Jahrgang 
1865
Seite
406
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Ich ſage Dir, daß mir der Arzt ſchon hundert Male geſagt hat, Hulda, er könne mir nichts gegen meinen nervöſen Kopfſchmerz verſchreiben, antwortete Lia,und da mein ganzes Unwohlſein nur darin beſteht, ſo halte ich es für unnütz, ihn rufen zu laſſen; be⸗ unruhige Dich nicht, liebe Hulda, es hat nichts zu bedeuten.

Aengſtigt ſich Dein Bräutigam denn nicht? fragte Hulda weiter.

Ach, der gute Julius kömmt drei Mal des Tages, erwiederte Lia,er iſt wie Du, Ihr verwöhnt und verzärtelt mich zu ſehr!

Und das wird immer ſo bleiben, meine Lia! rief das junge Mädchen, indem ſie die Hand der Freundin drückte, er der zärtlichſte Bräutigam und Gatte, ich immer die treueſte Freundin. Biſt Du glücklich mit dieſer Perſpective?

Fräulein Salomon küßte, ohne zu antworten, die Stirn ihrer jungen Freundin.Gute, liebe Hulda, murmelte ſie endlich, tief bewegt,ja, ich fühle es, Du biſt mir eine treue Freundin....

Und, ergänzte Hulda,Julius ein verliebter Bräutigam, der.... doch à propos, ich muß Dir eine Geſchichte erzählen, die Dir beweiſen wird, daß Du außer uns beiden noch einen bewährten Freund haſt, und das iſt niemand anders, als mein Bruder Ernſt. Denke Dir, Lia, Deinetwegen hätte er ſich beinahe mit ſeinem unzer⸗ trennlichen Freunde Hermann Meyer erzürnt.

Meinetwegen? fragte Lia erſtaunt;ich habe den Herrn Meyer ja nie geſehen, obgleich, ich muß es geſtehen, es mir oft leid that; denn ich bin eine aufrichtige Bewunderin ſeines Talentes.

Das iſt ja eben das Komiſche an der ganzen Geſchichte, er⸗ wiederte Hulda,aber höre nur zu! Es war alſo geſtern.... Du weißt, daß ein Corridor zu Ernſts Zimmer führt, und Mama hatte mich gebeten, zuzuſehen, ob da wohl noch Platz für einige Blumen⸗ töpfe wäre, ich ging hin und hörte im Zimmer meines Bruders reden, die Thür war offen und im Spiegel ſah ich Ernſt und Hermann.

Thu's nicht, ich bitte Dich, ſagte mein Bruder,ich verſichere Dich, das arme Mädchen wird furchtbar darunter leiden, ich kenne ſie, glaube es mir, Hermann, Du kennſt ſie nicht und ſie Dich nicht, warum willſt Du ihr dieſen Kummer bereiten?

Ich kann nun einmal die Pianiſtinnen nicht leiden, Hermann,und ich ahnte, daß von Dir, Lia, die Rede ſei.

Sie hat weder Vater, noch Bruder, antwortete Ernſt,welcher ſich ihrer annehmen könnte;... thu's nicht, Hermann!

Du biſt ſentimental wie eine Penſionärin! antwortete der Bildhauer,hat ſie denn nicht einen Bräutigam, der ſo meiſterhaft die Elle zu führen verſteht?... Ich habe den Pianiſtinnen und den Kaufleuten nun einmal Fehde geſchworen, und da ich zwei hier ver⸗ eint finde, ſo verdirb mir den Spaß nicht, Ernſt!

Ich konnte nicht hören, was Ernſt antwortete, aber Meyer ſagte bald darauf:

Ich achte unter den Kaufleuten nur die Materialiſten und das aus Erinnerung an meine Kinderjahre, wo ich immer ſehr gut bei einem ſolchen bedient wurde, als ich mir für den Dreier, den mir die Mutter ſchenkte, Roſinen kaufte. Pianiſten und Pianiſtinnen jedoch haben mich immer das Geld bereuen laſſen, wenn ich einmal einen Thaler für ein Billet zu einem Concerte ausgab!

Hermann, verſprich miy's, daß Du es nicht thun wirſt! ſagte mein Bruder nach einer Pauſe.

Laß mich zufrieden! war die Antwort,nichts kann mich ab⸗ halten, es zu thun!

Nichts?! rief Ernſt mit bebender Stimme,nicht einmal der Verluſt meiner Freundſchaft, Hermann?...

Eine Pauſe trat ein... dann hörte ich plötzlich, wie Meyer, o ho! in langſam gedehnten Tone ſagte, ſeinen Hut nahm und ſich haus dem Zimmer entfernte, ohne ein Wort zu ſprechen....

