Jahrgang 
1865
Seite
366
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vor uns nur das 94 Fuß lange und 39 Fuß breite, ziemlich flache, nach beiden Seiten ſchräg abfallende Dach, deſſen größter Theil noch durch eine Bretterverſchalung unſern Augen entzogen iſt. Auf dem äußeren Dach befindet ſich ein Spazierweg, der vorläufig nicht be betreten wird, aber noch in dieſem Sommer der Benutzung des Publikums übergeben werden ſoll. Durch die unterirdiſche Lage des Gebäudes wurde den für die Beſucher geöffneten Räumen das hier ſo ſtörende, unvermittelte Tageslicht entzogen und den Behältern für die Thiere eine gleichmäßige Temperatur gegeben. Zu unſern Füßen liegt die Treppe; nachdem wir uns am Eingange mit einem Catalog oder beſchreibenden Führer und einer großen Lupe verſehen haben, ſteigen wir hinab und gelangen durch die Rundbogenwölbung der Vorhalle ſogleich in die Haupthalle. Hinter uns wallen die Vorhänge zuſammen, und wieder umgibt uns das geheimnißvolle Dämmerlicht, die Stille und das räthſelhafte Treiben. Wir befinden uns in einem 16 Fuß hohen Raum von 52 Fuß Länge und 16 Fuß Breite. Die Malerei der gewölbten Decke iſt in tiefen und ge⸗ dämpften Farben gehalten, um die Wirkung der vielfarbigen Bilder nicht zu beeinträchtigen, die ſich dem Auge des Beſchauers darbieten. Solcher länglich viereckigen Bilder ſind 5 an jeder Seitenwand, von denen die beiden mittleren am größten ſind, 12 Fuß 2 Zoll lang und 3 Fuß 9 Zoll hoch. Es ſind mächtige Tafeln von dickem Spiegel⸗ glas, hinter denen das Leben des Meeres ſich regt. Die außen frei⸗ liegenden Baſſins, welche als Waſſer⸗ und Thierbehälter dienen, empfangen das volle Tages⸗ oder Sonnenlicht; dieſes hat wohl die Kraft, das Waſſer magiſch zu durchleuchten, aber durch die Glas⸗ ſcheibe, in den dunklen Raum, wo der Beſchauer ſteht, dringt nur ein ſpärlicher Schimmer. Zwei von dieſen Behältern ſind mit Fluß⸗ waſſer, die übrigen mit Seewaſſer gefüllt; einige enthalten Fiſche, Krebſe, Hummern, andere Polypen, Seeſterne und eine Legion von kleinen Thieren und Thierchen, die wir erſt nach häufig wiederholter aufmerkſamer Betrachtung von einander unterſcheiden lernen.

