ertheilen, doch wenn es ein Mann iſt, den, wie ich glaube, Ihr Geiſt, Ihr Herz erwählt hat, ſo wird er ſchon wiſſen, was er zu thun hat.“
Lia ſchlug erröthend die Augen nieder, unwillkürlich verglich ſie den Herrn Julius Falk mit dem Manne, der vor ihr ſtand.... und kaum war ſie fähig, die Scham, welche ihr Herz empfand, zu verbergen.
„Ich werde Ihren Rath befolgen,“ ſagte ſie,„ich verſpreche es Ihnen.“
„Noch eins,“ ſagte der Unbekannte,„es iſt vor allen Dingen nöthig, daß ich den Namen derjenigen kenne, die mir ihre Sicherheit anvertraut hat.... es iſt nothwendig, Fräulein, ſonſt würde ich nicht ſo indiscret ſein. Ich bin Bildhauer und heiße Hermann Meyer!“
Lia ſtieß einen Ruf des freudigſten Erſtaunens aus.....
„O, gewiß,“ ſagte ſie,„die göttliche Vorſehung hat das ſo gefügt; ſeit ſo langer Zeit und faſt bei jeder Gelegenheit hörte ich von meinen beſten Freunden Ihren Namen; noch vor einer Stunde äußerte ich den Wunſch, Sie kennen zu lernen.... auch Sie wer⸗ den wahrſcheinlich von mir ſprechen gehört haben,— ich bin Lia Salomon!“
Leichenbläſſe lagerte ſich plötzlich auf dem Geſichte Meyers.... ein gewaltiger Schmerz ſchien ſich in einem Augenblicke ſeiner Seele bemächtigt zu haben.... doch nur einen Augenblick dauerte der Kampf.... er erhob den Kopf wieder und ergriff Lias Hand.
„Seien Sie ruhig, mein Fräulein,“ ſagte er,„jetzt können Sie ganz ruhig ſein, in einigen Tagen iſt jour fixe im Arkheimſchen Hauſe,.... da werde ich Sie wieder ſprechen und Ihnen Waffen gegen Ihre Feinde bringen..... Leben Sie wohl, Fräulein Salo⸗ mon.... vertrauen Sie Ihrem Freunde!“
Und mit Leichtigkeit war er durch das Fenſter in ſein Atelier zurückgeklettert und hatte, nachdem er Lia noch einmal gegrüßt, das Fenſter geſchloſſen.
Geſenkten Hauptes, jedoch eine ihr ungewohnte Ruhe im ganzen Weſen und faſt ein Lächeln auf den Lippen kehrte Lia auf ihr Zimmer zurück.... ſie öffnete ihr Piano, und die vollen klaren Accorde, die ihre Seele ihren Fingern eingab, zeigten am beſten, daß ein heller Lichtſtrahl in dieſe von Schmerz und Leid ſeit ſo langer Zeit ver⸗ dunkelte Seele gefallen war.
Hermann Meyer hatte ſich auf einen Stuhl geworfen und ſtarrte vor ſich hin!...
„Die von Aſſeſſor Merkel Getäuſchte!“— murmelte er endlich —„die Braut des Herrn Julius Falk!... die von meinem beſten, einzigen Freunde Ernſt Geliebte!... denn ich täuſche mich nicht
her liebt ſie!... und ich... ich, der Deus ex machina, der dieſes von Menſchenhänden zerrüttete Verhältniß wieder in ſeine gehörige Ordnung bringt... und dann?... dann“— vief er,
wieder zu Dir!... Nur die Kunſt kann und darf in meinem Herzen als unumſchränkte Gebieterin herrſchen!!... Zu Dir, Du Tochter Jephtas!... die Du mich ſo vorwurfsvoll anſiehſt, weil ich Dich einen Augenblick vergaß!... Nein, fürchte nichts... Du biſt meine Geliebte! laſſe mich die Thränen jenes Erdenengels
trocknen... und dann wieder zu Dir!— wieder ganz Dein!“ Und in ſieberhafter Aufregung begann er ſeine Arbeit, doch bald begriff er, daß es unmöglich wäre, ſie lange fortzuſetzen,— er
ſah nach der Uhr, es war zwei, und da er erſt um fünf Uhr einen Beſuch in dieſem Atelier erwartete, beſchloß er auszugehen, um zu verſuchen, im Gewühle der Menſchen die ihm nöthige Ruhe wiederzuerlangen.
Hermann Meyer war, wie unſre Leſer vielleicht aus dem Vor⸗ hergegangenen ſchon begriffen haben werden, ein äußerſt begabter Künſtler, und als ſolcher nicht allein in ſeinem Vaterlande, ſondern auch in jener eigenthümlichen Künſtlerrepublik, in der die hohen Geiſter eines jeglichen Landes Bürgerrechte haben, rühmlichſt be⸗ kannt. Seine weiten Reiſen und ſeine anhaltenden Studien hatten dem jungen Mann in dieſer Welt einen Ruf erworben, wie ſehr wenige und dieſe erſt nach langjährigem Ringen erwerben; und da er das Glück gehabt hatte, von ſeinen Eltern ein, wenn auch nicht be⸗ deutendes, doch ſeine Unabhängigkeit für immer ſicherndes Vermögen zu erben, ſo konnte er ſich ganz und gar ſeinem hohen Berufe wid⸗
men. Auch ſeinem Charakter mußten ſogar ſeine Gegner die
ſchaftsbündniſſes aufzugeben.
