Jahrgang 
1865
Seite
356
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murren, wollte die milde Hand eines gütigen Vaters nicht darin verkennen.

Darum brach es ihr auch nicht das Herz, wenn ſie die Wange ihres Gatten in den flüchtigen Stunden, wo er unter ſeinem Dache weilte, immer hohler, ſein Auge immer unſtäter, ſein Weſen immer raſtloſer und geſpannter werden ſah; wenn ſie bemerkte, wie er ſeinem Heimweſen immer mehr entfremdet wurde und kaum einen Blick, eine Frage mehr übrig hatte für den Zuſtand ſeines Hauſes; aber es jauchzte auch nicht auf in ſtürmiſchem Entzücken, als Dietmar, ſeit langen Wochen zum erſten Mal, nach einer ſanften Nacht ſtill und ruhig die Augen aufſchlug, ihr matt, doch zärtlich die hagere Hand entgegenſtreckte und unzweifelhafte Zeichen der Geneſung gab. Wohl empfing ſie dieſelbe mit bewegter Seele als ein gnädiges Geſchenk des Herren, aber ihre Freude blieb eine ernſte, gedankenvolle, denn ſie fühlte nur zu wohl, daß die Tage der Prüfung noch nicht vor⸗ über waren. Welchem Geſchick der geliebte Sohn, der ſo früh in die wirren Kreiſe des Lebens eingetreten, vorbehalten war, wer ver⸗ mochte das zu beſtimmen! Noch lag alles, auch die nächſte Zukunft, in düſtre Schleier eingehüllt.

So gingen wieder Tage und Wochen hin, erſchöpfend faſt durch die Oede ihres traurigen Einerlei, und der Frühling, der allgemach ins Land kam und Flur, Fluß und Seen von den Banden des grim⸗ men Winters erlöſte, vermochte auch keinen wärmeren Hauch in das erſtarrte Familienleben zu bringen. Dietmar genas ſchnell von ſeinem Siechthum, und ſeine Wange färbte ſich allmählich wieder mit dem kräftigen Roth der Jugend und der Geſundheit, aber im Herzen blieb er krank, wie er geweſen, und die Entfremdung des Vaters ſchmerzte ihn unbeſchreiblich. Was hatte ein verhängnißvoller Augen⸗ blick aus ihnen allen, die ſonſt ſo innig verbunden geweſen, gemacht; wie war das ſchöne Glück des Hauſes ſo hoffnungslos zerſtört! Und nun, was ſollte denn nun weiter werden? Zu welchem Leben war er geneſen? Welche Looſe trug für ihn die Zukunft in ihrem Schoße? Sollte er als ein Gemiedener, Ausgeſtoßener noch ferner ſo leben? O, wie viel beſſer dann, er wäre geſtorben, als ſolches Daſein noch länger fortzuführen!

Tieftraurig hing die arme Mutter mit ihrem zwiſchen Mann und Sohn getheilten Herzen, ähnlichen Gedanken nach und oſt ſaß ſie ſtundenlang regungslos an einer Stelle, ſinnend und grübelnd und ſich das Herz zermarternd, und fand doch keinen Ausweg aus dieſem Labyrinth. Schwer und trübe ſchlichen die Tage hin und die Nächte waren des Kummers und der Sorge voll. So rückte das heilige Oſterfeſt heran mit milden, ſonnigen Tagen, mit Birkenknospen und Lerchenſang, und ſo groß und mächtig bewährte ſich auch diesmal die neubelebende Wirkung des nahenden Frühlings, daß Hoffnung einzog in das gramermattete Herz der Mutter. O, wenn nach ſol⸗ chen Wintertagen voll Froſt und Graus und Schauer ſolche Sonnen⸗ tage voll keimenden Pflanzenlebens und ſüßen Vogelſanges folgen konnten, ſollte da nicht auch im Herzen der Menſchen und wären ſie noch ſo ſtarr und kalt, ein ſanfteres Gefühl ſich regen, ſollte ſich nicht auch hier löſen, was bisher in eiſigem Bann gelegen? Und in der That, ihre Hoffnungen ſchienen ſich erfüllen zu wollen.