Nun wieder zurück zu den Bildern ſelbſt wie ſie erſcheinen,

und wie ſie in Wirklichkeit ſind. Der erſte, verwirrende Eindruck des Fabelhaften will noch immer nicht weichen. So wie ſie ſich uns zeigen, ſind ſie in der That nicht! Manches beruht auf Täuſchung des Auges, anderes iſt uns in ſeiner Erſcheinung ſo gänzlich neu, daß wir etwas Unglaubliches zu ſehen meinen, und erſt nach und nach die einfachen Urſachen errathen. Dahin gehört die eigen⸗ thümlich prachtvolle Beleuchtung und die dadurch hervorgebrachten Täuſchungen. Wir glauben eine weite großartige Felslandſchaft zu ſehen, mit Schluchten, Grotten und Höhlen, und doch ſind die breiteſten Behälter nur 5 Fuß 10 Zoll breit. Die Erklärung finden wir in zwei zuſammenwirkenden Urſachen: zuerſt in der Beleuchtung, welche die Gegenſtände des Vordergrundes, wo ſich die von oben ein⸗ fallenden Lichtſtrahlen verſammeln, im grellſten Lichte, wie von einer gelben Glorie umfloſſen, zeigt, während gleich hinter dieſem Vorder⸗ grunde die Waſſermaſſe in ſo ſanft dämmerndem Halbſchatten lagert, daß die den Hintergrund bildende Felswand ſchon in nebelhafte Schleier gehüllt iſt; dann in der Auswahl und Zuſammenſtellung der Steine ſelbſt, die trotz ihrer kleinen Verhältniſſe großartige Um⸗ riſſe zeigen. Dieſe mit feinem, künſtleriſchem Geſchmack angeordneten Gruppirungen ſind zum Theil von dem bekannten Marinemaler Anton Melbye komponirt. Das Geſtein ſelbſt iſt aus entfernten Gegenden zu dieſem Zweck hier vereinigt; wir finden Granit, Kalk⸗ tuff von der Oberweſer, Kalkſtein aus St. Thomas, Cementſtein aus England und anderes. Eine weitere optiſche Täuſchung iſt, daß ein ſich von der vor uns befindlichen Glastafel entfernender Fiſch ſich ſcheinbar vergrößert, in dem Maße, wie ſeine davoneilende Geſtalt durch die ſich zwiſchen ihn und den Beſchauer legende Waſſerſchicht unbeſtimmter wird und allmählich im Hintergrunde verſchwindet, oder richtigerverſchwimmt, während wir gewohnt ſind, in der Luftperſpective jeden Gegenſtand ſich verkleinern zu ſehen, je weiter er ſich entfernt. Das Wunderbarſte iſt aber das reine, kryſtallhelle Spiegelbild, welches uns überraſcht, wenn wir nahe an das Bild hinantreten und den Blick nach oben richten. Kein Spiegel liegt auf oder über dem Waſſer, die Oberfläche des Waſſers ſelbſt, die wir von unten ſehen, bildet den Spiegel. Steine, Pflanzen und Thiere ſchauen von oben ins Waſſer, wie die von unten hinauf, und jedes Bild wölbt ſich oben zu einer geſchloſſenen Grotte zuſammen.

Ein Fiſchlein ſteigt aufwärts, um Luft zu ſchöpfen. Nöthig wär's freilich nicht, denn das Bischen Sauerſtoff, deſſen der Kleine

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bedarf, kann er mit Leichtigkeit vermittelſt ſeiner Kiemen aus dem Waſſer preſſen, das ihn umgibt; aber ſo ein ganzes Mäulchen voll friſcher Luft auf einen Zug ſchmeckt doch köſtlich! grade ſo wie uns ein Schluck unverfälſchten Quellwaſſers, das wir nicht erſt zu filtriren brauchen; und dann ſieht er zugleich, was für Wetter draußen iſt, ob es heut noch Regen gibt, oder ob auch Fiſcher kommen. Alsbald, wie er ſich hebt, ſenkt ſich von oben herab ſein Zwillingsbruder im Spie⸗ gelbild, eben ſo blank und geſchmeidig, wie er ſelbſt, neckt ihn und ſpielt mit ihm, fährt zurück und drängt ſich wieder heran, daß ihre Rücken in Eins zuſammenſchmelzen, und jedesmal, wenn er Luft naſcht, drückt ihm ſein Ebenbild einen Kuß auf die feuchten Lippen. Jetzt hat er genug, kehrt ſeinem zärtlichen Bruder den Rücken, und macht ſich ſchnell etwas Bewegung hinterher, um ſich nicht zu erkälten, denn oben ging eine ſcharfe Zugluft. Einige Kreuz⸗ und Querſprünge und dann drei Mal das Baſſin auf und ab geſchwommen ſieh! da liegt die dicke Aalmutter, die ihm immer ſo ſchreckliche Geſchichten er⸗ zählt von ſpitzigen Angelhaken, Reuſen und Netzen; ſie ſcheint wieder ganz melancholiſch zu ſein und denkt gewiß an ihre zweihundert Kin⸗ der, die ſie im vorigen Herbſt unverſorgt in der Oſtſee zurückgelaſſen. Das iſt ihm einerlei, er iſt gerade recht in der Stimmung, ſie zum Beſten zu haben; da ſchwimmt er quer über ihren Rücken hin, ganz ſacht, immer wieder über dieſelbe Stelle, wo er weiß, daß ſie kitzlich iſt; und als ſie es endlich nicht mehr aushalten kann und ſich krümmt und einige Zoll weitergleitet, da macht er einen Freudenſprung, daß es ordentlich wetterleuchtet, indem er ſeine ganze Breitſeite von Silber⸗ ſchuppen dem Lichte zuwendet.

