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hoffte auf Dich, Hermann!— die Poeſie des Herzens meines Freundes, ſein hoher Geiſt, ſein künſtleriſches Wirken ſollten für mich der Zufluchtsort meines beſſern, nicht kaufmänniſchen Ichs werden. — Ich ſah mich getäuſcht, das Herz meines Freundes iſt mir ver⸗ ſchloſſen, ſein Geiſt dringt mir kalt ins Mark, und ſeine Werke machen mich ſchaudern!— Ja, Hermann, jedes Mal wenn ich vor einem Deiner Ungeheuer vorbeigehe, welche die Kenner ſo ſehr be⸗ wundern, dann ſage ich mir: Und weiter kommt nichts aus dem Herzen, aus dem Geiſte, aus der ganzen Seele Deines Freundes! Du ſollſt ſehen, Hermann, was aus mir werden wird!— nenne mich ſchwach, weibiſch, feig, wie Du willſt, aber wenn Du Dich nicht bald meiner annimmſt, Du ſollſt ſehen, noch ein Paar Jahre in der Um⸗ gebung, bei der Beſchäftigung, und Ernſt,— Dein Ernſt, Hermann, iſt todt, und Du wirſt nur noch einen wirklichen Kaufmann, im ganzen, abſcheulichſten Sinne des Wortes vor Dir haben, über den Du Witze reißen kannſt.... O Freund meiner Jugend... heute Abend ſchlägt vielleicht die letzte Stunde unſerer Jugend... laſſe ſie nicht unnütz vorübergehen!... reiche mir Deine Hand, Deine Künſtler⸗ hand, laß mich nicht in der Proſa des Lebens verſinken!“ Hermann Meyer ſtand, die Arme auf ſeiner breiten Bruſt gekreuzt, ſprachlos vor ſeinem Freunde; mit tiefer, inniger Rührung blickte er auf ihn; ein ſchwerer, herber Kampf ſchien in ſeinem Innern vorzugehen, ein Gefühl, deſſen er nicht Herr werden konnte, ſchien ſich nach und nach, aber unwiderſtehlich ſeiner zu bemächtigen und ihn ganz zu durch⸗ dringen. Es war nicht mehr der ſtachelnde Witz, nicht mehr der beißende Sarkasmus, der ſeine Lippe aufwarf, es war ein bittrer, ſchmerzhafter, herzzerreißender Ernſt, der ſich aus ſeiner Bruſt nach und nach Luft zu machen ſuchte.
„Nun, ſo werde denn ganz und gar Kaufmann!“— ſagte er mit greller Stimme,„und für wen willſt Du denn etwas anderes ſein? Iſt Dir vielleicht der thörichte Gedanke gekommen, daß Deine Erdenmiſſion wäre, ein Lamm zu ſein, das eine Flocke ſeiner Wolle an jedem Dornenſtrauch der Heerſtraße laſſen muß?— Nein, Ernſt, enttäuſche Dich! wenn man die Welt tragen will, muß man die Schultern des Atlas haben und ein zerfleiſchtes Herz hat keinen Platz in Deiner guten, reinen, weichen Bruſt!— Werde ein gewöhnlicher
Menſch, mein Ernſt; ſtrebe nicht nach der verbotenen Frucht, ſie bringt“
nur Schmerz und Leid; ein ruhiges Leben, wie Dir das Schickſal be— reitet, iſt ein Paradies... ein beglückendes Paradies... ſuche nicht die Hölle kennen zu lernen;... verſündige Dich nicht an dem, der Dir all das Glück zu Theil werden ließ.— Flieh jene Verdammten, welche das Kainszeichen der Kunſt und der Poeſie, das Deinen ſchwärmeriſchen Geiſt verführt, auf der Stirne haben, es ſind die jüngeren Brüder des erſten gefallenen Engels.— O mein Ernſt, be⸗ gehre nicht die unermeßliche Tiefe des Chaos von Leiden und Schmerzen, die heute eines wahren Künſtlers Bruſt verbergen, zu ſchauen...
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werde Kaufmann! geiſtig Kaufmann! ganz Kaufmann!— Ernſt! bete Adam Rieſe an, mein Freund, wenn Du heute ein glücklicher Menſch ſein willſt; aber laſſe um des Himmelswillen die fieberhaften Träume von Kunſt und höherem Genuſſe jenen Narren, die des Lebens wirklichen, taſtbaren Genuß nicht kennen wollen, ihn ver⸗ ſchmähen, ihn verächtlich von ſich ſtoßen und ſich in ihrer Bruſt eine Hölle bilden, im Vergleich zu der die wirkliche ein Kinderſpiel⸗ zeug iſt!“
„Genug! genug!“— rief Ernſt, indem er ſich an des Bild⸗ hauers Bruſt warf,„genug! Ohne es zu wollen haſt Du mich über⸗ zeugt, daß in Dir der Poet, der Künſtler, der wahre Künſtler noch fortlebt!— o Hermann, ich kann nicht, wie Du, Atlas ſein, aber ich kann zu Dir hinaufſchauen und denken: Auf jener Höhe, welche die Wolken überragt, ſchlägt mir ein Herz in warmer Freundſchaft!... O mein Freund! iſt denn alles Schöne in Dir im Schlummer ver⸗ ſunken? und iſt keine Stimme mächtig genug, um das ſchlafende Ideal Deines Herzens zu erwecken? Hermann, kann der Gott der Kunſt nur Fledermäuſe und Crocodille Deinem Meißel entlocken? Du Poet, willſt Du denn keinem Deiner Gedanken eine Form geben?“
„Schweig!— ſchweig!“— ſchrie Meyer,„fort von mir, Ver⸗ ſucher!... wer hat mich Dir verrathen?“
„Hermann!“— rief Ernſt freudig erſtaunt,„Hermann, mein Herz täuſcht mich nicht, Dein Werk iſt vollendet... ich fühle es... O, dieſe einzige Freundſchaftsprobe!... laß mich es ſehen... der Erſte ſein, der Dein Werk anſtaunt... Dich bewundert... Dich verſteht!“...
