Jahrgang 
1865
Seite
358
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ans Feuſter trieb. Da er die Stimme des Herrn von Bruſchaver erkannte, eilte er, ſelbſt die Pforte zu öffnen, und bald ſaßen beide Männer in dem traulichen Studirſtübchen neben einander, in ernſte Geſpräche vertieft. Herr Bartolomäus legte dem Pfarrherrn den Plan zur Ueberrumpelung von Garz vor und bat ihn dann, an den Herzog Wartislav in Stettin einen Brief zu ſchreiben, der den gan⸗ zen Anſchlag enthielt, zugleich mit der Aufforderung, in der Nacht des Sonntages Misericordias domini genugſam bewaffnete Mann⸗ ſchaften auf Kähnen die Oder hinaufzuſchicken, daß ſie an der Brücke bei Garz wohlverſteckt anlegten und des Zurufes im rechten Augen⸗ blick harrten. Er ſelber, der Herzog, möge mit Reiſigen auf das Stettiner Thor heranziehen und daſelbſt verborgen lagern, bis der Bruſchaver ihm aufthun werde; ſo ſollte mit Gottes Hilfe der gute Ort wohl wieder in die rechtmäßigen Hände kommen. Herr Bruſcha⸗ ver und ſeine Freunde wollten ihres Lebens nicht ſchonen, daß ſie den Feind niederwürfen und den Platz gewönnen.

Was weiter noch zwiſchen Herrn Bartolomäus und dem Pfarr⸗ herrn verhandelt und in dem Briefe niedergeſchrieben worden, weiß man nicht; doch muß es gar Ernſtes und Bewegliches geweſen ſein, denn noch nach Jahren konnte der würdige Geiſtliche von dieſer Un⸗ terredung nicht ſprechen, ohne daß ſich ſein Auge feuchtete, und ein Segenswunſch auf das Haus der edlen Bruſchaver ſeinen Lippen entglitt.

Fünftes Kapitel.

Der Sonntag Miſericordias war erſchienen und ging ſchon zu Rüſte, als ſich auf dem Hofe zu Bruſenfelde ein eigenthümlich reges Leben entwickelte. Acht große Kornwagen wurden aus den Schuppen hervorgezogen und zur Reiſe zugerüſtet; einige von den Knechten brachten große Säcke, die ſie mit Häckſel füllten, andere trugen Spieße und Schwerter, die befeſtigten ſie möglichſt verborgen an und unter den Wagen, wieder andere fütterten und tränkten die Gäule wie zu einer ſpäten Ausfahrt, noch andere waffneten ſich ſelbſt und zogen weite Kittel über Küriß und Schwertfeſſel; alle aber waren in großer Erregung und einige tüchtige Krüge Stettiner Biers, die die

Edelfrau geſpendet, gingen munter von Hand zu Hand.

Im Hauſe ſelbſt war es ſtiller; doch die Gemüther der Bewohner waren nicht weniger erregt. Je tiefer der Abend hereindunkelte, deſto unruhiger wurde Herr Bartelmes und wanderte raſtlos von einem Fenſter zum andern, aus einem Zimmer ins andere, aus der Halle auf den Giebelboden, überall Ausſchau haltend nach jeglicher Richtung hin, wobei ſeine bewegte Seele ſich oft in ſchweren Seufzern verrieth.

Frau Katharina hatte inzwiſchen angeſtrengt zu thun, um für die erwarteten zahlreichen Gäſte hinlänglich Speiſe und Trank zuzu⸗ richten, eine Tafel zu rüſten und für alles ſonſt Nothwendige zu ſorgen. Wie oft auch der kleine Heino, der ſchon ſeit den letzten Wochen ſich ſehr beeinträchtigt fühlte, nach ihr rief und ſchrie, heute mußte er ſich ohne die Mutter behelfen; ſie war vollauf beſchäftigt und nur gele⸗ gentlich konnte ſie den ſorgenvollen Empfindungen, die ihre Seele er⸗ füllten, ſoweit nachgeben, daß ſie eine ſtill über ihre Wangen ſchlei⸗ chende Thräne abtrocknete.

Allmählich, wie ſich die Schatten des Abends dichter über Wald und Flur breiteten, zogen die Gäſte und Kampfgenoſſen auf Wegen und Stegen heran, alle wohl gerüſtet und bewaffnet, ſtattlich anzu⸗ ſehen. Da kam die ganze Sippſchaft der Bruſchaver bis in die fern⸗ ſten Glieder, da kamen die Freunde, Waffengenoſſen und Nachbarn, die mit dem edlen Hausherrn ſchon manchen Strauß gemeinſam aus⸗ gefochten, da kamen die tüchtigen, waffenfreudigen Bürger von Bahn und Stargard, Glieder des Rathes an ihrer Spitze, zum Theil ſchon Graubärte in hohen Jahren, doch blitzenden Auges und feſter Hand. Sie alle wollten dem edlen Bruſchaver helfen, daß der durch ſchnöden Verrath verlorene gute Ort wieder zu Pommern und unter das alte Banner des Greifen käme, möcht's auch Blut und Leben koſten. Gegen Mitternacht waren wohl alle, die erwartet werden konnten, beiſammen; Speiſe und Trank war genugſam ausgetheilt, und nun gab der Haus⸗ herr noch einmal in kurzen, klaren Zügen die Dispoſition der ganzen Unternehmung, wobei jedem Haufen und jedem Einzelnen faſt ſeine Rolle zugetheilt wurde.

