, aber ich muß Dich fragen: War das recht? Hälſt Du ſo wenig von meinem Herzen? Hälſt Du mich für ſo eigen⸗ nützig? Höre mir zu, Hermann, wende nicht den Kopf ab, ich will Deinen Vorſchlag annehmen, ich will die Reiſe unternehmen, will bis zum letzten Augenblick dem bleichen Todesengel ſeine Beute ſtreitig machen, aber bevor ich den Fuß aufs Schiff ſetze, muß ich Dich mit ihr vereint wiſſen.... Keinen Einwand! ein Sterbender kann befehlen, und ich will es!

Aber Du liebſt ſie, Wahnſinniger! rief Hermann.

(Schluß folgt.)

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