Könnte man nicht Frühſtück und Mittageſſen verſäumen über die Pagenſtreiche eines Fiſchjünglings in den Flegeljahren?

Hier gibt es wieder ein anderes Schauſpiel zu rathen: ein Springbrunnen mitten im Waſſer oder zwei vielmehr! einer ſprüht abwärts in die Tiefe, und wo ſein Strahl beginnt, da ſteigt ein anderer nach oben, als wogende, ſchwankende Perlengarbe und verliert ſich ſtäubend in einer Wolke von Diamanten. Woher kom⸗ men dieſe tauſend und aber tauſend glitzernde Perlen, die ſich unauf⸗ hörlich jagen und treiben, und immer in dichtgedrängter Maſſe einem gemeinſamen Mittelpunkte entſtrömen? Daß der nach oben gerich⸗ tete Strahl nichts weiter iſt, als ein Spiegelbild des unteren, errathen wir bald; aber wo iſt der Quell und Urſprung, die treibende Kraft des unteren, wirklich Vorhandenen? Draußen im Freien, dicht über der Oberfläche des Waſſers, befindet ſich eine dünne, mit einem Hahn verſchließbare Röhre, eine von den vielen Mündungen der ſinnreich complicirten Waſſerleitung, welche das Ganze durchzieht und verbin⸗ det; aus der Röhre dringt ein kräftiger Waſſerſtrahl in das Baſſin und reißt eine Menge Luft mit ſich, die als Perlenbläschen den ſchönen Effekt hervorbringen; das iſt die Urſache des Brillantenſprudels. Durch dieſe feinen Lufttheilchen, die ſich lange ſchwebend im Waſſer erhalten, und durch die fortwährende Bewegung des eindringenden Strahles erhält ſich das Waſſer immer friſch und klar. Mit dem Zuſtrömen hält ein ſiebartig langſames Abfließen am Boden der Behälter gleichen Schritt, und das Waſſer gelangt durch Röhren, nachdem es unterwegs filtrirt wurde, in eine große Ciſterne, die nicht weniger als 1600 Kubikfuß Seewaſſer enthält.

Betrachten wir jetzt den beigegebenen Holzſchnitt, der von all den unterſeeiſchen Wundern nur eine eben ſo dürftige Idee geben kann, wie die magere Beſchreibung; denn wie das Wort nicht zu der Höhe des Gedankens hinanreicht, ſo bleibt der kalte, zeichnende Strich weit, weit zurück, Angeſichts der Farbenpracht und beweglich wechſelnden Regung des wirklichen Lebens. Indeſſen wie bei einem die gemächlich betrachtete und unbarmherzig kritiſirte Zeichnung an⸗ regender und nachhaltiger wirkt, als ſeitenlange Beſchreibung; ſo weiß auch der andere, daß oftmals der Feder vergönnt iſt, was dem Stifte verſagt bleibt. Wenn ſich nun Wort und Bild einigermaßen ergän⸗ zen, kann ſich wohl eine annähernde Vorſtellung entwickeln, die der weiterdenkende Leſer zu einem vollendeteren Ganzen abrunden wird. Wir werden uns zu einer Wanderung durch die papiernen Felſen entſchließen müſſen. Das Mittelbild gibt eins von den beiden größ⸗ ten Bildern der Haupthalle. Es iſt ein Seewaſſerbehälter. In Wirklichkeit hat die Gruppirung der Felſen eine entfernte Aehnlichkeit mit Mörmersgatt, dem Felſenbogen an der Weſtküſte von Helgoland; meiner thätigen Einbildungskraft aber erſchien ſie ſogleich als die Höhle von Steenfoll, jener ſchauerliche Ort, von dem Hauff uns eine düſtere Sage erzählte, und wo er die Geiſter ertrunkener Hollän⸗

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