Jahrgang 
1865
Seite
404
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junge Mann mit einem ſarkaſtiſchen Lachen,ich habe ſo lange nicht das Vergnügen gehabt, mit Ihnen ein Stündchen zu verplaudern, daß Sie doch gewiß die Grauſamkeit nicht ſo weit treiben werden, mich im Augenblicke wo ich hereintrete, gleich zu verabſchieden.

Lia trat aus der Laube und lehnte ſich an einen Baum; ihr ward unheimlich in der unmittelbaren Nähe dieſes Menſchen... ein ihr unbekanntes Gefühl von Furcht beſchlich ſie mit einem Male, und wenn es ihr möglich geweſen wäre, das Rendezvous noch einmal anzunehmen oder zurückzuweiſen, ſicherlich, ſie hätte letzteres vor⸗ gezogen.

Ich bitte Sie um meine Briefe, mein Herr! ſagte ſie mit ziemlich unſicherer Stimme.

Ich ſcheine Ihnen jetzt Furcht einzuflößen, Fräulein! erwiederte Merkel mit demſelben Tone der Stimme,früher war dem nicht ſo! o, wie liebten Sie mich vor einem Jahre, Fräulein! entſinnen Sie ſich, wie im vorigen Winter Ihre Hand in der meinigen in den langen Abenden, die wir zuſammen verbrachten, ruhte... wie wir unſre großen Dichter zuſammen laſen, und wie Ihre Hand in der meinen bebte, wenn das WortLiebe vorkam?... Es iſt kaum ein Jahr her, Lia... und wir ſind beide verlobt, und werden bald beide verheirathet ſein und Sie mit Herrn Falk!... mit Herrn Falk..

Lia war ſelbſt erſtaunt, wie ruhig ſie war, ihr Blick durchdrang das Halbdunkel, welches ſie umgab, und indem er ſich feſt auf den Aſſeſſor heftete, ſagte ſie ſich mit Verachtung:Und das iſt der Menſch, dem Du Dein Leben geopfert!

Noch einmal, mein Herr, bitte ich Sie um meine Briefe, ſagte ſie laut.

Sie müſſen mich auch nicht für gar zu beſchränkt halten, mein Fräulein, fuhr der Aſſeſſor fort,Sie haben ſich verlobt;... die Liebe, die für mich in Ihrem Herzen wohnte, iſt erloſchen,... das iſt alles recht gut aber ich habe dieſe Briefe... Briefe, mein Fräulein, die ich Ihnen vorleſen möchte, um Ihnen Ihre verhauchte Liebe ins Gedächtniß zurückzurufen dieſe Briefe haben für mich einen unendlichen Werth, Fräulein ich kann mich ſo nicht von ihnen trennen!

Der Aſſeſſor hatte ſich erhoben, war aus der Laube getreten und hatte ſich dem jungen Mädchen, welches einige Schritte zurück⸗ gewichen war, genähert. Beide jedoch hatten ein unbemerkbares Geräuſch, welches von einem leiſe geöffneten Fenſter zu kommen ſchien, überhört.

Sehen Sie, mein Fräulein, fuhr der Aſſeſſor mit feſter Stimme fort,hier erhielt ich den erſten Liebeskuß. Ich hätte mich damit begnügt, wenn Sie nicht, um mir zeigen zu wollen, daß Sie das Gefühl, das immer noch in Ihrem Herzen für mich lebt, beſiegt hätten, in dieſe unſinnige Verbindung eingegangen wären! Franz Merkel, mein Fräulein, nimmt jeden Fehdehandſchuh auf; Sie haben mich provocirt und jetzt wäre ich ein Thor, wenn ich mich nicht des Vortheils bediente, welcher ſich in meinen Händen befindet.

Aber was wollen Sie denn, um Gottes willen?! ſchrie das junge Mädchen, indem ſie ſich noch einige Schritte zurückziehen wollte.

Was ich will? ſagte der junge Mann, indem er ihr den Weg vertrat und ſie ſo zwang, ſich dem Geßilde⸗ von dem wir vorhin ſprachen, zu nähern,was ich will?... ich will Dich, mein ſchwarz⸗ äugiges Judenmädchen!

Und ehe das junge Mädchen, das die Gefahr ihrer Lage noch gar nicht begreifen konnte, ſich deſſen verſah, war er auf ſie zuge⸗ ſprungen und hatte ſie mit Gewalt an ſich gezogen...

Elender! fort!... Gott, mein Gott! erbarme Dich meiner! ſchrie Lia, faſt wahnſinnig por Angſt.Ich rufe um Hilfe!... laſſen Sie mich!... Sie!

Der Athem verging dem armen Mädchen und ſchon ſchien ſie einer Ohnmacht nahe, als plötzlich die beiden Arme des Aſſeſſors ſie losließen und er, wie vom Schlage getroffen, zurückprallte... Ein Mann ſtand zwiſchen dem Mädchen und ihrem Verfolger. Wie derſelbe ſich mit einem Male da befand, ſchien beiden unbe⸗ greiflich und ſchon fragte ſich die vor Schrecken halbtodte Lia, ob ſie der Gefahr entronnen oder in eine andere noch ſchlimmere vielleicht gefallen ſei, als eine ihr gänzlich unbekannte Stimme ſagte:

He, he! Herr Aſſeſſor Franz Merkel! fürchten Sie denn gar nicht, daß die Abendluft Ihrem zarten Teint ſchade?

