ſtimmte ihren gebeugten Geiſt nur noch trauriger, noch verzweifelter. Sie ſann wiederum lange und ernſt über ihr Schickſal nach; ſie hatte ſich vor Wochen ihr Wort gegeben, daß, wenn ſie wieder die Briefe aus den Händen des Aſſeſſors haben, ſie mit Gewalt die Feſſeln zu ſprengen ſuchen würde, welche ihr Leben faſt unerträglich machten, jetzt aber ging auch dieſes nicht, denn ſie war verrathen ſchändlich verrathen!——— Aber von wem?— War es der Aſſeſſor Merkel, welcher jenen Brief geſchrieben?— war es jener geheimnißvolle Fremde, dem ſie ſo viel zu danken hatte, und mit dem ſich ihr Geiſt ſeit einer Woche ſo viel beſchäftigt hatte?— oder war es eine dritte Perſon, welcher der Zufall ihr Geheimniß verrathen?
Eine Welt von Gedanken ſauſte in dem wirren Kopfe des armen Mädchens,... niemand, der ihr rathen,— niemand, der ihr helfen konnte,— niemand, der zu ihr geſagt hätte:„Verzweifle nicht, Lia! habe Muth!... ich bin ja dal“... 3
Unwillkürlich ſtreckte ſie die Hand aus— und ihre Hand er⸗ faßte eine vom Sturme halbgeknickte Roſenknospe, die zwar noch an ihrem Stengel hing, aber ſchon die deutlichſten Zeichen der Verwelkung an ſich trug!... Herbe Thränen entſtürzten ihren Augen— das Schickſal hatte ihr ihr eigenes Bild gezeigt! 3
Vielleicht werden einige unſerer Leſer uns den Vorwurf machen, daß wir alle unſre Mühe daran geſetzt haben, ihnen ein zerrüttetes Mädchenherz darzuſtellen, ohne ihnen die Hülle, welche dieſes Herz umſchließt, zu beſchreiben. Wir fühlen, wie gerecht dieſer Vorwurf iſt, aber eben ſo ſehr fühlen wir unſere Ohnmacht, dem Wunſche des Leſers nachzukommen. Ihm ſagen, daß dieſe Hülle würdig des Herzens, welches in ihr ſchlug, war; ihm ſagen, daß ihr Wuchs ſchlank, ihre Haare ſchwarz, ihre Augen dunkel, ihr Mund klein, ihre Geſichtszüge fein und regelmäßig, ihre Hände und Füße klein und zierlich, ſo wie ihre ganze Erſcheinung die einer vollkommenen Schön⸗ heit war;— ihm nur das zu ſagen, genügte uns nicht— ihm aber jenen unbeſchreiblichen Reiz, welcher das junge Mädchen wie eine Art von Nimbus umgab, zu ſchildern, iſt eine unmögliche Aufgabe für unſere Feder, und wir müſſen darauf verzichten. In jeder ihrer Bewegungen, in jedem ihrer Worte, im Ton ihrer Stimme, in ihrem Gange, in ihren Geſten, in ihrem Lachen und Weinen lag ſo etwas Eigenthümliches, Fremdartiges, nie Geſehenes, Bezauberndes und doch ſo gar nicht Erkünſteltes, daß es leicht be⸗ greiflich iſt, daß ſie der Feinde gar viele haben mußte, denn die Welt verzeiht die Ueberlegenheit nicht!— Nur ihre Gedanken, nur ihre Handlungen wollen wir dem Leſer in dieſer Erzählung(authen⸗ tiſcher, als er es wohl glauben wird) ſchildern— er möge uns unſere Unfähigkeit verzeihen und ſich des italieniſchen Sprichwortes entſinnen:„In der Malerei darf keine Mittelmäßigkeit ſein— lieber kein Bild, als ein nicht gelungenes!“
Lia ſtand geſenkten Hauptes vor dem Roſenſtock, deſſen ge⸗ knickte Knospe ſie zwiſchen ihren Fingern hielt, als plötzlich ein Ge⸗ räuſch ſie aus ihren kummervollen Träumen weckte. Ihr Blick ſchweifte einen Augenblick im Garten herum, ohne irgend etwas zu finden, das dieſes Geräuſch verurſacht haben konnte; als jedoch ihr ſpähendes Auge ſich jenem Fenſter nahte, welches, wie wir weiter oben geſagt haben, auf die Wohnung des geheimnißvollen Stein⸗ metzen im Nebenhauſe ging, konnte ſie ſich eines plötzlichen Schreckens nicht erwehren.
Im Rahmen des geöffneten Fenſters zeigte ſich das Bild eines Mannes, der die Arme auf der Bruſt gekreuzt, einen... unbegreif⸗ lichen Blick auf das junge Mädchen heftete... Er konnte den Dreißigern nahe ſein, konnte ſie auch überſchritten haben, denn mehr als eine Furche durchzog ſeine breite Stirn, auf der die bittern Kämpfe des Lebens in deutlicher Schrift ihre Zeichen gelaſſen hatten. Dunkelbraune lange Haare und Bart gaben ſeinem Aeußeren jenes Künſtleranſehen, welches bei gewiſſen Leuten. nur eben darin beſteht, bei ihm aber als etwas Nothwendiges, zu ſeiner ganzen Erſcheinung Gehörendes erſchien. Seine Geſichtszüge waren in dieſem Augen⸗ blicke ſanft und weich, aber man begriff ganz gut, daß es nur eines Gedankens bedurfte, um ihnen den Ausdruck der höchſten Energie zu geben. In ſeinen Augen, die jetzt ſo räthſelhaft auf das junge Mädchen geheftet waren, brannte ein alles umfaſſender Blick, welcher nur aus einer außergewöhnlichen Seele zu kommen vermochte.