Während ſo die Männer unten in der Halle und auf dem freien Platze vor dem Herrenhauſe beſchäftigt waren, eilte Frau Katharina, der häuslichen Geſchäfte endlich erledigt, im Drange ihres Herzens die Hochſtiege in den oberen Gaden hinan, um noch einmal nach ihrem Sohne zu ſehen, der den heutigen Tag ſehr einſam hatte verleben müſſen. Sie erwartete, ihn bei ſo ſpäter Nachtſtunde auf ſeinem Lager zu finden und drückte daher leiſe und ſorglich die Klinke, doch wie ent⸗ ſetzt fuhr ſie zurück, da die Thür aufging und Dietmar in Schwert und Harniſch, gerüſtet bis auf Helm und Handſchuhe, bleichen, doch wunderſam leuchtenden Antlitzes ihr entgegentrat.Um Gottes⸗ Jeſu-Willen, rief die geängſtete Frau,was beginnſt du? Was haſt Du vor?

Sie war ſo erſchrocken, daß ſie ſich auf einen Seſſel niederlaſſen mußte und nach Athem haſchte. Zärtlich aber entſchieden trat Dietmar an ſie heran und ſeinen Arm um ſie ſchlingend, ſprach er feſt:Ich ziehe mit, Mutter, dem Markgrafen Garz zu nehmen. Der alte Dietrich hat mir alles verrathen. Ich kann nicht daheim bleiben; es würde mich tödten!

Aber, Dietmar, bedenke doch Deine Schwäche, warf Frau Käthe angſtvoll und faſt verwirrt vor Beſtürzung ein;kaum biſt Du von ſchwerem Leiden geneſen und willſt nun bei Nacht und Nebel hinaus, Mühen und Fährlichkeiten zu ertragen, die kaum Deinem Alter angemeſſen ſind. Ich bitte Dich, ſchone Dich und mich, hier geht es um Geſundheit und Leben!

O, Mutter, rief Dietmar leidenſchaftlich aus,glaubſt Du denn, daß ich ſo geſunde, daß ich ſo weiter leben kann wie jetzt, ausgeſtoßen und gemieden, angekettet ſchier wie ein wildes Thier oder ein Verbrecher, der die menſchliche Geſellſchaft bedräuet. Nein, ich muß heute noch mit hinaus und in entſcheidendem Kampfe Ehre und Freiheit und Ruhm, oder ein ſchönes, raſches Ende auf blutiger Wahlſtatt gewinnen. Lebendig eingeſargt in dieſe Kammer hier vermag ich keine Stunde mehr zu leben.

(Schluß folgt.)

Kus der deutſchen Leinwandkammer. Mit Abbildung.

Wir Weſtfalen haben in dem zähen Feſthalten an dem Alten, Hergebrachten auch die Wohnweiſe unſerer germaniſchen Vorfahren beibehalten. Der weſtfäliſche Bauernhof liegt auch jetzt noch, wie zu den Zeiten des Tacitus der deutſche überhaupt, einzeln, und ſo wen⸗ den wir uns von dem Landwege ab, um das ſtattliche unter hundert⸗ jährigen Eichen verſteckt liegende Haus zu erreichen. Wir treten, nachdem wir den Hofraum durchſchritten haben, durch die Seitenthür ein, und ſchon hier, wo wir durch den Unterſchlag an die Herd⸗ ſtelle gelangen, ſchallt uns ein fröhlicher Geſang aus der Wohnſtube, von welcher ein kleines erleuchtetes Fenſter auf die Diele geht, ent⸗ egen. 5 Treten wir ein, wir ſind in der Spinnſtube, dem Heilig⸗ thum des weſtfäliſchen Bauernhauſes.

Die Stube iſt durch eine von dem Luchthaken herabhän⸗ gende Lampe erleuchtet und von ſpinnenden Männern, Frauen und

Kindern angefüllt. Der alte Wehrfeſter ſitzt im Sorgenſtuhle hin⸗ term Ofen. Er pauſirt eben, da er ſeinen abgeſponnenen Wocken ſeiner Frau übergeben hat, damit ſie ihm eine neue Düßen an⸗

legt, und gewinnt dadurch Zeit, ſich ſeine Pfeife zu ſtopfen und

anzuzünden. Die junge Frau, welche ihr jüngſtes Kind an der Bruſt hält, ſchält Kartoffeln auf den folgenden Tag, welche ſie in den neben ihr ſtehenden blanken, meſſingenen Eimer fallen läßt. Nahe an den Wänden zu einem großen Kreiſe auseinandergerückt, ſitzen die übrigen fleißigen Spinner und Spinnerinnen und laſſen die Fäden unabläſſig durch die großen und kleinen Finger laufen. Unſer Eintreten ſtört ſie keinesweges in ihrer Beſchäftigung, obgleich bei demſelben der Geſang abgebrochen wurde. Wir gehen auf den alten Wehrfeſter zu und geben ihm die Hand; ebenſo bieten wir dieſen ländlichen Willkommen der alten und jungen Frau, welche letztere ihre naſſe Hand vorher an der Schürze abtrocknet. Das verſchämte

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