Mein Herr, ſagte dieſer,wer ſind Sie?... und wie haben Sie gewagt, mich anzufaſſen?

Seien Sie außer Sorgen, lieber Herr Aſſeſſor! antwortete die Stimme,ich werde mir nachher die Hände waſchen! Aber ich will Sie nicht ſtören, ich glaube, Sie waren im Begriff, dem Fräulein ein Packet Briefe wiederzugeben laſſen Sie ſich nicht ſtören!

Was geht das Sie an? rief Merkel mit inſolenter Stimme, Sie haben... Doch er konnte nicht fortfahren, die Hand des Unbe⸗ kannten hatte ſich auf ſeinen Arm gelegt und er fühlte plötzlich einen ſo heftigen Schmerz, als wenn der Knochen nach und nach zerbräche er verſuchte, ſich gewaltſam loszumachen, boch die andere Hand des Fremden ergriff die ſeinem Arme entgegengeſetzte Schulter und drückte beide ſo heftig zuſammen, daß ihm faſt der Athem verging... Laſſen Sie ſich nicht ſtören! fuhr er mit ruhiger Stimme fort, indem er die Schulter wieder losließ,es iſt ſpät und das Fräulein gewiß müde!

Der Aſſeſſor begriff, daß die herkuliſche Kraft des Unbekannten ihn ganz und gar beherrſche er zog die Briefe aus ſeiner Seiten⸗ taſche und warf ſie auf den Boden.

Sie laſſen ja die Briefe fallen, Herr Merkel, ſagte die Stimme, bitte, heben Sie ſie doch auf und bringen Sie ſie dem Fräu⸗ kein!... Und mit einem wohlbekannten Griffe zwang er den Aſſeſſor, ſich h zur Erde zu beugen und die Briefe aufzunehmen, dann führte er ihn zu der wie im Traume daſtehenden Lia.

Schon hatte der Aſſeſſor ſeinen freien Arm ausgeſtreckt, um dem jungen Mädchen die Briefe zu überreichen, als ihn der Unbekannte wiederum zurückzog und ſagte:

Ich glaube, Sie haben den Hut auf dem Kopfe, wenn Sie mit einer Dame ſprechen! o, Herr Merkel! Sie! die Blume der Galanterie!... wie iſt das möglich?...

Franz Merkel knirſchte mit den Zähnen, aber der Schmerz ward ihm unerträglich, er nahm ſeinen Hut ab und überreichte das Packet dem jungen Mädchen.

Wäre es nicht ſchicklich, lieber Herr Aſſeſſor, ſagte der Unbe⸗ kannte gelaſſen,daß Sie jetzt das Fräulein um Verzeihung für die vorhin ihr zugefügte Beleidigung bäten? ihr zum Beiſpiel ſagten, daß Sie ein Schuft wären, oder etwas anderes!

Tödten Sie mich!... wimmerte Merkel,a aber nie werde ich das thun!*!...

O, ich beſchöre Sie, mein Herr! ſagte Lia,laſſen Sie dieſen Menſchen gehen!

Ihre Wünſche, Fräulein, ſind Befehle, antwortete der andere, kommen Sie, lieber Herr Merkel... ich will Sie bis zur Thüre begleiten und Ihnen die Geſchichte des Eſels erzählen, der ſich eine Löwenhaut geſtohlen hatte und mit derſelben ſich in den Wüſtenſoireen zeigte und ſo die Gazellen erſchreckte.... Kommen Sie!... Gute Nacht, mein Fräulein! laſſen Sie die Gartenthüre ſchließen!

Und ohne den Arm des halbtodten Aſſeſſors loszulaſſen, führte er ihn hinaus bis zur nächſten Ecke, wo er ihn mit einem fürchter⸗ lichen Stoße faſt bis zur Hälfte des Straßenpflaſters ſandte.

Gute Nacht, lieber Herr, ſagte er,ſchlafen Sie wohl und vergeſſen Sie den heutigen Abend nicht!

Der Aſſeſſor erhob ſich blutend von der Erde und taumelte ſeiner Wohnung zu. Der Unbekannte aber ging langſam dem hohen Gebäude, welches den Sellingſchen Garten begrenzte, zu, öffnete die Thüre und ſchloß ſie wieder hinter ſich. Bald konnte man hören, wie das auf den Garten gehende Fenſter ſich ſchloß, und ein Lichtſchimmer verrieth, daß der Steinmetz oder wer ſonſt das Ge⸗ mach bewohnte, bis lange in die Nacht hinein wachte. Gegen drei Uhr Morgens erſt verloſch das Licht und der räth ſelhafte Bewohner verließ das Haus, welches er ſorgfältig verſchloß und ſeine Schritte verhallten bald in einer naheliegenden Querſtraße.

Eine Woche war ſeit dem Vorhererzählten verfloſſen, als wir Hulda Arkheim im eifrigen Geſpräche mit ihrer Freundin Lia in letzterer Zimmer finden. Lia iſt ſehr bleich, ihre Augen ſind roth und ihre Züge tragen die untrüglichſten Zeichen von ſchmerzhaft durchwachten Nächten, von peinlich und angſtvoll verbrachten Tagen.

Lia, ſagte Hulda beſorgt,und Du willſt keinen Arzt be⸗ fragen?