Das war doch hübſch, Lia, von meinem Bruder, nicht wahr?

erwiederte

Wer auf der Eiſenbahn von Nürnberg nach Augsburg fährt, kommt ins Ries bei Oettingen und verläßt es bei Harburg. Er erblickt in guter Jahreszeit die fruchtbare Ebene, die hübſch gelegenen

aber höre weiter! ich lief ſchnell die Seitentreppe hinunter und be⸗ gegnete Meyer noch vor unſerm Garten, ehe er auf den Flur trat. Er ſtand, ohne mich zu ſehen, nachdenkend da, plötzlich ſchlug er ſich mit der Hand vor die Stirn, und ich hörte deutlich, wie er ſich einen Eſel nannte; dann bemerkte er meine Anweſenheit, kam auf mich zu und ſagte zu mir:

Wollen Sie mir einen Gefallen thun, liebes Fräulein? Wenn Sie Ernſt ſehen, ſagen Sie ihm doch, was ich vergeſſen hatte, ihm zu ſagen, daß mir ein Unglück paſſirt ſei, daß ich nämlich die Statuette, welche Herr Falk bei mir für ſeine Braut beſtellt hat, habe fallen laſſen, und daß ſie zerbrochen ſei! nicht wahr, Sie beſtellen es, liebes Fräulein?

Und damit ging er!... Aber das Beſte kömmt noch, Lia. Als ich nachher hinaufging, um es meinem Bruder zu ſagen, da hätteſt Du ihn ſehen ſollen!... er war wie ein Wahnſinniger vor Freude, gab mir einen Kuß und ſagte, Hermann ſei ſein beſter Freund! verſtehſt Du etwas von der ganzen Geſchichte, Lia?

Ein peinliches Gefühl hatte ſich Lias während der Erzählung Huldas bemächtigt; ſie konnte keinen Sinn in den Worten ihrer Freundin finden, und doch begriff ſie ganz gut, daß jemand ſie hatte beleidigen wollen, und daß dieſes ohne das Dazwiſchenkommen Ernſt Arkheims geſchehen wäre, und wiederum fühlte ſie ihr Alleinſtehen auf der Welt um ſo grauſamer.

Ich werde mich bei Deinem Bruder bedanken, ſagte ſie,ich wette darauf, daß an allem dem mein unſinniger Wunſch, eine Statuette wie die Deine zu haben, Schuld iſt! Herr Meyer iſt nicht galant! Doch es gibt eine Art von Künſtlern, denen dex bloße Name eines Kaufmannes die Nerven angreift.

Es klingelte, und Falk kam, ſich nach dem Befinden ſeiner Braut zu erkundigen. Er war mißgeſtimmt, etwas aufgeregt, und wußte nicht ſo viel Neuigkeiten wie gewöhnlich zu erzählen. Er entſchuldigte ſich, ſein Verſprechen, die Statuette betreffend, nicht halten zu können, er habe dieſen Morgen von Herrn Meyer einen Brief erhalten, worin dieſer ihm anzeigte, daß durch Zufall die Sta tuette zerbrochen ſei, und daß ihm jetzt die Zeit fehle, eine neue anzufertigen.

Haſt Du den Brief bei Dir? fragte Lia,ich möchte gerne die Handſchrift dieſes Herrn einmal ſehen, da es der Zufall noch nicht wollte, daß ich ihn ſelbſt geſehen habe. Zeige mir den Brief doch einmal!

Falk zog einen Brief aus der Taſche und übergab ihn ſei⸗ ner Braut, und da in demſelben Augenblicke Hulda ein Packet Photographien hatte fallen laſſen, ſo bückte er ſich, um ihr beim Aufſammeln zu helfen, und ſah nicht, wie ſchrecklich bleich Lia ſchon beim Leſen der erſten Zeile des Briefes ward, wie, je weiter ſie las, deſto höher ſich ihr Buſen hob... wie ihre Augen Blitze ſprühten, und als ſie endlich mit den Worten:Schändlich! ſchändlich! auf dem Seſſel zurückſank, da erſt gewahrten ſowohl Hulda als Falk, was vorgegangen ſei.

Herr Falk ſtürzte auf ſie zu.Was iſt Dir, Lia? um Gottes willen! ſchrie er....

Sie reichte ihm den Brief, kaum hatte er einen Blick darauf ge⸗ worfen, als auch er einen Schrei ausſtieß... 2

O, mein Gott! rief er,was habe ich gethan!... ich habe Dir den infamen anonymen Brief, den ich vorgeſtern erhielt, ſtatt deſſen des Herrn Meyer gegeben!...

Eine peinliche Pauſe folgte dieſen Worten; Hulda war ihrer Freundin zu Hilfe geſprungen und ſuchte ſie durch ihre Liebkoſungen zu tröſten. Auch Falk hatte eine ihrer Hände ergriffen und that alles, was ihm nur möglich war, um ihr zu beweiſen, daß der In⸗ halt des Briefes auf ihn gar kein Eindruck gemacht hätte.

(Fortſetzung folgt.)

Kus allen deutſchen Gauen.

Land und Leute im Ries von Melchior Meyr. 4 Mit Abbildung.

Orte, Schlöſſer und Klöſter, die anmuthigen kahlen oder bewaldeten Höhen; aber von den landſchaftlichen Reizen der Gegend kann er natürlich nicht den rechten Begriff erlangen. Um dieſe kennen zu