Lia hatte den ihren weggewandt... jetzt wandte ſie ihn wieder jenem Fenſter zu, jedoch eine Secunde hatte genügt, um dem Geſichte des Fremden einen völlig verſchiedenen Ausdruck zu geben. Tiefe,
— as
innige, herzzerreißende Verzweiflung lag plötzlich auf ſeinem blaſſen Geſichte,— ſeine Hand war über ſeine Stirn gefahren, als wenn ſie einen verzehrenden Gedanken verjagen wollte, ſeine Augen ruhten noch immer auf dem jungen Mädchen, aber ihr Blick war wie von Thränen verhüllt,— dann wandte er ſich um, und Lia ſah durch das geöffnete Feſter eine lebensgroße Statue aus weißem Marmor und... ſie ſtieß einen Schrei des Erſchreckens aus...
Die Statue ſtellte ein junges Mädchen in bibliſcher Tracht vor, die, geſenkten Hauptes und mit vor Schmerz und Wehmuth faſt ge⸗ ſchloſſenen Augen, eine verwelkende Blume betrachtete!
Der Fremde wandte ſich zu ihr.
„Nicht wahr, mein Fräulein,“— ſagte er—„das iſt ein merk— würdiger Zufall?! So träumte ich vor Jahren... und im Augen⸗ blicke, wo ich meinem Traume eine Form gegeben, ſehe ich ihn lebend vor mir ſtehen;... und“— ſetzte er beißend lachend hinzu— „muß ſehen, wie die Wirklichkeit mich und mein elendes Machwerk verſpottet, denn was iſt jener Marmorſchmerz im Vergleich zu den herben Thränen, die ich auf Ihren Wangen ſah?“
Doch Lia war wie erſtarrt.... die Stimme!.... ſie
konnte ſich nicht täuſchen, ſie hatte ſie ſchon einmal gehört!.... wo?.... wann?... ihr Geiſt verwirrte ſich;.... doch als
der Ton des Spottes aus den Worten des Fremden erklang,— da fiel ihr der Schleier von den Augen.
„O, mein Herr!“ rief ſie,„ich muß Sie ſprechen.... muß Ihnen ſagen.... o, ich bitte, beſchwöre Sie, geſtatten Sie mir nur einen Augenblick Unterredung!“
Mit einem leichten Sprunge aus dem kaum einige Fuß hohen Fenſter war der Unbekannte im Garten und näherte ſich Fräulein Salomon. Dieſe erwartete ihn nicht, ſondern ging auf ihn zu, ergriff des Erſtaunten Hand, drückte ſie voll Herzlichkeit, und Thrä⸗ nen in den Augen, aber das Haupt mit einer unbeſchreiblichen Be⸗ wegung voller Würde und Anmuth erhebend, ſagte ſie:
„Ich danke Ihnen, mein Herr!— ich danke Ihnen.... o, wie glücklich bin ich, daß Gott mich Sie hat finden laſſen, um Ihnen zu danken!“
„Ich verſtehe Sie nicht, mein Fräulein!“ ſagte der Künſtler, indem er aufmerkſam die vor ſich Stehende betrachtete,„ich begreife nicht, wie ich dieſen ſo herzlichen Dank verdient haben könnte!“
Lia ſchlug die Augen nieder.
„Entſinnen Sie ſich nicht mehr des vergangenen Freitags?— des Aſſeſſor Merkel?....“ murmelte ſie halblaut.
Eine Pauſe folgte dieſen Worten des jungen Mädchens; hätte ſie die Augen aufzuſchlagen gewagt, ſie hätte einen mitleidsloſen Blick gefühlt, der kalt auf ihr ruhte.
„Wir wollen beide ſo wenig als möglich an dieſe unangenehme Scene denken,“ ſagte endlich der Fremde mit ruhiger Stimme,„ein jeglicher an meiner Stelle hätte daſſelbe gethan.... Beruhigen Daß Sie auf meine Verſchwiegen⸗ heit rechnen können, bedarf keiner Verſicherung!“
Lia Salomon hob ſtolz den Kopf empor es lag nichts in den Worten des Unbekannten, das ſie hätte unangenehm berühren können, und doch fühlte ſie ſich getroffen, als wenn ſie beleidigt worden wäre.
„Geſtehen Sie mir ein, mein Herr,“ ſagte ſie bitter lächelnd, „daß die Welt, in der wir leben, gar komiſche Begriffe hat! Sie wollen ſchweigen, und ich muß Ihnen dafür danken, denn wenn Sie es nicht thäten, wäre ich entehrt. Sie haben ein Schlachtopfer aus den Klauen ſeines Henkers errettet.... und Sie müſſen Ihre That verſchweigen, als wenn Sie ſich ihrer zu ſchämen hätten..... Sie wollen ſo wenig wie möglich daran denken?.... O, ich begreife!
Sie ſind ein Ehrenmann, Sie haben nicht müßig zuſehen können, wie ein Mann ein Mädchen zu mißhandeln verſuchte— natürlich, das konnten Sie nicht!— aber nachdem Sie Ihre ritterliche That vollbracht, ſuchen Sie ſo wenig wie möglich daran zu denken; ſie läßt Ihnen keine befriedigende Rückerinnerung.... denn wer weiß? vielleicht iſt das Mädchen auch nicht ganz ohne Schuld an alledem..... Sie können ſich nicht denken, daß ein Mann ſich ſoweit erniedrigen würde, wenn das Mädchen durch ihr kokettes Weſen ihm nicht eine Art von Recht dazu gegeben hätte..... Sie thaten es, es war Ihre Pflicht; Sie bereuen es nicht, doch Sie ſuchen es ſo viel wie möglich zu vergeſſen!“
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