Es war wenige Tage nach Oſtern, als in der frühen Morgen⸗ ſtunde ein Trupp geharniſchter Reiſiger mit dem markgräflichen Ban⸗ ner in den Hof einritten und vor dem Herrenhauſe anhielten. Der Anführer ſtieg ab und fragte nach dem Hausherrn, der alsbald er⸗ ſchien und nun Namens des Herrn Werners von der Schulenburg, der Zeit Befehlshabers Sr. Markgräfl. Gnaden auf dem feſten Schloſſe zu Garz, den Befehl entgegennahm, binnen vier Tagen acht Wagenlaſten Hafers alldort abzuliefern, widrigenfalls er ſich böſer Maßnahmen werde zu gewärtigen haben. Der Hauptmann verſehe ſich aber eines willigen Gehorſams.

Solche Brandſchatzungen Seitens der Garzer Beſatzung waren leider nichts Ungewöhnliches, und oft ſchon hatte das flache Land dieſſeits und jenſeits der Oder der Gewalt weichen und ſein Eigen⸗ thum widerſtandslos hingeben müſſen; ungewöhnlich aber war es gewiß, daß diesmal die unverſchämte Forderung der Feinde von Herrn Bartolomäus mit innerlichem Frohlocken entgegengenommen wurde. Unter allen möglichen Ereigniſſen, die ſein grübelnder Geiſt bereits für ſeine Abſichten in Berechnung gezogen hatte, war ja längſt auch eine ſolche Brandſchatzung erwogen und überdacht, und der Plan, eine derartige Gelegenheit zum Eindringen in die Feſte zu benutzen, lag ihm bis in die kleinſten Einzelheiten fertig vor. Daher

ſchlug ihm das Herz faſt athemraubend in der Bruſt, als er von dem Anführer das Lieferungsgebot vernahm und des Weiteren hörte, wie daß dem Herrn v. d. Schulenburg ein Söhnlein geboren ſei, das er auf Misericordias domini mit gebührender Feierlichkeit wolle tau⸗ fen laſſen, wozu er auch viele vornehme Gevattern erleſen und Gäſte geladen habe, auf daß alles gar ziemlich und ſtattlich hergerichtet werde. So ſei denn, erzählte der Rottmeiſter weiter, Herr Werner gar nothhaft um Hafer, zumal die Gäſte, ſo mit vielen Pferden her⸗ anzögen, auch hinterher wohl noch an die acht Tage im Schloſſe ver⸗ weilen und ein Stechen daſelb abhalten würden, wozu allbereits die Vorbereitungen an Platz, Schranken und Brücken für die Zuſchauer in Angriff genommen. Fürwahr, des Feſtes werde der Ort noch lange gedenken.

Der Meinung war innerlich auch Herr Bartolomäus, doch in anderem Sinne freilich, als jener, und ſo lud er den Rottmeiſter wie auch die Reiſigen freundlich ein, in die Halle zu treten und ein Glas Bier oder Aquavit anzunehmen, ſo gut es das Haus biete, auch einen Mund voll Eſſens etwa, wann ſie's nicht verſchmähen möchten. Dazu waren alle wohl bereit.Die friſche Morgenluft macht ver⸗ teufelt hungrig, meinte der Rottmeiſter,und durſtig dazu! fügte der Bannerträger bei, ſich den langen Spitzbart ſtreichend. So ſaßen ſie denn eilig ab, banden die Roſſe an und traten ins Haus, während Herr Bartelmes mit fliegendem Athem ihnen voran eilte, Frau Käthe zur Beſchaffung von Speiſe und Trankaufzufordern. Doch war er ſo bewegt von der frohen Ausſicht auf ein baldiges Gelingen ſeines großen Planes, daß er, da er ſie fäͤnd, ſchier nicht ſprechen konnte, und Thränen freudiger Erſchütterung ſeine beklommene Bruſt, die ſo viel Weh beherbergte, entlaſteten: ein Anblick, der Frau Katha⸗ rinas Herz mit einem Gefühl von Glück erfüllte, als ſeien die alten, ſchönen Zeiten wieder da und alles jüngſt Erlebte nur ein böſer ent⸗ ſetzlicher Traum geweſen. Wie froh haſtete ſie ſich nun, den krie⸗ geriſchen Gäſten das Beſte aufzutragen, was Küche und Keller ver⸗ mochten, wie gaſtfreundlich nöthigte ſie zu Eſſen und Trinken, wie ent⸗ zückte ſie alle durch ihr feines, freundliches Weſen. Fürwahr, die rauhen Kriegsknechte, voraus der Rottmeiſter, konnten ihre Blicke von der holden Erſcheinung der edlen, bleichen Frau faſt nicht abwenden!