völligſte Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und er ſchien einer von den wenigen zu ſein, die von dem Anathema, welches in der heutigen Geſellſchaft auf dem Namen eines Künſtlers ruht, befreit waren. Er wurde zu allen Geſellſchaften eingeladen, doch, wir müſſen es geſtehen, man ſah es gern, wenn er dieſe Einladungen nicht annahm; denn die Gaſtgeber begriffen ganz wohl, daß ſie mit ihm nicht ſo umgehen konnten, wie gewöhnlich mit Künſtlern, die als eine noth⸗ wendige Ausſchmückung zu jedem Feſte gehören, die aber auch nur als ſolche dienen, und die Ehre, die man ihnen erweiſt, ſie einzuladen, mit Unterhaltung der Geſellſchaft bezahlen müſſen. Herrmann Meyer war nicht geſchaffen, dieſes Handwerk zu treiben; er bewegte ſich in einem Salon wie ein vollkommener Gentleman, aber es gab nur wenige der Anweſenden, die er als ſeines Gleichen betrachtete und als ſolche behandelte.— Der Leſer muß die Be⸗ merkung gemacht haben, daß in unſren heutigen Geſellſchaften ein jeder verſucht, ein Wort mitzuſprechen, wenn von Kunſt, Muſik oder Literatur die Rede iſt, und er muß gewiß ſchon oft jene armen Märtyrer, von denen wir vorhin ſprachen, bedauert haben, welche mit einem ſtereotypirten Lächeln die unſinnigſten Bemerkungen hin⸗ zunehmen und ſcheinbar darauf einzugehen gezwungen ſind, wenn ſie ſich nicht für immer die Thüre jenes Salons ſelbſt verſchließen wollen. Mit Hermann Meyer durfte es niemand wagen, über Kunſt eine Unterredung anzufangen, denn ſeine beißenden Antworten hätten dem Fragenden bald eine jegliche Luſt zum Fortſetzen ge⸗ nommen. Ueberhaupt waren ſeine Bekanntſchaften mit wenigen Ausnahmen nur auf einen Kreis von ſehr jungen Leuten, welche er die zukünftige Generation nannte, beſchränkt, und als man ihn ein⸗ mal darüber zur Rede ſtellte, hatte er geantwortet:
„Es iſt ſelten, daß der Egoismus und die Gewinnſucht ſo tiefe Wurzeln in einem jungen Manne, wie bei einem älteren ge⸗ ſchlagen haben.“ Kurz, Herr Meyer war nirgends gern geſehen, denn überall wo er ſich zeigte, mußte bald der Schein, welcher dem heutigen ſocialen Leben eigenthümlicher wie irgend einer andern Epoche iſt, verſchwinden, und der Wahrheit, ſo häßlich ſie auch immer ſein möchte, den Platz räumen. Daß er ſich durch dieſes Betragen eine Anzahl von Gegnern und ſogar Feinden erworben hatte, iſt leicht erklärlich; doch war zu ſeinem Glücke in ſeiner ganzen Lebeusart nichts, was den geſchworenen Feinden des Künſtlerthums hätte zum Angriff dienen können. Sein Lebenswandel war ruhig und ordentlich, und ſeine Gewohnheiten hätten ſich frei und offen
der ſtrengſten Kritik unterwerfen können.— Daß er ein Spötter war, unterlag keinem Zweifel, aber das war ein Fehler— und
weiter nichts—; daß er ſeit einiger Zeit die ſeltſame Laune zeigte, nur Carrikaturen und Ungeheuer zu arbeiten, das war eigenthümlich, gewiß!— aber er behauptete, daß dieſes ſein Genre ſei, und daß, wenn er nicht Poeſie genug im Herzen habe, um irgend einen ſterbenden Ajax oder ſonſtige mythologiſche Scenen aus dem Marmor zu erſchaffen, dies doch ſeine Schuld nicht ſei.
Es gab jedoch Leute, die bei alledem ungläubig mit dem Kopfe ſchüttelten,— die Hermann in ſeiner Jugend gekannt hatten und die nicht begreifen konnten oder wollten, daß der Baum, den ſie ſo herrlich prangend aus der Erde ſchießen und ſich entwickeln geſehen hatten, nur ſolche bittere Früchte zu tragen beſtimmt ſei.
Ernſt Arkheim war der erſte, welcher ſeinen Freund zwang, die Maske, welche ſein ganzes Weſen bedeckte, ein wenig zu lüften, und wir haben geſehen, wie der Künſtler ſich hatte hinreißen laſſen, ihm das Verſprechen zu geben, ein dem Publikum unbekanntes Werk ihm zu zeigen. Ernſt hatte die ganze Woche lang das große Atelier, in dem Hermann und ſeine Schüler arbeiteten, beſucht, hatte überall herumgeſpähet und nur die gewöhnlichen Arbeiten geſehen. Ver⸗ geblich hatte er ſeinen Freund an das gegebene Verſprechen erinnert; dieſer hatte ihm einen angefangenen Meduſenkopf, ein wahres Meiſterwerk von Schrecken und Schauder, gezeigt und achſelzuckend geſagt, daß das alles wäre, was er zu erſchaffen fähig wäre. Täg⸗ lich war Ernſt wiedergekehrt,— täglich glaubte er in irgend einem Winkel des geräumigen Ateliers ein verborgenes Meiſterwerk zu finden, und als er ſich feſt überzeugt hatte, daß Hermann wirklich kein anderes Werk begonnen habe, da ſchalt er ſich einen exaltirten Thoren und faßte den Vorſatz, da es doch einmal nicht anders wäre, ſeinen Freund als einen gewöhnlichen Menſchen zu betrachten und für die Zukunft ſeinen Glauben an den hohen Werth dieſes Freund⸗ (Fortſetzung folgt.)