Ein grelles Gelächter unterbrach den jungen Mann in ſeinem Enthuſiasmus.
„Komm heute über acht Tage zu mir,“ rief Hermann Meyer, indem er zur Thür hinausſtürzte,„und Du wirſt ſehen!“
Der junge Arkheim ſank auf einen Stuhl nieder und ſein trauriger Blick folgte dem Freunde, den er über den Hof haſtig dem Thore zuſchreiten ſah..„Ueber acht Tage, wenn ich zu ihm kommen werde,— o, ich weiß es im voraus,“ ſagte er ſchmerzhaft, „wird er mir die Carricatur von Julius Falk als Gott der Lieder zeigen, und mit einem hämiſchen Lächeln wird er mir ſagen: Sieh, das iſt die Kunſt!“
Ein heftiger Huſten unterbrach den jungen Mann, als er ſein Taſchentuch vom Munde zurückzog, lächelte er traurig:
„Wie gut, daß Hermann fort iſt,“ ſagte er;„wenn er ſehen würde, daß ich Blut huſte, würde er ſich ängſtigen und glauben... was ich ſchon längſt weiß... daß ich ſchwindſüchtig bin!“
Er ſchloß das Fenſter und begab ſich zur Ruhe!
(Fortſetzung folgt.)
Beethovens Zugendliebe.
Von Ludwig Nohl. Mit Abbildung.
„Mein geliebter Freund! nimm für heute vorlieb. Ohnehin ergreift mich die Erinnerung an die Vergangenheit, und nicht ohne viele Thränen erhältſt Du dieſen Brief. Von Deiner Lor chen habe ich noch die Silhouette, woraus zu erſehen, wie mir alles Liebe und Gute aus meiner Jugend noch theuer iſt. Ich erinnere mich aller Liebe, die Du mir ſtets bewieſen haſt, z. B. wie Du mein Zimmer weißen ließeſt und mich ſo angenehm überraſchteſt. Ebenſo von der Familie Breuning. Kam man von einander, ſo lag das im Kreis⸗ lauf der Dinge; jeder mußte den Zweck ſeiner Beſtimmung verfolgen und zu erreichen ſuchen. Allein die ewig unerſchütterlichen Grund⸗ ſätze des Guten hielten uns dennoch immer feſt zuſammen verbunden.“
So ſchrieb am 7. October 1826, alſo ein halbes Jahr vor ſeinem Tode, der große Beethoven an ſeinen alten Jugendfreund, den Medicinalrath Dr. Wegeler in Coblenz, den er nun ſeit einem Menſchenalter nicht mehr geſehen und geſprochen hatte. Dieſer war ſeit dem Jahre 1802 mit eben jenem Lorchen von Breuning verheirathet, deren Silhouette Beethoven, der unruhig hin und her⸗ ziehende Beethoven, dem bei ſeinem ſteten Wohnungswechſel ſo man⸗
ches werthvolle Manuſcript verloren gegangen war, jetzt ſeit mehr als 40 Jahren aufbewahrte, und der er ſelbſt, kurz nachdem er ſeine rheiniſche Heimat für immer verlaſſen hatte, Briefe ſchrieb voller Freundſchaft und Dankbarkeit für all das Gute und Liebe, das er in ſeiner Jugend in ihrem Hauſe genoſſen hatte.
Beethovens Kindheit war traurig geweſen, wie denn ja durch das geſammte Leben des großen Mannes ein tragiſcher Hauch geht. „Sie werden dann einen fröhlicheren Menſchen an Ihrem Freunde finden, dem die Zeit und ſein beſſeres Schickſal die Furchen ſeines vorhergegangenen widerwärtigen ausgeglichen hat,“ ſchrieb er an ſeine Freundin, als er ihr im Herbſt 1793 ein Heft Variationen dedicirte, „als einen Beweis ſeiner Hochachtung und Freundſchaft gegen Sie und eines immerwährenden Andenkens an Ihr Haus.“ Und er fügte hinzu:„Es ſei eine kleine Wiedererweckung jener Zeit, wo ich ſo viele und ſo ſelige Stunden in Ihrem Hauſe zubrachte. Sie und Ihre theure Mutter werde ich nie vergeſſen. Sie waren ſo gütig gegen mich, daß mir Ihr Verluſt nicht ſo bald erſetzt werden kann und wird. Ich weiß was ich verloren und was Sie mir waren.“
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