So fand Herr Bartolomäus geneigteſte Stimmung bei ſeinen Gäſten und ein empfänglich Ohr, als er, da ſie ſattſam gegeſſen und noch mehr getrunken, bittweiſe anfragte, ob es mit ſeinem Hafer nicht etwa Verzug haben könnte bis auf den Montag, d. i. den Tag nach der Taufe. Er habe dann ſo wie ſo den Weg zu machen, da er nach Stettin müſſe, und ſpare es ihm einen ganzen Arbeitstag für Knechte und Geſpann, wenn er bei der Gelegenheit den Hafer abliefern und dann gleich weiter fahren könne. Gern wolle er denſelben auch früh vor Tage bringen, damit den Roſſen der Gäſte nicht etwa ein Mangel entſtünde, nur müßte ihm durch beſondere Gunſt geſtattet werden, den Zoll an der Oderbrücke, wo die Kriegsknechte lägen, alſo zeitig zu paſſiren!

Der Rottmeiſter, der ſich bereits in behaglichſter Stimmung be fand, erklärte ſofort, daß ſein edler Wirth gern mit der Lieferung bis auf Montag verziehen dürfe; er ſelbſt wolle am Zoll Befehl geben, daß ihn die Wächter einließen, mög' er auch noch ſo früh kommen! Des edlen Bruſchavers Herz ſchlug hoch vor Freude, da er dieſe Ver⸗ ſicherung hörte. Noch einmal bat er recht dringend, die Ordre auch ja nicht zu vergeſſen; doch als der Kriegsmann ſich in ſeinem Eifer verſchwor, er wolle ein Schuft ſein, wenn er's vergäße, und alle ſeine Leute ſollten zum Ueberfluß ihn daran erinnern, wann ſie heimritten und über den Knüppeldamm kämen, da war er völlig beruhigt und ſprach ſeinen Dank in herzlichſter Weiſe aus; gab auch den Mann⸗ ſchaften, da ſie endlich aufbrachen, noch allerlei Vorräthe zu ihrer Erquickung nach hartem Dienſte mit und ſchied von ihnen in heiterſter Stimmung.

Als die Reiſigen den Hof verlaſſen hatten, eröffnete Herr Bar⸗ telmes ſeiner hochaufhorchenden Gattin in fliegenden Worten, wel⸗ chen Plan er geſchmiedet, die Feſte Garz zu nehmen und ſeinen Namen rein zu waſchen; dann aber warf er ſich zu Roß; auch alle ſeine Knechte mußten aufſitzen, und nun ſendete er Botſchaft ringsumher an ſeine Freunde, ſich am nächſten Tage zu beſtimmter Stunde auf dem Hofe zu Bruſenfelde einzuſinden, da Hochwichtiges zu berathen ſei. Er ſelbſt aber ritt in ungeſtümer Haſt nach Greifenhagen, dann nach Bahn, Pyritz und Stargard, um dieſe Städte zu gemeinſamer Handlung auf den beſtimmten Tag einzuladen.